NEGERKÜSSE, 9o minütige Satire von Wolfgang Menge für die ARD/ 1992.

"NEGERKÜSSE" IN DER BOTSCHAFT ARD-Politsatire über eine Bananenrepublik von Wolfgang Menge - Im südwestafrikanischen Namibia inszenierte Maria-Theresia Wagner Anfang 1992 Wolfgang Menges jüngstes Fernsehspiel "Negerküsse".
Während der Dreharbeiten gab es einige Schwierigkeiten mit der namibischen Regierung, die Menges bitterböse Polit-Satire als rassistischen Film mißverstand. Hoffentlich kommt es hierzulande nicht zu ähnlichen Irritationen. Das wäre umso bedauerlicher, als diese Groteske ganz bewußt nicht überdreht und schon gar nicht Partei für oder gegen bestimmte Personen oder Gruppen ergreift. Ganz im Gegenteil: In der Geschichte um eine afrikanische Bananenrepublik und das ortsansässige deutsche Botschaftspersonal wimmelt es nur so von Deppen und Ignoranten. Die deutschen Vertreter dieser Spezies versehen ihr "Handwerk" um 20 Uhr 15 in der ARD allerdings mit besonderer Gründlichkeit.
Die Handlung basiert auf der Putsch-Freudigkeit afrikanischer Staaten: Durch einen solchen Umsturz wird der in Deutschland lebende Afrikaner Mehendo überraschend Staatspräsident in seinem Heimatland Butaris. Seinen Freund Norbert, der in früheren Jahren bereits einmal im diplomatischen Dienst tätig war, ernennt Muhendo umgehend zum Präsidentenberater. Nach anfänglichem Zögern nimmt der unzufriedene Lehrer den merkwürdigen Job an, nicht zuletzt deshalb, weil seine Ex-Freundin Claudia in der deutschen Botschaft in Butaris arbeitet.
Diese Botschaft ist das reinste Tollhaus. Gerade quält man sich mit einem schwerwiegenden Problem ab: Ein Reiseleiter ist gestorben, seine Leiche kann aber erst in einigen Wochen in die Heimat ausgeflogen werden, und nun ist plötzlich die Kühlanlage defekt. Also wohin mit dem Toten? Glücklicherweise verfügt Norbert in seiner noblen Dienstvilla über eine funktionierende Kühltruhe. Unangenehm ist auch eine Nachricht aus der russischen Botschaft: Die Herren veranstalten ein Kaviar-Frühstück, haben ihre deutschen Kollegen jedoch nicht eingeladen.
Die neuen butarischen Machthaber benehmen sich indes keinen Deut besser. Muhendo wird größenwahnsinnig, will von Norbert nur noch >Eure Exzellenz< genannt werden, kündigt an, landesweit das Rauchen zu verbieten und läßt sich von einem windigen deutschen Geschäftsmann ein Atomkraftwerk aufschwatzen. Derweil versucht Norbert, seine Beziehungskiste zu ordnen. Soll er wieder mit Claudia anbandeln oder sich besser für Muhendos liebliche Schwester Jill entscheiden?
In der Rolle des Norbert brilliert Ulrich Pleitgen, der zur Zeit als Heimleiter im >Haus am See< zu sehen ist. Mit Eleonore Weisgerber (Claudia) und Rosemarie Fendel wirken zwei weitere Darsteller aus dem ARD-Altenpensionat mit. Weitere bekannte Akteure sind Eberhard Feik (der Waffenhändler) und Tilo Prückner.
Quelle: DER TAGESSPIEGEL / Berlin/ Emmanuel van Stein / 21. Oktober 1992


NIEMAND WIRD VERSCHONT

Bomben in Urumbaru, Böller in Köln - während die Jecken am Rhein Karneval feiern, putscht das Militär in Afrika. Von Kontinent zu Kontinent springt die Kamera, zeigt das närrische Treiben rund um den Dom und ein nicht weniger albernes, wenn auch blutiges Spiel namens Regierungssturz. Mit >Negerküsse< servierte die Regisseurin Maria Theresia Wagner eine locker-leichte Schaumschlägerei nach der Rezeptur von Wolfgang Menge.
"Und nächstes Jahr gehst du als Neger", fordert der ständig betroffene Lehrer Norbert seinen schwarzen Freund Omelo Muhendo auf. Doch der entscheidet sich für ein anderes Kostüm, in einer prächtigen Uniform mimt er den Präsidenten seines Heimatlandes, solange der nächste Putsch es zuläßt. In seiner schwarzen und bittersüßen Satire zieht Wolfgang Menge Bananenrepubliken und Entwicklungshilfe, deutsche Botschafter und Waffenschieber gleichsam durch den Kakao. 
Obwohl die Mutter noch warnt: "Da leben sonst nur Neger!", geht Norbert Nagel als Berater des Präsidenten nach Urumbaru. Dort trifft er auf eine Kolonie von Deutschen, die in Afrika ein zünftiges Oktoberfest feiern und vor allem lukrative Geschäfte mit den "Bananenbiegern" abschließen wollen. Von der deutschen Botschaft ist im Kampf gegen die üblen Waffenhändler insofern keine Hilfe zu erwarten. Die Gesandten sind vollends damit beschäftigt, die Herrentoilette reparieren zu lassen.
Zwar läßt die Komödie kein Klischee aus, doch haben die Übertreibungen den Begriff Satire verdient. Niemand wird verschont, falsche Rücksichtnahme gibt es nicht. Vor allem die Männer werden vorgeführt: Der neue Präsident entpuppt sich als eitler und skrupelloser Diktator, der Waffenhändler ist ein neureicher Protz mit schlechten Tischmanieren, und der Botschafter kennt noch nicht einmal die Namen der jeweiligen Machthaber. Norbert Nagel, der softe Lehrer aus Köln, ist zwar sehr kritisch, doch steht er recht ratlos zwischen zwei Frauen. Die beiden haben dagegen umso mehr Power und teilen ihn unter sich auf.
Dass Wolfgang Menge ein ernstes Thema humorvoll aufbereiten kann, hat er schon oft bewiesen. Auch wenn sich der Autor von der Verfilmung distanzierte, gehört die Komödie zu den seltenen Sternstunden der Fernsehunterhaltung. Negerküsse haben zwar keinen Biß und kaum Nährwert, aber sie versüßen den Augenblick.
Alexandra Albrecht