In Gedanken bei Arthur Koepchen (1878 - 1954) - Großvater von Ann-Monika Pleitgen

Ein stiller Star
Das Koepchenwerk am Hengsteysee bei Herdecke in Westfalen war eine Pionierleistung des Kraftwerkbaus. HOCHTIEF errichtete es zwischen 1927 und 1930 als eines der beiden ersten Pumpspeicherkraftwerke, die günstigen Strom für Spitzenlastzeiten erzeugen konnten. Benannt ist es nach seinem Planer Arthur Koepchen, dem damaligen Technikvorstand der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke. Die frühere Schauspielerin Ann-Monika Pleitgen, Frau des Film- und Fernsehschauspielers Ulrich Pleitgen, ist Koepchens Enkelin. In concepts erinnert sie sich an einen visionären Ingenieur und sein Werk
Seit vielen Jahren glücklich verheiratet: die Schauspieler Ann-Monika und Ulrich Pleitgen
Als ich in den fünfziger Jahren ein kleines Mädchen war, zeigte mir mein damals 73-jähriger Großvater Arthur Koepchen „sein" Pumpspeicherkraftwerk am Hengsteysee bei Herdecke. Natürlich stand ich als Kind beeindruckt vor den riesigen Ausmaßen und sagte: „Ooooh, diese langen Röhren! Gehört das alles dir?" - „Na ja, ein bisschen...", erwiderte er. Ich als Kind nahm das ernst und rief enttäuscht: „Das ist ja schiete!" Über das Wort „schiete" musste er so wahnsinnig lachen; dieses Lachen habe ich heute noch im Ohr. Immer, wenn ich mit meinem Mann in der Eisenbahn am Standort des Werkes vorbeifahre, weil er Hörbuchaufnahmen in Hagen macht, dann werde ich schon Kilometer vorher ganz aufgeregt: „Gleich kommt es!" Dann sieht man den See, und ich rufe „Da ist es!" - und dann ist es auch schon wieder vorbei. Und jedes Mal schwören wir uns: „Aber beim nächsten Mal fahren wir hin!"

Was mich schon als Kind sehr beeindruckte: Über viele Meter der Front zum Wasser hinweg stand in riesigen Lettern das Wort KOEPCHENWERK geschrieben. In meiner Erinnerung sind diese Buchstaben so groß wie der berühmte Hollywood-Schriftzug in den Hügeln über Los Angeles. Das Gebäude selbst in seiner Sachlichkeit
hingegen strahlte aus, wie mein Großvater war: dieses Zurückhaltende, Bescheidene. Dabei war das Koepchenwerk mit seiner ressourcenschonenden Technologie Teil eines damals ultramodernen Strom-Verbundnetzes für Wirtschaft und Menschen der ganzen Region. Arthur Koepchen aber dachte in viel größeren Zusammenhängen und wurde berühmt als „Vater der Strom-Verbundwirtschaft". So begründete er in Brauweiler die bis heute bestehende Hauptschaltleitung für die Energiewirtschaft Deutschlands und damit das „elektrische Herz" Westeuropas.

Mein Großvater verstarb 1954. Zu Lebzeiten war er der unumstrittene Patriarch einer großen Familie mit vielen Enkelkindern. Ich erinnere mich gern an ihn und das großzügige Haus in der Maybachstraße in Essen-Bredeney. Bei Besuchen versammelte sich die ganze Familie am Kamin in der Halle. Mein Großvater stand oft unvermittelt auf und eilte in sein Arbeitszimmer gleich nebenan, um neuen Ideen, Entwürfen und Berechnungen nachzugehen. Wenn die Gespräche gedämpfter wurden, um ihn nicht zu stören, stürzte er heraus und rief empört: „Verdammt noch mal! In dieser Stille kann ich mich nicht konzentrieren."
Quelle: Concepts by Hochtief 01/2008

Koepchenwerk wird modernisiert - Arbeiten starten Anfang Mai
Herdecke. Das Koepchenwerk am Hengsteysee wird ab Mai fit für die Zukunft gemacht. RWE Power investiert 25 Millionen Euro in die Modernisierung des Pumpspeicherkraftwerkes.
"Wir müssen unsere Anlage heute auf den neuesten Stand der Technik bringen, damit wir die wachsenden Anforderungen an eine solche Anlage auch in Zukunft erfüllen können", so Dr. Thomas Dymek, der Leiter des Kraftwerks.
Die aufwendigen Arbeiten beginnen am 04.Mai und sollen Anfang September beendet sein. Während der Revision werden alle technischen Komponenten einer eingehenden Inspektion unterzogen, zentrale Komponenten werden erneuert. So wird die vorhandene Leittechnik, das Nervenzentrum der Anlage, gegen eine moderne digitale Steuerungs-und Regeltechnik ausgetauscht.
Der Rückbau der Freiluftschaltanlage wird die Optik des Werks verändern, da zahlreiche Komponenten nicht mehr benötigt und daher entfernt werden.
"Durch die Arbeiten werden vermehrt LKW-Transporte notwendig. Außerdem kommen wir nicht umhin, die Uferstraße fast für die gesamte Dauer der Revision zu sperren", erläutert Dymek. Auf die geänderte Situation soll frühzeitig mit Baustellenschildern und Informationsbroschüren hingewiesen werden. Während der Bauphase sollen interessierte Bürger die Gelegenheit erhalten, sich vor Ort über die Maßnahmen zu informieren. 2008

Ingenieure im Ruhrgebiet
"Die unvergängliche Spur seines Wirkens ist das Licht, die taghell unter dem nächtlichen Firmament erstrahlende Stadt." Wie sein Vorgänger als technischer Direktor des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks AG (RWE), Bernhard Goldenberg, in der langen Friedensphase der Hochindustrialisierung des Kaiserreichs aufgewachsen, wurde Arthur Koepchen im Alltagsgeschäft des RWE seit 1906 mit den technischen und kommunalpolitischen Problemen des zum Überlandwerk expandierenden RWE konfrontiert. Bereits zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich im Zusammenspiel zwischen Goldenberg und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hugo Stinnes ein Planungsstil, der zum einen von den versorgungstechnischen Notwendigkeiten einer rasant steigenden Nachfrage und zum andern durch das nicht unumstrittene Konzept der zentralisierten Großversorgung eines Georg Klingenberg bestimmt wurde. Koepchen übernahm dieses Konzept, das sehr erfolgreich auf erhebliche Investitionen in immer größere Maschineneinheiten und die Verwendung immer höherer Übertragungsspannungen setzte. Der Zweck war jedoch nicht die Rekordjagd, sondern die nüchterne technisch-ökonomische Abwägung der Funktionstüchtigkeit der geplanten Anlagen in Zusammenarbeit mit den großen Konzernen der Elektroindustrie, wobei auch Koepchen Vorbilder in den USA studierte. Sein Wirkungsbereich wuchs bald weit über diese Aufgabenstellungen hinaus, als die Elektrizitätswirtschaft unter massive Verstaatlichungstendenzen geriet. Koepchen vertrat zunächst Stinnes und später Albert Vöglers Vorstellungen der gemischtwirtschaftlichen Unternehmensform in der strompolitischen Debatte, die auch er selbst als die für die Elektrizitätswirtschaft beste Unternehmensform ansah. Diesen Kampf führte er bis Anfang der 1950er Jahre, wobei er stets zur privatwirtschaftlichen Seite tendierte und besonders im "Dritten Reich" zunehmenden Tendenzen entgegentrat, die Stromversorgung sukzessive staatlich zu organisieren. Die ihn anfeindenden extremen Dezentralisten der NSDAP, mit denen er sich heftige Auseinandersetzungen lieferte, gerieten im Zuge der "Wehrhaftmachung" der Stromwirtschaft und Autarkiepolitik schnell ins politische Abseits. Darüber hinaus gewannen die von Koepchen mitinitiierten technischen Großanlagen, die 800 km Nord-Süd-Schiene mit großen alpinen Speicherwerken und das nach ihm benannte Pumpspeicherwerk, für die zuverlässige Versorgung der Rohstoff-und Rüstungsproduktion überragende Bedeutung. Obwohl zurückgedrängt, wurde der von Koepchen vertretende Großraumverbund selbst nicht in Frage gestellt, sondern als einzige Lösung des kriegswirtschaftlichen Energieengpasses favorisiert, nur eben unter dem Dach einer staatlichen "Reichssammelschiene". Damit bildet Koepchens Lebensweg einen Längsschnitt durch vier politische Systeme Deutschlands ab, die er als konservativer denkender Wirtschaftsführer auf dem Gebiet der Elektrizitätswirtschaft maßgeblich mitgestaltete. Da "Ego-Dokumente" fehlen, die eine präzisere Beschreibung seines weltanschaulichen Standpunktes ermöglicht hätten, muss sich diese Darstellung im wesentlichen auf seinen "äußeren Lebensweg" beschränken.

Arthur Koepchen wurde am 30.August 1878 als Sohn der Gertrud Koepchen, geb. Pitzen, und des "vereidigten Immobiliensachverständigen" Josef Koepchen in Velbert geboren. 1897 bestand er das Abitur am Elberfelder Gymnasium und verbrachte zur Vorbereitung des Studiums "je 1/2 Jahr bei einer Maschinenfabrik und bei einem Elektrizitätswerk". Wegen "schlechter Augen" wurde er bei seiner Musterung 1898 für untauglich befunden. 1899 nahm er an der Technischen Hochschule in Karlsruhe sein Studium auf, wo er dem "Polytechnischen Verein", jedoch keiner schlagenden Verbindung angehörte. Die TH Karlsruhe hatte sich kurz zuvor für den großzügigen Ausbau der Elektrotechnik entschlossen, und der Neubau mit Maschinensaal, Eichraum, u.a. auch einem Labor für elektrische Leitungen und Isolationen, aber noch ohne Hochspannungslabor, wurde bis 1899 bezogen. 1903 schloß Koepchen sein Studium nach 8 Semestern mit dem Diplomexamen ab. Am 1.April 1904 trat er als Ingenieur in die "elektrotechnische Abteilung von Felten & Guilleaume in Köln-Mühlheim" ein und war dort "sowohl in der Projektierung als auch bei Hochspannungskabelprüfungen und Kabelfehlermessungen tätig." Darüber hinaus war er Bauleiter von zwei örtlichen Versorgungsunternehmen (Sorau & Forst)."
Durch den Vertrag vom 30. Dezember 1905 trat Koepchen zum 02. Januar 1906 beim RWE ein. Seine Spezialisierung auf das Kabelgebiet machten ihn für das RWE attraktiv, da 1906 nicht nur der Ausbau des Kabelnetzes im angestammten Versorgungsgebiet betrieben wurde, sondern die neu hinzugekommenen Überlandnetze des Elektrizitätswerkes Berggeist (EWB), Brühl, und des Bergischen Elektrizitätswerkes (BEW), Solingen, mit der Essener Zentrale verknüpft werden mussten. Kopechen wurde die technische Leitung des BEW übertragen, dessen Betriebsanlagen sich jedoch in einem beklagenswerten Zustand befanden. Gleichwohl entschloß sich das RWE, wegen der erwarteten guten Absatzmöglichkeiten die gründliche Instandsetzung auch durch Neuverlegung von Hochspannungskabeln statt der bisherigen Freileitungen durchzuführen.

