John Steinbeck - Von Mäusen und Menschen

Lenny hat den Verstand eines Kindes und die Kräfte eines Bären. Gemeinsam mit George träumt er von einer eigenen kleinen Farm. Für diesen Traum arbeiten sie als Erntearbeiter und ziehen von Farm zu Farm. Lennys Vorliebe für Pelze und die Unkenntnis der eigenen Kräfte beschwören aber immer wieder Probleme herauf, und oft bleibt ihnen nur die Flucht in die nächste Stadt. So landen sie schließlich auf einer Farm in der Nähe von Soledad. Hier provoziert die Frau des Juniorchefs alle Männer auf dem Hof, um die Eifersucht ihres Mannes anzustacheln. Auch Lenny wird Opfer ihrer Attacke, doch dieses Mal endet ihr Spiel mit dem Feuer mit dem Tod zweier Menschen. Ulrich Pleitgen erzählt überaus beeindruckend die Geschichte der Underdogs, die von einem normalen Leben der Lebenssituation, Rassismus, Angst vor dem Fremden, Lebensgier und eine zwischen den Zeilen immer spürbare Hoffnungslosigkeit finden in Steinbecks klaren, eindrücklichen Worten sehr lebendigen Ausdruck. Für Hörer ab 14 Jahren und allen Büchereien sehr zu empfehlen.
Quelle: Leoni Heister

Hörbuch Hamburg

Starke Hände - Ulrich Pleitgen liest "Von Mäusen und Menschen" - Süddeutsche Zeitung
Als Lennie die tote Maus, die sein treuer Freund George ihm weggenommen und ins Gebüsch auf der anderen Seite des Flusses geworfen hatte, wiederbeschafft, weil er etwas Weiches haben möchte, das er streicheln kann, ahnt der Hörer, wie viel noch passieren wird. Der herumziehende Erntehelfer Lennie streichelt so gerne etwas Weiches mit seinen Pranken, wird ein wenig heftig dabei, und so zerbricht er die Mäuse, die er in die Finger bekommt. In John Steinbecks Meistererzählung "Von Mäusen und Menschen" sterben ein Hundejunges und eine junge Frau durch Lennies starke Hände. Nebenbei wird ein alter Hund erschossen, weil er auch sich selbst nichts mehr nützt, und am Ende trifft aus derselben Pistole eine Kugel auch den großen Mann mit den zu starken Händen ins Genick.
Ulrich Pleitgen liest diese Erzählung von dreieinhalb Stunden Länge, die man also gut auf 3 Nachmittage verteilen kann. Pleitgen ist einer jener herausragenden Sprecher, die Geschichten scheinbar ohne großen Aufwand erzählen. In den Dialogen verstellt er seine Stimme nicht zu stark, gibt aber jeder Figur eine eigene Klangfarbe, und er nimmt im Ton die Landschaften und die Zeiten und die Atmosphäre auf. Ulrich Pleitgen hat ein eigentümliches, seltenes Talent. Er scheint sich mit Einbildungskraft in einen herrlichen Wald zu versetzen, wenn er eine Waldszene liest und überträgt seine Einbildungskraft auch noch auf den Hörer. Es wirkt echt.
Zu John Steinbecks berühmter Erzählung, die vor etwas achtzig Jahren in Amerika spielt, passt Pleitgen sehr gut, weil er mit tiefer, voller, sehr maskuliner Stimme spricht, die er aber mit Schmelz überzieht: wenn Männer weich werden.  Zum Beispiel als der Viehtreiber Slim im Wald an derselben Stelle, an der die Erzählung anfangs den Hörer das Schlimme ahnen lässt, den Erntehelfer George tröstet, der eben den Menschen erschiessen musste, für den er sich verantwortlich fühlte, um ihm größere Qualen zu ersparen, die eine unerbittlich harte Welt ihm zugefügt hätte.
Ulrich Pleitgen spricht von dieser Unerbittlichkeit, dieser Härte, von dem Kreislauf des Leidens, die er genau dadurch im Hörer weckt. Diese Zurückhaltung könnte man ein schlichtes Wirkmittel nennen, aber nur wenige beherrschen es so überzeugend.
Quelle: Martin Z. Schröder Süddeutsche Zeitung  (04.11.2006)

