K3 - EIN ANDERER MANN - 2005 /2006

In „K3 - Kripo Hamburg: Ein anderer Mann" wird die Amnesie durch eine Kombination psychischer und physischer (Tief-) Schläge ausgelöst: durch den Tod seiner Frau, den Johannes Wach nicht bewältigen kann, und eine Kopfverletzung.


Das ist ein sehr typischer Fall. Wir haben allein drei Patienten, die die Treppe heruntergefallen sind und sich danach nicht mehr erinnern konnten.

Wie beurteilen Sie die Darstellung der retrograden Amnesie in diesem Film ganz allgemein?


Ich finde den Film im Großen und Ganzen naturgetreu und stimmig gemacht. Auch die Emotionalität ist recht gut eingefangen. Aus unseren Erfahrungen wäre es allerdings nicht plausibel, dass sich Johannes Wach an Einzelheiten aus seiner Firma oder an seine Ehefrau erinnert.

Wird ein Amnestiker durch seine Erkrankung tatsächlich - angelehnt an den Titel des Films „K3 - Kripo Hamburg: Ein anderer Mann" - ein anderer Mensch?

Ja, das würde ich unterstreichen. Viele Patienten wissen nicht mehr, wie sie sich früher verhalten haben. Über einen meiner Patienten sagt seine Frau, dass er jetzt immer sehr zurückhaltend ist - das ist klar, denn er weiß nicht mehr, wann er seine Frau früher umarmt, wann geküsst hat. Die Betroffenen sind sehr eingeschränkt als Person und werden im Grunde dadurch andere Persönlichkeiten. `

Ich habe gerade zusammen mit einer Kollegin aus der juristischen Fakultät eine Konferenz „Recht und Hirnforschung" abgehalten, auf der es auch um diese Thematik ging. Während die meisten Juristen von einem normativen Strafrecht und nicht vom freien Willen ausgehen, plädiert der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel) dafür, derartige Fälle anders oder differenzierter zu beurteilen.


Johannes Wach erlangt sein Gedächtnis nicht wieder, er muss mit einer rekonstruierten Erinnerung leben. Welche Folgen hat das für die Persönlichkeit eines Menschen?

Die Grundfolge ist Unsicherheit. Die Patienten leben in einer Art engem emotionalen Äquilibrium. Es gibt wenig Schwankungsbreite, was die Emotionen angeht. Sie sind
z. B. so gut wie nie „Himmel hoch jauchzend" oder „Zu Tode betrübt", sondern meistens leicht depressiv. In einer Studie haben wir untersucht, was im Gehirn passiert, wenn man derartige Patienten mit ihrer Erinnerung, ihren Erlebnissen konfrontiert. Es zeigte sich, dass die Hirnaktivierung so verläuft, als ob sie Informationen über das Leben eines Dritten bekommen und nicht über sich selbst. Auch wenn sie ihre Erinnerungen neu lernen, bleiben sie dabei eher emotionslos, ganz, als ob sie Schulwissen pauken.

Wie würden Sie bei einem Amnestiker wie Johannes Wach vorgehen? Im Film rät der Arzt den Kommissaren, Johannes Wach mit Gegenständen oder Orten aus seiner Vergangenheit zu konfrontieren, um die Erinnerung zurückzuholen.

Konfrontation mit der Realität bringt die Erinnerung wieder, heißt es heute noch in den Lehrbüchern, das war auch die häufigste Strategie. Inzwischen hat man sie allerdings aufgegeben. Aus unserer Sicht ist es eher anders herum: Die Konfrontation mit der Realität festigt die Verdrängung noch mehr, so dass darüber gar nichts zu erreichen ist. In der Therapie wird heutzutage zunächst der Selbstwert stabilisiert, später werden kritische Erinnerungen mit Hilfe mentaler Vorstellungen verschlossen. Danach macht man je nach Schule unterschiedliche Therapien, die können Jahre, im Einzelfall Jahrzehnte andauern.

Besteht nach so langer Zeit noch Hoffnung, dass ein Patient die Erinnerung zurückerlangt?


