Lewis Carroll - Sylvie und Bruno

SPEICHELLECKEN UND GIFTSPUCKEN - Ulrich Pleitgen liest Lewis Carrolls Geschichte "Sylvie und Bruno"
Für Zugreisen ist dieses Hörbuch wie gemacht, besonders für lange, langsame und eher ereignisarme, auf denen einen weder die vorbeizuckelnde Landschaft noch der mitgebrachte Lesestoff nachhaltig fesseln. Umso lieber überlässt man sich da seinen Tagträumen oder, noch lieber, dem Smalltalk mit der reizenden Abteilbekanntschaft oder aber, am allerliebsten, einer schillernden Kombination aus beidem, bei der man sich das Weitere, was aus der Reiseunterhaltung folgen mag, gleich plastisch ausmalt. Wer weiß schon, wozu ein solches Zufallstreffen führt, und wer kann, wenn uns das stete Schaukeln des Waggons die Sinne einlullt, Erlebtes und Erhofftes genau unterscheiden?
So ergeht es jedenfalls dem Erzähler, einem ergrauten und gesundheitlich schwer angeschlagenen Sonderling mit ausgeprägtem Hang zur Jugend. Auf einer Fahrt im Bummelzug, irgendwo zwischen Feenfeld und Elfenstein, sitzt ihm eine ausnehmend attraktive junge Lady gegenüber. Und während er mit ihr noch über die diversen Zuglektüren - sie war gerade einem Kochbuch, er einem Ratgeber für Herzpatienten halbherzig zugetan - ein Gespräch anbahnt, schweift seine Aufmerksamkeit sogleich ab: Wahrnehmung mischt sich mit seichtem Wahnwitz und heftigen Wunschphantasien, bringt dabei Erinnerungen sowie Traumgesichter hervor, bis ihm sein Gegenüber schließlich völlig wie ein Wesen jener Elfenwelt vorkommt, in deren Zauber er sich gern verfängt.
Zum Ende seines äußerlich ereignisarmen Lebens, gegen Ende zugleich der äußerst ereignisreichen Viktorianischen Epoche hat der Oxforder Mathematiker und Kinderfreund Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Carroll, noch einmal ein derart vertracktes und verlockendes Geschichtenlabyrinth erschaffen wollen, wie es ihm knapp dreißig Jahre zuvor mit "Alice im Wunderland" geglückt war. "Sylvie und Bruno", erschienen in zwei Teilen 1889 und 1893, lässt sich ebenfalls als Zerr- und Zauberspiegel jenes Fortschrittzeitalters lesen, als mit den Gefahren der Moderne auch die Errettungsphantasien wucherten. Dazu bietet Carroll hier erneut eine ebenso vielgestaltige und skurrile, aber noch komplexere Erzählwelt auf, worin die unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen sich ständig verschieben und unerklärlich verkeilen. Denn während Alice bekanntlich durch einen Kaninchenbau in die Wunderwelt gelangte und so, einem Gesetz des Genres folgend, den Übergang vom Gewöhnlichen zum Phantastischen klar markierte, lässt sich im Alterswerk eine solche Grenze kaum mehr ausmachen.
Nicht genug, dass die beiden titelgebenden Elfenkönigskinder eine Welt namens "Absonderland" bewohnen, in der sich allerhand üble Palastintrigen zutragen und aus der sie immer öfter ins wunderbare Feenreich entfliehen, das, wie es scheint, wiederum in einer Unterwelt gelegen ist und bald zu ihrer eigentlichen Heimstatt wird. Auch der bahnfahrende Erzähler, der doch zur uns vertrauten Welt gehört und hier um die besagte junge Lady buhlt, bricht fortwährend in andere Wirklichkeiten ein, ohne jemals in ihnen aufzugehen. Mit den süßen kleinen Elfen hält er nicht nur eifrig Zwiesprache, sondern belehrt und begleitet sie auf immer weitere Abenteuer - ganz wie ein netter Onkel, der vor lauter pädagogischem Spieltrieb am liebsten selbst ins Puppenhaus gekrochen käme und doch beim Bücken nur die Nichten aus anderer Perspektive sehen will.
Die Handlung ist, kurz gesagt, kraus und konfus und obendrein sentimental, da ihr der abgründige Irrwitz, der die Alice-Geschichten unvergesslich macht, meist abgeht. Deshalb kann man sich allenfalls an die Figuren halten, von denen einige starke Konturen gewinnen, wenngleich keine zu so großer, ja mythischer Statur aufläuft wie, sagen wir, Humpty Dumpty oder andere von Carrolls früheren Erfindungen. Immerhin gibt es hier beispielsweise den zerstreuten Professor samt seinen ingeniösen Basteleien, die ihn als Vorbild des James-Bond-Ausstatters Q ausweisen; oder den hinterfotzigen Unterstatthalter mit Gattin und missratenem Sohn,die sich wechselweise im Speichellecken und Giftspucken überbieten.
All diesen Wunderwesen, deren Reigen sich beständig weitet (insgesamt ist der Roman fast doppelt so lang wie beide Alice-Romane zusammen) , gibt Ulrich Pleitgen mit tadellosem Einsatz seiner stimmlichen Register hörbare Gestalt. Er singt und kräht, näselt und brummt, keucht und säuselt sich so unverdrossen durch sämtliche Parts, dass wir unsere alten "Räuber Hotzenplotz" - und "Pumuckl" - Langspielplatten dafür hergeben könnten, wenn uns nur die erzählte Geschichte wenigstens halb so sehr fesselte. Rundheraus rühmenswert an diesem ehrenwerten Unternehmen, Carrolls Alterswerk neu zu beleben, ist daher zweierlei: die Neuübersetzung von Michael Walter und Sabine Hübner, die den Nonsense-Versen wie den Kalauern, mit denen der gesamte Text gespickt ist, viel Vergnügliches abgewinnen, und die fürsorglichen Kürzungen der Hörbuchfassung, die uns - man muss es sagen - viel ersparen.
Quelle: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom o5.o5. 2oo7 Tobias Döring
Hörbuch Hamburg, Hamburg 2oo7.6 CDs, 464 Min., 29,95 €.

