DER SANFTE BLONDE MIT DEM GROSSEN JÄHZORN

Ulrich Pleitgen (links) in einer Schülerlaiengruppe als TRUFFALDINO in C. Goldonis DIENER ZWEIER HERREN

Abends zuvor hat es im Haus Pleitgen Krach gegeben. Weil der Hausherr eine arrogante Dame ebenso arrogant abgefertigt hatte, und Ehefrau Ann-Monika regt sich noch immer auf: "Dieser norddeutsch näselnde Von-oben-herab-Ton bei dir - genau wie Hardy König ..."
Der ist gleichfalls Schauspieler. Ein Bühnenstar, der Publikumsliebling. Er fliegt dennoch raus, weil er was mit der Frau des Intendanten hatte. Keiner ist unersetzlich, auch kein Hardy König.
Der Film wird gerade gedreht, heißt "Künstlerpech", und Hauptdarsteller Pleitgen hätte ihn lieber "Maskerade" genannt. Eine eigentlich traurige, eine bitterböse Geschichte über Machtmechanismen auf dem Menschenmarkt unseres Kulturbetriebs, aber die Autoren Martinek/Riedel fassen ihn eher locker an. Und Pleitgen genießt jeden Tag neu, vor der Kamera endlich mal Star-Unarten herauszulassen, wie er sie sich privat allenfalls in Ausnahmen gestattet.
Wie schon mit fünfzehn im Internat. Als der brave, blonde Bub, der immer schön seinen Diener machte, in der Schultheater-Gruppe ausgerechnet Goldonis Rüpel Truffaldino zu fassen bekam. Ein erstes Mal der Kitzel, in sich eine ganz andere Existenz zu spüren: "Ich durfte schreien, toben, fies sein, durfte fressen und rülpsen, mich wie ein Schwein aufführen." Das hatte Spaß gemacht. Und noch etwas mehr.
Das hat ihn geleitet durch fünfunddreißig Jahre Schauspielerei. Das prägt selbst noch das persönliche Gespräch.Diese Doppelgesichtigkeit. Das Gefühl, eigentlich zwei Menschen zugleich gegenüberzusitzen.
Dem freundlichen Norddeutschen aus Hannover, der gut erzählt, gut zuhört, auch mal aufspringt, ins gestikulierende Spiel verfällt, dann wieder in sich selbst zurückzusinken scheint, ein angenehmer Mitmensch, ausnehmend höflich, der exzellente Gastgeber, der dem Besucher ein nächtliches Fax hinterherschickt, ihm ein besonders schönes Buch ans Herz zu legen.
Dahinter aber scheint es stets etwas zu brodeln. In seinen Rollen und auch hier. Etwas Ungewisses, Dunkles, das jeden Augenblick geysirhaft in die Höhe zu schießen droht. Plötzlicher Jähzorn hinter sanfter Hans-Albers-Blondheit. "Unser H-Bömbchen" wird Pleitgen im Studio genannt. Davor zuckt er dann doch zurück. Er könne sehr jähzornig sein, gewiß. Aber kein Chaot, "eher der Beamtentyp". Er liebt Ordnung, Übersicht und haßt Bohemiens. Wohl weil er selber einer ist. Nur ein Bohemien wohnt so betont bürgerlich wie er, drei Treppen hoch in Hamburger Alsternähe, alles dort klar, aufgeräumt, auch schön, ohne Protz. Das wohl arrangierte Großbürgerheim mit dem Hauch Buddenbrookscher Vergänglichkeitssehnsucht darüber, fast eine Szenerie, wo Pleitgen gleich zu einer seiner Rollen ausholen könnte, dem Marquis Keith oder Brudermörder Claudius aus "Hamlet", doppelgesichtig auch sie.
Das breite Publikum kennt ihn anders. Aus manchem "Tatort", aus der neuen Serie "Auf eigene Gefahr". Fünf Jahre ist es schon her, dass Pleitgen zuletzt auf der Bühne stand. Seitdem filmt er. Fast pausenlos, als habe er nach zwanzig Jahren harter Ensemble-Zucht in Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Bochum, Hamburg etwas nachzuholen.
Was daran reizt? Die Intimität der Ausdrucksmöglichkeit.: "Ich kann vor der Kamera "Ich liebe dich" wirklich wie zu einer Geliebten sagen." Die Gagen, das große Geld? "Ich habe nichts gegen finanzielle Sicherheit." Und die Popularität? 
Das wird nun schwierig. Ulrich Pleitgen hängt ein Bein über die Lehne, schlingt kostbar gewundene Wortgirlanden: "Wer möchte schon sein Leben grau in grau einherlaufen, nicht wenigstens gelegentlich fühlen dürfen, er werde erkannt, sei jemand und nicht nur Teil einer Menge ... " Aber auch: "Popularität ist zugleich die große Versuchung, sie mit Leistung zu verwechseln, obwohl es im Prinzip völlig gleich ist, womit man auf den Bildschirm kommt. Populär wird man ganz automatisch. Ob man eine große Rolle spielt oder für Kaffeefilter wirbt."
Der Mensch als öffentliches Eigentum. Das schafft Vertrauen, aber auch Vertraulichkeit, die falsche, aufdringlich vereinnahmende. Als etwa Pleitgen in einer Fernseh-Rolle kurz nackt zu sehen war, da hatte ihn am nächsten Tag auf der Straße eine unbekannte Dame angesprochen: "Haben Sie aber einen niedlichen Hintern!" Dann hilft nur Humor. Und der Seufzer: "Na ja, am Theater wird wohl doch edler mit einem umgegangen."
Einstweilen noch folgt eine Bildschirmrolle der anderen. Der tragikomische Entwicklungshelfer in Wolfgang Menges Satire "Negerküsse", der Richter Prinzing im heftig umstrittenen "Stammheim"-Film, ein bürgerlicher Absteiger in Bernd Schadewalds "Anna Leschek". Glanzrollen, aber auch viel Leichtware darunter, und manchmal fragt man sich schon, ob denn ausgerechnet ein Pleitgen das Serien- "Haus am See" leiten oder demnächst der neueste Serienpapa in der Vorabendkost "Nicht von schlechten Eltern" sein muß.
Doch wie sagte schon Gustaf Gründgens? "Macht, Kinder, was immer ihr machen könnt. Nur vergeßt darüber nicht: Eigentlich wollt ihr den Hamlet spielen."
Doch gerade den mag Pleitgen nicht so sehr. "Der weiß zuviel, hat immer recht, ist geistig niemals in Gefahr." Und spürt keinen Truffaldino in sich. Einen, der rülpst und schreit und zuweilen so von Jähzorn übergossen wird wie in seiner sanften Blondheit Pleitgen.
WELTamSONNTAG Paul Barz / 1993

 

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