Hartmut Prohl - Pionier Prof. Arthur Koepchen

Wer war Arthur Koepchen? Was hat er für die Menschen in Deutschland getan? Warum wurde eine Schule in Pulheim-Brauweiler nach ihm benannt? Wodurch hat er das Erscheinungsbild der Umgebung Brauweilers geprägt?
Vor einem halben Jahrhundert verstarb Arthur Koepchen. Der geniale Ingenieur und Professor muss mit dem Konzern RWE (Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke) in einem Atemzug genannt werden. Arthur Koepchen wurde am 30.08.1878 in Velbert geboren und starb am 27.05.1954. Er war eigentlich einer der ersten Europäer, der in einem politisch zerrissenen Deutschland und verfeindeten Europa global dachte und handelte. Arthur Koepchen gründete in Brauweiler die Hauptschaltleitung für die Energiewirtschaft Deutschlands und damit das "elektrische Herz" Westeuropas. Sein Strom-Verbundsystem mit vielen europäischen Staaten wirkt sich für Millionen Menschen auch heute noch aus. Arthur Koepchen, der nach dem Ersten Weltkrieg große Verantwortung für die Versorgung der Bürger und Wirtschaftsbetriebe in Westeuropa übernahm, arbeitete längere Zeit in Brauweiler und Hürth. Er war nicht nur ein Initiator vieler technischer Erneuerungen, sondern ein Vorbild in beruflicher wie auch in menschlicher Hinsicht. Aus einer Rede des ehemaligen Brauweiler Bürgermeisters, Franz Josef Spalthoff, die er bei der Namensgebung der Arthur-Koepchen Realschule in Brauweiler im Jahre 1979 gehalten hat, wird hier zitiert. Mehrere Publikationen über Leben und Wirken des RWE-Vorsitzenden verdeutlichen, welch bedeutender Mensch sich hinter diesem Namen verbirgt.
Die Inbetriebnahme der Umspann-und Schaltanlage in Brauweiler (1928) in der von Werth-Straße stellt einen der wesentlichen Schritte in der Verwirklichung von Arthur Koepchens Lebenswerk dar. Sein wichtigstes Ziel war die Schaffung eines überregionalen, ja übernationalen Verbundes der Elektrizitätsversorgung. So können wir heute diese Anlage als eines der sinnfälligsten Symbole für die Ideen und das Schaffen dieses großen Pioniers der deutschen Elektrizitätswirtschaft ansehen, mit dessen Namen in der ganzen Welt der Begriff der Verbundwirtschaft unlösbar verknüpft ist.

Arthur Koepchen begann nach bestandener Reifeprüfung 1899 sein Studium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, schloss 1903 mit dem Examen als Diplom-Ingenieur ab und arbeitete zunächst bei der Firma Felten & Guillaume in Köln-Mülheim. Er nahm seine Tätigkeit beim RWE 1906 auf und wurde 1908 Betriebsdirektor. Schon mit 36 Jahren bestellte man ihn zum stellv. Vorstandsmitglied. Die gesamte technische Leitung des RWE übernahm er nach dem Tod seines "Lehrers" und Vorsitzenden Bernhard Goldenberg im Jahre 1917.
Koepchen trat ein schweres Amt an in einer Zeit, die gekennzeichnet war durch den wirtschaftlichen Niedergang im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges und den politischen Wirren der Nachkriegsjahre. Der Zusammenbruch des Kaiserreiches und die Revolution am 09. November 1918 lösten eine Kette von Unruhen aus. Kommunistische Aufstände erschütterten die Ruhrstädte. Streiks schwächten die Wirtschaft zusätzlich und machten eine Erfüllung der Reparationsverpflichtungen des Versailler Friedensvertrages von 1919 unmöglich. 1921 wurde deswegen das westliche Revier und 1923 das gesamte Ruhrgebiet von alliierten Truppen besetzt. Die Bevölkerung reagierte mit passivem Widerstand, der zehn Monate lang die Wirtschaft weitgehend zum Erliegen brachte. Die galoppieren Inflation tat ein Übriges.

