GESPRÄCH ÜBER DAS ALTER

Ich hatte eigentlich vor, meine eigenen Gedanken über das Älterwerden niederzuschreiben. Aber dann fiel mir die folgende Geschichte von Alfred Polgar in die Hände, in der er, natürlich sehr viel besser, das erzählt, was ich meine.
Ann-Monika Pleitgen

GESPRÄCH ÜBER DAS ALTER
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Der Philosoph Anaxias, Zeit- und Ortsgenosse des Sokrates, hatte einen harten Tag des Lebens und Schreibens hinter sich und das Bedürfnis, ein wenig Bewegung zu machen. Durch die Straßen schlendernd kam er zu einem Platz, wo Ringer einen Schaukampf zum besten gaben. Anaxias blieb stehen und sah zu. Viel Volk hielt die niederen Mauervorsprünge der Häuser rundum besetzt und ein oder der andere stand auf, dem würdigen, weißhaarigen Herrn seinen Platz anzubieten.
"Danke, ich stehe lieber."
"Nein doch", beharrte ein Anbieter. "Setz dich nur."
"Warum soll ich mich denn durchaus setzen?"
"Nun hör einmal! Ein Mann in deinen Jahren!"
Darauf erwiderte Anaxias nichts, sondern ging weiter, weniger leichten Schrittes, als er vorher gegangen war. Auf dem Heimweg trat er in eine Schenke, und der Wirt, nach einem prüfenden Blick auf den Gast, brachte eine Kanne Zider an den Tisch. Anaxias schob das Gefäß von sich.
"Keinen Apfelsaft. Wein!"
"Wie du willst", sagte der Wirt, "aber Zider ist gesünder für Leute deines Alters." Den Dialog unterbrach der Eintritt Phlotions, eines Schülers des Philosophen. Er setzte sich zu dem Lehrer. "Du siehst ein bißchen müde aus, Anaxias. Fehlt dir etwas?"
"Nichts Besonderes."
"Du solltest dich mehr schonen. Ein Mann in deinen ..."
"Fang du nicht auch noch damit an, Knabe", sagte Anaxias ärgerlich. "Meine Jahre würde ich nicht merken, wenn man mich nicht immerzu an sie erinnerte. Mein Alter würde ich nicht spüren, wenn nicht die anderen darauf bestünden, dass ich es zu spüren habe."
"Das geschieht doch nur aus Sorge um dich."
"Schöne Sorge, die aufgezwungen wird, ob man sie braucht oder nicht! Glaubst du,es ist angenehm, wenn sich dir, sowie du Miene machst, von deinem Stuhl aufzustehen, eine ungebetene Hand unter die Achsel schiebt, nicht davon abzubringen, dein gemächliches Aufstehen in ein ungemächliches Aufgestandenwerden zu verwandeln? Lass dir sagen, keinen schlechteren Dienst kannst du einem Alten erweisen als ihm zu Bewußtsein zu bringen, dass er einer ist. Erzähle ihm, ich bitte dich, nichts von deiner erstaunlichen Frische! Zwänge ihm kein Kissen unters Gesäß, wenn er lieber hart sitzt! Rate  ihm nicht zu Grießpapp, wenn er auf Knoblauchwurst Lust hat! Vom "Druck der Jahre" würde mancher, der sie auf dem Buckel hat, weniger merken, wären die guten Nebenmenschen weniger beflissen, auf den Druck zu drücken.
Aber mach etwas dagegen! Trägt einer die Last des Alters leicht, so halten das die Leute für einen unnatürlichen Zustand, für eine Illusion, aus der der arme Mann gerissen werden muss ...wenn sie´ s nicht geradezu als ein ganz besonders bedenkliches Alterssymptom ansehen."
"Nimm es nicht übel", sagte Phlotion, "aber ... "
Anaxias winkte unwillig ab. "Unterbrich mich nicht, wenn ich im Zuge bin ... Gewiss, der Spruch hat recht, der sagt: das Alter selbst ist eine Krankheit. Aber muss man sie den von ihr Befallenen bei jeder Gelegenheit zu Gemüt führen? Spricht man von einem, der mit den Nieren zu tun hat, konsequent als von einem Nierenleidenden? Oder von einem Phthisiker immer als: der Schwindsüchtige ...? Nein. Aber ist von einem Alten die Rede oder Schreibe, fehlt nie ein Prädikat, das ihn an seine Krankheit, das heißt an sein Alter, festnagelt: der Greis; der Betagte; der Hochbetagte; und was es an Kosenamen dieser Spezies