Im Jahr 2oo4 brachte Hoffmann und Campe ein Buch heraus ...

Grete, Grete, Margarete ...











Grete (rechts)....
und ihre Schwester Toni.
Ulrich als kleiner Junge
Ulrich im Parallelo.
Die Schwestern Margarete (rechts) und Tony Kaufmann.
Margarete (rechts) und die jüngere Tony liebten sich sehr.
Seit frühester Kindheit war Margarethe mit Gret Jansen befreundet. Sie nannten einander "Pensionsschwester", weil sie später in das gleiche Pensionat kamen. Auf diesem Foto sind sie in Meiderich im Jahr 1916.
Das feingemachte Püppchen Grete Kaufmann.
Das feingemachte Püppchen Grete Jansen.

... in dem Menschen wie Norbert Blüm, Franz Beckenbauer, Marie-Luise Marjan, Dieter Kürten, Hans-Dietrich Genscher, Georg Preuße und viele andere von Freundschaften erzählen, die sie besonders berührten.
Von Ulrich Pleitgen ist eine Geschichte über das Leben mit seiner Großmutter enthalten.
Copyright@2004 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Die Großmutter

Als ich auf den Namen Ulrich getauft wurde, meinte meine Großmutter - abweichend von ihrer Wagnerleidenschaft - : "Nennt ihn doch gleich Siegfried."
Sie liebte mich sehr. Niemand konnte sie tiefer enttäuschen. Tat ich´s, sagte sie traurig: "Ulrich, das habe ich nicht um dich verdient."
Meine Großmutter wurde 1889 in Celle als älteste Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns geboren. Ihr Vater, der nicht nur Kaufmann war sondern auch so hieß, hatte eine Schirmfabrik. Er exportierte bis in die deutschen Kolonien Afrikas. Da konnte man seinen schwarzen Regenschirm zum Schutz gegen die Sonne aufspannen.
Meine Großmutter hieß mit Vornamen Margarete. Ihre Schwester war die Antonie. Die sich innig liebenden Mädchen bestanden darauf, Grete und Toni genannt zu werden; Margarethe und Antonie klang ihnen zu gespreizt.
Der kaufmännische Herr Kaufmann war ein strenger Patriarch. Als er einmal seinen Nachttopf vermisste, befahl er zornig den Kauf von 25 Nachttöpfen auf Vorrat. Mittags bei Tisch konnte man ein Flaumfederchen niederschweben hören, wenn er den Löffel hob, die Suppe probierte und sein Urteil abgab.
"Er hat noch beim Heringsbändiger gelernt!" hieß es stolz in der Familie, womit man seinen Weg vom Lehrling in einem Kolonialwarenladen zum Fabrikbesitzer beschrieb.

Vater Kaufmann schickte seine beiden Mädchen auf die Höhere Töchterschule. Sie lernten Französisch und einiges mehr und spielten Klavier.
Gretes große Liebe fiel im 1. Weltkrieg. Trost fand sie in der Musik.
Sie war auf dem Weg zur Konzertpianistin, als sie Otto Meyer kennenlernte, einen gutherzigen Bauernsohn aus der Lüneburger Heide, der Jura studiert hatte und Zollbeamter war. Grete  stieg von der ersten Sprosse ihrer Karriereleiter wieder runter und widmete sich fortan voll Liebe ihrem Mann und den beiden Töchtern - und dem Haushalt mit leisem Zorn.
Sie spielte weiter Klavier. Jeden Tag. Sie übte leidenschaftlich, nur für den Hausgebrauch. Manchmal fragte sie ihren Mann, ob sie ihm was vorspielen sollte. Dann antwortete er sanft, denn er war sanft: "Ja, spiel´ du nur Grete. Es stört mich nicht." Und sie war nicht beleidigt, denn sie liebte ihn.
Nach der totalen Ausbombung im 2. Weltkrieg blieb nichts übrig; kein Klavier, keine Bücher, keine Möbel, kein Haus. Der schwerste Schlag für seine Großmutter war der Tod ihres Mannes im Jahr 1941.
Sie schloss ohne sichtbare Trauer mit ihrem früheren Leben ab und schaute nur nach vorn.
Wir verstanden nicht, warum sie nie mehr Klavier spielte, obwohl sie auf Familienfesten oft darum gebeten wurde. Nur ein einziges Mal tat sie es nach langem Widerstreben dann doch.
Eilig wurde die Partitur der "Mondscheinsonate" hervorgekramt. Die Finger meiner Großmutter glitten über die Tasten und suchten nach der Melodie. Sie klimperte hilflos, brach ab, suchte erneut nach einem Anfang, geriet in Panik, versuchte es nach einer nicht enden wollenden Pause noch einmal und verzweifelte so sehr, daß Hände, Knie und die Brille auf ihrer Nase zu zittern begannen. Beschämt schloss sie den Klavierdeckel. In ihren Augen glitzerten zwei Tränen. Sie stand auf, lächelte uns an, und das Thema Klavier war endgültig erledigt.
An diesem Abend habe ich begriffen, warum sie sich seit Jahren sträubte, Klavier zu spielen. Das Klavierspiel war ein Symbol für ihr früheres schönes, intaktes Leben. Sie wollte nicht daran erinnert werden. Sie wollte der Vergangenheit nicht nachtrauern. Sie wollte heute leben. Und das mit aller Kraft. Dieses letzte Mal am Klavier hatte sie in ein Chaos der Erinnerungen und Gefühle gestürzt. Ich war sehr betrübt. Ich hätte gern ihre Hand genommen, aber ich traute mich nicht.

