Bremerhaven. Thomas Mann zieht. Der "deutsche Dichterfürst", gelesen von einem Bühnen- und Fernsehstar, füllt das Theater im Fischereihafen (TiF) fast bis auf den letzten Platz. Ulrich Pleitgen liest drei Erzählungen des jungen Thomas Mann.
Die erste - DER KLEINE HERR FRIEDEMANN - hat der Autor mit 21 Jahren geschrieben. Es ist der Auftakt seiner Kunst, wie er einem Freund brieflich verrät, "die diskreten Formen und Masken zu finden, in denen ich mit meinen Erkenntnissen unter die Leute gehen kann."
Johannes Friedemann ist ein zarter, verwachsener Mensch, der sein Leben jenseits aller (erotischen) Leidenschaften stabil hält, bis eine junge Frau ihn aus der Bahn wirft.
Der "Einsturz einer aus Verzicht gewonnenen, hochkultivierten Haltung" (so Thomas Mann in "On Myself"), ist ein Lebensthema, das er immer wieder anschlagen wird. Dabei bettet er das Anrührend-Traurige seiner Figuren in jenen ironischen Tonfall, der den Schmerz der Gezeichneten mit Sympathie und Distanz zugleich betrachtet. Der kleine Herr Friedemann hat sich in seinem unerfüllten Leben "eingerichtet" und ist ausgeglichen und fast glücklich, bis er
- bei Wagner-Musik im Theater der kleinen Stadt - die Fassung zu verlieren droht: Neben ihm sitzt eine unerreichbar schöne Frau, an der er schließlich zugrunde geht.
Ulrich Pleitgen entfaltet diese Geschichte in allen Farben: Der Schauspieler mit der sonoren Stimme kann die Hände nicht ruhen lassen, während er höchst lebendig den Klatsch und Tratsch der Damen jener Kleinstadtgesellschaft hörbar macht, die über die junge Frau des neuen Oberstleutnants herziehen. Pleitgen macht sich die Perspektive des kleinen Herrn Friedemann so zu eigen, dass er fast zu pathetisch wird, wenn der Aufruhr in der zärtlichen Seele des armen Johannes in "wollüstigen Hass" und "irrsinnige Wut" umschlägt. An Manns Geschichten, so sagt Pleitgen in einer Vorrede, fesseln ihn Menschenkenntnis und Warmherzigkeit.
Zweieinhalb Stunden lang hat Ulrich Pleitgen die Welt von Thomas Mann einem begeisterten Publikum nahe gebracht und gezeigt, wie die langen Satzgebilde des Autors, für Leser keine leichte Kost, beim Hören zum köstlichen Genuss werden.
Quelle: NORDSEEZEITUNG 2005