Der langjährige BEW-Direktor Schwennicke hatte es verstanden, weitere, auch leistungsstarke Abnehmer zu gewinnen. Infolge dieses Lastzuwachses geriet das BEW zunehmend in Lieferschwierigkeiten, die sich nach einem Brand in der Zentrale Müngsten im August 1908 weiter verschärften. Nach dem Ausscheiden Schwennickes Ende 1908 wurde Koepchen die Direktion des BEW übertragen. Doch auch der junge Koepchen, für den als "Kabelmann" die umfangreichen Freileitungsstrecken technisches Neuland darstellten, war nicht in der Lage, den Betrieb zu konsolidieren, so dass sich die Situation weiter zuspitzte. Das BEW blieb, von 1907 bis 1910 mit einem Aufwand von 6,2 Mio. Mark auf 6.000 KW erweitert, auf regelmäßige Aushilfslieferungen aus Essen und vom EWB angewiesen.
Infolge des permanenten Leistungsengpasses hatte Goldenberg nicht nur den konsequenten Ausbau des Kabelnetzes und der Kapazitäten in Essen betrieben, sondern setzte auch die Errichtung einer neuen "Zentrale III" in Reisholz bei Düsseldorf durch. Das Steinkohlekraftwerk ging im Oktober 1909 mit 15 MW in Betrieb und übernahm den größten Teil der Versorgung des BEW-Territoriums. Koepchen siedelte 1910 mit der Verwaltung nach Reisholz über und wurde Betriebsdirektor des neuen Kraftwerkes. Am 3.Oktober 1911 wurde ihm außerdem die Prokura für das RWE übertragen.
Die von Goldenberg durchgeführten Erweiterungen, die RWE-Intern wegen hoher Kosten nicht unumstritten waren, erwiesen sich in allen Fällen später als überlebenswichtig. Möglicherweise hat diese aus der bis 1918 dynamisch wachsenden Stromnachfrage geborene Investitionspolitik Koepchens Planungsstil für die Zukunft entscheidend geprägt. Immer wieder hatte die Stromnachfrage die Kapazitäten überstiegen, wie z.B. Anfang 1912, als auch Reisholz an den Rand der Leistungsfähigkeit geriet, obwohl im Herbst 1911 zwei neue Kessel in Betrieb gekommen waren.

Auch der Ausbau des 25-kV-Kabelnetzes mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit der Fernverbindungen wesentlich zu verstärken, verlief nicht ohne empfindliche Störungen. Bis Mitte 1912 bezeichnete Goldenberg die Entwicklung der Zentrale Reisholz und damit letztlich auch die Arbeitsleistung Koepchens als "erfreulich". In seiner Funktion als Betriebsdirektor der für den erfolgreichen Gesamtbetrieb des RWE entscheidenden Zentrale Reisholz hatte sich Koepchen offensichtlich besonders ausgezeichnet, wurde auf Beschluss des Aufsichtsrates vom 2. Februar 1914 hinter Goldenberg zum stellvertretenden Vorstandsmitglied berufen und "trat damit in die Gesamtleitung des RWE in Essen ein".
Der durch die Rüstungswirtschaft bedingt steigende Stromabsatz veranlasste Goldenberg im September 1916 zum Ausbau von Reisholz mit einer 15-MW-Turbine. Bis 1918 wurde die Zentrale auf 75 MW erweitert und war damit das größte Steinkohlenkraftwerk des Deutschen Reiches. Durch den frühen Tod Goldenbergs im Mai 1917 wurde Koepchen am 20. September 1917 zu dessen Nachfolger und ordentlichem Vorstandsmitglied des RWE berufen, wobei ihm nun die gesamte technische Leitung des Stromriesen zufiel. Obwohl ihn Goldenberg bei einigen Verhandlungen im BEW-Versorgungsgebiet quasi angelernt hatte und beide wohl auch beim Ausbau von Reisholz eng zusammengearbeitet hatten, musste Koepchen nun nicht nur Planung, Errichtung und Betrieb des gesamten RWE verantwortlich übernehmen, sondern auch zahlreiche Verhandlungen mit den Berliner Reichsministerien führen, wie etwa für die Versorgung des Erftwerkes.

Preußische Strompolitik und Spitzenwasserkraft

"Durch die (...) Erklärung (vom 16.November 1917) hat die Preußische Regierung die Notwendigkeit einer staatlichen Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Elektrizitätswirtschaft anerkannt." Während die Elektrifizierung vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich große Fortschritte gemacht hatte, blieben die ländlichen Regionen der vier preußischen Provinzen West-und Ostpreußen, Schlesien und Posen außer Oberschlesien weitgehend ohne Stromversorgung. Die dünn besiedelten Provinzen versprachen kaum eine attraktive Verzinsung der Kapitalmittel, die eine flächendeckende Elektrifizierung erforderlich gemacht hätte. Die Entscheidung des ostpreußischen Provinziallandtags 1916, Bau und Betrieb der Leitungen durch Kreise und Provinzialverband zu bewerkstelligen, bedeutete eine Trendumkehr für die Versorgung der Fläche. Klingenberg verstärkte die Verstaatlichungstendenzen noch mit seinem Plan zur "Elektrische (n) Großwirtschaft unter staatliche (r) Mitwirkung".
Das Konzept des zentralisierten Großverbundes - Erzeugung in Großkraftwerken und Stromverteilung durch ein Hochspannungsnetz - sei sinnvoll, jetzt im Krieg auch aus nationalökonomischen Gründen. Allerdings begab sich Klingenberg in Widerspruch zu den Prinzipien des RWE da Großkraftwerke und Netze und alle Erweiterungen durch die staatlichen Großkraftwerke übernommen werden sollten. Dies hätte für das RWE aber nicht weniger als das Ende jeder weiteren Expansion bedeutet. Der Plan enthielt darüber hinaus Elemente, die später entscheidende Bestandteile der stromwirtschaftlichen Erzeugungs-und Verbrauchsstruktur speziell auch des RWE unter Koepchen werden sollten. So sei durch die reichsweite Verkupplung der Verbraucher und Erzeuger mittels eines Hochspannungsnetzes auch die Nutzung der Wasserkräfte besser möglich. Während früher das ungespeicherte Wasser zu Zeiten kleinen Strombedarfes unausgenutzt wegfloß (Niederdruckwasserkräfte), ließe sich jetzt jeder Wassertropfen nutzen. In Schwachlastzeiten könnten elektrothermisch und -chemisch produzierte Roh-und Ersatzstoffe wie Aluminium oder Stickstoff für die Rüstungsproduktion gewonnen werden.
Die Verstaatlichungstendenzen gewannen während des Krieges unter dem Vorzeichen der "Gemeinwohlverpflichtung der Großwirtschaft" weiter an Gewicht, als Preußen ein staatliches Versorgungsgebiet von der Weser bis zum Main beschloß, wobei die Mainkraftstufen mit einem Dampfkraftwerk bei Hannover kombiniert werden sollten. Auf die Erklärung des Ministers der öffentlichen Arbeiten, Einfluß auf die Energiepolitik nehmen zu wollen, folgte eine entsprechende Denkschrift über die Elektrifizierung der vier Ostprovinzen. Sie wurde im Juli 1918 vertraulich an Stinnes übersandt, der Koepchen zuvor bereits mit der Anfertigung eines eigenen Gutachtens beauftragt hatte. Die wichtigsten Fragen bezogen sich auf die für das Deutsche Reich neuartige Betriebsführung (räumliche Trennung von Grund-und Spitzenlasterzeugung und Grundlastversorgung durch ein einziges schlesisches Großkraftwerk) und auf die Unternehmensform, die auf eine gemischtwirtschaftliche Gesellschaft unter Beteiligung des Reiches, der Kommunen und Privatunternehmen hinauslief.
Koepchen fügte nun seinem Gutachten vier weitere Entwürfe bei, die ihm unter den gegebenen Verhältnissen allesamt günstiger erschienen. Insbesondere verwies er auf die "viel größere" Entwicklungsmöglichkeit eines Braunkohlekraftwerkes etwa im Spremberger Raum. Hier spiegelten sich positive Erfahrungen des RWE mit seinem Braunkohlengroßkraftwerk Goldenberg. Dabei verwarf Koepchen das stromwirtschaftlich neue Konzept nicht, Grund- und Spitzenlast räumlich zu trennen, schlug aber den Ausbau der Wasserkräfte, die allein für Ostpreußen auf 20 MW geschätzt worden waren, als Spitzenerzeuger vor. Koepchen hatte damit im wesentlichen Klingenbergs Konzept auf die Verhältnisse der Ostprovinzen übertragen, jedoch um die Idee der Spitzenerzeugung aus Wasserkraft und der Braunkohlegrundlast erweitert. Diese Erzeugungsstruktur wurde zur Blaupause seiner Ausbauplanungen in den 1920er Jahren, die räumliche Trennung der Grund-von der Spitzenlast. Es war seine feste Ansicht, daß gerade Wasserkraftwerke für die Bereitstellung des Spitzenstroms die beste Lösung darstellten.
Das staatliche Gutachten sah außerdem vor, Großkraftwerk und Fernleitungen vollständig aus staatlichen Mitteln zu erstellen und zu betreiben und sich an den Hauptverteilungsgesellschaften in den Provinzen neben Provinz und Kommunalverbänden mit einem Drittel zu beteiligen. Diese sollten dann den Stromverkauf an Großabnehmer und die Verteilungsgesellschaften übernehmen. Koepchen sah in der Beteiligung der öffentlichen Hände an den Hauptverteilungsgesellschaften das Haupthindernis. Gerade die Kommunen galten den RWE-Direktoren seit langem als erklärte Feinde. Koepchen gab an dieser Stelle ein Kernelement der RWE-Strompolitik preis, das als ein elektrizitätswirtschaftliches Credo bezeichnet werden kann:
"Gerade (den) Grossabnehmern gegenüber muss man aber, um wettbewerbsfähig zu sein, in der Tariffrage freie Hand haben, um die Strompreise (...) den wechselnden (...) Verhältnissen des Grossabnehmers anpassen zu können (...) Es ist also dringend anzuraten, das Grosskraftwerk, die Fernleitungs-und Hauptverteilungsanlage innerhalb der Provinzen in einer Hand zu belassen. Als geeignetste Gesellschaftsform ist der gemischtwirtschaftliche Betrieb, etwa nach Art des RWE zu betrachten, bei der auf der einen Seite der Staat oder die Provinzen und der anderen Seite das Privatkapital, etwa je zur Hälfte, beteiligt, im übrigen aber die Geschäftsführung nach kaufmännischen Grundsätzen gewährleistet ist. Es handelt sich bei der Grosserzeugung (...) und Grossverteilung um neue Aufgaben, zu deren Lösung man den durch die Beteiligung des Privatkapitals geschaffenen Wettbewerb nicht ausschließen sollte."
Obwohl sich auch Stinnes mit klaren Worten gegen die Bestrebungen der Städte wandte, die Stromerzeugung und - verteilung auch aus sozialpolitischen Gründen in eigener Regie durchzuführen, waren für die Elektrifizierung der ländlichen Gebiete Norddeutschlands die Weichen schon vor 1919 auf Stromerzeugung in staatlicher Hand und Verteilung allein durch Kommunen und private Gesellschaften gestellt.
In den Jahren 1913/14 bis 1917/18 steigerte das RWE seine Stromabgabe fast auf das Dreifache, die Gewinne auf das Doppelte. Es beteiligte sich an der Errichtung einer Fabrik für Ferrochrom, Ferrosilizium und Karbid, der Rheinischen Elektrowerke A.G., in Knapsack. Da das RWE 1918 noch über 52 % der Gesamterzeugung aus Steinkohle schöpfte und obwohl bei Kriegsende auch die Stromabgabe rasch absank, erwuchs nun die anhaltende Steinkohlenknappheit zum Hauptproblem.