Das Grundstück des zerstörten Patrizierhauses in Hannover, das seine Großmutter von ihrem Vater geerbt hatte, verkaufte sie für wenig Geld. Sie war zu stolz und zu müde zum Handeln.
Der clevere Käufer errichtete auf dem Trümmerhaufen ein graues 50er Jahre-Mietshaus. Meine Großmutter wohnte im 3. Stock in einer winzigen Zweizimmerwohnung. Sie nahm mein Mutter und mich auf, als die Ehe meiner Eltern scheiterte.
Trotz der Enge fanden lustige Familienfeste statt. Das Wohnzimmer war vollgestopft mit Menschen. Bei den Nachbarn wurden Stühle geliehen. Geschichten wurden erzählt.
Eine davon:
Zum Tode meines Großvaters kam ein Beileidsschreiben von Cousine Dorothea. Meine Großmutter saß ernst in würdigem Schwarz da und las den Brief vor. Auf langen zwei Seiten schilderte die Mittrauernde Ottos liebenswertes Wesen, Ottos trockenen Heidjerhumor, Ottos großen Familiensinn, Ottos Warmherzigkeit. Am Schluss des Briefes schrieb sie: "Und vergiss vor allem nicht, Deinen lieben Otto zu grüßen. Deine traurige Dorothea."
Da brach meine Großmutter in ein lebensvolles Gelächter aus. Die anderen Schwarzgewandeten ließen sich anstecken- schließlich bogen sich alle vor Lachen.
Wenn meine Großmutter über ihren Mann sprach, erschienen zwei glasklare Tränen in ihren Augenwickeln hinter der randlosen Brille. Am liebsten mochte ich sie mit Brille, weil die nicht ganz dünnen Gläser ihre gütigen Augen ins Sanfte vergrößerten. Wenn sie die Brille abnahm, um sie zu putzen, blinzelte sie kurzsichtig und war mir plötzlich fremd.
Trümmerfrauen hatten meiner Großmutter angeschlagene Porzellantassen, Vasen und leicht verbogenes Silber verkauft, Gegenstände, die sie auf dem Grundstück von Großmutter ausgebuddelt hatten. Manchmal zeigte sie mir einen Teelöffel und meinte gleichmütig: "Guck mal, davon hatten wir mal vierundzwanzig."

