SCHICKSALSREICHE BEGEGNUNG - "Das Ende eines normalen Tages" - Film von Heide Pils- Kriminalfilme mit Dutzenden von Toten gibt es täglich in vielfältiger Form auf dem Bildschirm. Allerdings sind nur selten Produktionen darunter, die nicht auf pure Unterhaltung und Spannung setzen, sondern auch versuchen, die gesellschaftlichen und sozialen Umfelder miteinzubeziehen und kritisch zu durchleuchten. Genau das versucht die österreichische Filmemacherin Heide Pils in ihrem Mainzer Fernsehfilm "Das Ende eines normalen Tages", der auf Nachdenken und Betroffenheit setzt und jedem Zuschauer die Gewissensfrage stellt, wie er sich wohl in einer vergleichbaren Situation verhalten hätte.
Heide Pils gehört zu den namhaftesten Vertreterinnen ihres Fachs; seit ihrem Debüt 1980 mit der Walter-Kappacher-Adaption "Rosina" waren von ihr zahlreiche engagierte Filme im ZDF zu sehen, darunter "Die Feen sterben aus", "Die Frau des Reporters", "Das eine und das andere Glück" und "Tage der Angst".
Der Film "Das Ende eines normalen Tages" ist typisch für die Arbeitsweise der Regisseurin. Sie versucht jeweils, Stoffe mit gesellschaftskritischer Gewichtung so darzustellen, dass sie auch ein größeres Publikum erreichen können. Am Ende dieses Films gibt es einen Toten und einen Schwerverletzten, alle Illusionen sind verflogen und Fragen nach individueller Schuld, nach Mitverantwortung und Moral drängen sich auf. Doch bevor es zu dem dramatischen Ende kommt, werden kaleidoskopartig verschiedene Personen in ihrem privaten Umfeld vorgestellt.
Zuerst der Polizeihauptkommissar Färber, der mit Frau, Tochter und Kollegen seinen Geburtstag feiern will. Dann jene Jugendlichen, die ihm bei der Arbeit Kummer machen, weil sie mit Sauftouren und Randale auf die schiefe Bahn abzurutschen drohen. Schließlich die hübsche schwarze Asylbewerberin Betty, für die Frau Färber eine Anstellung sucht, und deren schwarzer Freund Murphy, der einen Glückstag erwischt zu haben scheint, da sein Asylantrag endlich angenommen wurde. Doch in einer Kneipe treffen alle zufällig zusammen, das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
Ulrich Pleitgen, oft als Sonnyboy auf dem Bildschirm aktiv, spielt den Polizeibeamten Färber, seine Partner in diesem didaktischen Drama über Toleranz und Feigheit sind Alana Bock, Heta Mantscheff, Stefan Reck, Günter Kütemeyer, Sheri Hagen und - als Murphy - Michael O. Ojake.
FRANKFURTER RUNDSCHAU/ Klaus Wienert
DAS ENDE EINES NORMALEN TAGES - EIN GANZ (UN-) NORMALER DREHTAG!
Ein Film von Heide Pils - Eine Produktion der SATOR FILM Hans Günther Imlau
Die Dreharbeiten zu diesem sozialkritischen Krimi gestalteten sich schwierig: Der komplette Film spielt sich ja an einem einzigen Tag ab. Gedreht wurde allerdings an mehreren Tagen mit unterschiedlichem Wetter: Mal schüttete es im "Veddel" vor Hamburg; mal fiel sogar Schnee.
Regisseurin Heide Pils ("Das Alibi", "Austernexpress") und die Cutter hatten alle Hände voll zu tun, bis alles "einheitlich" wirkte.
Dabei war die Wienerin Pils voll des Lobes über ihren "Landsmann" Helmut Pirnat, der mit seiner Kamera rasch und präzise zauberhafte Bilder von dem originellen Hamburger Viertel einfing.
Außerdem: Ihre Neuentdeckungen Alana Bock und Florian Heiden erwiesen sich als erste Sahne. Sie bestanden voll neben dem Profi Ulrich Pleitgen.
Quelle: GONG/ 1996
EIN FERNSEHSTAR AUF ZEIT
Seit Beginn der neunziger Jahre gehört sein Charakterkopf zu den vertrauten Bildschirmgesichtern: Klassisches Profil, durch eine Cäsarenfrisur-das schüttere Blondhaar in die Stirn gekämmt-noch unterstrichen. Blaue Augen. Die große Gestalt auch im 51. Lebensjahr noch jugendlich schlank. Ulrich Pleitgen ist ein Mann, dessen Charisma sich kaum ein Zuschauer entziehen kann.
