FASZINIERT VON THOMAS MANN

Frage: Natürlich kennt man Sie - vor allem aus dem Fernsehen. Können Sie sich und Ihre Arbeit trotzdem kurz beschreiben?
Pleitgen: Ich bin ein Schauspieler aus Begeisterung - seit 197o. Ich habe die Hochschule für Musik und Theater in Hannover besucht und dann an sehr vielen Theatern gespielt, unter anderem am Thalia-Theater in Hamburg. Und irgendwann, nachdem ich 2o Jahre lang nur Theater gemacht habe, entdeckte ich, dass mir Film und Fernsehen auch Spass machen.
 
Frage. Ihre Stimme ist unverwechselbar. Woher kennt man sie noch, wenn nicht aus dem Fernsehen?
 
Pleitgen: Von Hörbüchern. Plötzlich kam dieser große Boom mit Hörbüchern in den vergangenen zwei Jahren. Ich habe hier inzwischen schon ein ganzes Regal voller ziemlich guter Literatur stehen, die ich gelesen habe - zum Beispiel Edgar Allan Poe in Hörspielform, 10 CDs.
Dann wurde ich eingeladen, Lesungen zu machen. Das macht mir großen Spass. Ich bin selbst ein lesender Mensch. Es ist ein großes Vergnügen, mich vor Leute zu setzen und ihnen etwas vorzulesen.
 
Frage: Was lesen Sie privat am liebsten?
 
Pleitgen: Einer meiner modernen Lieblingsromane ist "Die Korrekturen" von dem Amerikaner Jonathan Franzen. Den habe ich übrigens auch auf CDs gelesen. Das ist einer der aufregendsten Romane der letzten Jahre. Außerdem bin ich ein absoluter Krimi-Fan. Ich lese die nordischen Krimis sehr gern. Henning Mankell habe ich übrigens auch auf CDs gelesen - ich spreche den Wallander. Außerdem gibt es gute Südstaaten-Krimis.
 
Frage: Was fasziniert Sie an Thomas Mann?
 
Pleitgen: Es ist klassische Literatur, die trotzdem aktuell ist. Mich fasziniert an Mann seine unglaublich intensive Menschenkenntnis. Er weiß, was den Menschen im Innersten zusammenhält. Und Thomas Mann ist hochbegabt. Er kann in allen Stilformen schreiben: "Buddenbrooks", "Joseph und seine Brüder", "Lotte in Weimar" in biedermeierlichem Deutsch: man hört Goethe reden. Dann "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" - ein Schelmenroman. Und in allen Titeln, was keiner vermutet, Humor. Sogar in der melancholischen Geschichte vom kleinen Herrn Friedemann ist Humor. Wenn man eine traurige Begebenheit wahrheitsgemäß schildert, dann ist das fast schon wieder tröstlich. Das hat nichts zu tun mit der vermeintlichen Tragik amerikanischer Katastrophenfilme. Das ist Kitsch. Bei Thomas Mann ist immer Mitgefühl und Verständnis im Spiel - für alle Personen. Wichtig ist nur eines: Die Leute sollen keine Angst vor Thomas Mann haben. Ein guter Autor schreibt verständlich. Und Thomas Mann ist ein guter Autor.
 
Frage: Sie sind öfter mit der Lesung "Der kleine Herr Friedemann" unterwegs. Wovon handelt diese Erzählung?
 
Pleitgen: Es ist eine tragische Liebesgeschichte. Der Held ist ein verkrüppelter Mann. Die Liebe ist eigentlich nicht seine Sache. Er findet seinen Frieden in der Musik, in der Literatur und in der Beobachtung der Natur. Dieser Mann verliebt sich plötzlich in eine schöne Frau. Und diese Frau interessiert sich auch für den Mann. Sie ist wunderschön, hat rote Haare, eine wunderbare Haut, ist intelligent und merkwürdig emanzipiert. Sie ist ähnlich verletzt wie der Mann.
Und da möchte ich meine Inhaltsangabe beenden, denn der Rest soll für die Leute spannend bleiben. Nach der Pause lese ich zwei lustige Geschichten von Thomas Mann. Die eine heißt "Das Eisenbahnunglück", die zweite "Das Wunderkind".
 
Frage: Was finden Sie schwieriger: Schauspielerei oder Lesungen halten?
 
Pleitgen: Das ist doch alles Schauspielerei. Ich versuche die Lesung sehr lebendig zu machen. Also lebendig im Sinne von lebendigem Lesen. Ich mache nicht dauernd eine Verbeugung vor Thomas Mann, sondern ich versuche, die lebendigen Stellen aufzuspüren. Ich will das Frische an Thomas Mann zeigen und nicht das Heilige.Bei Mann geht es um genaueste Beschreibungen seelischer Vorgänge. Und das wird mal wieder nötig bei den schnellen Schnitten im Fernsehen.
 
Das Gespräch führte Michael Reh

 

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