MANN OHNE MARKENZEICHEN - Offizier oder Öko - Ulrich Pleitgen kann alles spielen.

So richtig einordnen kann man ihn nicht, da fängt das Gute schon an. Denn welcher Schauspieler lässt sich schon gerne in eine Schublade stecken? Aber Ulrich Pleitgen macht einem so einen Versuch besonders schwer. Groß ist er, das blonde Haar ist schon etwas schütter. Seine Stimme ist dunkel, dabei aber fast immer weich. Ulrich Pleitgen, der bis 1989 dem Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters angehörte und mit seiner Frau nach wie vor in Hamburg lebt, ist weder Macho noch Softie. Kein Stereotyp will auf den Mann passen.
In den Zwischentönen, so scheint es, liegt Pleitgens Stärke. Auch der Film "Mit 5o küssen Männer anders" , der einzigen Komödie der Autorenfilmerin Margarethe von Trotta, ist dafür ein Beispiel. Dort spielt er einen vorübergehend Verlassenen, weil er in der Ehe mehr auf Mülltrennung als auf sein Liebesglück achtete. Am Ende ist es so, dass er zur Ausstellungseröffnung seiner Frau geht. Erstmals interessiert er sich für Kunst. Als sie, gespielt von Senta Berger, ihn durch die Galerie auf sich zukommen sieht, da geht sie ihm entgegen. Und sie fassen sich, nach langer Zeit, wieder an den Händen und sehen sich lange an. Eine leise Schluss-Szene mit einem leisen, aber sehr starken Ulrich Pleitgen. Er selbst sieht hier eine Regisseurin am Werk. "Man muss sich Folgendes vorstellen", erklärt er, "eine Figur wird mal von einem Mann, mal von einer Frau inszeniert. Der Mann inszeniert den Mann männlicher. Die Frau sieht die weiblichen Anteile in dem Mann, seine Weichheiten. Sie inszeniert die Brüche in ihm. Der Mann aber verdrängt sie unter Umständen."
Für seine Darstellung in Reinhard Hauffs "Stammheim - Der Prozess", einer seiner damals noch seltenen Ausflüge von der Bühne, erhielt er 1986 den Berlinale-Bären. Heute hat er das Fach gewechselt, steht vor allem vor den Fernseh-Kameras, ist bei den Sendern gefragt und beim Publikum beliebt. Trotzdem formuliert er eine Einschränkung: "Natürlich, es gibt auch Abhängigkeiten und Verletzungen, und diese so  genannte Freiheit, das ist ja immer auch die Freiheit der anderen." Später dann, etwas leise, sagt er: "Man müsste auch langsam lernen, mit sich selbst realistisch umzugehen. Ein Mensch ist ja ein vielfältiges Wesen, und ich glaube, ich bin ziemlich porös, wie ein Schwamm, der alles in sich aufsaugt. Und ich habe manchmal das Gefühl, einmal abgesehen von der Biologie, dass sie so viel gar nicht voneinander trennt, Mann und Frau. Das ist natürlich auch wieder furchtbar unromantisch."
Vielleicht, ja vielleicht ist dieser sympathische Ulrich Pleitgen, der in so gar keine Schublade passt, einfach nur ein moderner Mann.
Quelle: Süddeutsche Zeitung  / Thilo Wydra

 

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