In dem Fernsehspiel "Das Ende eines normalen Tages (ZDF, 19.25 Uhr) stellt der Vielgepriesene, der unisono zu den "besten Schauspielern der Republik" (Iffland - Ring-Träger Bruno Ganz über Pleitgen) gezählt wird, einen Polizeibeamten dar, an dessen Geburtstag sich private Schicksale in seinem Umfeld auf tragische Weise verknüpfen.
Hätte Polizeikommissar Jens Färber geahnt, was an diesem Tag auf ihn zukommt, wäre er wahrscheinlich im Bett geblieben. Aber heute hat er Geburtstag und für den Abend ist ein großes Fest geplant. Doch dieser "normale" Tag hat es wirklich in sich, denn das Leben ist komplizierter als man denkt und wird von Zufälligkeiten bestimmt, die Heide Pils 1995 in ein Drama münden ließ. Färbers Tochter Evelyn (Alana Bock) hat ein Verhältnis mit seinem verheirateten Bankangestellten, ein Junge verliert seinen Job, dem Antrag eines afrikanischen Asylbewerbers wird stattgegeben, ein angetrunkener Wirt reagiert falsch und ein überreizter Wachmann zieht zu schnell seine Waffe. Nur scheinbar hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, aber schicksalhaft fokussieren sich die Ereignisse in einem Brennpunkt der Gewalt.
Daß er jeder Rolle gerecht wird, hat Ulrich Pleitgen seit Beginn seiner Karriere bewiesen- ob als Liebhaber oder Widerling, als Richter oder Gangster. Mit elf Jahren hatte der Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin erstmals einer Laienspielgruppe angehört.
Nach dem Abitur besuchte er bis 1969 die Staatliche Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Es folgten sofort Engagements bei "ersten Adressen": am Schiller-Theater in Berlin, in Basel, Stuttgart, Bochum und Hamburg. Eine Welt, in die er irgendwann zurückkehren will: "Vom Theater komme ich her, und dahin will ich eines Tages auch wieder zurück. Beides zugleich lässt sich jedoch nicht verwirklichen."
SPANNUNG PUR
DAS ENDE EINES NORMALEN TAGES. Der Vater Polizist, die Tochter ausgeflippt - und dazu jede Menge soziale und kriminelle Großstadtprobleme: Die Autorin und Regisseurin Heide Pils versucht mehrere Erzählstränge zu koordinieren. Das ist gewagt inszeniert und klappt, so jedenfalls die Erfahrung aus anderen Versuchen, nur selten.
Auch dieses TV-Drama beginnt ziemlich zähflüssig. Am Geburtstag von Kommissar Färber (Ulrich Pleitgen) läuft einiges schief: Schon beim Frühstück gibt´ s reichlich Ärger, und abends wartet der Stadtteil-Sheriff vergeblich auf seine Tochter Evelyn (Alana Bock), die sich heimlich mit ihrem verheirateten Lover trifft. Dann wird Färber in eine Kneipe gerufen, weil rechtsradikale Jugendliche einen afrikanischen Asylanten mißhandeln.
Der beängstigend realistische Film über den alltäglichen Irrsinn in einer Gesellschaft mit zuwenig Arbeit und zuviel Streß sorgt zumindest in der zweiten Hälfte für Spannung pur.
Ulrich Pleitgen agiert als Polizist Färber überragend, und auch Nachwuchsschauspielerin Alana Bock als zickige Tochter Evelyn braucht sich mit dieser Leistung über ihre Zukunft keine Sorgen zu machen.
Quelle: BERLINER ZEITUNG / Eckard Presler /17. o4. 96
TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN
Schnelle Schnitte:>Das Ende eines normalen Tages< (ZDF)
Morgens bei Färbers ist die Welt noch in Ordnung: "Frühstück ist fertig", trällert Mutter Färber durchs Treppenhaus. Die Tochter duftet sich vor dem Spiegel ein und schminkt sich den Mund tiefrot. Vater Färber ruckelt die Polizistenkrawatte zurecht, denn heute ist ein besonderer Tag: sein Geburtstag. Was könnte sich dieser Jens Färber mehr wünschen, als eine nette Tochter und eine Frau, die ihm lächelnd das Alles-Gute-zum-Geburtstag-Geschenk beschert: >Das große Buch der Schiffstypen."