Arthur Koepchen jedoch begnügte sich nicht damit, die Betriebe des RWE möglichst sicher durch diese Zeiten der Unsicherheiten und der Mangellagen zu führen. Vielmehr begann er unverzüglich seine neuen Ideen in die Tat umzusetzen, die damals nur von wenigen anerkannt, von vielen aber angezweifelt und abgelehnt wurden.
Das Hauptziel seines Tuns sah Koepchen darin, Großverbraucher, Industrie, Verkehr sowie private Haushalte mit größtmöglicher Sicherheit und gleichzeitig so billig wie möglich mit elektrischer Energie zu versorgen. Koepchen ließ sich dabei von seiner Überzeugung leiten, dass eine sichere und billige Stromversorgung in großem Maße zum Wohle der Menschen beitragen könne und müsse.
Eine sinnvolle, wirtschaftliche Verwertung der damals für die Stromerzeugung verfügbaren Primärenergien Steinkohle, Braunkohle und Wasserkraft erschien ihm nur dann möglich, wenn die günstigsten Erzeugungsgrundlagen durch große Kraftwerkseinheiten erschlossen würden. Der Weg zum Erreichen dieses Zieles war nicht leicht. Zu den Schwierigkeiten kamen aufgrund der politischen Lage und der allgemeinen wirtschaftlichen Misere vielfach Unverständnis und Ablehnung dieser neuartigen, kühnen Ideen. Auch im rein technischen Bereich galt es, Neuland zu betreten. Während die gesamte deutsche Elektrizitätswirtschaft damals noch für Übertragungsnetze die 110.000 Volt-Grenze als technische Höchstleistung ansah und in den USA das Experiment einer 220.000 Volt-Übertragung Schwierigkeiten ergeben hatte, baute Koepchen schon 1922 die erste 220.000 Volt-Leitung von Ronsdorf nach Letmathe. Und nur zwei Jahre später begann er mit dem Bau der großen 220.000 Volt-Leitung nach dem Süden, die er jedoch vorausschauend von vornherein für den späteren Übergang auf 400.000 Volt dimensionierte, was noch heute die höchste in Deutschland und den meisten Ländern der Welt benutzte Übertragungsspannung ist. Die große Südleitung von Brauweiler bis nach Bludenz in Vorarlberg und Tiengen in der Schweiz betrug über 600km. Eine derart geschaffene leistungsfähige Verbindung zwischen den Wärmekraftwerken an Rhein und Ruhr und den Wasserkraftanlagen der Alpen und des Südschwarzwaldes hatte in Europa nichts Vergleichbares. Der Ausbau der Vorarlberger Illwerke, des Schluchseewerkes, der Laufwasserkräfte des Oberrheins, des Lechs, des Mains und des Neckars, gemeinsam mit anderen Unternehmen, sind Meilensteine auf dem Wege dieser von Koepchen energisch vorangetriebenen Entwicklung. Durch diese globale Zusammenarbeit wurde über Länder-und Staatsgrenzen hinweg im wahrsten Sinne des Wortes ein europäisches Netz gespannt.

In der Vollendung seiner Konzeption der Verbundwirtschaft tat Arthur Koepchen schließlich noch einen nächsten Schritt. Um den Spitzenbedarf nicht mehr durch Aufstellen weiterer Maschinensätze in Dampfkraftwerken zu decken, entwickelte er das Prinzip des Pumpspeicherwerkes, denn Strom kann man nicht speichern, aber Wasser. Das Wasser wird nachts kostengünstig in einen Hochbehälter (künstlichen Speichersee) gepumpt und kann zu Zeiten der Höchstlast durch ein Rohrsystem über Turbinen wieder zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Das erste Werk dieser Art wurde 1930 in Herdecke an der Ruhr in Betrieb genommen und trägt zu Koepchens Ehren seinen Namen. Vom Unverständnis der Zeitgenossen damals abgelehnt, belacht und bekämpft hat sich die Pumpspeicherung inzwischen längst zu einem selbstverständlichen und unentbehrlichen Element wirtschaftlicher und umweltschonender Elektrizitätsversorgung entwickelt.
Bekämpft wurde Arthur Koepchen auch von den Nazis als es um die beste Unternehmensform ging. Diesen Kampf führte er bis Anfang der 1950er Jahre, wobei er stets zur privatwirtschaftlichen Seite tendierte und besonders im "Dritten Reich" zunehmenden Tendenzen entgegentrat, die Stromversorgung sukzessive staatlich zu organisieren. Die ihn anfeindenden extremen Dezentralisten der NSDAP, mit denen er sich heftige Auseinandersetzungen lieferte, gerieten im Zuge der "Wehrhaftmachung" der Stromwirtschaft und Autarkiepolitik schnell ins politische Abseits. Über eine besondere Begebenheit in Essen berichtet der Sohn von Arthur Koepchen, Otto Koepchen: Nach der Machtübernahme wurde ja nicht nur alles gleichgeschaltet, sondern es sollte auf allen Gebieten der neue Geist epochale Entwicklungen ermöglichen. So glaubte ein gewisser Herr Lawaczeck das "Ei des Columbus" in der Erzeugung der Elektrizität gefunden zu haben. Sozusagen ein NS-Elektrizitätswerk, das alle bisherigen technischen Kenntnisse weit über den Haufen warf. Um seine Theorie zu beweisen, hielt er unter der Protektion höchster Parteifunktionäre einen Vortrag vor geladenen Fachleuten im Saalbau in Essen. Lawaczeck hatte auf einem Tisch eine Art physikalisches Experiment aufgebaut. Der Höhepunkt seiner Rede bestand darin, dass er den Anwesenden mit beschwörender Stimme zurief: "....und hier meine Herren liegen in diesem Augenblick etwa 10.000 Volt an!" Das ehrfürchtige Schweigen unterbrach Arthur Koepchen indem er aufstand, zu der Apparatur ging, mit beiden Händen die angeblich unter 10.000 Volt stehende (tödliche) Stromleitung anfasste und in seiner typischen Art mit vollkommen ruhiger Stimme sagte: "Hier ist überhaupt kein Strom drin". Dann setzte er sich ohne eines weiteren Kommentars wieder auf seinen Platz. Natürlich war durch diese Demonstration der ganze NS-Propaganda-Zirkus in aller Öffentlichkeit geplatzt und die Nazis, die diesen Unsinn geglaubt und gefördert hatten, bis auf die Knochen blamiert. Welcher Mut zu dieser Tat gehörte, kann nur der ermessen, der den Terror und die Willkür der damaligen Herrscher in Deutschland miterlebt hat.

