DIE LETZTEN MILLIONEN - 2014

HÖRZU Nr. 39 / 2014

HÖRZU Nr. 39 / 2014

Quelle: TV Hören und Sehen

Quelle HÖRZU 05. 02. 2015

Quelle FUNK UHR Februar 2015

TV-Film DIE LETZTEN MILLIONEN/ ARD, 90 Min.
Sendetermin: 03.10.2014/ 20.15 Uhr ARD

Regie: Udo Witte, Drehbuch: Lo Malinke und Philipp Müller,
Rolle v. Ulrich Pleitgen: Jakob


DIE LETZTEN MILLIONEN
SECHS ALTE LEUTE IN EINEM SENIORENHEIM KNACKEN DEN LOTTO-JACKPOT. EIN INTERVIEW ÜBERS ALTER, SCHWULSEIN UND ALZHEIMER MIT ULRICH PLEITGEN

Ulrich Pleitgen, was passiert, wenn man Sie fragt, wie es Ihnen ergangen ist, seit Sie 2009 in der Serie FAMILIE DR. KLEIST den Tod erlitten?

Ich lese Ihnen gern mal meine Einladungen zu Lesereisen vor, meine Rollenangebote für Film und Theater und die Filme, die ich gedreht habe. Das kann dauern.

Ist auch schwer vorstellbar, dass Sie sich auf die Bärenhaut gelegt haben. Die Filmregisseure sind doch froh, dass Sie wieder zu haben sind. Wie Udo Witte, bei dem Sie in Berlin für die Alterskomödie DIE LETZTEN MILLIONEN vor der Kamera standen.

Ich habe einen Mann gespielt, der an Alzheimer erkrankt ist und das mit der Zeit merkt. Zuerst glaubt er, nur zerstreut zu sein. Dann wird immer klarer, dass er sein Gedächtnis verliert. Ich habe diese Rolle sehr gern gespielt und mich unheimlich wohl gefühlt, trotz der Schrecklichkeit.

Was hat Ihnen soviel Spass an der Arbeit gemacht?

Wir waren eine großartige Truppe. Ich habe mich gefreut, Dieter Mann kennenzulernen und Ursula Karusseit, auch Marie Gruber und Anna Loos. Wahnsinnsschauspieler. Michael Gwisdek ist ein Verrückter. Der hat gern den Max gegeben. Es ging bei allem Ernst bei uns sehr lustig zu.

Für mich gehört Alzheimer zu dem, was mir Angst macht ...

Mir auch. Vor allem, wenn man täglich damit umgehen muss. Wenn man plötzlich nicht mehr weiß, dass das Ding vor einem Spraydose heißt.

Wie tief dringt so eine Rolle in die eigene Seele?

Ich bin ein Gefühlsspieler, hänge mich in jede Rolle tief rein. Wenn mir die Leute auf der Straße sagen: "Uns gefällt an Ihnen, dass Sie so echt sind", ist das für mich das Allerschönste. Abgesehen von der Liebe meiner Frau. Monika ist der Glücksfall meines Lebens.

Sie spielen in DIE LETZTEN MILLIONEN mit Joachim Bliese ein schwules Paar. Wie hat sich das angefühlt?

Das war kein Problem. Ich habe in dem Film "Leben in Angst" einen bisexuellen Chefarzt gespielt, Heikko Deutschmann war mein Geliebter. Wir haben uns geküsst, miteinander rumgeschmust, wie das Drehbuch es verlangte. Es ist eine Liebesbeziehung wie jede andere auch. Ich habe da überhaupt keine Schwierigkeiten. Und mit Joachim Bliese, den ich lange kenne, verstehe ich mich gut. Das war eine gute Paarung, weil wir sehr verschieden sind.

Wenn man in so einer Runde der über 60-Jährigen dreht, philosophiert man da übers Alter?

Ja. Und wir sind uns einig, dass das Altwerden schrecklich ist. Aber man muss damit umgehen.

Was hilft Ihnen?

Was mir wirklich gegen die Altersangst hilft, ist Arbeit. Immer, wenn ich nicht arbeite, kränkele ich. Das war mein Leben lang schon so. Nimmt man mir den Beruf weg, sterbe ich. Nach den Dreharbeiten in Berlin habe ich auch sofort Lesungen angehängt. Ich bin ein Tempomann. Und das bleibe ich auch.

Würden Sie im schlimmsten Fall in ein Heim gehen?

Niemals. Ich möchte nicht gefüttert und gewaschen werden. Ich werde dafür sorgen, dass ich von der Welt komme, wenn es Zeit wird. Und wenn Monika vor mir stirbt, bin ich eine halbe Stunde später auch tot. Ich sage das so, wie es ist. Ich habe keine Lust, alles zu verbrämen.

Sie haben aktuell ein Hörbuch mit Nelson Mandela-Texten, Bekenntnissen und Briefen eingelesen. Sind Sie ihm mal begegnet?

Diesen Text zu lesen, war mir ein Bedürfnis. Gerade jetzt, da diese außergewöhnliche Persönlichkeit gestorben ist. Einmal bin ich ihm in Südafrika auf der Straße begegnet. Diese Ausstrahlung! Von ihm ging eine große Menschlichkeit aus. Mandela ist für mich der Jahrhundertmann.

Wie sind Ihre weiteren Pläne?

Wir werden nach meinen Lesungen für ein paar Tage nach Dierhagen an der Ostsee fahren. Ich bin ein Ostseefreak geworden.

Was lieben Sie an der Ostsee?

Sie hat etwas Romantisches. Anders als die Nordsee, wo wir früher immer waren. Ich mag die Strände, die alten Holzhäuser und Villen von Dierhagen, Ahrenshoop und Boltenhagen. Ich kann von Rügen nicht genug bekommen.

Sind Sie eigentlich noch viel im Osten wie zu "Kleists" Zeiten?

Nein, und ich bedauere sehr, dass ich Weimar nicht mehr sehe, Eisenach und Erfurt. Das fehlt mir, denn ich war gern dort. Ich bin ein Wessi mit einem Ossi-Herzen.
(Quelle: ILLU/Bärbel Beuchler)