Kohlennot und Sozialisierungsgesetz

"Der Zweck des Gesetzes besteht (..) darin, daß a) zur Vermeidung einer weiteren Zersplitterung eine einheitliche Elektrizitätsversorgung (...) geschaffen werden soll, für welche das Reich die Führung (...) übernehmen müsse, b) mit Rücksicht auf den Friedensvertrag Kohlenersparnisse durch stärkere Heranziehung der Wasserkräfte und der Großkraftwerke erzielt werden müssen. Die während des Krieges intensivierte Debatte um eine einheitliche Stromversorgung gipfelte in der Verabschiedung des Gesetzes zur "Sozialisierung der Elektrizitätswirtschaft" vom 31. Dezember 1919, das nach den Worten des Reichsschatzministers kein staatliches Monopol anstrebe, sondern "lediglich ein Höchstspannungsleitungsmonopol schaffen (wolle) mit dem Ziel der Verbundwirtschaft zwischen Wasserkraft und Dampfkraft", um Kohle zu sparen. Dem Reich sollte das Recht zufallen, Privatbeteiligungen an Unternehmen wie dem RWE in Reichsbesitz und damit "große gemischtwirtschaftliche Unternehmen in die alleinige Verfügungsbefugnis der öffentlichen Hände zu überführen." Damit war Widerspruch durch das RWE vorprogrammiert, den Koepchen in seinen Gutachten zum Sozialisierungsgesetz als einer von 16 Sachverständigen dem 14. Unterausschuß der Nationalversammlung zur Vorbereitung des Entwurfs des Gesetzes am 08. Oktober 1919 formulierte. Gleichwohl argumentierte er ebenfalls gemeinwirtschaftlich, daß für ihn als "Elektrizitätswerksfachmann (...) allgemeine volkswirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend sein" und "alle Sonderinteressen privatwirtschaftlicher, kommunaler oder gar politischer Art zurücktreten" müssten. Für ihn hingen alle Überlegungen über eine reichseinheitliche Stromversorgung von der technischen Reichweite der Fernübertragung ab. Dabei sollten maximal 110 kV eingesetzt werden, was von der Grenze des praktisch Erreichbaren nicht allzuweit entfernt sei." Aus diesen bereits obsoleten Reichweiten leitete er eine Gliederung des Reiches in acht Wirtschaftsgebiete ab, wobei er je ein Wirtschaftsgebiet "Süddeutschland, hauptsächlich gestützt auf rheinische Braunkohle" einfügte. Eine zu schaffende "Betriebsoberleitung" sollte "die im Gesamtgebiet herrschende Last jeweils auf die günstigst arbeitenden Kraftwerke" verteilen und die vollkommene Verfügung über alle Kraftwerke und die der Verkupplung dienenden Leitungen besitzen. Auch die Machtverhältnisse innerhalb der Bezirksgesellschaften organisierte Koepchen zugunsten des RWE. Schließlich sollte auch in der Reichs-Elektrizitätsgesellschaft als Finanzierungs-und Abgrenzungsgesellschaft der Bezirke das Reich nur mit 25 % der Rest der Bezirksgesellschaften nach Absatz beteiligt sein.
Mit diesen Vorschlägen hätte Koepchen nicht nur den Bestand des RWE gesichert, sondern durch seinen Katalog von Zwangsmaßnahmen auch mißliebige kommunale Konkurrenten zurückdrängen und maßgeblichen Einfluß innerhalb der Bezirks- und Reichselektrizitätsgesellschaft erlangen können, was vom Gesetzgeber so nicht intendiert war. Koepchen hielt die Überführung von privaten oder gemischtwirtschaftlichen Unternehmen in Reichsbesitz für kontraproduktiv. Die drängende Steinkohlennot sollte auch nicht durch Wasserkraftanlagen, sondern durch ein Braunkohlenband quer durch Deutschland gemildert werden. Damit zeigte er sich bei der Abwehr des Gesetzentwurfes als klarer Verfechter der Braunkohle zum Vorteil des RWE, hingegen zu diesem Zeitpunkt noch als Skeptiker der Fernstromversorgung über Bezirksgrenzen hinaus. Trotz breiter Ablehnung wurde das Sozialisierungsgesetz verabschiedet, von dem in der Realität freilich nur die Idee übrig blieb.

Legenden um Höchstspannung und Wasserkraft

Koepchen "verband die Kraftwerke auf den billigen Erzeugungsgrundlagen durch ein weitverzweigtes Höchstspannungsnetz und ergänzte dieses System durch natürliche Speicher-und Pumpspeicherwerke zur Spitzenbegradigung", weshalb ihm in Nachrufen gerne der Titel des "Vater (s) der Verbundwirtschaft" verliehen wurde. Diese Verklärung, die Koepchen die Idee der Verkupplung besonders der nichttransportfähigen Energieträger zuschreibt, läßt sich indes nicht halten. Neben anderen hatte z.B. der Altmeister der Drehstromtechnik, Dolivo-Dobrovolsky, bereits 1918 200 kV-Leistungen für möglich erklärt, während Koepchen noch mit der 100 kV-Ebene kalkulierte. Zudem hatte Klingenberg schon 1916 die reichsweite Verkupplung eben auch der standortgebundenen Erzeuger gefordert.
Im Gegenteil: Koepchen hatte noch 1919 vor einem ungehemmten Wasserkraftausbau gewarnt und dabei auf ihre Wirtschaftlichkeit verwiesen, je nachdem, ob sie innerhalb oder außerhalb des Wirtschaftlichkeitsbereiches der Braunkohlenkraftwerke lägen. Auch sein Vorstandskollege Henke stand als Gutachter im wasserwirtschaftlichen Ausschuss des Reichswirtschaftsrates 1921 der großräumigen Vernetzung aller Energieträger skeptisch gegenüber, denn die Transportkosten könnten sogar die Gestehungskosten der Wasserkraft übersteigen. Damit kann für die Anfang der 1920er Jahre im RWE vorherrschenden Vorstellungen über die Zukunft der Energiewirtschaft festgestellt werden, daß die Einbindung süddeutscher oder gar alpiner Wasserkräfte nicht als wirtschaftliche Option angesehen wurde, lagen sie doch eindeutig außerhalb des von Henke und Koepchen definierten Wirtschaftlichkeitsbereiches.
Tatsächlich wurde die zentralisierte Großkrafterzeugung nach dem Ersten Weltkrieg bis etwa 1924 weiterhin heftig diskutiert. Die Konzeptbildung und schließlich die Entscheidung für die Großversorgung waren dabei eine direkte Funktion der sich wandelnden politischen, technischen und ökonomischen Verhältnisse. Einer der entscheidenden Faktoren für die Wirtschaftlichkeitsberechnungen waren die Kohlenkosten. Wegen der erheblichen Preissteigerungen Anfang der 1920er Jahre "verschob sich die Wirtschaftlichkeit neu zu errichtender Kraftwerke (..) von Dampfkraftwerken weg immer stärker zugunsten von Wasserkraftwerke. Ein weiterer entscheidender Faktor waren Spannung und Leistung der Leitung. Erheblich leistungsfähiger als die 110-kV-Ebene war die 220-kV-Übertragung, welche die vierfache Leistung über deutlich größere Entfernungen transportieren konnte. Die neue Spannungsebene wurde jedoch erst erforderlich, sobald bedeutende Leistungen über die existierenden Bezirksgrenzen hinweg verschoben werden mussten.
Nach Ablehnung der Sozialisierung fielen in den Großunternehmen die Entscheidungen über ein alle Erzeuger und Verbraucher überlagerndes 220 kV-Netz. Koepchen sah sich erstmals 1921 vor diese Aufgabe gestellt, nachdem Stinnes Anteile der "Braunschweigischen Kohlebergwerke" erworben hatte. Im Westen wurde ein erster Teilabschnitt einer 220 kV-Leitung zwischen Ronsdorf und Letmathe, Kreis Iserlohn, errichtet. Die Entscheidung für diese Leitung scheint allerdings in erster Linie Stinnes ökonomischen Kalkül entsprungen zu sein, das Anfang der 1920er Jahre angesichts der Steinkohlenbewirtschaftung den Ausbau der leicht erweiterungsfähigen Braunkohlenbasis nahelegte, und nicht dem "Glauben" Koepchens, es seien höhere Spannungen als 110 kV möglich.

Die Frage des Fernverbundes stellte sich erneut, nachdem das RWE 1923 die Mehrheit an der Lahmeyer AG übernommen hatte und damit in den Besitz von Beteiligungen an der Main-Kraftwerke AG, Kraftwerke Altwürttemberg AG, Lech-Elektrizitätswerke AG (LEW) und der Großkraftwerk Württemberg AG (GROWAG) gelangt war .Damit war das RWE mit einem Schlag mit einer Reihe von bedeutenden süddeutschen EVU in direkte Beziehung gekommen, hatte in Württemberg und Bayern festen Fuß gefaßt und war über die Mainkraftwerke AG die direkte Verbindung mit dem staatlichen Bayernwerk hergestellt, was seine Stellung gegenüber den süddeutschen Ländern in dem beginnenden Wettbewerb um die verfügbaren Wasserkräfte erheblich verbesserte.
Nun stellte sich dem RWE konkret die Frage der Verkupplung der rheinischen Braunkohlen- mit den süddeutschen Wasser- und Steinkohlenkraftwerken. Da seine Konkurrenzfähigkeit ganz wesentlich auf der Braunkohle basierte und speziell die süddeutschen Laufwasserkraftwerke durch ihre saisonabhängige Erzeugungsfähigkeit in wasserarmen Zeiten durch teuren Dampfstrom gestützt werden mußten, scheint die Entscheidung für den Fernverbund im neuen RWE-Versorgungsgebiet wiederum dem gleichen ökonomischen Kalkül zu entspringen, das schon zuvor dem Bau der ersten 220-kV-Leitung zugrunde lag. Der Betrieb der Fernleitung, die ein erhebliches technisch-ökonomisches Risiko darstellte, war indes durch die schlechten Erfahrungen mit Ronsdorf-Letmathe nicht ausreichend abgesichert. Um Klärung der Probleme bemüht, traten Henke und Koepchen im Auftrag Stinnes' im März 1924 eine Studienreise in die USA an. Das wichtigste Ziel der Reise war für Koepchen die „Southern California Edison Comp.", die als führend im Betrieb von Fernleitungen galt. Doch waren diese bei den Hohlleitern auch nicht weiter als die deutsche Elektroindustrie. Koepchen besichtigte auch die 220-kV-Leitungen der „Pacific Gas and Electric Comp." am Pit River.Diese demonstrierte insgesamt die Machbarkeit des ökonomischen Abtransportes von Wasserkraftressourcen über Entfernungen von immerhin 325 km.Damit wird offenbar, daß Koepchen und das RWE das Wagnis Höchstspannungsfernleitung nicht ohne gründliche Risikoabschätzung und nach Inaugenscheinnahme existierender Vorbilder eingingen.
Wenig später gelang es dem RWE, zusätzlich noch Konzessionsanteile des Landes Vorarlberg an den dortigen, noch nicht erschlossenen Wasserkräften zu erwerben, als die GROWAG 1924 in dortige Vertragsrechte der Schweizer Bündener Kraftwerke eintrat. Die Aussicht auf die im Umfang und in ihrer Struktur besonders wertvollen Vorarlberger Wasserkräfte mußte für die RWE-Direktoren wie eine Bestätigung ihrer Entscheidung für die Nord-Süd-Schiene wirken, da der Vertrag den deutschen Aktionären 600 Millionen kWh größtenteils speicherfähige Jahreserzeugung mit über 300 MW zusicherte.Durch diesen Zugewinn, der nun mit den süddeutschen Wasserkräften die Tragfähigkeit der 220-kV-Leitung deutlich übersteigen würde, wurde der Bau gleich für eine Spannung von 400 kV nun mit einem Hohlseil von 42 mm Durchmesser geplant. Koepchen ging hier von einer Tragfähigkeit von immerhin 400 MW je System aus. Im November 1924 gründete das RWE zusammen mit dem Bezirksverband Oberschwäbischer Elektrizitätswerke (OEW), dem Württembergischen Staat, dem Land Vorarlberg und der Württembergischen Sammelschienen AG die Vorarlberger Illwerke GmbH (V1 VV).
Das Primat des 220- bzw. 400-kV-Verbundes erwuchs beim RWE also aus der strategischen Entscheidung. Dieser Schritt bildete durch die schlagartige Ausdehnung des RWE sogar bis in die Alpen ein ökonomisches Gebot, das sich so zu diesem Zeitpunkt aber keinem anderen deutschen EVU stellte, die ihren Verbundbetrieb durchweg mit den bewährten 110 kV bewältigen konnten. Der Schritt, die Masten von vornherein für die nächsthöhere Spannungsebene zu dimensionieren, deutet auf den für Koepchen typischen Planungsstil, der, auf der Erwartung hoher Zuwachsraten basierend, auf die großtechnische Lösung der Aufgaben setzte. Dezentrale Lösungen, die kostengünstiger gewesen wären,lagen außerhalb seines Vorstellungsbereiches.

