In eine Welt voller Angst, Zorn und Liebe führte der Schauspieler Ulrich Pleitgen seine Zuhörer in der Zentralbibliothek von Duisburg. Unter dem Titel "Es ist, was es ist", las der 61-Jährige Gedichte von Erich Fried. Der 1921 geborene, politisch engagierte Schriftsteller machte sich vor allem mit seiner antifaschistischen Lyrik und seiner klaren, fast hart klingenden Sprache, einen Namen.
Seine "Liebesgedichte" dagegen sind geprägt von einer Zärtlichkeit, die in einfachen Worten das Wunder der Liebe umschreiben, ohne zu versuchen, es zu erklären oder gar zu analysieren. "Es ist was es ist" heißt es in seinem bekanntesten Werk. Die Liebe ist hier ein Geschenk und ein Zustand des Glücks.
Von Sparschweinereien und "wahrer Demokratie"
Ganz anders sind die Missstände in der Gesellschaft. Fried kritisiert, was ihm ungerecht, falsch und verwerflich erscheint. Mal fordernd und wütend, mal verzweifelt und nachdenklich liest Pleitgen die Lüge von der "Herrschaftsfreiheit" und der "Bekenntnis zur Demokratie". Er sieht in "Der Abstand" den Weltuntergang nahen, sollten die Mächtigen zur Übermacht werden, und fragt sich, ob die "Großmutter" auch beim Sterben im Konzentrationslager ihren Humor behalten hat. Völlig "humorlos" stellt er dar, dass für den einen ein Spass tödlicher Ernst sein kann.
Als eine Maus im Hause Krott zuerst die Katzen um- und die Besitzer ins Irrenhaus bringt, tritt die humoristische Seite des melancholischen Lyrikers hervor ebenso wie bei den Schweinereien "Vom Sparen". Ein paar "Worte" zum Schluss zeigen, dass auch ein bisschen Melancholie in Zeiten von Comedy und Karneval Freude machen kann.
Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) Ausgabe Duisburg 16.02.2007
Vollendete Vortragskunst
"Es ist, was es ist" ist das mit Abstand bekannteste Gedicht von Erich Fried (1921-1988). Die Liebe wird gegen alle Einwände gesetzt, als das, was es eben ist. Das ist sicherlich eines der gelungensten Liebesgedichte der Weltliteratur. Auch der Schauspieler Ulrich Pleitgen beendete seine heftig bejubelte Fried-Lesung jetzt unter diesem Titel in der überfüllten Zentralbibliothek natürlich mit "Es ist, was es ist" und mit der Bemerkung "Das war´s".
Eine Stunde lang hatte er mit vollendeter Vortragskunst die vielen Facetten dieses wirklich grandiosen Dichters beleuchtet. Mit ebenso dezenten wie treffsicheren Betonungen und Gesten. Zuerst der Dichter des Zorns, der politischen Empörung, nach dem Motto: "Wenn man in einer Demokratie nichts sagen darf, dass sie keine wirkliche Demokratie ist - ist sie dann wirklich eine wirkliche Demokratie?" Der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Mörder und einem geachteten Staatsmann liege nur in der viel größeren Anzahl der Menschen, für deren Tod letzterer verantwortlich sei. Mit eleganten Wortschöpfungen wie "Enteselung" ("Ich schleppe meine Mehlsäcke zu den Mühlen keines Gottes mehr") oder "Sparschweinereien" leitete der Lesende über zu dem Dichter des Humors, der Erich Fried ja auch war. Wenige wissen, dass er sogar in den Olymp der Albernheit vorstieß mit Poesie, die eines Robert Gernhardt würdig gewesen wäre. Beispiel: "Das Lebensrecht der Schnabelsäue / das kommt von ihrem Reim auf Kabeljäue!" Und natürlich Erich Fried, der Dichter der Liebe. Über die sich nichts sagen lässt, aber trefflich Gedichte schreiben. Eros gehörte für diesen Meister des verdichteten Wortes zur Lebenslust einfach dazu. Die Anziehung, die sich nicht zwingen lässt. Der man aber auch letztlich nicht entkommt. Es ist, was es ist. Ein großer Abend.
Quelle: Ingo Hoddick Rheinische Post Ausgabe Duisburg 16.02.2007