Nach dem 2. Weltkrieg hat sie für sich noch das gekauft, was wirklich notwendig war. Das hektisch ausbrechende Wirtschaftswunder - und Konsumleben ließ sie kalt.
Kaufen konnten wir sowieso nicht viel. Wir lebten von der Pension meiner Großmutter und dem wenigen, das meine Mutter verdiente. Tagsüber kümmerte sich meine Großmutter um mich. Sie wurde zu meiner Vertrauten und Verbündeten, sie war der Mensch, der mich früh einführte in die Wunder der Literatur und Musik. Hier in unsrer kleinen Welt wuchsen wir zusammen. Und wir malten uns unsere eigenen Bilder von der Welt. Wir lebten in einer liebevollen Symbiose. Meine Großmutter sagte: "Ich bin dein Freund."
Einige Male habe ich sehr um meine Großmutter gebangt.
Eines Morgens saß sie wirr redend aufrecht in ihrem Bett. Im Krankenhaus stellte sich heraus, daß sie eine schwere Kohlenmonoxydvergiftung hatte, hervorgerufen durch einen defekten Ofen in ihrem Schlafzimmer. Meine Familie hatte Todesangst um sie. Ich wurde mit Spielzeug zugedeckt, um meine vielen bangen Fragen zu ersticken.
Nicht viel später zog sie sich bei einem Verkehrsunfall so schwere Kopfverletzungen zu, daß sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn verlor. Das hinderte sie aber nicht daran, weiterhin vorzüglich für uns zu koch. Nichts versalzen, nichts verpfeffert, nichts zerwürzt. Sie sagte: "Das mit dem Würzen hat man so im Griff."
An manchen Tagen rief sie plötzlich: "Oh, heute schmecke ich wieder was!" Dann war ich glücklich.
Alles, was meine Großmutter kochte, aß ich gern. "Oma, machst du mir Frikandellen?" bettelte ich. "Frikaaadellen!" verbesserte meine Mutter. Großmutter milde: "Lass ihm die Frikandellen. Kindermund ist so schnell erwachsen." - Mit neun Jahren entdeckte ich plötzlich das sportliche Rülpsen. Da wurde meine Großmutter streng: "Ulrich, das tu ich nicht einmal, wenn ich alleine bin."
Ihre Handtasche, die meine Großmutter immer wie die Königin von England am angewinkelten Arm trug, barg vom Pflaster bis zum Schraubenzieher alles was sie für den täglichen Gebrauch und bei kleineren und größeren Notfällen und Reparaturen benötigte. Waren wir wo zu Besuch und jemand wollte seinen abgebrochenen Brillenbügel reparieren oder die plötzlich verstummte Haustürklingel wiederbeleben, kramte meine Großmutter auch schon in ihrer Tasche nach dem passenden Werkzeug und sagte mit gebieterisch ausgestreckter Hand und mit ruhiger Stimme: "Darf ich das mal anfassen?" Sie reparierte alles. Und sie reparierte es nicht etwa kaputt, nein, die Brille saß hinterher fest auf den Ohren, die Haustürklingel schrillte wieder und bewundernde und dankbare Blicke waren der Handwerkerin sicher.

Schlug ich mir das Knie auf, milderte ein Liebevolles: "Spätestens wenn du heiratest, ist es vorbei, mein Junge!" die Schmerzen, sorgte ich mich um meinen Teddy, weil ihm der Steiff-Knopf im Ohr bestimmt wehtat, pulte sie ihn sorgfältig raus. Sie nahm mir alle Kinderängste und gab mir das Gefühl von Beschütztsein. Sie strömte Verlässlichkeit und Zuversicht aus. Einmal fehlte dem Bärchen ein Glasauge. Großmutter nähte ihm ("Das tut nicht weh.") ein neues an. Nach der Operation nahm ich meinen Teddy-Patienten erleichtert in den Arm und sah, daß es sich bei dem neuen Auge um einen übergroßen Rosenknopf handelte. Meine Großmutter bemerkte meine tiefe Bestürzung und sagte: "Hauptsache, er kann wieder sehen."
Jeden Morgen, wenn ich aufstand, schwamm schon der Waschlappen im warmen Wasser und auf der Zahnbürste lag die lange Zahnpastawurst. Jeden Morgen fragte sie wie vom Zettel gelesen: "Zähne geputzt? Gewaschen?" Und nach leichter Überwindung etwas scheu: "Auch untenrum?" Manchmal war sie gnädig und sagte: "Heute brauchst du dich nur abzumutjern!", womit gemeint war, schnell mit dem feuchten Waschlappen über alles rüber. Oder sie sagte: "Geh nicht so reibe mit der Seife um", was bedeutete, daß ich sparsam mit der Seife sein sollte.
Sie selbst ging recht großzügig mit ihren Haushaltsgegenständen um. Töpfe waren verbeult, Teller angestoßen, Kaffeekannen hatten nur noch wenig Nase. Meine Großmutter erledigte das ungeliebte Geschirrspülen im D-Zug-Tempo.
Jedes Jahr mahnte meine Großmutter spätestens eine Woche nach meinem Geburtstag mit Blick auf die Glückwünsche und Geschenke: "So, nun müssen wir endlich deine Bedankemichs schreiben."
Wir spazierten gern um den Maschsee. Lag da plötzlich ein Kamm auf dem Weg, sagte sie ganz praktisch: "Ulrich, heb´ den mal auf, der ist noch ganz neu, den kochen wir aus." Wehte ein verlorenes Tuch über die Wiese, rief sie: "Hol´ das schnell, Ulrich. Das kochen wir aus!" Wir kochten eigentlich alles aus, was wir fanden; nur Taschentücher ließen wir links liegen.
Während meiner gesamten Grundschulzeit fragte ich meine Großmutter täglich: "Oma, was ha´m wer morgen?" Sie öffnete die besagte Multifunktionshandtasche und zog den Stundenplan hervor. Den hatte sie immer bei sich. Ich selber hatte keinen Stundenplan. Für uns beide war es selbstverständlich, daß sie ihn aufbewahrte.
Nachdem sie korrekt die Fächer angesagt hatte: "Deutsch, Rechnen, Kunst.... erwiderte ich: "Dann müssen wir ja noch Deutsch machen", und das machten wir dann. Anschließend packte sie noch unsere Schultasche. Nachher durfte ich zum Spielen runter auf die Straße.