Pumpspeicherprinzip: „Propagandaanlage" oder „Schildbürgerstreich"?

Neben der 400-kV-Leitung stellt die Errichtung eines reinen Pumpspeicherwerks am Hengstey-See bei Herdecke in den Augen seiner Biographen seine herausragende technische Großleistung.Anläßlich seines 25jährigen Dienstjubiläums wurde dem Speicherkraftwerk Herdecke ihm zu Ehren der Name „Koepchenwerk" verliehen.Fälschlicherweise wurde ihm die Urheberschaft der Idee zugeschrieben, mit nachts unbeschäftigten Dampf- und Laufwasserwerken Wasser in höher gelegene Speicherbecken zu pumpen, aus denen dann Spitzenstrom gewonnen werden kann.Tatsächlich resultierte die Konjunktur der Pumpspeicher in den 1920er Jahren u. a. aus einer Fehleinschätzung Klingenbergs, die die großen EVU zu Gegenmaßnahmen zwang.
Als einen der wichtigsten Vorteile des Großverbundes hatte Klingenberg die bessere Ausnutzung der Spitzenleistung prognostiziert, weil die Lastspitzen verschiedener Städte zeitlich nicht genau zusammenfielen. Dieses konnte der Direktor der Siemens-Schuckert-Werke (SSW), Richard Werner, 1926 nicht bestätigen, vielmehr könne eine Spitzenkilowattstunde bis zu 45 Pf. kosten.Werner lenkte die Aufmerksamkeit der Stromwirtschaft auf großtechnische Lösungen, die Mitte der 1920er Jahre jedoch nicht unumstritten waren. Die Höhe der Transportkosten für Spitzenstrom aus Fernspeichern galt als unvertretbar, Nachteile, die dezentrale Lösungen wie Akkumulatoren oder Großdieselmotorenwerke nicht aufzuweisen hatten.
Zu dieser Zeit fand ein Wechsel der Leitidee vom zentralisierten Großverbund zum „economic mix" statt, für den das RWE unter Koepchen beispielgebend wurde. Durch die Entscheidung für die Nord-Süd-Schiene hatte sich Koepchen außerdem in das ökonomische Dilemma des Verbundbetriebs begeben, wonach nur große und gut ausgenutzte Leistungen mit tragbaren Kosten über erhebliche Entfernungen gebracht werden konnten.
Das RWE schloß 1925 einen Vertrag mit dem Essener Ruhrverband und verpflichtete sich, auf der Höhe „Am Kleff" bei Herdecke 160 m oberhalb der Ruhr ein Speicherwerk zu erbauen mit dem Recht, das Speicherwasser der Flußkläranlage des Ruhrverbands entnehmen zu dürfen. Wegen ihrer Dimension (Ausbauplanung 135 MW gegenüber Niederwartha 83 MW) und ihres Charakters als reine Pumpspeicheranlage geriet Herdecke in jeder Beziehung zum Prestigeobjekt innerhalb der Elektro- und Wasserturbinenbauindustrie. Daher gelang es Koepchen, die beteiligten Unternehmen bis zur Schmerzgrenze herunterzuhandeln.
Koepchen erteilte zunächst der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft AG (AEG) den Zuschlag und räumte den SSW nach „Stellung erschwerter Bedingungen" eine letzte Chance ein, die SSW-Direktor Werner dann vollständig akzeptierte. Hengstey sei das „anerkannt beste Projekt Koepchens", und dieser sei zusammen mit den SSW „zu weiterer Pionierarbeit berufen". Neben den Konkurrenzkämpfen demonstrieren die Vorgänge um die Bauvergabe aber auch die Stellung Koepchens im RWE. Alle Bittsteller rangen um seine Gunst, wogegen er die Konkurrenten gegeneinander ausstach, die für den Zuschlag sogar Verluste in Kauf nahmen. Bei den elektrischen Anlagenteilen entschied sich Koepchen aus strategischen Gründen zur Teilung zwischen AEG und SSW.
Bezüglich der Idee der reinen Pumpspeicherung, d. h. ohne einen natürlichen Zufluß des Oberbeckens, verwahrte sich Koepchen gegen die Auffassung, diese sei zuvor schon von AEG und SSW verfolgt worden. Genaugenommen beanspruchte er das Primat der Kombination der hydraulischen Fremdspeicherung im kleinen Kreislauf (Tages-, Wochenspeicherung) aus Braunkohlen-Abfall-Strom mit reiner Pumpspeicherung ohne natürlichen Zufluß in einem künstlichen Plateaubecken unter zusätzlicher Einspeisung weit entfernter Wasserkräfte. Nach dieser zugespitzten Definition trifft dies sicherlich zu. Die seit 1894 realisierten Pumpspeicherwerke besaßen entweder natürliche Zuflüsse oder dienten der Nacht- und Sonntagsspeicherung ohne Fremdspeicherung entfernter Wasserkräfte. Die erste deutsche Anlage von 1921 leistete lediglich 1860 PS. Großdimensionierte Projekte wurden erst im Laufe der 1920er Jahre diskutiert. Zumindest beanspruchten auch die Erbauer von Niederwartha das Primat, zum erstenmal am 2. Januar 1930 durch Dampf erzeugte Energie in großem Maßstabe hydraulisch aufgespeichert zu haben.

Der vorläufige Kostenanschlag für Herdecke belief sich insgesamt auf 30 Mio. RM, woraus sich rund 220 RM pro installiertem kW ergaben. Damit lag Herdecke deutlich unter den Anlagekosten für Speicherwerke, Großdiesel, Akkumulatoren oder der Erweiterung eines Dampfkraftwerkes. Was Kritikern des Pumpspeicherprinzips nicht einleuchtete, waren seine rund 40%igen Verluste. Marguerre kritisierte speziell die Vernachlässigung der Übertragungskosten, die bei Niederwartha und Herdecke nicht anfielen, weil diese beiden Anlagen in dicht besiedelten Gebiete lägen und daher eine Sonderstellung einnähmen:
„Die normalerweise stets mit der hydraulischen Speicherung verknüpfte Frage der Übertragung großer Spitzenenergiemengen wird immer wirtschaftlich prekär bleiben [...] Während für ein Speicherwerk, welches unmittelbar beim Dampfwerk liegt (Fall Herdecke), ein Preis von 6,47 Pf errechnet wird, steigt er unter Berücksichtigung der Fernleitungskosten auf 12,52 Pf an.

Nach Marguerre, der als Direktor der Großkraftwerk Mannheim AG als seriöser Kritiker galt, hatte Koepchen dem RWE damit zu einer Anlage zur Vernichtung von Braunkohlen- und Wasserkraftstrom verholfen, für die Koepchen eine Zuschrift erhielt, die Herdecke gar als „Schildbürgerstreich" titulierte, und was nach Marguerre diesen Titel durchaus verdiente. Koepchen war indes mit Herdecke seinem großtechnischen Planungsstil treu geblieben und stand auf der Seite der Vertreter des „economic mix", für die bei der Energiegroßspeicherung nur die Schwerkraftspeicherung in Betracht kam. Mit der Inbetriebnahme des Koepchenwerks und der 220-kVVerbindung über Wesel nach Ibbenbüren Anfang 1930, worauf am 14. April erstmals der Parallelbetrieb zwischen den alpinen Wasserkraftanlagen mit den Dampfkraftwerken vollzogen wurde, war das von Koepchen energisch verfolgte verbundwirtschaftliche Konzept nun in seinen Hauptkomponenten vollständig realisiert.
Die Weltwirtschaftskrise verursachte beim RWE von 1929/30 bis 1931/32 einen Absatzrückgang von 25 %, wogegen die „installierte Engpaßleistung der RWE-eigenen Kraftwerke" von 1929 bis 1932 noch zusätzlich um über 55 % anstieg. Das RWE reagierte u. a. mit der Stillegung seiner wichtigsten Steinkohlenkraftwerke und verlagerte seinen Produktionsschwerpunkt damit weiter auf „braune" und „weiße" Kohle.

Elektro-Päpste, Staffelflußausbau und Landesverteidigung

Noch 1932 hatte sich Koepchen in der Essener Nationalzeitung einen erbitterten Streit mit dem „Parteigenossen" Franz Lawaczeck um die „kapitalistische und nationalsozialistische Elektrowirtschaft" geliefert. Direkt nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde die Debatte erneut angefacht, wobei speziell die großen EVU in die Kritik gerieten. Die Auseinandersetzungen veranschaulichen die wachsende Bedeutung Koepchens für das RWE, der es verstand, die Interessen des Konzerns zunächst zu wahren, obwohl gerade das RWE den antikapitalistischen NS-Stromexperten als Sinnbild unsozialer Großkonzerne galt, die ihren Erfolg auf Kosten der Allgemeinheit und zu „Systemzeiten" errungen hatten. Mit der Verabschiedung des Energiewirtschaftsgesetzes 1935 und.des Vierjahresplans von 1936 mit dem Ziel der wirtschaftlichen Vorbereitung des Krieges gerieten diese Kritiker ins Abseits, denn das Regime war bei seinen Aufrüstungsmaßnahmen auf die Bereitstellung gigantischer Strommengen und damit unausweichlich auf das RWE angewiesen.
Schon im Juni 1933 beauftragte das Reichswirtschaftsministerium (RWM) die „AG für deutsche Elektrizitätswirtschaft" mit einem Gutachten, das die „zur Förderung des Gemeinnutzes notwendige [n] Maßnahmen" ergründen sollte. Koepchen war dabei als „Berichterstatter für Westdeutschland" und mit anderen für den grundsätzlichen Teil zuständig. Das Gutachten liest sich wie ein Wunschzettel der Großversorger, die über den Status quo hinaus ihre Position weiter zu festigen suchten. Wegen der Überkapazitäten solle das Reichswirtschaftsministerium (RWM) Kraftwerksneubauten verbieten, die EVU die Kleinverteilung übernehmen und der „Kettenhandel" unterbunden werden. Um den gemeindefeindlichen Katalog zu vervollständigen, solle den Kommunen das Wegerecht aberkannt und auch gleich die Konzessionsabgabe abgeschafft werden.
Im Gegenzug erschienen fast zeitgleich die parteiamtlichen Vorstellungen unter Mitarbeit zahlreicher „Parteigenossen" aus Elektroindustrie und Elektrizitätswirtschaft, u. a. auch Bernhard Endrucks. Diese repräsentierten jedoch nur eine von zahlreichen strompolitischen Strömungen innerhalb der NSDAP. Weder Parteigenosse Koepchen noch ein anderer RWEDirektor waren daran beteiligt. Den Gutachtern wurde vorgeworfen, leitende Angestellte der Großkonzerne zu sein und nur die bisherige Politik fortsetzen zu wollen. Aus der Perspektive der Landesverteidigung bildeten gerade die Fernleitung und die RWE-Hauptschaltstelle Brauweiler hervorragende Angriffsziele. Außerdem habe das von Koepchen forcierte System der Großkraftwirtschaft sogar mehr Kapital zur Spitzendeckung verschlungen als der Ausbau der Einzelkraftwirtschaft.
Die nationalsozialistische Stellungnahme zum „AG-Gutachten" zog wie auch schon andere Autoren zuvor Koepchens Kernargument in Zweifel, nachdem Fernleitungen den unwirtschaftlichen Ferntransport von Brennstoffen vermeiden würden. Vielmehr seien manchmal „die durch die Fernleitung des Braunkohlenstroms entstehenden Kosten nicht nur höher als die Kosten des Eisenbahn- und Schiffstransports der Steinkohle, sondern sie sind so hoch, daß sie auch noch die durch die billigere Braunkohlenförderung erzielten Kostenersparnisse aufheben.." Außerdem habe das RWE bei über 800 MW Leistung gegenüber einer Höchstlast von höchstens 350 MW über 100 Mio. RM fehlinvestiert, zu denen die Nord-Süd-Leitung mit weiteren 100 Mio. RM zu addieren sei. Das Gesamturteil über Koepchens Teilgutachten stellte fest, „daß die ganzen Argumentationen, die das RWE für die Aufsaugung anderer Unternehmungen [...] trifft, nicht stichhaltig und von der Tendenz, den Eigennutz dem Gemeinnutz voranzustellten, diktiert sind.