Lewis Carroll: SYLVIE UND BRUNO
Was ist Traum, was Realität? Sich in der Geschichte von Lewis Carroll (1832-1898) zu orientieren, erfordert konzentriertes Zuhören. Denn sowohl die Geschwisterkinder Sylvie und Bruno als auch der Erzähler bewegen sich gleichzeitig im Land der Feen, wo sie fantastische Märchenabenteuer zu bestehen haben, und im Königreich "Absonderland", in dem zwei Männer um die Liebe der schönen Lady Muriel wetteifern.
Die beiden Erzählstränge von Carrolls 1889 und 1893 in zwei Bänden erschienenem Werk könnten gegensätzlicher nicht sein: Der eine ist ein Märchen mit zahlreichen abstrusen, ersponnenen Elementen und Gedichten, der an Carrolls Meisterstück "Alice im Wunderland" erinnert. Der andere ist Teil eines klassischen Viktorianischen Romans, der satirisch die englische Gesellschaft widerspiegelt und über Religion, Moral und Politik philosophiert. Die Abenteuer in den beiden Parallelwelten vermischen sich auf seltsame Weise immer stärker miteinander.
Zum 175. Geburtstag des englischen Schriftstellers ist die Tagtraumdichtung neu übersetzt worden. Michael Walter und Sabine Hübner teilten sich diese schwierige Arbeit und machten ihre Sache gut. Es gelang ihnen auch, den Duktus der viktorianischen Sprache ins Deutsche zu übertragen. Sprecher Ulrich Pleitgen deklamiert, ruft, singt, säuselt und flüstert sich gekonnt durch die Geschichte, gibt jeder Figur eine eigene Stimme. Auf diese Art wird das schwierige Werk leichter zugänglich. Wer es genießen will, muss sich auf Tagträumereien einlassen.
Birthe Rosenau
HÖRBUCH Hamburg, sechs CDs, 464 Minuten, 29,90 Euro
RHEINISCHE POST/ 25. o4. 2oo7


LEWIS CARROLL: SYLVIE UND BRUNO
Man stelle sich einen Autor vor, der seinen Text aus momentanen Eingebungen baut, hemmungslos Zitate verwendet, auf Inseln des Gefühls rastet und dessen Text man, wenn er fertig ist, als mäanderndes Rhizom bezeichnen könnte. Carroll selbst hat das "transitory suddenness" genannt. Ulrich Pleitgen, der sich zum Glück nie auf seiner sonoren Stimme ausruht wie auf einem gut gefüllten Sparbuch, springt in dieses Buch ebenso gegenwärtig und hemmungslos hinein. Aus dem Märchen aus Absurdistan, dessen roter Faden manchmal nur der entschiedene Willen zum Kalauer ist, birgt Pleitgen die Bravourstücklein des Komischen, als wäre dies sein Motto: "Möchte man zum Beispiel einen Hund grün anstreichen, ist es besser am Schwanz anzufangen, weil er an diesem Ende nicht beißt."
Quelle: Bernhard Gleim Literaturen April 2007

