VERZWEIFLUNGSTAT VON MUTTER UND TOCHTER - "Verurteilt Anna Leschek" / ZDF - 1990.

Banküberfall in Köln. Zwei maskierte Täter, offensichtlich übernervös, halten Angestellte und Kunden einer Sparkasse mit einer Pistole in Schach, stopfen sich hektisch einige Geldscheine in die Manteltasche und rennen danach wie um ihr Leben. Weit kommen sie nicht, denn die längst alarmierte Polizei ist schon zur Stelle und kann sie dingfest machen - und die Beamten staunen nicht schlecht, als die schwarzen Masken abgelegt werden und die 36jährige Anna Leschek und ihre 13jährige Tochter Ines zum Vorschein kommen.
Wie Mutter und Tochter zu dieser Verzweiflungstat getrieben wurden und wie ihr Pflichtverteidiger aus eigener Betroffenheit versucht, für sie das Beste herauszuholen, das schildert Bernd Schadewald in seinem Mainzer Fernsehfilm "Verurteilt Anna Leschek" : Ein Sozialdrama, das die künstlerische Quadratur des Kreises im Sinn hatte, nämlich spannende Unterhaltung im "Tatort" - Stil, eine außergewöhnliche Liebesgeschichte und engagiert-ernsthafte Gesellschaftskritik in einer Geschichte zu bündeln.
Ulrike Kriener und Ulrich Pleitgen, schon im "Hammermörder" dabei, spielen die Angeklagte und ihren Verteidiger, weitere Akteure sind Sandy Schmitz, Donata Höffer und Walter Kreye.
Quelle: FRANKFURTER RUNDSCHAU / K.W. /1994

 

DER FALL EINER FAMILIE
Bernd Schadewald zeigt in dem ZDF-Fernsehfilm "Verurteilt Anna Leschek", wie eine Frau und ihre Kinder auf die schiefe Bahn geraten
 
Eine Kolportage-Geschichte, wie sie jeden Tag in der Zeitung stehen könnte, zugleich ein Fall aus der Sozialstatistik: Wer erst einmal durch eine Sprosse der Leiter gefallen ist, der fällt immer tiefer. Und er landet nicht unbedingt im sozialen Netz. 
Genau so geht es Anna Leschek. Nach dem Unfalltod ihres Mannes muß sie alles daran setzen, einen Schuldenberg abzutragen, weil es hinten und vorne nicht reicht. Sie geht wieder arbeiten und vernachlässigt ihre beiden Kinder. Der 15jährige Frank wird "sozial auffällig" und kommt in ein Erziehungsheim. Die 13jährige Ines, ein frühreifes Kind, setzt alles in Bewegung, um der Mutter zu helfen. 
Dabei sinkt die Schwelle des Anstands und der Moral. Von Ines angestiftet, überfallen Mutter und Tochter gemeinsam eine Bank.
Mit der Action-geladenen Szene dieses Überfalls beginnt Bernd Schadewalds Film "Verurteilt Anna Leschek". Den Autor und Regisseur (für "Der Hammermörder" bekam er im vergangenen Jahr einen Grimme-Preis) interessiert nicht der "Fall". Ihn interessiert das Schicksal des Menschen, der zum "Fall" wird. Und seine Neugier hat etwas Gnadenloses.
Schadewald lässt den Menschen Anna Leschek auf den Menschen Rainer Buchka treffen. Gleich zu Anfang des Films sehen wir Buchka in einer für Anwälte nicht ungewöhnlichen Situation - hinter Gittern.
Aber Buchka ist nicht im Gefängnis, um einen Mandanten zu besuchen - er ist selbst für eine Nacht eingesperrt. Volltrunken hat er randaliert.
Buchka wird Anna Lescheks Pflichtverteidiger. Und sofort ahnt man: Die Frau, die mit niemandem reden will, die Frau, die kein Wort zu ihrer Verteidigung sagt, die sich verschließt - sie wird sich diesem Mann bald öffnen. Die beiden werden nicht bloß miteinander reden wie Mandantin und Anwalt, sie werden miteinander umgehen wie Frau und Mann.
Alles kommt wie erwartet, mit jener Folgerichtigkeit, die außer den billigen Romanen nur das Leben kennt.
 