Obwohl Koepchen nun erneut persönlich zur Zielscheibe geworden war, kristallisierte sich in der Folge seine herausragende Stellung als Vertreter der großen EVU weiter heraus, indem er jeweils öffentlich, aber auch im Umgang mit Behörden und NS-Organisationen die Politik des RWE rechtfertigte. Schon bei Gründung des „Reichsverbandes der Elektrizitätsversorgung" (REV) Anfang 1934 wurde er zusammen mit 19 anderen Persönlichkeiten aus der Stromwirtschaft in den Beirat berufen. Damit war er bei den weiteren Auseinandersetzungen in einer zentralen NS-Organisation vertreten und konnte dort Einfluß ausüben. Als Beigeordnetem der Stadt Essen und Bezirksvorstand des REV unterstanden Just Dillgardt Anfang 1934 sämtliche technischen Betriebe wie Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke. Nach ersten Besprechungen mit Koepchen gab er zu verstehen, daß der REV dahin kommen werde, „einen für die gesamte deutsche Elektrizitätswirtschaft infrage kommenden Kommissar aufzustellen, dessen Hauptarbeit darin liegen dürfte, die Gewaltpolitik der Elektro-Päpste [!], zu denen ich das RWE, die Preag [Preussische Elektrizitäts A. G.] usw. rechne, auf eine andere Bahn zu führen". Diese Äußerungen dokumentieren, daß das RWE in der Frühzeit des Regimes unter starken Druck geriet, andererseits aber auch, daß Koepchen - angesichts der erheblichen Verschuldung des RWE - unter Berufung auf bestehende Verträge zunächst keinen Millimeter Bodens preiszugeben bereit war.
Auch die Vorschläge von Franz Lawaczeck stellten einen massiven Angriff auf die EVU dar. Lawaczeck vertrat den sog. Staffelflußausbau, bei dem in Tausenden von Kleinstkraftwerken neben Strom auch Wasserstoff produziert werden sollte. Bedrohlich für das RWE mußte die Übernahme der energiewirtschaftlichen Fragen im RWM durch den Staatssekretär Gottfried Feder wirken, der als Repräsentant des industriefeindlichen Parteiflügels der NSDAP galt. Indes behielt sich das RWM die Entscheidung in allen energiewirtschaftlichen Fragen selbst vor.

Im Zusammenhang mit dem Staffelflußausbau, der in perfekter Weise sozial-, technik- und wehrwirtschaftspolitische NS-Forderungen einzulösen versprach, holte das RWM Gutachten ein, u.. a. von Endrucks und Koepchen. Auf einer Sitzung im RWM im Februar 1934 zeichnete sich aber bereits die strompolitische Wende ab, in der die Tonart der schroffen Endrucks-Gutachten von Regierungsseite stark relativiert wurde. Lawaczeck und Endrucks, nun mit ihren mächtigen Kritikern konfrontiert, referierten erst gar nicht über ihre Gutachten, sondern beschränkten sich auf reine Polemik. Sogar für Feder war ihr Einfluß damit unbedeutend geworden. Als Ergebnis der Sitzung wurden bis auf einige braune Einsprengsel erneut zentrale Vorstellungen der EVU festgeschrieben. Koepchen und seine Gutachterkollegen konnten sich also in wesentlichen Punkten Anfang 1934 durchsetzen, auch weil sich ihre wichtigsten Kritiker selbst diskreditiert hatten.

Koepchen trat Anfang 1935 erneut gegen die Kritiker des Großverbundes an, als ihm beim VDI die Dezentralisierung der Stromerzeugung durch „Distrikts-Dampfkraftwerke" als wettbewerbsfähige Alternative vorgehalten wurde. Dabei griff er nun zunehmend auf Argumente der NS-Strompolitik zurück und leitete her, daß diese letztlich beim RWE realisiert worden seien. Indes konnte zu diesem Zeitpunkt kaum die Rede davon sein, daß der Großverbund, so Koepchen, außer Frage stehe. Er ging auch überhaupt nicht konkret auf die ökonomische Bilanz des RWE-Großverbundes ein, sondern legitimierte sich durch die Belastungskurve, die durch Pumpspeicherung während der Nachtzeit und Lieferung von Wasserkraftspitzen am Tage auf das Gleichmäßigkeitsverhältnis von rd. I : 1 gebracht werde, so daß die Wärmekraftwerke fast 24stündig gleichbelastet durchfahren könnten. Nur die Großversorger seien in der Lage, die „Großkraftlieferung für die Rohstoffbeschaffung [...] zu konkurrenzlos billigen Preisen wirtschaftlich unter geringstem Verbrauch von Nationalvermögen durchzuführen."
Außerdem griff er ein Argument Lawaczecks auf, als er darauf hinwies, daß ohne Großverbund Millionen Kilowattstunden unausgenutzt über die Wehre fließen müßten, dies jedoch im Unterschied zu Lawaczeck jetzt allein schon eine wirtschaftliche Rechtfertigung der Höchstspannungsanlagen darstelle. Nur die Verbundwirtschaft könne auch die Stromversorgung bei Ausfall eines Kraftwerkes gewährleisten, womit er ohne direkte Nennung des Begriffs auf die Wehrhaftmachung der Stromversorgung anspielte. Koepchen vollzog auch den Kotau vor dem Leiter des Amtes für Technik, Parteigenosse Dipl: Ing. Seebauer, indem er die „großen nationalen Fragen, wie [den] Abtransport [...] von 400 Mio. kWh Saarstrom", herausstrich, auf den Seebauer wiederholt hingewiesen hatte und der nur durch den Großverbund möglich sei.

Energiewirtschaftsgesetz und Autarkie

Im Vorfeld des Erlasses des Energiewirtschaftsgesetzes entwickelte sich speziell der Deutsche Gemeindetag zum Hauptgegner der „Elektro-Päpste", da die Gemeinden nicht auf die beträchtlichen Einnahmen aus eigenen Kraftwerken verzichten wollten. Sie betonten vielmehr den „politisch-sozialen Charakter der Energiepolitik als Daseinsvorsorge", die bei der Neuordnung der Energiewirtschaft zu berücksichtigen sei. Und mit dem überraschenden Erlaß des Preußischen Innenministeriums vom 15. August 1935, der bestimmte, daß die Energieversorgung ausschließlich Gemeindeangelegenheit sei, schienen sie einen großen Sieg davonzutragen. Besonders kritisch für die Großversorger war die Bestimmung, daß sich der Primat der Gemeinden auch auf Vertragsverlängerungen erstreckte. Koepchen wurde im August 1935 während seines Urlaubes von der Nachricht überrascht. Die Vorgänge, die durch diesen Vorfall ausgelöst wurden, veranschaulichen beispielhaft Koepchens Schlüsselstellung innerhalb des elektrizitätspolitischen Gefüges des „Dritten Reiches" von 1935.

Weder Schacht noch der Leiter der „Reichsgruppe Energiewirtschaft" (REW), Carl Krecke, und auch nicht der Leiter der „Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung" (WEV), W. Zschintzsch, waren unterrichtet. Vögler empfahl Koepchen, zusammen mit den anderen Großversorgern beim RWM vorzugehen und auch beim Reichsfinanzministerium vorstellig zu werden. Schacht entsann sich des bekannten Entwurfes eines Elektrizitätsgesetzes und hielt es für dringend, dieses Gesetz herauszubringen, durch das dann sowohl das alte Sozialisierungsgesetz als auch die neue Verordnung außer Kraft gesetzt würden. Anders seien „die schlimmen Folgen der Verordnung für die gesamte Elektrizitätswirtschaft" nicht abzuwehren.
Schacht hatte sich schon 1908 gegen das „kommunalsoziale Prinzip" ausgesprochen und sich von der „Krafttelegraphie" fasziniert gezeigt. Koepchen stieß bei Krecke, der als Vertreter der „großwirtschaftlich orientierten Gruppe von Parteirepräsentanten" galt, auf offene Ohren. Krecke bestätigte ihm, in seinem Sinne auf das RWM eingewirkt zu haben, und Koepchen führte als immer wichtigeres Argument zur Legitimation des Großverbundes den Energiebedarf der deutschen Aluminiumerzeugung an. Damit hatte er auf ein Schlüsselproblem der NS-Autarkiewirtschaft verwiesen, in der die Produktion von Roh- und Ersatzstoffen auf Gedeih und Verderb von der ausreichenden Stromdarbietung abhing. Im Kern bedeutete dies, daß der Aufrüstungskurs des Regimes nur beibehalten werden konnte, wenn Koepchens Forderungen erfüllt würden. Gegenüber dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Gauleiter Josef Terboven, brachte Koepchen außerdem die wehrwirtschaftliche Bedeutung der „grossen Kupplungsleitungen, wie sie gerade von der Wehrmacht verlangt werden", ins Spiel, um gegen den noch gültigen Primat der Gemeinden vorzugehen. Das „Gesetz zur Förderung der Energiewirtschaft (Energiewirtschaftsgesetz) " vom 13. Dezember 1935 enthielt jedoch kein ausdrückliches Bekenntnis zur Großversorgung.
In den Augen des Deutschen Gemeindetages war es dagegen ein Ermächtigungsgesetz, das dem RWM außerordentlich weitgehende Vollmachten in die Hand gebe. Sahen sich damit die Kommunen zwar gegenüber den Großversorgern zurückgedrängt, so enthielt das Gesetz jedoch einen entscheidenden, vom Reichskriegsministerium durchgesetzten geheimen Zusatz, nachdem das in § 13 öffentlich gemachte Recht des RWM auf Anordnungen zur Landesverteidigung und Wehrhaftmachung der deutschen Energiewirtschaft diene und dieses Ziel bei der Durchführung des Gesetzes allen [!] übrigen Belangen vorgehe.
Koepchen konnte seine Vorstellungen erneut im Februar 1936 auch in Parteikreisen verbreiten, als er auf Wunsch Terbovens einen Vortrag hielt. Obwohl er im Grunde nur seine bekannten Kernargumente wiederholte, fügte er aber jetzt einen Begriff aus der NS-Wirtschaftspolitik ein, den er durch das RWE bereits verwirklicht sah. Das wichtigste Mittel zur Erzielung geringer Anlagekosten und zur Vermeidung von Fehlinvestierungen liege in der Großraumverbundwirtschaft. Wäre diese überall nach Art des RWE durchgeführt worden, so wären einige Milliarden Reichsmark an Volksvermögen erspart geblieben. Bei der dann von Dillgardt und Koepchen Anfang 1936 organisierten „Zweiten Energietagung" demonstrierten sie nicht nur den abnehmenden Einfluß des kommunalen Parteiflügels, sondern auch den Schulterschluß mit den Vertretern des zentralisierten Großverbundes in ihrer Partei.