sonst noch gibt. Wahrhaftig, mich wundert´ s, dass sie unsereinen mit "Guten Abend" grüßen und nicht mit "Guten Lebensabend", damit man nur ja wisse, wo man hält. Ganz zu schweigen von dem perfiderstaunten "noch", das unweigerlich in die Texte einfließt, mit denen zu Geburtstagen, Jubiläen oder dergleichen ein Alter bedacht wird. "Der alte Herr duscht sich noch jeden Morgen"; "der Hochbetagte ist noch ständiger Gast bei den Wagenrennen"; "der Greis trinkt noch seine zwei Kannen thrazischen Heurigen täglich". Es liegt Vorwurf und Tadel in diesem scheinbar beifälligen "Noch"; als sollten die Alten gemahnt werden, sich vielleicht doch schon weniger in die Richtung: Leben, und lieber mehr in die Richtung: Tod zu orientieren ...
Aber was wolltest du vorhin sagen, Phlotion?"
"Ich wollte fragen, ob dich das viele Reden nicht anstrengt. Und möchtest du nicht eine Decke über die Beine? Hier kommt es kalt herein."
"Höre", sagte Anaxias, " wenn du willst, dass wir Freunde bleiben, lass diese verdammten Faxen. Wenn mich das Reden anstrengt, höre ich damit auf, und dass frische Luft hereinkommt, ist mir angenehm ... Gestern", setzte er seine Diatribe fort, "hatten wir eine junge Freundin meiner Frau zu Gast, und als sie sich zum Fortgehen fertigmachte, half ich ihr, ihren Himation in den richtigen fließenden Falten um die Schultern legen. Bezaubernde Schultern, wie von Phidias modelliert! Nachher sagte meine Chloe, die es, weiß Zeus, gut mit mir meint: "Willst du noch immer den Galanten spielen, du alter Esel?" Ihr Götter, wenn sie wüßte, was ich noch alles spielen wollte und könnte! Die Frauen, das ist ein besonders tagikomisches Kapitel in der Geschichte vom alten Mann. Traum und Sehnsucht, ihnen geltend, machen ihn - auch wenn er von der Ehe und ihren sittlichen Bindungen freigeblieben ist - machen ihn der Umwelt, merkt sie etwas davon, zum Gespött. Aus seinem Olymp muss Eros verschwinden! Hat er es noch mit der Liebe, inbegriffen, versteht sich, deren profane Regungen und Wünsche, so wird er zur lächerlichen Figur. Und zu einer abstoßenden überdies. Denn es gilt als etwas Unsauberes, bei einem alten Mann, ein Mann zu sein. Ich sage dir, Phlotion, von mir verlangen, dass mich fraulicher Reiz und Zauber nicht mehr in Herz und Nerven treffen sollten, hieße von mir verlangen, bei lebendigem Leibe tot zu sein." Als er so sprach, kam ein Glanz der Entzückung in seinen Blick, und ein Schimmer jugendlicher Schönheit breitete sich über sein unschönes, von tiefen Narben der Denk- und Lebensmühe zerrissenes Greisenantlitz; sodass Phlotion schon fragen wollte: "Hast du Fieber?" Aber er besann sich und schluckte die Frage hinunter.
"Noch eines, mein Sohn", sagte Anaxias lächelnd. "Wenn ich närrisches Zeug geredet habe, geschah es nicht mit Absicht. Wirr im Kopf nämlich wird der alte Mensch, ohne dass er dies wahrnimmt. Mit der Senilität ist es wie mit der Liebe: sie kommt und sie ist da.Und leider (oder soll ich sagen: den Göttern sei Dank?) liegt es in ihrem Wesen, dass sie dem, bei dem sie sich eingenistet hat, die Fähigkeit nimmt, ihre Anwesenheit zu bemerken."
Damit erhob er sich und schritt, gefolgt von dem verwunderten Schüler, zum Ausgang der Schenke, wo Phlotion plötzlich schrie:
"Vorsicht, Anaxias, Stufe!"
"Hol dich der Teufel!" murmelte der Philosoph, über die Stufe stolpernd, was ihm ohne des Schülers Warnungsruf bestimmt nicht passiert wäre.
(Alfred Polgar)

Soll das kurze Menschenleben/immer reife Frucht dir geben/musst du jung dich zu den Alten/alternd dich zur Jugend halten.
(Paul Heyse)

Was ich am Älterwerden faszinierend finde,
das ist die Entdeckung der Zeit
und das Erkennen von Zusammenhängen.