Das war der Anfang. >Das Ende eines normalen Tages< am Montag abend im ZDF sah ganz anders aus. Doch hatte nicht der Beginn des Films schon das schleichende Gefühl hinterlassen, hier könne Fürchterliches passieren? War nicht die behäbige Geburtstagsstimmung am frühen Morgen zu schön? Hatte Frau Färber sich nicht allzu betulich, ihr Mann nicht allzu erfreut gezeigt? War der sauber gebundene Krawattenknoten nicht untrügliches Zeichen dafür, dass Jens Färber noch in einer anderen Rolle als der des glücklichen Familienvaters auftreten würde? Und erinnerte die rote Farbe auf Tochter Evelyns Lippen nicht zu sehr an - Blut? Heide Pils, die das Buch schrieb und Regie führte, nutzte von Beginn an alle dramaturgischen Mittel, um hinter der Normalität die Abweichung anzudeuten. Ohne Penetranz, ganz langsam und in ausgeklügelter Abfolge kurzer Sequenzen entwickelte sie nebeneinander Geschichten, die alle auf einen Punkt zusteuerten: das Ende eines Tages, der so normal und doch gar nicht normal begonnen hatte.
Dabei hätte der Film gut und gern in süffigem Kitsch ertrinken können: Ein Polizist versieht seinen Dienst im Hamburger Stadtteil Veddel - einem klassischen, heruntergekommenen Arbeiterviertel. Seine Tochter unterhält eine Beziehung zu einem verheirateten Mann. Ihre Mutter will einer Asylantin zu einem Job als Küchenhilfe verhelfen. Und dann sind da noch die Jugendlichen, die auf ihren Mopeds sitzen wie in einem schlechten Dokumentarfilm über soziale Brennpunkte, der alte Kneipenbesitzer Becker, der sein Geschäft bald abgeben möchte; und dessen Gehilfe, der schludrige Wachmann Kaminski, der sich plötzlich im Gefängnis wiederfindet. Solche Zutaten riechen nach einem faden Fernsehmenü: Familiensuppe, Randgruppenparfait, Krimisalat, gewürzt mit einer kräftigen Prise Mitleid. Doch Heide Pils überließ weder ihre Schauspieler einem schlechten Rezept, noch mutete sie den Zuschauern Einheitskost zu.
Stattdessen entwickelte sie in neunzig Minuten die Chronik eines angekündigten Todes. Im Revier warten auf Jens Färber ein Städtchen der Kollegen und noch einmal >Das große Buch der Schiffstypen.< Seine Tochter Evelyne verabredet sich, statt in die Uni zu gehen, mit ihrem Geliebten.
Der alte Becker hängt das Schild "Wegen Krankheitsfall bis 17 Uhr geschlossen" an die Wirtshaustür und besucht seine schwerkranke Frau in der Klinik. Der junge Joe kommt zu spät zur Arbeit und wird hinausgeworfen. Seine Mutter warnt: "In drei Jahren viermal die Lehrstelle gewechselt. Wenn Papa das erfährt!" Murphy, der schwarze Asylbewerber, sucht eine Arbeit. Seine Freundin Betty will sich mit Mutter Färber treffen, doch sie verpassen sich. Das entspricht dem Kalkül des Films, dessen Figuren einander begegnen, ohne dass sie sich erkennen oder helfen könnten - jeder für sich, und das Drehbuch gegen alle.
Die schnellen Schritte, die nebeneinander laufenden Handlungsstränge und deren allmähliche Verknüpfung - Heide Pils könnte sie aus Robert Altmans >Short Cuts< abgeschaut haben. Hier wie da schlägt die verwirrende Form konsequent auf den Inhalt um: Das engmaschige Schnittmuster der Sequenzen hält die Figuren kaum zusammen. Denn es wächst auch in den dargestellten Beziehungen nicht zusammen, was nicht zusammengehört. Besonders Ulrich Pleitgen als Jens Färber und Günter Kütemeyer als Kneipenwirt Becker spielen den einsamen Kampf um Existenz und Selbstbewahrung so unaufdringlich wie überzeugend. Alana Bock als Färbers Tochter Evelyn steht symbolisch für den verzweifelten Versuch, Verbindungen zu knüpfen, die das Spiel und das Leben immer wieder auflösen.
Und doch laufen die Fäden am Ende dieses "normalen Tages" im Tod eines dieser vielen Handlungsreisenden zusammen. Durch die versteckte Hand der Drehbuchautorin erhält jede Szene ihren Ort in der Todeschronik, jedes Wort seine Bedeutung: Am Ende wartet der Schwarze Murphy in Beckers Kneipe auf seine Freundin. In der Ecke sitzen Evelyn Färber und ihr Geliebter. Joe und die Mopedclique betreten die Szene. Die angetrunkenen Rowdies bedrängen den Schwarzen und erstechen ihn schließlich. Wachmann Kaminski greift zur Waffe und trifft den jungen Joe. Murphys Freundin läuft in Zeitlupe herbei, und der Film hält seinen Atem an. Auch Kommissar Färber kommt zu spät.
Quelle: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG / Alfons Kaiser / 17. o4. 1996