Als "Apotheker Johannes Kleist" steht Ulrich ab Herbst 2008 in Eisenach wieder vor der Kamera. Während er die vierte Staffel dreht, wird die dritte von der ARD ausgestrahlt. Sie wird hoffentlich wieder viele Zuschauer vor das Fernsehgerät ziehen. Mit über sieben Millionen Zuschauern waren die beiden ersten Staffeln ein umwerfender Erfolg. Woran liegt das?
"Der Rückzug auf die Familie in unsicheren Zeiten ist das Geheimnis", meint Ulrich Pleitgen. "In der augenblicklichen Welt besinnen sich die Menschen darauf, dass Kraft und Stärke nur aus dem Miteinander entsteht. Und was läge näher, als sich an der eigenen Familie zu orientieren?"
Ist das nicht etwas zu seicht? Gerade ein Charakterdarsteller wie Ulrich Pleitgen, der bekennend nonkonformistisch ist, passt doch eigentlich nicht in diese "heile Welt" hinein.
"Was ist denn an dieser Welt von Dr. Kleist heil?", fragt Ulrich Pleitgen zurück. "Das passiert alles, was in einer wirklichen Familie auch geschieht: Tod, Krankheit, Auseinandersetzung und man "patchworked" sich zu durchs Leben. Wo ist das "Kitsch"? Der einzige Unterschied beim Fernsehen ist nur, dass wir immer eine Lösung finden und es gut ausgeht. Das ist in der Realität nicht zwangsläufig so."
Doch nicht nur die wirklichkeitsgetreuen Drehbücher begeistern Ulrich Pleitgen. "Johannes Kleist" ist auch eine Rolle, die diametral zu "Die Männer von K3", wo er den Kommissar spielt, steht. Ulrich Pleitgen mag sich nicht auf einen "Typ" festlegen lassen.
"Als "Johannes Kleist" bin ich temperamentvoll, ein Mann mit Humor, sehr lebensfroh und halte die Familie an Vaters statt zusammen", erklärt er die Figur. "Als Kommissar bei K3 bin ich kühl, introvertiert, intelligent und distanziert. Diesem Mann würde niemand auf die Schulter klopfen! Genau diese Gegensätzlichkeiten der Rollen haben mich gereizt."
Und wer ist der Privatmann Ulrich Pleitgen? Eher der Coole oder eher der Warmherzige?
"Ulrich hat beide Charakterzüge", beschreibt Ann Pleitgen ihren Mann. "Manchmal ist er witzig und albern, manchmal ist er ernsthaft. Noch nach über dreißig Jahren verblüfft er mich immer wieder!"
Es ist bekannt, dass Ulrich Pleitgen kein Blatt vor den Mund nimmt. Er hat absolut keine Angst sich die Finger zu verbrennen und sagt seine Meinung zu Politikern und Wirtschaftsbossen.
"Eine Schande, wie ein seit Jahrhunderten erkämpftes Sozialsystem demontiert wird", kritisiert er. "Die internationalen Konzerne machen was sie wollen und die Politik hat nicht mehr genug Macht, um zu bremsen . Die Leute meckern nicht, sie sind zutiefst sauer auf die Wirtschaftsbosse, die sich die Taschen füllen!"
Ulrich Pleitgen ist authentisch. Auch deshalb wirkt er in seinen Rollen immer glaubwürdig, denn Glaubwürdigkeit ist seine wesentlichste Charaktereigenschaft. Er ist kein "Star", er befindet sich "in der Mitte des bürgerlichen Volkes", wie er sagt. Sein Freundeskreis setzt sich aus ähnlich denkenden Medienschaffenden und aus ganz normalen Menschen zusammen.
"In der Fernsehwelt arbeitet und lebt man intensiv zusammen und dann sieht man sich plötzlich jahrelang nicht mehr", berichtet er. "Da ist es notwendig, dass man auch ein paar Freundschaften hat, die "vor der Tür" sind. Zum Beispiel mein Weinhändler Renaldo an der Ecke und mein Autoschrauber Hossein in Bramfeld."
