Drei Treppen runter, zum Haus raus und gleich wieder rein - ins Restaurant. Das "Rexrodt" in der Papenhuderstraße hat Ulrich Pleitgen als Treffpunkt gewählt, obwohl er es komisch findet, quasi in Puschen von der Wohnung ins Lokal zu gehen. Natürlich hat er sich angezogen, die Cowboy-Stiefel, die Lederjacke. Uneitel, was sein Aussehen angeht, eitel, wenn´ s auf die Inhalte ankommt. Wie alle Menschen, die über den eigenen Tellerrand hinausschauen, plagt auch ihn die Angst, missverstanden zu werden. "Ich liebe die Schauspielerei" - dies ist der einzige Satz, der ihm ohne zu zögern über die Lippen kommt. Der Rest ist Nachdenklichkeit, auch Widersprüchlichkeit.
Erfahren mit Interviews, findet er es immer noch schwierig, über sich selbst zu reden. "In seiner Haltung zu Dingen erklärt man sich eher", glaubt er. Also sprechen wir bei Boeuf Stroganoff und mehreren Flaschen Wasser nicht nur über Schauspielerei, die Art, wie er Figuren anlegt, sondern auch über Politik, Philosophie und Mut im Alltag.
Seit langem steht er nicht mehr auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuteten, sondern ausschließlich vor Film- und Fernsehkameras. Warum hat der profilierte Bühnenschauspieler das Metier gewechselt, hat ihn das Geld gereizt? "Ich bin nicht käuflich, ich wollte etwas Neues ausprobieren. Auf der Bühne muß man so spielen, dass man auch noch die letzte Reihe erreicht. Vor der Kamera entscheiden die Augen. Die müssen zornig sein, Freude zeigen, Trauer.Dann empfinden auch die Zuschauer, was ich empfinde." Das Direkte, das Nahe sei wirklich wichtig. Die meisten Figuren hätten ja nichts mit ihm zu tun - außer dass sie blond und 1,84 Meter groß seien. "Mich interessieren fremde Menschen, man muss viel über sie wissen, um in ihre Rolle schlüpfen zu können." Nur das markante Gesicht hinzuhalten, ist nicht Pleitgens Sache. "Mein Beruf ist es, mitzuarbeiten." Also sagt er dem Drehbuchautor seine Meinung, dem Regisseur, dem Produzenten, den Kollegen. Nicht, weil er so gern meckert. Er möchte einfach, dass das Produkt, in dem er mitwirkt, gut ist. Ist er denn ein Perfektionist?
"Es ist so wenig perfekt, was Menschen machen. Und in den Künsten gibt es ja auch keine Regeln." Professionalität sei es wohl eher, etwas, das er übrigens von allen erwartet.
Plötzlich fällt ihm ein Zitat ein: "Ich denke mit dem Gefühl." War´s von Ernst Bloch? Pleitgen denkt nach. Nein, bei dem Iren James Joyce hat er´ s gelesen, er erinnert sich genau, wie es ihn damals durchzuckte: Das beschreibt meine Seelenlage. Die Hoffnung sei stärker als die Enttäuschung, nicht pessimistisch oder optimistisch, sondern realistisch sei er.
Was ihn nicht daran hindert, an eine bessere Welt zu glauben. "Ich hasse Mittelmäßigkeit, Coolness, Rassismus, den beschissenen Rechtsradikalismus, den Hunger auf der Welt." Als politischer Mensch mischt er sich gerne ein in Dinge, "die mich nichts angehen." So, wenn ein Jugendlicher die Fahrgäste eines ganzen U-Bahn-Waggons terrorisiert. "Ich hielt es nicht aus, dass der zwanzigmal gegen den Aschenbecher trat und sich kein Mensch rührte. Da hab´ ich zu dem gesagt, wenn er nicht gleich aufhört, haue ich ihm den Arsch voll." Sein Wutausbruch brachte den 17jährigen zur Räson. "Ich bin immer stark involviert, ich habe die Kraft dazu und kann mich nicht in ein Wolkenkuckucksheim zurückziehen."
Quelle: HAMBURGER ABENDBLATT / Tischgespräch mit Ulrich Pleitgen/ Karin Franzke