Käme das Alter zur Tür dort herein,
man würde sich umdrehen
und davonrennen.
Aber es schleicht so
freundlich heran.
(Christopher Isherwood)

Ingmar Bergman über Schauspielerei

In seiner Biografie:
MEIN LEBEN 


Meine Schlaflosigkeit  wurde chronisch. Normalerweise schlafe ich vier oder fünf Stunden, das lässt sich noch ertragen. Meist werde ich wie in einer Spirale aus tiefem Schlaf herausgezogen. Es ist eine unwiderstehliche Kraft. Ich frage mich, wo sie sich versteckt hält.  Sind es diffuse Schuldgefühle oder ein unauslöschliches Bedürfnis, die Wirklichkeit zu kontrollieren? Ich weiß es nicht. Eigentlich ist es auch gleichgültig. Nur eins ist wichtig: die Nacht mit Büchern, Musik, Keksen und Mineralwasser erträglich zu machen. Am schwierigsten sind die frühen Morgenstunden zwischen drei und fünf. Dann kommen die Dämonen: der Gram, der Überdruss, die Angst, die Unlust, der Zorn. Es lohnt sich nicht, sie zu unterdrücken, dann werden sie schlimmer. Wenn die Augen vom Lesen zu müde sind, ist da noch die Musik. Ich schließe die Augen und lausche konzentriert und gebe den Dämonen dadurch freien Lauf: Kommt jetzt, ich kenne euch, ich weiß, wie ihr funktioniert, macht weiter, bis ihr ermüdet, ich leiste keinen Widerstand. Die Dämonen rasen immer schlimmer. Nach einiger Zeit geht ihnen die Luft aus, und dann werden sie lächerlich. Sie verschwinden, und ich kann eine Stunde schlafen.

Meine Frau und ich leben in enger Gemeinschaft. Der eine denkt, und der andere antwortet, oder umgekehrt. Mir stehen keine Formulierungen zu Gebote, unsere Zusammengehörigkeit zu schildern.
Ein Problem ist unlösbar; irgendwann wird das Fallbeil niedersausen und uns trennen. Kein freundlich gesinnter Gott verwandelt uns in einen Gartenbaum. Ich habe das Talent, mir die meisten Situationen des Lebens vorzustellen: Ich schalte meine Intuition ein, meine Phantasie, passende Gefühle strömen herbei. Das färbt und vertieft.
Mir fehlen gleichwohl die Instrumente, mir den Augenblick der Trennung zu vergegenwärtigen. Da ich mir ein anderes Leben nicht vorstellen kann oder will, eine Art Leben auf der anderen Seite der Grenzlinie, wird die Perspektive erschreckend. Aus einem Jemand werde ich in einen Niemand verwandelt. Dieser Niemand trägt nicht einmal das Andenken an eine Zusammengehörigkeit in sich.

Ein Durchschnittsmensch darf nie von einem Durchschnittsmenschen gespielt werden, eine vulgäre Frau niemals von einer vulgären Frau, eine aufgeblasene Primadonna niemals von einer aufgeblasenen Primadonna.

Wie rasend doch die Zeit vergeht
wie die Ereignisse an uns
vorüberrauschen und wie schnell
sie wieder aus unserem Gedächtnis
entschwinden. Denn unsere Welt
ist wie ein reißender Fluß, der
alles mit sich fortreißt,
alles millionenfach verwandelt - nichts
hat Bestand. Das ist das Wesen
des Universums, von dem wir
ein winziger Teil sind.

(Unbekannt)

Die Seele wird alt geboren,
mit der Zeit aber immer jünger.
Das ist die Komödie
des Lebens.

(Oscar Wilde)
 
Zu einem intensiven Leben gehört
die Erkenntnis, dass es das Gute
nicht ohne das Schlechte geben kann,
zum Glück auch Kummer gehört.
(Patricia Riekel)

Ich weigere mich, ein höheres Alter als
zweiundfünfzig anzugeben, selbst wenn
meine Söhne dadurch illegitim werden.

(Lady Nancy Astor)
 
Es ist doch so mit dem Alter: Die Männer
kriegen Charakterköpfe und die Frauen
Falten.

(Vilma Degischer)
 
Ich war immer der Meinung, dass eine Frau
das Recht hat, die Welt über ihr Alter im
Unklaren zu lassen, zumindest bis sie die
Neunzig erreicht hat. Dann sollte sie sich
und anderen gegenüber lieber ehrlich sein.