Ulrich Pleitgen ist ein Hamburger, mag den Hafen und das raue Klima und die Geradlinigkeit der Menschen im Norden, doch er ist sehr tolerant: Da werden Zugereiste wie Renaldo und Hossein kurzerhand eingemeindet!
"Ein Hanseat kann doch keine italienischen Autos schrauben", schmunzelt Ulrich Pleitgen. "Man muss für einen Alfa-Spider einen wirklich guten Kumpel am Start haben, der sich mit der Psyche dieser sensiblen italienischen Maschine auskennt! Da muss ein Südländer ran, es gehört Fingerspitzengefühl dazu!"
Der Alfa Spider, der gerade beim "Spider Service Hamburg" neue Sitze bekommen hat, gehört schon seit dem 2. Juni 1980 zur Pleitgen-Family! Ann.Pleitgen kann sich genau an diesen Tag erinnern, es war ihr Geburtstag!
"Wir spazierten durchs Ruhrgebiet und klapperten die Autohändler ab", berichtet sie. "Der Spider war der erste Wagen, den wir gesehen hatten und wir dachten: "Unvernünftig! Ein italienischer Sportwagen!" und dann haben wir den ganzen Tag weiter gesucht, und ihn abends doch gekauft! Bar bezahlt und noch nicht mal Prozente rausgehandelt. Vom geschäftlichen Standpunkt aus gesehen, waren wir damals etwas einfältig!"
"Aber gelohnt hat es sich trotzdem und bis heute haben wir dieses Auto nicht bereut", fügt Ulrich Pleitgen hinzu. "Was haben wir in diesem Spider alles erlebt! Eine echte Liebesgeschichte! Wir sind fast zu jeder Jahreszeit offen gefahren, waren in Rom, Zwergschnauzer Struppi und Sohn Ilja haben sich auf der kleinen Rückbank zusammen gekuschelt; dieses Auto ist voller Erinnerungen!"
Inzwischen ist Ilja über 3o und Doktor der Physik. Er wird wohl kaum noch auf die schmale Rückbank des Zweisitzers passen. Und Struppi hat das Zeitliche gesegnet. Der Spider lässt die alten Zeiten lebendig bleiben.
"Das ist doch das Entscheidende", sagt Ulrich Pleitgen, "sich seiner Geschichte bewusst zu sein! Candelight-Dinner, Hochzeitstage, Blumen mitbringen: Ann und ich führen keine "Eckdatenbeziehung"! Wir sind seit dem 1. April 1975 zusammen und sind glücklich - aber deswegen werden wir kein Fest am 1.April eines Jahres veranstalten!"
"Kürzlich haben wir uns gestritten", sagt Ann Pleitgen. "Trotzig sind wir auseinander und abends kam Uli mit einer Tafel Schokolade zurück. Da stand dann drauf "Für Verliebte"! Das zählt mehr als "Pflichtblumen zum Hochzeitstag"."
"Und eine zweite Tafel gab's dann gleich hinterher", grinst Ulrich Pleitgen, "da stand dann drauf "Für Brave"!".
Bei Pleitgens verzichtet man gerne auf alles "Übliche". Das Ehepaar ist ein eingespieltes Team, es führt eine "Ehe auf Reisen", sie begleitet ihren Mann gerne mit zu Dreharbeiten und er geht Einkaufen und macht den Abwasch.
"Und manchmal mache ich es auch nicht", zuckt Ulrich Pleitgen mit den Schultern und lässt keine Zweifel an seiner Männlichkeit aufkommen. "Wenn ich was nicht machen will, tue ich es nicht!"
Und genau da findet man wieder, die Charakterzüge, die man bei Ulrich Pleitgen auch in seinen Fernsehrollen so liebt: Ein warmes Herz, das der geliebten Frau keinen Wunsch abschlagen kann, sensibel wie ein italienischer Sportwagen bei Nässe und ein Kerl wie ein Baum, der in seinem Heidehäuschen im Wald die Kettensäge schwingt!
Christian Pantel