Radio Fritz
Ein Pilz, der dich, wenn du in die eine Hälfte beißt, zum Riesen macht und, wenn du in die andere beißt, zum Zwerg. Eine Raupe, die Wasserpfeife raucht. Und ein weißes Kaninchen, das immer verschwindet. – Viele denken, „Alice im Wunderland“ ist bestimmt in der Hippiezeit unter starkem Drogen-Einfluss geschrieben worden. In Wirklichkeit ist das Buch viel älter.
Dieses Jahr wäre Autor Lewis Carroll 175 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass ist ein anderes Buch von ihm neu übersetzt worden und als Hörbuch rausgekommen: „Sylvie und Bruno“ heißt es.
Der Ich-Erzähler, ein gemütlicher alter Professor, sitzt im Zug und tag-träumt sich in seine Fantasie-Welt: In Absonderland wandert er unsichtbar umher. Er beobachtet die dumme, dicke, penetrante Mylady, ihren noch schrecklicheren fetten Sohn Uguk und viele andere karikaturhaft überzeichnete Abbilder der dekadenten Adelsgesellschaft.
Vor allem aber trifft er auf die Feenkinder Sylvie und ihren kleinen Bruder Bruno, mit denen er fantastische Abenteuer bestehen muss: „Sylvie und Bruno“ ist ein verschachtelt erzähltes, liebevoll geschriebenes Märchen mit entzückenden Figuren.
Autor Lewis Carroll schafft es, die kindliche Naivität seiner Leser wieder hervor zu locken: Vernünftiges erscheint bei ihm absurd und unlogisch. Knie-Regenschirme für waagerechtes Wetter sind plötzlich das Normalste von der Welt. Und Schauspieler Ulrich Pleitgen erweist sich als großartiger Märchenvorleser, der mal laut und gepresst, mal hoch und mit Dialekt, jede Figur zum Leben erweckt.
Was: „Sylvie und Bruno“, geschrieben von Lewis Carroll, gelesen von Ulrich Pleitgen
Verlag: Hörbuch Hamburg
Wie viel: 6 CDs, fast 7 Stunden, 29,95 Euro.
Quelle: Radio Fritz (Die Sendung fand am 7. Februar 2007 auf Radio Fritz (RBB) statt)

Drei im Tagtraumreich
30 Jahre nach "Alice im Wunderland" schrieb Lewis Carroll dieses Alterswerk über Sylvie und ihren tollpatschigen Bruder Bruno, deren Geschichte im Königreich Outland spielt, wo der Vizestatthalter einen Umsturz plant und zwei Männer um eine Frau wetteifern. Jede weitere Inhaltsangabe ist sinnlos. Um was es eigentlich geht, benennt Carroll im Eingangsgedicht: "Ist unser Leben nur ein Traum?" Es geht um Tagtraumdichtung, um Worte, die sich unter der Hand verwandeln, um Abschweifung als Prinzip. Carroll hat Einfälle, bei denen einem schwindlig wird wie beim Kinderkarussell. Allerdings erzählt er sie manchmal allzu betulich. Ob man all das ernst nehmen, deuten soll? Man kann es tun, man kann es gut lassen. Schön, dass die neue Übersetzung entschlackt wirkt. Und schön zu hören, wie viel Spass Ulrich Pleitgen das Lesen macht.
Quelle: Februar 2007 Bücher

NDR Kultur
Entlarvungen von Redensarten und sprachliche Possen finden sich bei "Sylvie und Bruno" genauso wie bei "Alice". Die z.T. knifflige Übersetzungsarbeit haben sich Michael Walter und Sabine Hübner geteilt. Und Ulrich Pleitgen deklamiert, ruft, singt und flüstert sich bravourös durch diese zauberhafte viktorianische Feenfabel mit subversivem Tiefgang.
Quelle: NDR Kultur 27.Januar 2007