Koepchen forderte weitere Großverbundleitungen zur Nutzung des Wasserkraftüberschusses in Bayern und zur Verkupplung der großen Industriegebiete durch Leitungen zwischen Ostbayern und Mitteldeutschland und von dort ins RWE-Gebiet. SSW und Reichsluftfahrtministerium (RLM) hatten inzwischen Sprengversuche an Freileitungen durchführen lassen, um die Wirkung von Fliegerbomben festzustellen. Koepchen dagegen weigerte sich, die „wehrpolitischen Gründe" anzuerkennen, da er den Herren von der Wehrmacht gezeigt habe, daß er auch im Falle der Gefährdung der linksrheinischen Kraftanlagen die Versorgung sicherstellen könne. Trotz der Bedenken, die auch Schacht gegen den Ausbau des Goldenbergwerkes hegte, gab Koepchen seine Opposition gegen das „Syndikatskraftwerk" nicht auf, das seiner Ansicht nach subventioniert würde. Obwohl dann Anfang 1937 neue Steinkohlenkraftwerke im Ruhrgebiet aus wehr- und rüstungswirtschaftlichen Gründen nicht mehr zu verhindern waren, fand Koepchen wiederum eine Lösung, mit der das RWE die Forderungen der NSWirtschaftsführung einlösen konnte, ohne die Steinkohlenstromproduktion völlig aus der Hand zu geben. So erging am 5. Februar 1937 der Antrag auf ein RWE-Steinkohlenkraftwerk in Essen-Karnap. Im Gegenzug mußte sich die vom RWKS gegründete „Steinkohlen-Elektrizitäts AG", die mitten im RWE-Territorium für die Versorgung von Vierjahresplanwerken ein Großkraftwerk in Scholven bei Gladbeck errichtete, verpflichten, „innerhalb des Versorgungsgebietes des R.W.E. Strom an Dritte nicht abzugeben, ohne vorher[ ...] eine Verständigung" gesucht zu haben.

Das „Odium des Versagens"

Bereits im Frühjahr 1937 beschuldigte Koepchen das RWKS implizit, zu dem mittlerweile deutlich erkennbaren Leistungsmangel beigetragen zu haben: „Wenn deshalb in Zukunft sich Schwierigkeiten [...] ergeben sollten, [kann] das RWE hierfür jedenfalls nicht verantwortlich gemacht werden, sondern die Kreise, die [...] die rechtzeitige Schaffung der verbreiterten Erzeugungsbasis verhindert haben". Den Winter 1937/38 konnte das RWE unter „ausserordentlicher Anspannung" überstehen, und noch im Januar 1938 bemühte man sich für Winter 1938/39 bei den VEW um die „zur Verfügungsteilung freier Leistung". Koepchen hatte dagegen durch seine Ablehnung der Steinkohlenverstromung in erheblichem Maße selbst zum Engpaß beigetragen, jedoch parallel den für das RWE profitableren Ausbau der südlichen Wasserkräfte betrieben, auch um die Nord-Süd-Leitung möglichst vollständig auszulasten und ein entsprechendes "return on investment" endlich sicherzustellen.
Kurz vor der „Angliederung" Osterreichs kam es zu einem Abkommen mit dem Lande Tirol, wobei das RWE 90 % einer neu zu gründenden Gesellschaft übernahm, der das ganze Westtiroler Wasserkraftgebiet vorbehalten sein sollte. Danach änderte sich die Lage jedoch vollständig, da nun in verschiedenen Reichsbehörden und EVU Begehrlichkeiten geweckt wurden. So plante z. B. die Reichsstelle für Wirtschaftsausbau (RWA): „Weiter erfolgt stufenweiser Ausbau der [...] Wasserkräfte an Inn, Enns und Donau, die ihre Energie für chemische Produkte liefern werden [...] Das weitgehend vorbearbeitete Projekt eines Tauern-Großkraftwerkes muß sofort in die Untersuchung einbezogen werden." Die noch ausbaufähigen Wasserkräfte Osterreichs, mit 15-20 Mrd. kWh jährlich angegeben, lösten eine regelrechte Euphorie aus, weil Deutschland nun angeblich „in die Stellung einer nahezu konkurrenzlosen Energie-Großmacht" aufrücke.

Zur Sicherung seiner Ansprüche wandte sich auch Koepchen noch im März 1938 mit einem Schreiben an das RWM, in dem die ungeheure Dimension der RWE-Planungen sichtbar wird. So sollten neben insgesamt bestehenden 302 MW Kraftwerksleistung mit 1395 Mio. kWh Jahreserzeugung nun 1719 MW mit 4742 Mio. kWh zugebaut werden. Das RWE war dabei durch den vorliegenden Vertrag und durch seine Nord-Süd-Schiene in einer vorteilhaften Position, da ihre Kapazität durch Umschalten auf 380 kV verhältnismäßig einfach auf 1000 MW gesteigert werden konnte. Zum Abtransport des Alpenstroms werde außerdem eine 380-kV-Leitung nach Kelsterbach erforderlich.
Koepchens Euphorie schlug jedoch bald in andauernden Ärger um. Göring und Staatssekretär Wilhelm Keppler erhoben die Wasserkraftausnützung in Österreich zur Reichsangelegenheit, und auch Wiener Kreise versuchten erfolgreich, sich der Federführung der Projekte zu bemächtigen. Umgehend schaltete sich Vögler ein, der Paul Pleiger, den Vorstandsvorsitzenden der Reichswerke Hermann Göring (HGW), vor dem „masslos" teuren Lieblingsprojekt Görings, dem Tauernwerk, warnte und darauf verwies, daß die Westtiroler Wasserkräfte 2.000.000.000 kWh zur Verfügung stellen könnten. Zwei Wochen später wurden Koepchens Verhandlungen vom Reichsbeauftragten Osterreichs, Präsident Kerl, gestoppt. Offenbar lehnte auch Keppler für Österreich die „Buntscheckigkeit" der deutschen Stromversorgung ab. Mit dieser Entwicklung verstärkte sich die Tendenz weiter, die Stromwirtschaft nach dem ständig zitierten Vorbild der Reichsbahn immer stärker unter staatlichen Einfluß zu bringen. Dieser sollte schließlich durch die staatliche „Vereinigte Industrieunternehmungen AG" (Viag) sichergestellt werden. Wahrscheinlich war die Absage an das RWE auch eine Quittung für Koepchens Widerborstigkeit bei der Steinkohlenverstromung, sich jetzt aber die Rosine im österreichischen Wasserkraftkuchen herauspikken zu wollen.

Koepchen hatte Vögler euphorisch ermuntert, schon am 5. Mai 1938 eine Aufsichtsratssitzung anzuberaumen, um die Verträge unter Dach und Fach zu bringen. Der Widerstand, ja die deutliche politische Majorität für eine Reichslösung spitzten für Koepchen und das RWE die Situation zu. Weitere Hiobsbotschaften gingen ein, wonach tatsächlich die gesamten österreichischen Wasserkräfte in ein Staatsunternehmen eingebracht werden sollten. Auch das Militär wollte die RWE-Leitung über das grenznahe Bludenz nicht weiter belastet sehen. Vögler begab sich zwar im Mai 1938 zu den großen Propagandaauftritten Görings bei den „Grundsteinlegung[en] für das Stahlwerk [in Linz], die Wasserkraftwerke an der Donau, und den Tag darauf für die Tauern ", wandte sich aber auch an General Hermann von Hannecken in der Energieabteilung .des RWM, während Koepchen sich bei Keppler gegen den Vorwurf der „Konzessionsjägerei des RWE" verwahrte. In Wien waren Vögler und Koepchen auf den Widerstand des ehemaligen saarländischen Gauleiters Bürckel gestoßen, der seit den Saarverhandlungen mit dem RWE mehr als verschnupft war. Die Viag war zu dem der Auffassung, das RWE sei mit den Vorarlberger Wasserkräften mit Wasserkraft schon „voll" versorgt. Koepchen beklagte, daß ihm die Ausgrenzung des RWE unbegreiflich sei, weil allein das RWE in Voraussicht des Kommenden (und damit hat es wieder eine nationalwirtschaftlich hochbedeutsame Aufgabe vorab erfüllt) die einzige leistungsfähige Ferntransportanlage besitze. Er bat das RWM daher um paritätische Verteilung der österreichischen Wasserkräfte. Trotz einer weiteren Intervention über die NS-Vertreter im RWE-Aufsichtsrat und Appellen an Reichswirtschaftsminister Funk und Generalinspektor Todt schloß das Land Tirol am 25. Juni 1938 den Vertrag mit den „Alpen-Elektrowerken AG" (AEW), einer 100%igen Viag-Tochter.

Koepchen war also an einer Koalition einflußreicher Parteigrößen in Berlin und Wien gescheitert, was er selbst jedoch auf den Einfluß der Wehrmacht zurückführte. Nach weiteren Verhandlungen im Sommer und Herbst 1938 gelang es ihm dennoch, den Ausbau derjenigen westlichen Wasserkräfte durchzusetzen, an denen die AEW kein weiteres Interesse hatten. Dazu zählten der obere Lech einschließlich Plansee, Sanna und Trisanna und ein reines Innspeicher-Kraftwerk. Letzteres könne nicht nur als reines Spitzenkraftwerk mit vorwiegender Winterenergie, sondern darüber hinaus die sämtlichen Innkraftstufen bis Passau mit einer zusätzlichen Winterwassermenge von ca. einer Milliarde m5 versorgen. Waren damit zwar insgesamt nur 1.838 Mio. kWh jährlich zu gewinnen, was sich gegenüber den ursprünglich erträumten über 4700 Mio. kWh relativ bescheiden ausnahm, konnte Koepchen wiederum 60 % davon als wertvollste Energieform für das RWE verfügbar machen, nämlich als Winterspitzenkraft, wenn auch jetzt für 1,9 Pfg. je kWh.