Der Gigant und das Mädchen - Ein Hörererlebnis: Ulrich Pleitgen liest John Steinbeck Frankfurter Allgemeine (04.11.2006)
In Zeiten der verbreiteten Verarmungsangst werden Bücher mit sozialkritischem Reiz wiederentdeckt. John Steinbecks kleiner Roman "Von Mäusen und Menschen" zum Beispiel, ein Klassiker der amerikanischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Buch hat den Wanderarbeiterblues, 1937 erschienen, verarbeitet es Erfahrungen, die Steinbeck selbst als vagabundierender Erntehelfer gemacht hatte, und spiegelt die Verelendung der Farmer in der Wirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre. Hunderttausende verließen damals Oklahoma, Arkansas oder Texas und suchten ihr karges Auskommen in Kalifornien. "Okies" hießen diese Gestalten, die noch in den Songs eines Bob Dylan oder J.J. Cale Spuren hinterlassen haben. 
Nach den Triumphen der literarischen Moderne in den zwanziger Jahren schien damals die Zeit für literarische Experimente vorbei. Schriftsteller fühlten sich angesichts der Krise moralisch in die Pflicht genommen. Allen voran Steinbeck. Ein ungleiches Wanderarbeiter-Paar steht im Zentrum seines Buches. Da ist Lennie Small, geistig ein zurückgebliebener Winzling, aber ein Riese an Gemüt und Körperkraft, mit der er immer wieder ungewollt Schaden anrichtet. Mäuse und kleine Hunde muß er zwanghaft "streicheln". Nur leider sind seine Hände wie Schraubstöcke, weshalb das kleinformatige Getier seine Zärtlichkeiten meist nicht überlebt. George Milton, sein klügerer Begleiter, ist dem ungeschlachten Kumpel fürsorglich verbunden. Immer wieder versucht er ihn vor Schaden zu bewahren, auch wenn er sich lauthals darüber beschwert, daß er wegen Lennie zu nichts komme - worunter er ein lustiges Leben mit Alkohol und Frauen versteht. Insgeheim weiß er, daß nur die Sorge um Lennie seiner haltlosen Existenz so etwas wie Sinn gibt.
Lennie und George träumen gemeinsam von einer schöneren Zukunft. Es muß ja nicht viel sein, ein kleiner Platz im Leben, ein "bißchen Land", "bloß etwas, das einem gehört". Die von Not und Gewalt geprägte Welt der Erntearbeiter sieht jedoch anders aus: schuften auf einer Farm, ein paar Dollar sparen, um endlich der Abhängigkeit zu entkommen. Aber dann gehen sie doch nur wieder in die nächste Stadt und versaufen und verhuren ihr Geld.
Lennie und George wollen dem fatalen Kreislauf entkommen. Immer wieder muß George dem Kindergemüt Lennie von der kleinen Farm erzählen, die sie, bald schon!, besitzen werden, und von den Kaninchen, die niemand anders als Lennie versorgen wird. Eine anrührende kleine Utopie ist das, die eines Tages sogar in greifbare Nähe rückt, als ein anderer Arbeiter, der alte Candy, ihnen sein gespartes Geld zuschießen will. Sie können es fast nicht glauben. Und es wird auch nichts daraus, denn da ist noch "Curleys Frau", die zwischen den rauhen Kerlen wie eine Rose im Kürbisfeld wirkt. Auf der öden Farm packt die aufreizende junge Frau vor Langeweile schier die Verzweiflung. Der Sinn steht ihr nach Party; zum Film fühlt sie sich berufen. Ihre Koketterie provoziert die Männer auf unterschiedliche Weise: Den einen hängt die Zunge, George dagegen packt die Wut, weil er in "Curleys Frau" den "Köder fürs Kittchen" sieht. Lennie, mit seinem animalischen Gespür für Gefahren, ergreift die Panik. "Ich mag den Ort nicht, George. Ist kein guter Ort... Komm, wir hauen ab. Ist gemein hier..."
Wären sie doch abgehauen! Nun wird die selbst so unglückliche Femme fatale den beiden zum Schicksal. Eines Nachmittags, allein mit Lennie in der Scheune, wird sie anschmiegsam. Aber als der Gigant ihr übers Haar streicht, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Was wiederum Lennie ganz nervös macht. Und schon hat er ihr das Genick gebrochen. Er flieht und versteckt sich. George findet ihn; es kommt zu einem tödlichen Finale von ergreifender Melodramatik. In den Vereinigten Staaten wird der Roman immer noch gelegentlich aus dem Schulunterricht verbannt, wegen seiner vermeintlichen sprachlichen "Obszönitäten", dem moralisch anfechtbaren Schluß und der politisch nicht ganz korrekten Darstellung der Schwarzen. Mit anderen Worten: Das Buch lebt. Es lebt von den knappen, kraftvollen Beschreibungen und den Dialogen im lakonischen Slang der Erntearbeiter, die Mirjam Presslers Neuübersetzung, so gut es geht, ins Deutsche gebracht hat.
Mit Ulrich Pleitgen ist der ideale Leser gefunden. Seine Stimme wirkt so ungeschliffen wie die Okies selbst. Rauchig und ruppig, dann wieder zu leisen, gemütvollen Momenten fähig. Allein aus den spröden Dialogen heraus gelingt es Pleitgen, den Figuren akkustisches Profil zu geben. Wir hören, wie Lennie zwischen überschießender Freude und bodenlosem Kummer schwankt und wie George, der Bedächtige, in harsche Aggression ausbricht. Wir hören, wie sich der alte Candy grämt, weil er befürchtet, ihm könnte ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie seinem kranken Hund - der wurde einfach erschossen, weil die anderen seinen Gestank nicht mehr ausgehalten haben. Wir hören, wie Crooks, der einzige Schwarze der Farm, durch den Riesenhass und die Zurücksetzung einen lauernden, bösen Zug bekommen hat. Sie alle bringt Pleitgen zum Leben, so daß dieses Hörbuch zum Hörererlebnis wird. "Von Mäusen und Menschen" ist mehr als eine Sozialreportage. Es ist ein anrührendes menschliches Drama. Nie hätte Steinbeck erwartet, daß das kleine Buch Furore machen würde. Es wurde jedoch aus dem Stand ein Bestseller, und der Autor konnte sich endlich eine Schreibmaschine leisten.
Quelle: Wolfgang Schneider Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ 04.11.2006)