Bayern 2 Radio
Die fast gleichzeitig mit der Neuübersetzung von Michael Walter und Sabine Hübner erschienene Hörbuchfassung von "Sylvie und Bruno" ist um etliche Passagen gekürzt. Einige hübsche Einfälle Carrolls sind dem zum Opfer gefallen, doch insgesamt wird die Erzählung dadurch straffer und verliert sich nicht in Nebenhandlungen. Das eigentliche Plus des Hörbuchs aber ist der virtuose Vortrag Ulrich Pleitgens. Für die vielen Figuren und schnell wechselnden Sprachebenen findet er stets den richtigen Ton und gestaltet so die Lesung zu einer Art "Hörspiel für eine Stimme"..
Quelle: Bayern 2 Radio 16. & 18. Februar 2007

Hörbuch Tipps in der TV Movie Multimedia
Die Feengeschwister Sylvie und Bruno entführen die Hörer ins Märchenland der Feen und ins Königreich Outland. Zum 175. Geburtstag des britischen Autors und Vordenkers erfreut seine "Tagtraumdichtung" mit bissigen gesellschaftskritischen Momenten und spielerisch inszenierten Ansichten zu Moral, Politik und Religion. Ulrich Pleitgen erleichtert den Zugang zu den zwei Handlungssträngen mit müheloser und klarer Artikulation.
Quelle: März 2007 TV Movie Multimedia

Lewis Carroll, SYLVIE UND BRUNO - Feen-Abenteuer
 
Knapp dreissig Jahre nach Lewis Carrolls Meisterstück "Alice im Wunderland" entstand zwischen 1889 und 1893 eine "Tagtraumdichtung" , die von den Feengeschwistern Sylvie, der klugen Kindfrau, und Bruno, dem vorlauten Tollpatsch, handelt. Zwei ineinander verwobenen Erzählsträngen hat der Leser in dem Roman zu folgen: dem einen in das Land der Feen, in dem die Geschwister typische Märchenabenteuer zu bestehen haben; dem anderen in das Königreich "Outland", wo zwei Männer um die Liebe einer schönen Frau wetteifern.
Dieses faszinierende Kunstwerk mit all seiner Verschrobenheit kann nicht irgendwer vortragen.
Deshalb ist es kein Geringerer als Ulrich Pleitgen, der es auf einzigartige Weise schafft, seine Hörer in die zauberhafte viktorianische Feenfabel zu entführen.
6 CDs, Laufzeit 464 Minuten, 53 Franken.
Quelle: SIE + ER (Schweiz) April 2007

Hören & Stricken Ein Traum
Virtuelle Welten sind ja zur Zeit wieder besonders in: "Second Life" heißt die Parallelgesellschaft im Internet, in der man sich selbst zurechtbasteln kann, wie man in Wirklichkeit vielleicht gerne wäre, es aber bedauerlicherweise nicht ist. Statt sich ein Cyber-Alter Ego zuzulegen, kann man aber auch auf andere Weise aus dem Real Life flüchten, wenn man gerne möchte: Mit Sylvie und Bruno hat der für Fantasie und Nebenwelten zuständige Schriftsteller Lewis Carroll nach seinem Superhit Alice im Wunderland einen weiteren schönen verträumten und vielschichtigen Roman geschrieben (1889).
In zwei Welten lässt Carroll einen tagträumenden Professor reisen: In ein Feenreich, in dem er die Geschwister Sylvie und Bruno mitsamt ihren kuriosen Abenteuern kennen lernt. Und in das Königreich Absonderland, in dem zwei Männer um die Liebe der schönen Muriel buhlen. Es geht hier und da kunterbunt zu, doch noch weniger als Alice im Wunderland ist Sylvie und Bruno ein Kinderbuch. Trotz märchenhafter und wunderlicher Geschehnisse versäumt es Carroll nicht, deftige Seitenhiebe auf das viktorianische England mitsamt seiner verknöcherten Moral auszuteilen.
Herrlich gelingt die Interpretation des Werkes, das eine Mischung aus Gedichten und Prosa ist, dem Schauspieler Ulrich Pleitgen. Er schlüpft mit Leichtigkeit in die unterschiedlichen Rollen, kann das pöbelnde Volk genauso darstellen wie den knatschigen Jungen Bruno. Pleitgen nimmt den Hörer mit in die Welten, die sich extrem vom Alltag - wie er auch immer aussehen mag - unterscheidet. Spannender und amüsanter kann auch so eine Internet - Identität nicht sein. Schließlich scheint weder das echte noch das virtuelle Leben das richtige zu sein:
"Life, what is it but a dream", hat schon Lewis Caroll erkannt.
Quelle: Jutta Heeß / Frankfurter Rundschau vom 15.03.2007

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