Noch einmal hat Frank Wedekinds <Marquis von Keith> seine Unsterblichkeit bewiesen. In der sorgfältig ausgefeilten, die komischen und tragischen Momente geschickt ausbalancierenden Inszenierung von Thomas Langhoff und in der Gestalt von Ulrich Pleitgen stand er so prachtvoll präsent auf der Bühne des Thalia Theaters als sei er ein Kind unserer Zeit und nicht der Jahrhundertwende.
Amüsement mit philosophischen und kritischen Hintergedanken. Das Premierenpublikum hat es genossen und applaudierte heftig und verdientermaßen.Auch, wenn die Inszenierung - aus verständlichen Gründen - das Philosophische zu Gunsten des Komödiantischen eher schamvoll zurückhielt.
Einst brillierten Kortner und Gründgens in dieser Rolle des ausgebufften Hochstaplers und genialen Schwindlers, der schließlich doch zu Fall kommt, weil er zuviel Poesie mit sich herumträgt für diese Welt, in der nur die mit den kühlen Köpfen und verschwarteten Herzen schließlich das Geschäft machen.
Gegen die Talmi-Moral seiner Umwelt setzt der Marquis die Amoral, das Recht des Stärkeren und Cleveren. Die Raubtierintelligenz. Auch Wedekind hatte seinen Nietzsche gelesen.
Peter Hein stellte das Spiel in einen schönen lichtdurchfluteten Art-deco-Rahmen. Ulrich Pleitgen ist als der falsche Marquis ein voll im Saft stehendes sympathisches Ungeheuer von Mann, ein Abenteurer und Hoppla-jetzt-komm-ich-Plebejer, der das große Gesellschaftsspiel mit all seinen Finten durchschaut hat und mitmacht.
Hinter seinem Imponiergehabe aber, das er wie einen Schild vor sich herschiebt, sollte immer auch der heimliche Träumer durchschimmern,der Erbauer von Feenpalästen und Freund der Musen. Ulrich Pleitgen spielt den Superkerl kraftvoll aus, unterschlägt aber viel von dessen Verwundbarkeit, der Achillesferse, die schließlich zu seinem Sturz führt. Dadurch geht das Schillernde dieser Figur zum Teil verloren.
Der Marquis von Keith war das Lieblingskind seines Autors. Einer seiner Bekannten, ein Bildfälscher, diente ihm als Modell. Aber natürlich steckt auch viel von des Dichters eigenem Ego in der Figur. Ebenso wie in der seines Gegenspielers Ernst Scholz, den Wolf-Dietrich Sprenger im Thalia-Theater mit angedeuteter Wedekind-Maske und mit knisternder Intensität auf die Bühne bringt.
Ernst Scholz gehört zu den Menschen, die die ganze Last der Welt auf ihren Schultern schleppen, ein Moralist, betrübt bis ins Mark. Wie sich Wolf-Dietrich Sprenger als Ernst Scholz in München, wohin er kam, um sich zum Genussmenschen ausbilden zu lassen, zaghaft und linkisch den Wonnen des Lebens zu nähern versucht, das hat etwas von Chaplins melancholischer Komik.
Zwei Frauen begleiten den Marquis bei seinem unaufhaltsamen Auf- und Abstieg: Molly, die brave Kleinbürgerin aus Bückeburg, die liebe- und verständnisvoll zu ihm aufschaut - wunderbar Sabine Wegner in ihrer trotzigen Anhänglichkeit und Herzensstärke - und Anna Werdenfels, die flotte Komplizin im Glück (aber nicht im Unglück), eine Rolle, deren mondäne Verruchtheit Elisabeth Schwarz genüsslich auskostet.
Viel Talent für wohldosierte Komik beweist diesmal Isabel Karajan, die als Simba ein von keines Gedanken Blässe angekränkeltes Münchner Kindl prall, irdisch und verführerisch auf die Thalia-Bretter stellt. Frisch und zum Anbeißen schön wie Allgäuer Käse.
Auf der Gegenseite stehen Traugott Buhre als cooler Machtmensch Casimir und die Stützen der Gesellschaft, die drei Erfolgspiefkes (Günther Flesch, Eric Schildkraut, Circe), vor denen der Marquis von Keith schließlich das Feld räumt.
Die Macher sind unter uns. Wedekind ist aktuell geblieben.
Quelle: HAMBURGER ABENDBLATT/ Mathes Rehder/ 6. März 1987
DER MARQUIS VON KEITH
Schauspiel von Wedekind: Hochstapler - >Karriere<
Münchens feine Gesellschaft um 1900. Der Hochstapler >Marquis< von Keith sucht Geld und Einfluss. Seine Freundin ist eine Gräfin, das Geld soll ein vermögender Konsul herausrücken. Dessen Sohn himmelt den Marquis an.
Plötzlich taucht Ernst Scholz auf, ein Jugendfreund von Keith. Er hat Probleme, Keith soll helfen. Doch der verfolgt lieber ein gigantisches Projekt, das ihn unsterblich machen soll. Langsam wächst Keith alles über den Kopf.
Fernsehaufzeichnung der Aufführung/NDR 1987
(ca. 120 Minuten)
Der Marquis von Keith
Schauspiel von Frank Wedekind
(1864 - 1918), >Lulu< und >Frühlings Erwachen<
Aufführung des Thalia-Theaters Hamburg - Inszenierung und Bildregie: Thomas Langhoff
Es spielen: Marquis von Keith (Ulrich Pleitgen),
Ernst Scholz (Wolf-Dietrich Sprenger),
Anna Werdenfels (Elisabeth Schwarz),
Molly (Sabine Wegner),
Konsul Casimir (Traugott Buhre),
Hermann Casimir (Dominique Horwitz,
Raspe (Peter Danzeisen),
Simba (Isabel Karajan) u. a.