Alles also hängt daran, wie der Regisseur mit seiner Geschichte umgeht, wie er die Kolportagehandlung umgießt in die Bilder eines spannenden Films.
Schadewalds Stärke ist zunächst die Kraft seiner Schauspieler. Da ist Ulrike Kriener, die ihre Anna Leschek so lebensnah verbittert, so verzweifelt spielt, daß wir - als sich diese Verzweiflung endlich löst - das angerührt miterleben. So, als passierte es in unserer unmittelbaren Umgebung, im Freundes- oder Bekanntenkreis.
Und da ist Ulrich Pleitgen, der den Rechtsanwalt Buchka genauso gibt. Als einen traurigen Teddybären, den man zu wenig gestreichelt hat, als den Macho-Mann, den die Frauen verlassen haben, weil er in seiner Wut alles falsch macht. Und aus Angst auch.
Schadewald geht nah heran an seine Schauspieler, er schert sich einen Dreck um den guten Geschmack. Seine Bilder sind von fast schamloser Direktheit. Was er will, ist Wirkung.
"Verurteilt Anna Leschek" ist ein Film wie eine Schlagzeile.
Quelle: Joachim Hauschild / STERN - 41//VORSCHAU tv / 02.10.1991
            

AUF LÜGEN SANFT GEBETTET
"Verurteilt Anna Leschek" von Bernd Schadewald (ZDF)
 
Durch ihn habe sie die Kraft wiedergewonnen zu träumen, sagt sie, als alles vorbei ist. Wovon sie denn träume, fragt der Anwalt über die Sektgläser hinweg. Sie träume, sie stehe an einem Fenster und schaue in einen wunderschönen Garten, sagt sie. Sie sehe die Kinder toben, und dann komme ein Mann ins Zimmer, nehme sie in den Arm und halte sie fest, und sie könne sich fallenlassen. Ja, es sei schön, nicht allein zu sein, entgegnet er, und seinem Blick sieht man an, daß er wieder nichts verstanden hat.
Als sie am nächsten Morgen im Bett des Anwalts erwacht, sieht sie durch das Fenster auf eine Backsteinwand. Statt der Kinder hört sie Straßenlärm, und der Mann, der ihr die Kraft wiedergegeben hat zu träumen, telefoniert mit einer anderen. Von einem Moment auf den nächsten ist alles wieder so, wie es schon immer war.
Zwei Verlierer treffen aufeinander: da ist der Rechtsanwalt Rainer Buchka (eindrucksvoll zerknittert: Ulrich Pleitgen), der nach seiner Scheidung aus dem Tritt geraten ist. Immer häufiger erwacht er in der Ausnüchterungszelle, immer weniger hat er in seiner Kanzlei zu tun. Und da ist Anna Leschek (eindrucksvoll verhärmt:Ulrike Kriener), die durch die Hölle gegangen ist, solange sie sich erinnern kann: nach dem Unfalltod ihres Ehemanns, eines Säufers und Schlägers, ging es immer schneller bergab. Man nahm ihr die Möbel und die Wohnung, man nahm ihr die Arbeit, und dann nahm man ihr auch noch ihre Kinder.
Anna Lescheks geradezu lächerlich dilettantisch ausgeführter Versuch eines Banküberfalls bringt die beiden Verlierer zusammen. Gemeinsam werden sie es schaffen. Dieses trügerisch beruhigende Gefühl vermittelt Bernd Schadewalds eindrucksvoller Fersehfilm "Verurteilt Anna Leschek" über fünfundsiebzig seiner hundert Minuten. "Wir wohnen, sanft gebettet auf unserer Lebenslüge, in einem reichen Land. Luxus und Bequemlichkeit bestimmen unseren Alltag, und wir registrieren all das Leid und das Elend in der Welt, doch es ist uns fern": In seinem leidenschaftlichen Plädoyer, das Anna Leschek die Freiheit zurückgeben wird - die Freiheit, zurückzukehren in ein Leben ohne Würde, wie sich bald herausstellen wird - , spricht der Rechtsanwalt Buchka zu den Juristen und den Zuschauern im Gerichtssaal, aber er meint die Welt. Wenn er jedoch die Welt meint, dann meint er zuallererst sich selbst. Auch das wird sich in den letzten Minuten des Films herausstellen, die alles, was vorher zu sehen war von Buchkas Bemühungen, Anna Leschek auf die Beine zu helfen, als Heuchelei, schlimmer noch: als Zynismus entlarven werden. Dann werden die lauen Worte, die seinen polternden Einsatz für Anna Leschek begleitet hatten, plötzlich ihren eigentlichen Sinn preisgeben: denn immer, wenn er von ihr sprach, hatte Buchka nur sich selbst gemeint: "Ich glaube, mit dieser Frau habe ich das große Los gezogen."
Das Leid, das Elend und vor allem die Hoffnungslosigkeit der Anna Leschek in einem reichen Land, ihre Verzweiflung, der sie schließlich nur mit einem Sprung aus dem Hochhausfenster entrinnen zu können glaubt, ist Rainer Buchka ferngeblieben. Es ist das Verdienst des Films von Bernd Schadewald, das Leid, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der sechs Millionen Menschen, die nach einer im Oktober des vergangenen Jahres veröffentlichten Studie in den alten Bundesländern an und unterhalb der sogenannten "Armutsschwelle" leben, den Fernsehzuschauern für einen Abend wenigstens nahegebracht zu haben. Auch wenn Mitgefühl allein den Anna Lescheks in diesem reichen Land kaum nützen wird.
Quelle: Andreas Obst / FAZ / 09.10.1991