„Die Lage der Energiewirtschaft ist ernst"

Anfang 1939 beklagte Dillgardt, mittlerweile zum Generalbevollmächtigten für die Energiewirtschaft (GBEn) ernannt und neuer Leiter der REW: „Öffentliche und industrielle Kraftwerke sind heute mit zusammen fast 1 Mio kW Leistung im Rückstand. Bis zum Ende des Jahres 1942 [...] müßten [...] jährlich 2 bis 2,5 Mio kW neu erstellt werden". Tatsächlich wirkte sich die Stromklemme im Winter 1938/39 erstmals sogar bei Wehrmachtsaufträgen für Aluminium spürbar aus. Trotz der im Dezember 1938 in Betrieb genommenen 220-kV-Ost-West-Trasse und Stromlieferungen ins Ruhrgebiet zeichneten die Rohstoffabteilung des Wehrwirtschaftsstabes wie auch das RWA ein düsteres Bild. Für Koepchen und das RWE bedeutete die Ernennung des „3. Vorsitzer[s] des Aufsichtsrates des RWE", Dillgardt, zum GBEn zunächst eine energiepolitische Positionsverbesserung. Der umgehend vorgelegte „Schnellplan für die deutsche Energiewirtschaft" enthielt nun tatsächlich Elemente, die ganz im Interesse des RWE lagen, wie z. B. die Vermeidung von Kleinstkraftwerken. Bei der Forderung des Ausbaus der „Reichssammelschiene" (RSS) kollidierte Dillgardt jedoch mit Koepchen, da diese als Reichsgesellschaft vorgesehen war.

Die Bemühungen Koepchens um die Genehmigung der Wasserkraftanlagen und Leitungen gerieten indes zum Hürdenlauf. Nach Dillgardts Ernennung suchte er dessen Autorität beim RWM zu nutzen, um endlich die Baufreigabe durchzusetzen. Das RWM gab sich - freilich erst nach Kriegsbeginn - bezüglich der Wasserkraftanlagen geschlagen, behauptete danach jedoch, die Genehmigung umfasse nicht die gleichzeitig erforderlichen Hochspannungstrassen.

Unterdessen entwickelte sich das Problem der Trassenführung zum Alptraum. Die Gründe lagen in der Unfähigkeit des RWE und der AEW, Anlage und Betrieb der Leitungen abzusprechen. Als völlig neue Aspekte tauchten Natur- und Landschaftsschutz auf, als der'„Reichsstatthalter von Tirol und Vorarlberg", Gauleiter Hofer, verlangte, daß die Leitung von hervorragenden Aussichtspunkten nicht zu sehen sein dürfe. Die Ernennung Todts zum „Generalinspektor für Wasser und Energie" (GIWE) Ende Juli 1941 erschwerte die Lösung noch, weil das für Todt vorgesehene Zimmer eines Ferienhauses seiner Dienststelle genau auf die dort geplante RWELeitung wies, die demzufolge verlegt werden mußte. Außerdem sollten, so Todt, die 400-kV-Leitungen durch ein Reichsunternehmen errichtet und betrieben werden. So ließ er sich bei einer Sitzung der Arbeitsgruppen für die Alpenleitungen und für Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) im Juli 1941 davon überzeugen, daß im Grunde alle Hochspannungstrassen, die in Waldgebieten über bis zu 70 m breite Schneisen geführt wurden, durch die HGU vermieden werden konnten: „Warten Sie mit der Entwicklung der Freileitungen möglichst so lange, bis die Frage Gleichstrom gelöst ist!" Koepchen wandte sich gegen die HGÜ, da die Störungsbeseitigung bei Kabeln mehrere Tage, bei Freileitungen aber nur Stunden benötige. Zudem seien die Erfahrungen des RWE mit Freileitungen in den vergangenen zwei Kriegsjahren so zufriedenstellend, daß man froh sei, „keine Höchstspannungskabel in Betrieb zu haben." Koepchen waren die HGÜVersuche seit 1931 bekannt, doch hielt er einen Entwicklungszeitraum von weiteren zehn Jahren für erforderlich. Eine Lösung bestehe in der 400-kVDrehstromübertragung (DHU), deren Entwicklung kurz vor dem Abschluß stehe.

Zu der Koalition, die die Energieressourcen des europäischen Großwirtschaftsraumes von Norwegen bis Afrika für die Kriegswirtschaft nutzbar machen wollte, die die Entwicklung der HGU mit Millionenbeträgen finanzierte und für die Freigabe von Engpaßrohstoffen sorgte, zählten der Leiter des RWA und der „Generalbevollmächtigte für Sonderfragen der chemischen Erzeugung", Carl Krauch, der Chef des Wehrwirtschaftsstabes des OKW, Generalmajor Thomas, HGW-Chef Pleiger, der Ministerialrat im Reichsluftfahrtministerium Heinrich Steinmann, GIWE Todtt und später auch Speer und spätestens seit August 1940 auch GBEn Dillgardt. Erst im Januar 1942 genehmigte Todt die östlichen Strecken des 400-kV-Ringes (Brauweiler-Opladen-Borken-Offingen), dagegen wiederum nicht die hochalpinen südlichen Strecken Bludenz-Ötz-Offingen einschließlich des Umspannwerks Thalhofen. Zwar waren mittlerweile die Wasserkraftanlagen in Bau gegangen, wegen der Engpässe bei den Hauptlieferanten AEG und SSW konnte jedoch ohne Genehmigung aus dem RWM und die damit verbundene Erteilung von Dringlichkeitsstufen für Materialzuweisungen kein rechtzeitiger Produktionsbeginn zustande kommen.

Angesichts des permanenten Energieengpasses verlagerten sich die Planungen weiter in Richtung Hydroelektrizität. So formulierte das RWA Ende 1940: „Der 2. Vierjahresplan [muß] den Gesamtraum Großdeutschlands und den [...] europäischen Großwirtschaftsraum, insbesondere den Norden und Südosten, in die Gesamtentwicklung einbeziehen [...] Die [in Norwegen] zur Verfügung stehenden Energiemengen sind jedoch weitaus grösser, so daß ab 1943/44 entweder weitere deutsche stromintensive Industrien nach dort verlegt werden können oder aber in grösserem Umfange Strom von Norwegen nach Deutschland überführt wird". Neben vereinzelten Abschaltungen im Winter 1939/40 war speziell die Kohlenversorgung von Großkraftwerken im Januar mangelhaft. Auch die Kohlenproduktion war so zum begrenzenden Faktor der Kriegswirtschaft geworden. Koepchen nutzte diese Konstellation, um beim RWM erneut die Dringlichkeit des 400-kV-Projektes zu unterstreichen. Gleichermaßen wandte er sich an das RWM und den „Reichslastverteiler" (RLV), der seit Kriegsbeginn mit Hilfe des Verbundbetriebes die Versorgung der Großverbraucher sicherzustellen hatte. Erst im April 1943 jedoch genehmigte der neue GIWE Speer endlich die Südschiene von Bludenz nach Ötz, während er den Ausbau der Westtiroler Kraftwerke bis auf weiteres zurückstellte.

Auch die Vision, die auf 20.000 MW geschätzten Wasserkräfte Norwegens für die deutsche Kriegsführung und Herrschaftspläne zu nutzen, sollte scheitern. Reichskommissar Terboven war auch in Norwegen „auf die Wahrung der Interessen der Rheinprovinz bedacht", wobei dem RWE ermöglicht werden sollte, dort „groß in's Geschäft einzusteigen". In der Arbeitsgemeinschaft für den Elektrizitätsausbau Norwegens (AGEN), die die technischen und wirtschaftlichen Fragen des Stromtransports klären sollte, war neben dem RWE auch die Viag vertreten. Im Oktober 1940 reiste Koepchen nach Norwegen, um Vögler dort zu vertreten. Wie sich nach dem Krieg herausstellte, lag Koepchen mit seiner Prognose über die HGU richtig, als er ihre Betriebsfähigkeit nicht innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre erwartete. Zugleich bekräftigte er die Fähigkeit des RWE, eine 400-kV DHÜ sowohl über den Sund als auch den Fehmarnbelt zu errichten. Bei 800 MW Übertragungsleistung mit „rd. 8.000 Benutzungsstunden [...] ergäbe sich [...] an Übertragungskosten ein Betrag von etwa'/2 Pfg. je kWh, zu dem die [...] Erzeugungskosten in Norwegen von etwa '/8 Pfg./kWh hinzukämen." Die Aussicht auf einen derart günstigen Gestehungspreis frei Sammelschiene macht das Interesse der wehrwirtschaftlichen Institutionen und des RWE an der norwegischen Wasserkraft plausibel, wenn man bedenkt, daß nach Koepchens Aussage „ganz große Verbraucher [...] zu einem Strompreis von sage und schreibe 1 Pfg. beliefert werden" muBten. Angesichts der Möglichkeiten der Elektroindustrie stellte Terboven jedoch nüchtern fest, daß die „Frage der Kraftübertragung nach Deutschland noch nicht akut sei". Mit diesen Entwicklungen scheiterten die hochfliegenden Pläne für einen Stromverbund im europäischen Großwirtschaftsraum von Norwegen bis Italien, für die sich auch besonders Koepchen eingesetzt hatte, im wesentlichen an der nicht verfügbaren „Großraumtechnik", aber auch an den rüstungswirtschaftlichen Begrenzungen der Elektroindustrie, bei der für energietechnische Großgeräte inzwischen mehrjährige Lieferzeiten üblich waren.

Verbund bis zum bitteren Ende

Der ständig steigenden. Stromnachfrage, die durch den Rüstungsboom der Ära Speer weiter angefacht wurde, konnte in gewissen Grenzen durch Erweiterungen in Essen-Karnap und die Inbetriebnahme einiger Wasserkraftanlagen im Süden begegnet werden. Auf die Drosselungen im Sommer 1942 reagierte die Vereinigte Aluminium-Werke AG (VAW) prompt, konnte jedoch keine Sonderstellung erlangen, da die Abschaltlisten vom RLV mit dem Speerschen Planungsamt „entsprechend der Dringlichkeit der einzelnen Fertigungszweige" aufgestellt wurden. Hinzu kamen mit Kriegsbeginn die Luftangriffe. Erste größere Schäden richtete der Angriff auf Köln im Mai 1942 bei 43 Hochspannungsleitungen an, der sich besonders auf die Verbindung des Goldenbergwerks mit der Hauptschaltstation Brauweiler auswirkte. Das weitere Ausbleiben gezielter Luftangriffe rief bei Verantwortlichen wie dem Leiter der elektrischen Abteilung des RWE, Hermann Roser, Erstaunen hervor. Tatsächlich waren die Großkraftwerke, die zunächst an erster Stelle der Zielliste des „Ministry of Economic Warfare" gestanden hatten, bis 1943 auf Platz 13 von 19 rüstungsindustriellen Zielen abgerutscht. Der erste bedrohliche Ausfall betraf das Koepchenwerk im Mai 1943, dessen Maschinenhaus am Hengsteysee nach der Zerstörung des Möhne-Sees unter Wasser stand. Gerade das Pumpspeicherwerk war während des Krieges durch seine beachtliche Momentanreserve für eine stabile Versorgung von größtem Nutzen. Der Angriff auf Brauweiler im August 1943 kostete das RWE zwei der vier wertvollen 220-110-kV Haupttransformatoren. Danach verschärfte sich die Situation erst wieder im Mai 1944 mit der systematischen Bombardierung der Hydrieranlagen, bei denen die zugehörige Stromversorgung schwer getroffen wurde.

Angesichts der sich zuspitzenden Luftlage fand im Oktober 1943 im Goldenbergwerk eine Besprechung mit Vertretern des RLM, RLV, der Flakgruppe Brühl und der Luftgaukommandos Köln und Ratingen statt. Koepchen forderte unverzüglich „die Aktivierung des Schutzes durch Flak und Jäger", die an anderen Stellen abgezogen werden sollten. Die Ortung der Schornsteine des Goldenbergwerks durch feindliche Flieger sei so erfolgreich, weil neuzeitliche Entstaubungsanlagen nicht eingebaut worden waren, und daher glühende Braunkohlenkoksteilchen aus den Kaminen herausgeschleudert würden. Den schwersten Schlag gegen das RWE bildeten zwei gezielte Angriffe auf das Goldenbergwerk im Oktober 1944, das für zwei Monate vollständig ausfiel. In dieser Zeit wurden auch Reisholz, Fortuna, Frimmersdorf und Roddergrube schwer getroffen. Im März 1945 folgte der totale Zusammenbruch der Stromversorgung.

