Der Krieg hat nur ein Gesicht - Aber viele Stimmen: Pat Barkers wichtige "Niemandsland" - Triologie

Welches Gesicht hat der Krieg, und was für Gesichter bringt er hervor? In ihrem jüngst erschienenen großen Essay "Das Leiden anderer betrachten" verfolgt Susan Sontag diese Frage (FAZ vom 23. August). Eines ihrer ersten Beispiele dazu ist das Fotoalbum von 1924, das Ernst Friedrich zehn Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs herausbrachte, um aller Öffentlichkeit, insbesondere jedoch den Kriegsherren von gestern, die Narben und Spuren des Grauens zu zeigen.
Die erschütterndsten Bilder darin, so Sontag, sind die Porträt - Aufnahmen von Soldaten mit Kopfwunden. Aus ihren zerstörten Schädeln und entstellten Gesichtern schreit stumm die Gewalt, der sie zum Opfer fielen und die sie doch zugleich ausüben mussten. Noch in historischer Distanz spürt der Betrachter diese Schrecken. Wie aber soll man sich ausmalen, was Kriegsteilnehmer bei solchem Anblick spürten? Was muss allein der Fotograf und Frontreporter wohl gesehen haben, bevor er auf den Auslöser drückte, und wie kann man mit dem Erlebnis solcher Bilder weiterleben?
Als die Granate neben ihm einschlägt, sieht Soldat Billy Prior noch im Sturz, wie sie den Nebenmann zerfetzt. Als er den Leichnam in einer Feuerpause bergen will, blickt er ihm ein letztes Mal in das zerstörte Gesicht, wo er nur noch eine schwarze Höhle blutig klafft. Erst später findet er im Schlamm des Schützengrabens zufällig eins der Augen des Getöteten, ein glattes, rundes Lutschbonbon, das ihm beim Aufnehmen aus der Hand kullert. Der Anblick lässt ihn nicht mehr los. Wo immer Prior fortan jemanden ins Auge sieht, sei es aktiv einem Gegenüber oder passiv bei der Beobachtung durch einen Türspion, verfolgt ihn die Erinnerung an jenen schrecklichen Moment, die sich sogleich in einer Flut an weiteren verdrängten Kriegsbildern entlädt.
Von diesen Heimsuchungen aus der Hölle wie von den medizinischen Versuchen, ihre Macht durch fürsorgliche Behandlung einzudämmen, erzählt die englische Autorin Pat Barker in ihrer düsteren, nur wie von Blitzlichtgewittern grell beleuchteten Romantriologie über den Ersten Weltkrieg.
In den Jahren 1991 bis 1995 erschienen und - sehr zu recht - zum Abschluss mit dem Booker - Preis geehrt, entwerfen diese drei Romane ein gestaltenreiches Panorama jener Zeit, die auf Englisch bis heute als "the Great War" bezeichnet wird. Dabei wahren die Romane klug die Balance zwischen erlebnishafter Vergegenwärtigung und historischer Distanz. Denn die Hauptschauplätze ihrer Geschichte liegen an der Heimatfront in England, fernab von allem Schlamm und Tod und Blut, und doch sind auch hier die körperlichen Kriegswunden überall präsent. Der Granatschock folgt den jungen Männern, die in den Schützengräben ihre Jugend verlieren, bis nach Hause, wo sie, den Erinnerungen schutzlos ausgeliefert, selbst daran verloren gehen. Ihre Schreckenserfahrungen des sich endlos hinziehenden Schlachtens überlagern sich mit Halluzinationen, die das Grauen bannen. Für Heimkehrer spielen daher die Gesichter dieses Kriegs fortan im Kopf, Wahn - und Warnbilder einer verschreckten Einbildungskraft. Dies gilt im weiteren wohl auch für uns, wenn wir Barkers unerbittlichen Erzählstimmen folgen und uns, zumal in einer Hörbuchfassung, das ganze Ausmaß der Gewalt und ihrer Folgen selbst vorstellen müssen. Das kostet Kraft und ist gewiß kein Stoff für leichte Stunden. Aber wer sich diesem Experiment aussetzt, wird die Erinnerung daran so schnell nicht los. Dabei liest Ulrich Pleitgen mit dunkler, durchweg ruhiger Stimme, die auch in Momenten größter Dramatik und Erregung melancholisch grundiert bleibt. Dieser Sprecher ist kein Kriegsberichterstatter der reißerischen aber auch keiner der mitreißenden Art, und verlangt daher von uns erhöhte Wachsamkeit, wenn wir die zahlreichen Schicksale und die vielen Schauplatzwechsel hörend mitvollziehen wollen (was durch die leidigen Kürzungen der Hörbuchversion im übrigen auch nicht erleichtert wird). Die meisten Szenen sind zudem rein dialogisch angelegt - eine hohe Anforderung an stimmliche Charakterisierung, die Pleitgen selbst in sehr heiklen Fällen, wie dem neurotischen Stottern einer Figur, mit taktvoller Bravour bewältigt.
Neben der fiktiven Figur des Soldaten Prior, der nach Behandlung seiner Halluzinationen erst im Londoner Rüstungsministerium für den Geheimdienst arbeitet, dann an die Front zurückkehrt und dort in den letzten Kriegstagen stirbt, stehen eine Reihe historischer Figuren im Zentrum, vor allem die bekannten Lyriker Siegfried Sassoon, Robert Graves und Wilfried Owen sowie der Analytiker und Neurologe W.H.R. Rivers, der sie alle im Spätsommer 1917 in seiner schottischen Militärklinik behandelte. Dieses Albtraumsanatorium namens Craiglockhart, wo kriegsversehrten Offizieren die Neurosen ausgeredet werden, um sie für den nächsten Fronteinsatz fit zu machen, ist Handlungsort in "Niemandsland", dem ersten Teil von Bakers Triologie, in der Hörbuchfassung zugleich deren stärkster. Hier findet die junge Wissenschaft der Psychoanalyse ihre erste große Bewährungsprobe, weil sie der Gesellschaft die beschädigten Soldaten wiederherstellt, während zugleich junge Dichter zueinander finden, weil sie ihre psychischen Beschädigungen in Worte fassen wollen. Und hier werden wir Ohrenzeuge, wie die Kriegstraumatisierten durch Redekur behandelt werden.
Nachts liegt auch der behandelnde Arzt wach im Bett und wird von eigenen Erinnerungen heimgesucht. Einer der grausigsten Widersprüche des Kriegs ist für ihn die Beobachtung, daß die Fronterfahrung die Soldaten in eine enge, körperliche, ja familiäre Beziehung zueinander bringt. Barkers Romane sind nicht zuletzt deshalb so verstörend, weil sie solche Beziehungen, in denen Gewalterfahrung sich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Sexualität verbindet, rückhaltlos erkunden. Für uns aber ist das Beklemmendste, wenn wir ihnen heute zuhören und wie in einem alten Familienalbum das Leiden anderer betrachten, daß uns unweigerlich die Bilder ganz anderer, aktueller Leiden überkommen. Es hört sich ganz so an, als hätte der Krieg immer nur ein Gesicht.
Quelle: Tobias Döring F.A.Z vom 04.10.2003

 

powered by

www.perfect4all.de
www.perfectphoto.de/