WAS MACHT MICH WACH

Ann-Monika Pleitgen - Schauspielerin und Schriftstellerin, 69 Jahre - Was macht mich aufmerksamer, sensibler, bewusster? Was weckt mich beim Dahinfließen des Lebens? Durch den frühen Tod meines Vaters habe ich schon als Kind erfahren müssen, dass alles vergänglich ist, dass unser Leben endlich ist. Während der langen Zeit seines Sterbens habe ich gelernt, ganz bewusst zu leben und dankbar zu sein für jeden Tag, den ich erleben darf. Ich bemühe mich, behutsam mit dem Leben anderer umzugehen, mit Menschen, Tieren, der Natur.

Das ist so ein innerer Dialog. Solange ein Mensch in einem anderen lebt, ist er nicht tot. (Erika Pluhar/ aus einem Interview)

In Oreanda saßen sie auf einer Bank, nicht weit von der Kirche, schauten auf das Meer und schwiegen. Jalta war im Morgennebel kaum zu sehen, über den Gipfeln der Berge hingen unbeweglich weiße Wolken. Es regte sich kein Blatt an den Bäumen, die Zikaden zirpten, und das eintönige dumpfe Brausen des Meeres, das von unten heraufdrang, sprach von Ruhe, von dem ewigen Schlaf, der uns erwartet. So hatte es dort unten gerauscht, als es hier weder Jalta noch Oreanda gab, so rauscht es jetzt, und ebenso gleichgültig und dumpf wird es rauschen, wenn wir einmal nicht mehr sein werden. Und in dieser Beständigkeit, in der völligen Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Tod eines jeden von uns ist möglicherweise das Unterpfand unserer ewigen
Erlösung enthalten, der unaufhörlichen Bewegung des Lebens auf der Erde, der unaufhörlichen Vollendung.
("Die Dame mit dem Hündchen" von Anton Tschechow/Werkauszug 1899)

An Lydia Link
 
Liebe Frau Link!
 
Die Nachricht vom Heimgang Ihrer Mutter traf mich schon in einer Stimmung der Trauer. Tags zuvor hatte ich die Todesanzeige meines lieben Freundes und meines guten Augenarztes, des Grafen Wiser, bekommen, die mir sehr nahe ging.
Als ich meine Mutter verlor, war ich erst 24 Jahre alt. Sie haben die Ihre lange behalten dürfen. Aber beim Verlust ist es dasselbe, man muss nur hergeben und stillhalten, es ist nicht anders. Und wenn es eins der Eltern ist, das man verliert, dann ist das mit einem Mal ein Loch in die Generation gebrochen, die vor uns und die zwischen uns und dem Tod stand, und man sieht ihn näher, und er geht einen näher an. Wenigstens mir ist es so gegangen. Ich denke an Sie in herzlicher Teilnahme, und indem ich an Sie denke, sehe ich auch Ihr Haus und Ihre Eltern, namentlich Ihre Mutter, deutlich vor mir. Das letzte Mal, als ich sie sah, ging ich mit ihr im Garten vor dem Hause und sprach mit ihr von Winterthur. Gestalt, Gesicht, Haltung und Stimme sind mir in lebendiger Erinnerung. Und das ist ja auch der einzige bewährte Trost bei einem solchen Verlust: die Dahingegangenen bleiben in dem Wesentlichen, womit sie auf uns gewirkt haben, mit uns lebendig, solange wir selber leben. Manchmal können wir sogar mit ihnen besser sprechen, uns besser mit ihnen beraten und uns Rat von ihnen holen als von Lebenden.
 
Herzlich Ihr
Hermann Hesse
04. 01.1939/Bodensee

Da kommt mir eben so ein Freund

Mit einem großen Zwicker.
Ei, ruft er, Freundchen, wie mir scheint,
Sie werden immer dicker.
 
Ja ja, man weiß oft selbst nicht wie.
So kommt man in die Jahre;
Pardon, mein Schatz, hier haben Sie
Schon ein, zwei graue Haare!
 
Hinaus, verdammter Kritikus!
Sonst schmeiß ich dich in Scherben!
Du Schlingel willst mir den Genuss
Der Gegenwart verderben!
(Wilhelm Busch)


UND IMMER SIND DA SPUREN DEINES LEBENS, GEDANKEN, BILDER, AUGENBLICKE UND GEFÜHLE, DIE AN DICH ERINNERN.

(HANS KOEPCHEN Öhningen am Bodensee / 1930er - Jahre)

GANZ WEIT DRAUßEN, AM ENDE DES REGENBOGENS, WERDE ICH AUF DICH WARTEN; UND WENN DU DANN ENDLICH KOMMST, WERDE ICH SITZEN BLEIBEN, MIT VERSCHRÄNKTEN ARMEN ÜBER DEN KNIEN, DAMIT DU NICHT ZU FRÜH ERFÄHRST, MIT WELCHER SEHNSUCHT ICH DICH ERWARTET HABE.

(HANS KOEPCHEN in Öhningen am Bodensee / 1930er - Jahre)


(Heinrich Heine)