Sechsmal klingeln bedeutete, dass der Enkel was wollte von der Großmutter. Sie schaute aus dem 3. Stock zum Fenster raus, ich schrie: "Huuunger!!", und sie machte ein riesiges Brot, eine richtige dicke Bemme, die sie in Brot- und mehrfach noch in Zeitungspapier packte, die sie runter auf die Straße in meine weit geöffneten Arme war. Man könnte meinen, ich sei ein verwöhntes Kind gewesen. Aber das war ich nicht. Meine Großmutter und ich haben nur alles zusammen gemacht.
Sie konnte auch unerbittlich sein. Im Winter musste ich mit einer sogenannten Teufelsmütze losziehen, die mir verhasst war. Mittags kam ich ohne Mütze zurück und mußte nach strenger Befragung kleinlaut zugeben, dass ich sie über den Gartenzaun auf meinen Schulweg geschmissen hatte. Ich musste den ganzen weiten Weg zurücktraben und sie holen. Anderntags wurde sie mir erneut über den Kopf gestülpt. Mittags kam ich wieder ohne zurück und marschierte nach der Strafpredigt zum Gartenzaun. Das wiederholte sich noch einige Male. Auf die raffinierte Idee, das Teufelswerk zu verstecken und erst kurz vor Zuhause wieder aufzusetzen, kam ich gar nicht.
Endlich explodierte ich und schrie: "In der Schule sagen sie U-L-R-I-K- zu mir wegen der blöden Mütze!!" - "Warum erzählst du mir so was denn nicht?" fragte meine Großmutter empört, "Dann hätte ich das Ding doch in Stücke geschnitten." Der Mülleimerdeckel klappte hoch und weg war Ulrik.
Schon im Frühling freuten wir uns auf das alljährliche hannoversche Schützenfest. Der Schützenausmarsch lockt inzwischen über eine Million Menschen an. Morgens - vor der Fahrt - schauten wir ängstlich nach dem Wetter. Drohte etwa Regen? Meine Großmutter blieb immer optimistisch. "Da oben ist doch schon eine kleine blaue Hose", rief sie, wenn der Himmel aufriss. "Und jetzt können wir aus dem Blau schon einen ganzen Anzug machen!" - Wir fuhren mit der Straßenbahn zum Fest. Auf der Hinfahrt setzten Großmutter und ich uns in Fahrtrichtung wegen der Vorfreude, auf der Rückfahrt hockten wir dann rückwärts auf den Bänken, um uns zu erinnern und vom Erlebten zu schwärmen.
Die Kaisertochter Victoria Luise kam auch jedes Jahr angereist. Sie aber im weißen offenen VW - Cabrio mit Chauffeur, sturmfest und erdverwachsen. Wir standen am Bankhaus Basse und bestaunten die vom Balkon winkende Prinzessin.