Der Kulturzeit-Hörbuchtipp
Immer sind es die selben, die durch das Raster fallen, ohne Chance, sich etwas aufzubauen. So wie Lenny und George in Steinbecks Erzählung "Von Mäusen und Menschen". Auch sie haben ihren Traum von einem bescheidenen Zuhause. Und natürlich wird nichts daraus. Denn Lenny ist zwar bärenstark, aber geistig zurückgeblieben. Und er hat seine Kräfte nicht immer unter Kontrolle.
 
"Was hast du da zugedeckt?" sagte sie. Da kam Lennies ganzes Leid wieder über ihn. "Bloß mein Junges", sagte er, "bloß meinen kleinen Hund", und er wischte das Heu von dem Tier. "Aber der ist ja tot!" rief sie. "Er war so klein", sagte Lenny, "hab bloß mit ihm gespielt! Hat so getan, als will er mich beißen, und ich hab so getan, als will ich ihm einen Klaps geben. Und dann hab ich´ s getan. Und dann war er tot."
(John Steinbeck: "Von Mäusen und Menschen")
 
Zärtlichkeit und Gewalt liegen nah beieinander. Es sind die so genannten Okis, denen John Steinbeck hier ein Denkmal setzt. Soziale Verlierer, die während der großen Depression nach Kalifornien flüchten. Steinbeck gräbt sich nicht nur in die Hirnwindungen dieser Underdogs, er spricht auch deren Sprache.
 
Charlies Frau lachte ihn an: "Du bist verrückt!" sagte sie. "Aber du bist auf eine Art ein netter Kerl. Wie ein großes Baby: Jeder kann dir ansehen, was du meinst. Wenn ich mir die Haare mache, sitze ich manchmal einfach nur da und streichle sie, weil sie so weich sind." Lennies dicke Finger fingen an, ihre Haare zu streicheln. "Bring sie nicht durcheinander". sagte sie. Lenny sagte, "Mmh, das ist schön!", und streichelte kräftiger. "Mmh, das ist schön!" "Pass auf, du bringst sie noch ganz durcheinander!" Und dann rief sie ärgerlich: "Hör jetzt auf, du machst alles durcheinander!" Sie warf den Kopf zur Seite, doch Lennies Finger vergruben sich in ihre Haare und ließen nicht los.
(John Steinbeck: "Von Mäusen und Menschen")
 
AUTHENTISCHE FIGUREN
Es ist nie weit bis zu einer Katastrophe, denn diese Menschen sind nicht die Herren ihrer Taten. Dabei sind die Figuren so authentisch, dass man meint, sie atmen zu hören.
 
Er lockerte seine Hand ein wenig, und ihr erstickter Schrei fuhr heraus. Da wurde Lenny wütend: "Hör auf!" fuhr er sie an. "Ich will nicht, dass du schreist! Du bringst mich in Schwierigkeiten, genau so, wie George gesagt hat, dass du es tust. Hör auf zu schreien!" rief er. Und er schüttelte sie, und ihr Körper zappelte wie ein Fisch. Und dann wurde sie still. Lenny hatte ihr das Genick gebrochen.
(John Steinbeck: "Von Mäusen und Menschen)
 
Schauspieler Ulrich Pleitgen liest Steinbecks Erzählung in eindringlichem Ton. Ihm gelingt es, jeder Figur ein unverkennbares Profil zu geben. "Von Mäusen und Menschen" ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.
CD-Tipp John Steinbeck "Von Mäusen und Menschen" Hörbuch Hamburg 19,90 €
Quelle: 3sat, KulturZeit Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Kritik: Spiegel Online
Mit wesentlich mehr Emotionen kann Pleitgen die Novelle "Von Mäusen und Menschen" (HörbucHHamburg, 19,90 Euro) des Literatur-Nobelpreisträgers John Steinbeck vorlesen. Die Geschichte zweier kalifornischer Wanderarbeiter in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts kommt ebenfalls im Frühling ganz frisch heraus und eignet sich besonders als Audio-Begleitung für eine Wohnmobilreise in den USA.
Quelle: SPIEGEL ONLINE / Februar 2006

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