Ulrich Pleitgen: Ein "Kosmopolit" liebt seinen Stadtteil Uhlenhorst. ALSTER-LÄUFER

Ausgezeichnet: Für seine Rolle als Familienoberhaupt in der Serie "Nicht von schlechten Eltern" erhielt Ulrich Pleitgen 1994 den begehrten Bambi.
Ulrich Pleitgen an der Hamburger Außenalster.


Sein Gesicht gehört zu den bekanntesten auf dem Bildschirm, seine leicht rauchig-brummende Stimme sowieso: Ulrich Pleitgen. In seinem Beruf sieht der Schauspieler bei Dreharbeiten die schönsten Orte der Welt, trotzdem zieht es ihn immer wieder an die Alster zurück. Seit 1985, ein Engagement am Thalia-Theater führte ihn in die Hansestadt, wohnt er mit Frau Ann-Monika Bohnet in Uhlenhorst.
 
Alster-Magazin: Zum Jahreswechsel haben Sie während einer 17-tägigen Kreuzfahrt auf der MS-Deutschland gelesen. Was haben Sie vorgetragen?
 
Ulrich Pleitgen: In erster Linie "Mangelweihnachtsgeschichten" von Wolfgang Borchert, Thomas Mann, Erich Kästner und Hans-Christian Andersen.
 
AM: Ist das an einem solchen Ort nicht etwas ungewöhnlich?
 
UP: Den meisten Kreuzfahrtteilnehmern geht es finanziell sehr gut, deswegen können Sie sich ruhig mal mit Geschichten über Krieg, dem schwarzen Freitag und wirtschaftlicher Depression auseinandersetzen.
 
AM: Wie war die Reaktion der Gäste?
 
UP: Sehr gut, es mussten Stühle zugestellt werden.
 
AM: Welche Rolle spielt die Literatur in Ihrem Leben?
 
UP: Eine sehr große. Es gibt sicherlich viele Menschen, die sich in sie flüchten, ich möchte jedoch der Realität auf die Spur kommen. Außerdem bringe ich sie gerne unter Menschen, denn es macht mir viel Spass vorzulesen.Zuletzt habe ich drei Kurzgeschichten von Steven King auf CD gelesen. Ich schätze ihn wegen seines tollen englischen Humors sehr (BLUT UND RAUCH/ Ullstein).
 
AM: Welche Autoren bevorzugen Sie?
 
UP: Diejenigen, denen es gelingt, Personen perfekt zu beschreiben. Mit am besten können das John Updike und Vladimir Nabokov. Beide erzählen viel über das wirkliche Leben. Ebenso wie Shakespeare vor langer Zeit. Alles, was er über Macht, Gewalt, Geld und politische Intrigen schrieb, ist heute noch genauso.
 
AM: Sie lesen auch Hörspiele im Radio. Was ist das Besondere daran?
 
UP: Im Gegensatz zum Fernsehen kommt es nicht auf die Quoten an. Deswegen können komplizierte Charaktere in tiefgehenden Geschichten agieren. Das Radio ist ein Reservat für anspruchsvolle Literatur. Es macht aber nur einen ganz kleinen Teil meiner Arbeit aus, denn Schwerpunkt ist das Fernsehen.
 
AM: Von 1970 bis 1989 spielte sich Ihr Leben am Theater ab. Wieso wechselten Sie das Fach?
 

UP: Um eine neue Seite meines Berufes kennen zu lernen. Irgendwann hatte ich alle guten Theaterrollen durch und die Stücke wiederholten sich. Außerdem hatte sich die Zeit politisch geändert. Bei mir entwickelte sich ein Misstrauen gegen die großen Theatertöne und -gesten.
Ich hatte keine Lust mehr auf überhöhtes Spiel, sondern wollte einfach normal spielen.
 
AM: Man sagt, Sie lernen Ihre Texte an der Alster. Trifft das noch zu?
 
UP: Ja, denn ich bin ein "Draußenmensch". Entweder laufe ich beim Einstudieren der Rollen um die Alster oder befinde mich im Waldgarten unseres Hauses in der Heide. Drinnen komme ich mir nämlich wie ein an einen Stuhl gefesselter Schüler vor. Ich bin jedoch auch an der frischen Luft ein schlechter Lerner (lacht).
 
AM: Sie sind mit einer Rolle in "Nicht von schlechten Eltern" bekannt geworden. Was ist schwerer zu spielen, eine Figur in einer Serie oder in einem Spielfilm?
 
UP: Das kann ich nicht sagen. Es kommt darauf an, was verlangt wird. Einfach zu spielende Figuren gibt es nicht. Ich bin ein emotionaler Schauspieler, und das erfordert viel Kraft. Dem Zuschauer kann nur etwas vermittelt werden, wenn sich der Schauspieler stark in die Figur versetzt.
 
AM: Gibt es eine Lieblingsrolle?
 
UP: Nein. Ob friesischer Bauer oder Chefarzt, solange das Drehbuch stimmt, ist es okay.
 
AM: Was haben Sie zuletzt gedreht?
 
UP: Ende vergangenen Jahres war ich für zwei Monate in Australien und habe mit einer Gruppe von Schauspielern, der von mir sehr geschätzte Friedhelm Ptok war auch dabei, eine Reisegeschichte gespielt: Mehrere Leute, die sich nicht kennen, sind in einem Bus zusammengepfercht und bekommen so ihre Probleme zwischenmenschlicher Art.
 
AM: Wie war es "Down Under" ?
 
UP: Genial. Wir hatten genügend freie Tage, um das beeindruckende Land und die immer sehr freundlichen und hilfsbereiten Australier kennen zu lernen. Sie sind viel gelassener als wir Deutsche. Es hat vermutlich mit der Hitze und der Weite des Landes zu tun. Ich bin dankbar für einen derart privilegierten Beruf, der einem fremde Länder nahe bringt.
 
AM: Schalten Sie oft den Fernseher ein?
 
UP: Ich sehe häufig politische Sendungen. Die machen mich allerdings schnell müde, denn die Parteien praktizieren meist eher Wahl- statt Sachpolitik. Ich will die Demokratie, aber dadurch, dass alle vier Jahre gewählt wird, werden die Parteien dazu verführt, die Sachpolitik zu vernachlässigen.
 
AM: Haben Sie sich "Big Brother"-Folgen angeschaut?
 
UP: Insgesamt liefen ungefähr 15 Minuten der Show auf meinem Fernseher, um mitreden zu können. Die Menschen, die sich das reinziehen, sind zu bedauern. Wie trist muss eine Gesellschaft sein, die sich einfach vor die Glotze setzt, um so etwas Langweiliges von uninteressanten Menschen anzuschauen. Dabei existieren gute Bücher, Kanbarettisten oder Kinofilme.
 
AM: Wie sehen Ihre Pläne für die nähere Zukunft aus?

 
UP: Demnächst bin ich Gast in der Sendung "Zimmer frei". Außerdem stehen Dreharbeiten für "Jenny & Co" an und mehrere Hörbuchproduktionen. Und im Winter gebe ich natürlich wieder Lesungen.
Quelle: ALSTERMAGAZIN / kw / 2001


 

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