Je länger es dauert, umso schwieriger und umso unwahrscheinlicher wird es - aber aufgeben sollte man trotzdem nicht. Unsere Erfahrung zeigt, je jünger der Patient ist 17 und 23 Jahre sind unsere Star-Beispiele - umso eher kommt die Erinnerung wieder; in beiden Fällen war es etwa nach einem dreiviertel) Jahr. Gute Chancen bestehen vor allem, wenn man von Anfang an mit der richtigen Therapie einsetzt.

Wie sieht Ihre Prognose für Johannes Wach aus?


Da der Vorfall bei ihm noch nicht so lange zurückliegt, stehen ihm alle Varianten offen. Es könnte durchaus sein, dass seine Erinnerung wiederkommt, insbesondere, wenn die Umgebung unterstützend wirkt, er also keinen weiteren Stress hat.

Welchen Einfluss hat Stress grundsätzlich auf Gedächtnisstörungen?


Stress hat zwei Seiten. Die positive Seite ist, das Stress, wenn er kurzfristig wirkt, die Aufmerksamkeit verstärkt. Negativ ist ein chronischer und langfristiger Stress, den man selbst nicht beeinflussen kann; ein gehobener Manager kann sich den Tag einteilen und selbst bestimmten, wann er sich seinem Stress aussetzt - ein Fließbandarbeiter ist dem Stress hingegen ausgeliefert.

Wäre ein Medikament wie Mnemosyne, das im Film dazu verwendet werden soll, das Gedächtnis zurückzuholen, denkbar?


In der Theorie wäre es nicht unplausibel. Es gibt Wissenschaftler, die felsenfest daran glauben. Mindestens fünf relativ seriöse Firmen in den USA arbeiten derzeit an der „Gedächtnispille". Ich selbst bin weniger optimistisch, weil die Forscher aus der vergleichsweise primitiven Tierforschung kommen. Es ist ein Unterschied zwischen dem Gedächtnis einer Ratte und unserem sehr komplexen Gedächtnis, wie ich es mit Harald Welzer in dem Buch „Das autobiografische Gedächtnis" beschrieben habe. Wir unterscheiden fünf Langzeit-Gedächtnissysteme. Vier davon gibt es auch bei Tieren, eines aber, das episodische, das auch das komplexeste ist, gibt es nur beim Menschen. Das einfachste ist das Gedächtnis für motorische Fähigkeiten. Dann gibt es ein Gedächtnis für die Dinge, die man unterschwellig wahrgenommen hat. Außerdem das perzeptuelle Gedächtnis: Man erkennt einen Apfel und weiß, es ist ein Apfel, weil man schon Tausende gesehen hat. Schließlich das semantische Gedächtnis, das sich auf Schulwissen, Allgemeinwissen, Weltwissen bezieht. Das alles in eine Pille hineinzubekommen halte ich gegenwärtig noch nicht für möglich.


Sind die verschiedenen Gedächtnissysteme meist unterschiedlich stark von einen Amnesie betroffen?

Amnestiker haben ein weitgehend normales Allgemeingedächtnis und können sich auch noch an bestimmte Gefühle erinnern. Es ist fast immer so, dass das episodische Gedächtnis am stärksten betroffen ist.

Prof. Hans Joachim Markowitsch ist Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Forschung. Er studierte Psychologie und Biologie an der Universität Konstanz. Nach der Habilitation (198o) war er Heisenberg-Stipendiat und Professor in Konstanz, Bochum und Bielefeld. Er hatte Rufe an australische und kanadische Universitäten. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Gedächtnis, Bewusstsein und funktionelle Bildgebung. Seine neuesten Bücher über Gedächtnis:,,Dem Gedächtnis auf der Spur: Vom Erinnern und Vergessen" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft und PRIMUS-Verlag) sowie gemeinsam mit Harald Welzer „Das autobiografische Gedächtnis" (Klett).
Quelle: Interview mit Prof. Hans Joachim Markowitsch

 

Gespräch mit Regisseur Marcus Weiler
„Den Figuren ihr Geheimnis lassen"

Nachdem der Autor und Regisseur Friedemann Fromm „K3" mit drei Filmen sehr erfolgreich in neue Bahnen gelenkt hatte, haben Sie beim vierten Film die Reihe übernommen. „K3 - Kripo Hamburg: Ein anderer Mann" ist nach Ihrem Studium an der Filmakademie Ludwigsburg und der Inszenierung diverser Serienepisoden Ihr erster go-Minüter. Haben Sie Erfolgsdruck gespürt?