Meine Großmutter und ich waren fernsehsüchtig. In den 50er Jahren begann das Programm erst am Nachmittag. Wir stellten eine halbe Stunde vorher das Testbild an und setzten uns mit verschränkten Armen davor. Wir sahen das gesamte Programm. Wir vergaßen alles um uns herum. Eines Abends, wir saßen im völligen Dunkel, nur die Fernsehleuchte spendete geiziges Licht, klingelte es. " Ulrich, mach´ mal auf."
Ich drückte den Knopf, ließ die Haustür einen Spalt offen und flitzte zurück auf meinen Platz. Einige Minuten später kam jemand herein, und meine Großmutter sagte, ohne den gebannten Blick von der Mattscheibe zu lösen: "Setz dich. Wir wollen das hier zu Ende sehen."
Eine halbe Stunde später hatten wir es zu Ende gesehen. Meine Großmutter knipste die Stehlampe an, und da saß nicht  - wie erwartet - meine Mutter, sondern die völlig verwirrte Gerda Grüneberg, eine Freundin meiner Mutter "Ich glaube, wir sehen zu viel fern; wir müssen uns das ein bisschen einteilen", meinte meine Großmutter später, aber wir taten´s natürlich nicht.
Ritter Höfers Tafelrunde verfolgten wir jede Woche mit großem Interesse, an Sebastian Haffner fesselte uns dessen "studentische Plötzlichkeit", die schon Heinrich Mann bemerkt hatte. Mit hochgezogenen Augenbrauen registrierte meine Großmutter die Kritik an Heinz Maegerlein. "Warum lachen alle über seinen Satz: "Sie standen an den Hängen und Pisten". Was meinen die Leute damit, Ulrich?" Ich erklärte es ihr ernsthaft genau. Wir hatten ein cleveres Namensfindungssystem.
"Ulrich, dieser Pferdekommentator.... dieser elegante Mann .... Isen ... Isen ..." "... barth", sagte ich. "Isenbarth". Hans - Heinrich Isenbarth." Sie wusste meist den ersten Teil des Namens und ich den zweiten. Wieder eine Gemeinschaftsleistung.
Zu der Zeit, ich war elf Jahre, ging ich mit meinen beiden Frauen, Großmutter und Mutter, sonntags zum Tanztee. Dann tanzte ich Samba mit meiner Oma. Wenn die Frauen miteinander schwatzen wollten über Dinge, die mich nichts angingen, schickten sie mich zu den Musikern. "Geh doch mal zum Schlagzeuger und frag´, ob du ihm helfen kannst." - Tatsächlich bekam ich vom Schlagzeuger einen Bierdeckel und einen Drumstick und durfte den Takt schlagen, und meine Damen hatten ihre Ruhe.
Ein anderes gesellschaftliches Ereignis waren unsere Gänge zu Karstadt. Oben in der Erfrischungsabteilung aßen wir mit Grand-Hotel-Gesichtern zu Mittag. - "Ulrich, guck doch mal vorsichtig, dieser Mensch da drüben am Fenster isst Fisch mit dem M-E-S-S-E-R!!" flüsterte meine Großmutter bestürzt.