(Helena Rubinstein)
 
Ich denke nicht an die Zukunft.
Die kommt noch früh genug.

(Albert Einstein)
 
Das Geheimnis, wie man jung bleibt, ist
anständig zu leben, langsam zu essen
und in bezug aufs Alter zu lügen.

(Lucille Ball)

Ich werde im Alter niemals sagen: >Ich habe
dieses nicht getan< oder >Ich bedauere jenes >. Ich werde sagen: > Ich bedauere verdammt nochmal gar nichts. Ich kam, ich ging, und ich habe alles getan, was ich tun wollte.>

(Kim Basinger)
 
Je älter man wird, desto mehr ähnelt
die Geburtstagstorte einem Fackelzug.

(Audrey Hepburn)
 
Wenn ich geahnt hätte, dass ich so lange
leben würde, hätte ich besser
auf mich aufgepasst.

(Anonym)
 
Wer für die Sünde zu alt ist, preist
die Tugend

(Anonym)
 
Das Greisenalter, das alle zu erreichen
wünschen, klagen alle an, wenn sie
es erreicht haben.

(Cicero)
 
Vierzig ist für die Jugend das Alter und
fünfzig für das Alter die Jugend.

(Victor Hugo)
 
Keine Grenze verlockt mehr zum
Schmuggeln als die Altersgrenze.

(Karl Kraus)
 
Mit zunehmendem Alter wird man nicht
klug - man weiß nur besser, dass es
die anderen auch nicht sind.

Gabriel Laub)
 
Ich bin seit dreißig Jahren fünfzig.
(Georg Solti)
 
Jeder will lange leben, aber keiner
will alt sein.

(Jonathan Swift)

ALTER

Zuletzt werde ich vielleicht
wie als Kind
wenn ich allein war
wieder freundlich grüßen:
>Guten Morgen, Frau Blume<
>Guten Abend, Herr Baum<
und mich verbeugen
und sie mit der Hand berühren
und mich bedanken
dass sie mir ihre Zeit gegönnt haben.
 
Nur dass sie mir antworten
und auch >Guten Morgen<
und >Guten Abend< sagen
werde ich dann
nicht mehr glauben.
 
Oder vielleicht doch wieder?
Davor habe ich Angst.
(Erich Fried)

Wir brauchen keine Kunst, aber wir können nicht ohne sie leben.
(Karl Lagerfeld)
 
Hamburg ist das Tor zur Welt.
Aber auch nur das Tor.

(Karl Lagerfeld)
 
Man muss sich selbst ständig neu erfinden. Schön
und gut, ein Ziel zu erreichen, aber was macht man danach?
Aus Erfolgen lernt man überhaupt nichts, und Perfektion ist
trügerisch.

(Karl Lagerfeld)
 
Aufgabe des Erzählers ist es,
die Phantasie hungrig zu machen, nicht,
sie zu sättigen.

(Alfred Polgar)

Es hört doch jeder nur,
was er versteht.

(J.W.von Goethe)
 
Als wirr wird der beschrieben,
der den eigenen Horizont überschreitet.

(Unbekannt)
 
Wenn es die Tropfen nicht gäbe,
dann gäbe es auch das Meer nicht.

(Unbekannt)
 
Wahre Lebenskunst besteht darin, im
Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.
(Die amerikanische Schriftstellerin

Pearl S. Buck, 1892 bis 1973)

Alter ist nicht das Ende, sondern die Ernte.
(Unbekannt)

Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.
(Mascha Kale´ko)

Ich bin nicht mehr jung, aber mit der Reife wird man immer jünger.
(Hermann Hesse)

Alt ist man erst, wenn die Kerzen auf der Geburtstagstorte teurer sind als die Torte selbst.
(Gisela Dzaak)
 
Ist wirklich alles vergänglich? Wird nichts zurückbleiben? Wird die Welt sich so verändern, dass eine Tapete über die andere geklebt wird und sich keiner daran erinnert, wie die, die daruntersitzt, aussah?
(Henning Mankell/Daisy Sisters)


   Ja, hinstirbt alles, Traum ist rings
   die Welt, die ganze.
   Und all das wen´ge Glück,
   erhascht im Sonnenglanze,
   ist gleich dem Schilf,
   das kaum die Hand noch hat berührt
   und schon der Wind entführt.
  
(Friedrich Hebbel)

  Die Zeit läuft lachend davon.
  
(Aus einem Brief von Max Reinhardt
    an seine Frau Helene Thimig)