Koepchen entwickelte und verfolgte weitere Pläne für den großzügigen Energie-Ausbau, wurde dann aber durch den Zweiten Weltkrieg entscheidend gehemmt.
Der ständig steigenden Stromnachfrage, die durch den Rüstungsboom im Zweiten Weltkrieg angefacht wurde, konnte nur begrenzt begegnet werden. Weitere Wasserkraftwerke aus dem Süden gingen zwar ans Netz, aber Drosselungen und Einsparungen mussten seit 1942 hingenommen werden. Hinzu kamen Luftangriffe auf Köln im Mai 1942 wobei es erste größere Schäden gab, die sich besonders auf die Verbindung des Goldenbergwerks in Hürth mit der Hauptschaltstation Brauweiler auswirkten. Der Angriff auf Brauweiler im August 1943 kostete zwei der vier wertvollen 220-110-kV-Haupttransformatoren. Danach verschärfte sich die Situation erst wieder im Mai 1944 mit der systematischen Bombardierung der Hydrieranlagen, bei denen die zugehörige Stromversorgung schwer getroffen wurde und im März 1945 der totale Zusammenbruch erfolgte.

Heute kann festgestellt werden, dass die Höchstvolt-Leistungen des RWE bis nach Österreich, in die Schweiz, nach Frankreich, Belgien und Holland reichen. Die Verbundwirtschaft ist erweitert worden und schließt Portugal bis Finnland ein. Die vielen Stromleitungen laufen sternförmig auf die Brauweiler Schaltzentrale zu und prägen die Landschaft um diesen beschaulichen Ort. Von hier aus erfolgen die Stromschaltungen von den Herstellern zu den Verbrauchern. Das Bild einer so außergewöhnlichen Persönlichkeit wäre einseitig gezeichnet, wenn nur über die Leistungen des genialen Pioniers aus der Elektrotechnik berichtet würde. Die Ruhe und Sicherheit, die er ausstrahlte, machten es unmöglich, ihm nicht zu vertrauen. Wenn er allerdings etwas für richtig hielt, war es schwer, zu widersprechen. Arthur Koepchen hatte in die Erziehung seiner sechs Kinder wenig eingegriffen und die richtigen Entscheidungen ihnen selbst überlassen. Er besaß Selbstdisziplin, Pflichterfüllung, Geradlinigkeit, Zivilcourage und übernahm freiwillig Verantwortung für andere Menschen. Diese hervorragenden Eigenschaften sollen auch den Kindern und Jugendlichen als Vorbild dienen, wie es das Schulprofil der Arthur-Koepchen Realschule in Brauweiler festschreibt.

Neben den hehren Zielen besaß Arthur Koepchen aber auch feinsinnigen Humor und Nachsichtigkeit und machte ihn zu einem sehr liebenswerten Menschen. Sein Sohn Otto erzählt dazu ein weiteres Erlebnis: Eines Tages, während eines der zahlreichen Familienausflüge, wollten wir Kinder mit dem Faltboot auf einem See segeln. Während wir das Boot aufbauten, frischte der Wind ziemlich stark auf und Vater bekam zusehends mehr Bedenken, uns segeln zu lassen. Er hat dann wohl auch in seiner Art versucht, uns zu überzeugen, allerdings ohne Erfolg. Unsere Uneinsichtigkeit und Unvernunft haben ihn wohl auch etwas geärgert. Kurz und gut, er war das Palaver satt und wollte sagen: "Bei dem Wind wird nicht gesegelt!" In der Hitze des Redegefechtes rutschte ihm aber der folgende Satz heraus: "Bei Wind wird nicht gesegelt!" Das Gelächter, das er auslöste, entspannte die Atmosphäre natürlich schlagartig und er gab sich geschlagen.
Arthur Koepchen wurde zu seinem 75. Geburtstag das große Bundesverdienstkreuz verliehen und am 27.05.1954 zum Professor ernannt. Um auch der heranwachsenden Generation das Gedenken an diesen großen Mann wachzuhalten und im Sinne des "Pioniers" den Jugendlichen und Studenten in ihrem weiteren Berufsleben zu fördern, gründeten Vorstand und Aufsichtsrat des RWE eine "Professor-Dr.-Koepchen-Studienstiftung."