Entnazifizierung und „Glaubenssätze"

Nach Kriegsende analysierten alliierte technische Ermittlungsteams die Auswirkungen des Bombenkrieges auf das RWE. Auf die Frage, welcher Prozentsatz der Kapazitäten hätte zerstört werden müssen, um die öffentliche Versorgung vollständig lahmzulegen, antwortete Koepchen lapidar: 100 %. Auch danach wären immer noch 45 % der Rüstungsindustrie auf der Basis ihrer Eigenerzeugung funktionsfähig geblieben. Koepchen verschleierte mit dieser Antwort die Verhältnisse insofern, als die zahlreichen Störungen beim RWE jeweils schon ohne den totalen Ausfall erhebliches Chaos angerichtet hatten, das auch der RLV, den Koepchen für „clumsy" erklärte, nicht zu beheben, in der Lage war. Der Tenor in Koepchens Antworten auf die Fragen der amerikanischen Interviewer ergab sich vermutlich aus einer erklärlichen Verweigerungshaltung des 67jährigen gegenüber dem ehemaligen Kriegsgegner.
Der jüngere Hermann Roser fand sich dagegen zu einer offeneren Bewertung bereit: „The war would have finished two years sooner if you had bombed our power plants earlier." Dies deckt sich mit den Aussagen anderer Persönlichkeiten aus Wehrwirtschaft und Stromversorgung, für die der Gedanke an die Bombardierung der Kraftanlagen ein ständiger Alptraum war, hingen doch „the entire life of the nation (and of course of all war industries) " von ihr ab. Speer habe ausgesagt, „the German electricity supply System would haue collapsed completely if but 60 % of its productive capacity had been destroyed."
Koepchen trat wegen einer chronischen Venenentzündung zum 1. September 1945 in den Ruhestand. Am 3. Oktober berief ihn das RWE in seinen Aufsichtsrat, der ihn aber „vorübergehend wieder in den Vorstand zur Einarbeitung seines Nachfolgers zurückdelegierte." Seit 1933 Mitglied der NSDAP und seit 1942 Wehrwirtschaftsführer, mußte er sich im November 1945 dem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Dazu führte er aus, daß er Ende 1932 der bekannten Propagandarede Hitlers im Industrie-Club in Düsseldorf beigewohnt habe, der anschließenden Aufforderung zum Eintritt in die Partei aber nicht nachgekommen sei.

„Erst einige Monate nach der Machtübernahme musste ich mich, um
mich in meiner Stellung als Direktor [...] mit seinem durch die neuen
Gemeindevertreter ganz überwiegend national-sozialistisch gewordenen Aufsichtsrat behaupten zu können, auf direktes Ersuchen zusammen mit meinen 4 Vorstandskollegen zur Partei anmelden."

Seine offene Opposition gegen Feder, Lawaczeck und Endrucks in der Presse und im RWM habe dazu geführt, daß seine „Mitarbeit weder in den öffentlichen national-sozialistischen Verbänden z. B. als Wirtschaftsberater oder Mitglied im Kampfbund der deutschen Architekten und Ingenieure noch in den zentralen Berliner Stellen in Frage" gekommen sei. Er sei weder im Hauptamt für Technik in irgendeiner Form tätig gewesen noch im Beirat für Energiewirtschaft, ebensowenig wie in der von Speer eingerichteten Energieplanung. Obwohl sich also Koepchens direkte Mitgliedschaft zu NS-Organisationen außer der im „Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik" (NSBDT) nur auf die NSDAP erstreckte, beschloß der Entnazifizierungsausschuß seine zwangsweise Entfernung - „compulsory removal" - aus dem RWE, die zum 9. Februar 1946 in Kraft gesetzt werden sollte. RWE-Hauptverwaltung und der Betriebsrat wandten sich umgehend an die Militärregierung, um seine Entfernung rückgängig zu machen. Für Koepchen verwandten sich der „Volljude" Oskar Löbl, dem das RWE vor den Verfolgungen der Gestapo Schutz gewährt hatte, die Präsidenten der Schweizer Aarewerke AG, die seine Abneigung gegen das Hitlerregime bescheinigten, sowie Fritz Gaede vom Landeswirtschaftsamt Düsseldorf, nach dessen Aussage Koepchen vor seiner Ernennung mehrfach von der Kandidatenliste der Wehrwirtschaftsführer gestrichen worden sei. Der Entnazifizierungs-Unterausschuß gelangte zu der Ansicht, daß Koepchen kein Aktivist gewesen sei und stufte ihn im Februar 1947 als „entlastet" ein.
Über die Struktur der Stromwirtschaft wurde auch nach 1945 heftig weitergestritten. Anläßlich des 50jährigen Bestehens gab das RWE unter dem Titel „Großraum-Verbundwirtschaft" einen Band heraus, der sich nach der Blaupause der NS-Großraumverbundpläne jetzt für ein „Europa-Netz" aussprach. Koepchen machte seinen 1938 entworfenen, aber geheimen Plan des 400-kV-Ringes öffentlich, der „lediglich durch den Krieg verhindert worden" sei. Er sprach sich auch für die 4er-Bündelleiter aus, mit denen bei 400 kV dann sogar etwa 600 gegen jetzt etwa 400 MW je System übertragen werden könnten.

Zwei Jahre später griff er noch einmal in die Debatte ein, um mit der „behördlichen Zwangswirtschaft" abzurechnen, die zahlreiche RWE-Projekte seit dem Ersten Weltkrieg be- oder verhindert hätte. Er reagierte damit auf einen Vortrag von Oberregierungsrat Melchinger, der bis 1945 im RWM möglicherweise als „Bremser" des RWE agiert hatte. Die Preußische Regierung habe, so Koepchen, das RWE auf dem „Marsch an die süddeutschen und alpinen Wasserkräfte", bei der Ost-West-Leitung und bei der Saarland-Anbindung behindert. „Mit fadenscheinigen (Sicherheits-) Gründen" sei vor dem Zweiten Weltkrieg auch die Erweiterung der Braunkohlenkraftwerke verhindert und das RWE gezwungen worden, „wider besseres Wissen das Steinkohlenkraftwerk Karnap mit seinen naturgemäß höheren Erzeugungskosten zu bauen".

Widerspruch fand er in seinem alten Gegenspieler Marguerre, der 1951 verlangte, die 20 Jahre alten Begründungen der Verbundwirtschaft, die „fast zu Glaubenssätzen" geworden seien, zu überprüfen. Marguerre kritisierte speziell das Herzensprojekt Koepchens, die große Nord-Süd-Schiene, der gerne nachgesagt werde, sie habe „mehrfach durch Großlieferungen nach Süddeutschland Zusammenbrüche verhindert [...]. Mit einem Teil des Kapitals [...] hätte man z. B. in Bayern erhebliche kohlensparende Wasserkräfte und dazu Ergänzungsdampfkraftwerke bauen können."

 

1953 wurde Koepchen, begleitet von zahlreichen Glückwünschen u. a. von Ministerpräsident Arnold, Wirtschaftsminister Erhard, Reichskanzler a. D. Dr. Luther und Bundeskanzler Adenauer, in Anerkennung seiner „großen Verdienste in der Verbundwirtschaft" das „große Verdienstkreuz zum Bundesverdienstorden" verliehen. Noch kurz vor seinem Tod am 27. Mai 1954 wurde er vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zum Professor ernannt. „Um auch der heranwachsenden Generation das Gedenken an diesen großen Mann wachzuhalten", gründeten Vorstand und Aufsichtsrat des RWE eine „Professor-Dr.-Koepchen-Studienstiftung".

„Ich diente nur der Stromversorgung"

1953 feierte das RWE den 75-jährigen Geburtstag seines ehemaligen technischen Direktors, indem es ihm attestierte:
„Die Intuition ist das Kennzeichen des Genies. Wo andere rechnen und zweifeln, erblickt es, ehe die anderen auch nur den Schatten eines Umrisses erkennen können, bereits klar das Ziel und weist die Wege dahin [...] So hat auch Koepchen niemals das Verlangen gehabt, in aller Munde zu sein, [...] sondern er hat stets als Mann der Tat gehandelt und zurückgezogen, nur seinem Werk dienend, gelebt."

Im Unterschied zu seinem Vorgänger, der im wesentlichen die technischökonomischen Aufgaben des RWE bewältigte, füllte Koepchen auch die politische Dimension seines Amtes in außerordentlicher Weise aus. Dabei stellte er das RWE gegenüber den zur Verstaatlichung neigenden Behörden immer als quasi öffentliches Unternehmen mit „Privatinitiative" dar und rechnete ihnen unter Wahrung der finanziellen Interessen des RWE den vermeintlichen Nutzen des zentralisierten Großraumverbundes vor. Wohl waren alle ihm zugeschriebenen Ideen zur Ausgestaltung des Klingenbergschen Konzeptes zuvor schon in der Elektrotechnik und Energiewirtschaft diskutiert oder umgesetzt worden, doch stellten seine Anlagen alles zuvor Dagewesene in den Schatten, dank des schon bei Goldenberg gepflegten Planungsstils und der schieren Größe und finanziellen Leistungsfähigkeit des RWE.

Im „Dritten Reich" wich Koepchen weder vom Großraumkonzept ab, noch verweigerte er sich den wehr- und später kriegswirtschaftlichen Erfordernissen. Wenn ihm als konservativem Wirtschaftsführer auch die linken NS-Bestrebungen zur Entmachtung der „Strom-Päpste" zuwider waren, so ging er doch mit den nicht minder parteitreuen Vertretern des Großraumverbundes in der NSDAP ein Bündnis ein, das die Stromversorgung des RWE-Versorgungsgebietes und damit der Rohstoff- und Rüstungsindustrie bis 1944 weitgehend sicherstellte. An den Planungen der ökonomischen Ausbeutung der „angegliederten" oder besetzten europäischen Gebiete war er an zentraler Stelle beteiligt, auch wenn das Projekt des Stromverbundes mit Norwegen letztlich nicht zustande kam. Dieses unermüdliche Engagement, der Kriegswirtschaft jede erreichbare kWh verfügbar zu machen, legt den Schluß nahe, daß Koepchen überwiegend nicht in Widerspruch zum NS-Regime agierte. Den sich unter Todt und Speer verstärkenden Verstaatlichungstendenzen mußte er sich aus seiner wirtschaftspolitischen Überzeugung heraus widersetzen, was ihm und dem RWE bei wichtigen NS-Wirtschaftsführern, höchsten Parteifunktionären und Wehrmacht nicht zum Vorteil gereichte.
Somit hat Koepchen, durch das Vorbild Goldenberg und die „Glaubenssätze" Klingenbergs geleitet, mit den Mitteln des RWE vorgeführt, daß der faszinierende Großraumverbund mit alpinen Jahresspeichern, Höchstspannungsfernleitungen und Pumpspeicherwerken technisch realisierbar war. Die bloße Existenz dieses Systems bewies nicht, daß dieses, wie er glaubte, auch die wirtschaftlichste Lösung der Stromversorgung darstellte: Deshalb blieb die Struktur der von ihm mitgeschaffenen Elektrizitätswirtschaft auch am Ende seines Lebensweges heftig umstritten.
INGENIEURE IM RUHRGEBIET
Herausgegeben von Wolfhard Weber
1999

www.ag-koepchenwerk.de