Wir hörten gern Radio. Am liebsten klassische Musik, Hörspiele und die Ratesendung von Just Scheu. Wenn der am Schluss mit seiner unverwechselbar weichen, jedem einzelnen Hörer scheinbar völlig zugewandten Stimme sagte: "Alles Gute für Sie und für Sie und ganz besonders für Sie", dann sprachen wir diese sich in jeder Sendung wiederholenden Abschiedsworte einstimmig und bewegt mit.
Einmal in der Woche war abends Hörspiel. Meine Großmutter knipste das Licht aus, und wir setzten uns nebeneinander auf das Sofa vor unser Radio. Und lauschten. Die Dunkelheit erhöhte den Reiz knarrender Türen, raunender Stimmen, plötzlicher Gesprächspausen. Nichts lenkte unsere Phantasie ab. Das Geschehen war jetzt mitten in unserem Wohnzimmer, und das leuchtend grüne magische Auge des Radios verstärkte das wohlige Grauen.
In unserer Nachbarschaft übte ein Junge täglich auf seiner Geige. Er kratzte brav und mechanisch auf seinem Instrument herum. Meine Großmutter hörte jeden Misston durch die papierenen Neubauwände. Sie litt. Obwohl sie wusste, daß er Anfänger war, konnte sie ihm seine Patzer nicht verzeihen. - Später machte der eifrige Knabe Fortschritte auf seiner gefolterten Geige und spielte längere Stücke. Meine Großmutter kannte die Stellen genau, an denen er irrte. Sie hörte eine Weile still zu und sagte plötzlich: "Ulrich - jetzt!" Und tatsächlich, unser Violinist fiel wieder in den Graben.
In der Leere der Neubauwohnung versammelten sich nach und nach wieder die Lebensmittel des Geistes: Goethes "Faust", aus dem sie mir vorlas, Beethovens Violinkonzert, eine Platte mit Schubertliedern, gesungen von dem berühmten Bariton Heinrich Schlusnus. "Hörst du die Wärme in seiner Stimme?" fragte sie, und ich hörte sie tatsächlich. Meine Großmutter weckte meine Sinne für etwas, das über den Alltag hinausgeht. Sie sagte: "Zu allen Zeiten ist es die Kunst, die unsere Seele weich erhält, damit wir uns nicht gänzlich gegenseitig auffressen."
Am Ende unserer Fernseh - oder Radioabende sagte meine Großmutter: "Komm, wir unterhalten uns." Das war ein Ritual. Ich lag immer schon auf der zum Bett umgebauten Couch, und sie saß im Sessel an meinem Kopfende. Sie saß gemütlich dicht an mir dran. Wir philosophierten über die Weltlage und die "Dinge des Lebens". Sie sprach zu mir wie zu einem Erwachsenen. Es machte mich stolz und froh, daß sie mich ernst nahm. Sie interessierte sich für meine Meinung und schien mir gern zuzuhören. Wenn wir uns müde geredet hatten, trat eine kleine Pause ein, meine Großmutter holte tief Luft und sagte in einem unheilvollen Orakelton: "Ulrich, aber die Chinesen." - Angesichts der anrückenden "gelben Gefahr" die damals durch die Gehirne der Leute geisterte, verließ meine Großmutter ihre scharfe Urteilskraft. Eine ihrer Erkenntnisse war: "Man muss Gefühle so weit ausschalten bis Gerechtigkeit entsteht."

Liebe Oma, das Einzige, was ich dir vorzuwerfen habe, ist, dass du mir das Rauchen beigebracht hast als ich 14 war. Du mochtest lieber in Gesellschaft rauchen als allein, das war gemütlicher. Du sagtest immer: "Komm, sprach der Scheich zum Emir, eine rauchen wir noch, dann gehen wir." Emir hieß ihre Lieblingsmarke. Erst 1999 bin ich von diesem Laster endgültig losgekommen.
Ich wurde erwachsen. Ich verliebte mich in Marianne. Wir waren sehr jung, und unsere Mütter beobachteten uns sorgenvoll wegen der Ausschließlichkeit unserer Leidenschaft. Meine Großmutter hatte Entschuldigungen und Ausreden und kleine Tricks bereit, um uns zu schützen. Meinen Wunsch Schauspieler zu werden, unterstützte sie mit Begeisterung. Sie war sehr stolz, als ich die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule bestand. Kurz danach stürzte sie vor der hannoverschen Hauptpost und kam mit einem Muskelriss ins Krankenhaus. Als Marianne und ich sie besuchten, erinnerte meine Großmutter mich daran, daß wir früher halbe Stunden lang in dem Postgebäude Paternoster gefahren sind. Immer rum und immer rum, ohne auszusteigen, über den Boden und durch den Keller und wieder über den Boden.
Marianne und ich gingen dann und meine Großmutter sagte: "Ich winke euch noch." - Wir schauten von der gegenüberliegenden Straßenseite aus auf die riesige Fensterfront der Klinik. Eins der Fenster öffnete sich. Meine Großmutter selbst konnten wir wegen der Spiegelung in der Scheibe nicht sehen, nur das langsame Auf und Ab der zum Abschied winkenden Serviette. Und es war wirklich der Abschied.
Am nächsten Morgen sprang meine Mutter plötzlich auf: "Um Gotteswillen, ich glaube es ist etwas mit Oma!" - Sie rief im Krankenzimmer an. Eine Schwester kam an den Apparat und sagte aufgeregt: "Moment, Moment, die Ärzte sind gerade hier." Nach einer endlosen Minute kam sie zurück: "Ich muss Ihnen leider sagen, daß Ihre Mutter gerade eben gestorben ist."
Das Herz meines besten Freundes hatte aufgehört zu schlagen.










 

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