Anfangs ja - mit den ersten drei Filmen hat Friedemann formal und inhaltlich einiges vorgelegt, das war erst mal unsere Messlatte. In jeder Reihe übernimmt man ja etwas vom Vorgänger - trotzdem will man keine Kopie drehen, sondern möglichst seinen eigenen Stil einbringen. Zusammen mit Sten Mende, meinem Kameramann, habe ich mir die K3s immer wieder angesehen und analysiert. Dabei bekamen wir schnell eine Idee davon, was wir übernehmen, aber auch, was wir anders machen wollten. Der Erfolgsdruck verschwand mit dem Maß, mit dem wir unser eigenes Ding drehten.

Was sind aus Ihrer Sicht die Stärken des Formats?


Auf der formalen Ebene sicher die Experimentierfreudigkeit, die auch die Grenzen des Sendeplatzes auslotet. Eine weitere Stärke sind die Themen - immer geht es um Verbrechen aus Leidenschaft, um Verzweiflungstaten, Geheimnisse, Abgründe.

Auch „K3 - Kripo Hamburg: Ein anderer Mann" beginnt mit einem großen Geheimnis. Als Johannes Wach ohne Gedächtnis aus dem Koma erwacht und erfährt, dass seine Frau tot ist, glaubt er sofort an Mord. Im Verlauf offenbart sich eine symbiotische Ehe, die zwangsläufig Gegner auf den Plan rufen muss. Das Psychologische der Figuren gehört in jedem Fall zum Besonderen des Formats. Zwar haben wir auch eine anständige Verfolgungsjagd, aber ich finde es persönlich viel interessanter, mich auf das Wesen der Figuren einzulassen, gerade, wenn man so ausgezeichnete Schauspieler wie Axel Milberg oder Bernhard Schütz hat.


Wie sah Ihr Ansatz aus? Wo wollten Sie anknüpfen, was anders machen?


Zu den formalen Vorgaben gehörten neben den vier Kommissaren die starken Episodenhauptfiguren, denen ein größerer Raum zugedacht wird, als es in vergleichbaren Formaten der Fall ist. Auf der visuellen Ebene sollte weiterhin durch den Einsatz der Handkamera das Dokumentarische, die Realitätsnähe betont werden. Im Gegensatz zu den anderen K3s haben wir ausschließlich aus der Hand gedreht - eine Dogma-Plakette würden wir trotzdem nicht bekommen, schon alleine wegen der tollen und komponierten Musik.

Sie arbeiten mit starken Kontrasten und dem Gegensatz von Schärfe und Unschärfe. Haben Sie das visuelle Konzept aus dem Thema heraus entwickelt?

Die Metapher „Gedächtnis-Verlust" durchzieht den ganzen Film. Es geht oft um das, was man - ob nun auf der inhaltlichen oder der visuellen Ebene - nicht klar erkennen kann. Wir haben versucht, in den Bildern etwas Geheimnisvolles, Mystisches zu schaffen, und zum Teil mit einer Verfremdung der Realität gearbeitet, um den Zuschauer im Ungewissen zu lassen, was stimmt und was nicht. Die Szenen, in denen die tote Ehefrau auftaucht, sind dagegen realistisch und ohne Effekte gefilmt, um spürbar zu machen, wie präsent sie noch im Leben und in den Erinnerungen ihres Mannes ist. Es geht um einen Mann, der mit dem Tod seiner Frau nicht fertig wird, das ist das Thema. Dem Amnesie-Genre entsprechend erfährt der Held dann das Schlimmste, was er erfahren kann, dass nämlich er selbst der Mörder sein könnte.

Dazu kommt die äußere Welt, in der diese Geschichte spielt: die Welt der Wissenschaft, der Pflanzengifte, der Seilschaften. Wir haben in Europas größtem Institut für Ethnopharmakologie in Hamburg-Flottbek gedreht, vor allem in den dortigen Gewächshäusern - das ist eine mystische, seltsame, überhitzte Welt, die perfekt zum Thema unseres Filmes passt.