"ABENTEUER FINDEN IM KOPF STATT!" - Gespräch mit dem Uhlenhorster Schauspieler Ulrich Pleitgen

"Sind Sie eine hilflose Person?" wurde er in Berlin einmal von einem Polizisten gefragt, erzählt Ulrich Pleitgen amüsiert. Was den Beamten offenbar verstörte? Laut seinen Text murmelnd war der Schauspieler damals durch den Tiergarten spaziert. Einen Grund, seine Arbeitsweise zu verändern, sah er in dem Vorfall nicht. Und warum auch? 1985 wurde er von Jürgen Flimm in das Ensemble des Thalia Theaters geholt. Die Hansestadt war für den gebürtigen Hannoveraner  schon als Kind immer ein "Sehnsuchtspunkt". Doch hätte ihn nicht das Theater am Alstertor gereizt - er wäre nie einfach so, ohne Engagement, in seine Traumstadt gezogen. Und in die geräumige Altbauwohnung auf der Uhlenhorst, über die er "sehr glücklich" ist. Denn "Schicki-Micki haben wir hier nicht", sagt Ulrich Pleitgen, den die "feine Gesellschaft" nicht interessiert. Was er sucht, sind ehrliche, aufrichtige Beziehungen. Im Viertel kennt man den profilierten Schauspieler mit dem jungenhaften Charme nicht erst aus der Serie "Nicht von schlechten Eltern". Da hatte man sich hier an seine Art des Rollenstudiums längst gewöhnt. Bei jedem Wind und Wetter "rennt" Ulrich Pleitgen in Jeans und Lederjacke, das Textbuch unterm Arm, "stundenlang um die Alster. Und manchmal ergeben sich auf diesen Touren sehr schöne Gespräche". Immer nur die eigenen vier Wände anzustarren, wäre ihm zu langweilig. Auch im täglichen Leben ist er neugierig auf fremde Menschen und Geschichten. Fast zwanzig Jahre spielte Pleitgen in Berlin, Basel, Frankfurt, Stuttgart, Bochum und Hamburg an Häusern in der ersten Reihe der Bühnenwelt. Doch erst seit er diesen "Kunstraum" verließ und - um auch die andere Seite seines Berufs kennenzulernen - für Film und Fernsehen arbeitet, wird er überall erkannt und angesprochen. Er genießt die "öffentliche Wirkung" seiner Arbeit, aber er bewertet sie nicht über: "Auf der Straße begrüßt zu werden, ist wohltuend - aber nicht das Wesentliche." Darüber spricht er am Nachmittag bei Kaffee und Mineralwasser. "Abenteuer", sagt er da, "Abenteuer finden im Kopf statt." Diese innere Wirklichkeit eines Menschen gelte es zu zeigen. "Gute Schauspieler machen sie transparent. Sie verstellen sich nicht, sondern sie entstellen."
Die Empfindungswelten der Figuren in sich zu erzeugen, in die Haut eines anderen zu schlüpfen, ohne sich selbst als Person aufzugeben - "hier liegen die aufregenden Erfahrungen des Schauspielers." Er nennt ein Beispiel. 1995 drehte er den Fernsehfilm "Nana", die Sterbegeschichte eines jungen Mädchens. Er spielte den Vater, einen introvertierten Mann. "Am eigenen Körper habe ich gespürt, was es bedeutet, wenn man seine Gefühle nicht äußern kann oder will." Bei einer so komplizierten Arbeit bleibt er auch nach Drehschluss in der Grundstimmung des Films. Es interessiert ihn dann nichts anderes. "Zum Ausgehen oder Feiern hab´ ich keine Lust." Lieber kocht er "neapolitanisch mit viel Knoblauch" und redet mit seiner Frau Ann-Monika Bohnet, die er 1975 am Berliner Schillertheater kennenlernte und die ihn auf allen Reisen begleitet, über alles, was er mit seiner Rolle in Verbindung bringt. "Sie hat phantastische Ideen", schwärmt er. Für beide ist die Schauspielerei ein intelligenter Fulltime-Job, den sie mit Leidenschaft betreiben. In einem Beruf, der anregt, sich Gedanken zu machen und "über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen", gibt es keinen Feierabend. Ulrich Pleitgen deutet auf die Bücherwand hinter sich: "Auch die Literatur ist wie wirkliches Leben. Sie bereichert und ergänzt die eigenen Erfahrungen." Er ist kein Bücherwurm, der sich per Lektüre aus dem Leben stiehlt. Für ihn besitzt die Literatur einen so hohen Stellenwert, "weil es schön ist, immer mehr über die Welt zu wissen". Er sei "fanatisch im Aufspüren von Wirklichkeit", sagt Ulrich Pleitgen, "und vor der Kamera ist man sehr nahe an der Wirklichkeit. Man kann direkt mit Blicken und Gesten arbeiten, die man auch in der Realität macht." Beim Theater dagegen müsse man stets Mimik und Gestik überhöhen, um alle Zuschauer zu erreichen.
So sehr er gesellig-seichte Partys "hasst", so sehr genießt er am Set die intensive Teamarbeit. "Ich bin dort ein großer Quatschmacher", sagt er über sich. Und einer, der Auseinandersetzungen nicht scheut. Wenn ihm was "quersitzt", mischt er sich ein. Löst der enge menschliche Zusammenhang sich auf, weil ein Film abgedreht ist, kehrt er jedesmal mit dem Gefühl zurück, "als ob gute Freunde nach Australien ausgewandert seien". Nach zwei Tagen "mieser Laune" ist das Stimmungstief meist überwunden. Dann trifft man den gefragten Darsteller wieder an der Alster. In Jeans und Lederjacke, ein Textbuch unterm Arm, neugierig auf fremde Menschen und Geschichten.
ALSTER MAGAZIN / Brigitte Scholz

 

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