KEINE ANGST VOR DER GROSSEN LITERATUR - Für TV-Star Ulrich Pleitgen ist Lesen eine Bereicherung.

"Ich spiele die Scheuen genauso gerne wie die Aktiven." Ulrich Pleitgen

Ein Leben ohne Bücher kann sich der Schauspieler Ulrich Pleitgen nicht vorstellen. Die Lust an der Literatur möchte er seinem Publikum vermitteln.
Unser Redaktionsmitglied Anne Stürzer sprach mit ihm.
 
Frage: Worum geht es in der Erzählung "Der kleine Herr Friedemann von Thomas Mann?
Ulrich Pleitgen: "Der kleine Herr Friedemann" ist eine traurige, ja tragische Liebesgeschichte. Sie ist nicht mit modernem Horror angefüllt, sondern es geht um Empfindsamkeit und Gefühle. Der Held ist ein verkrüppelter Mann mit einer schönen Seele, ein Mann, der sich von der Liebe verabschiedet hat, weil er weiß, dass ihm da kein Glück blüht. Doch dann verliebt er sich in eine unglaublich attraktive Frau, eine sensible Frau, die eine Emanzipiertheit hat, die es damals nicht gab. Sie ist ähnlich verletzt wie er. Und stößt ihn weg, als er sich ihr offenbart.
 
Frage: Sie lesen sonst viel zeitgenössische Literatur, vor allem Krimis wie die von Henning Mankell. Was reizt Sie an diesem Klassiker?
 
PLEITGEN: Mann hat unvergängliche Literatur geschrieben. Sicherlich, manchmal erlaubt er sich - etwa im "Zauberberg" - fürchterliche literarische Seitenwege. Aber es gibt genug Stellen bei Thomas Mann, die einen zutiefst anrühren. Herr Friedemann, diese wunderbare Novelle, gehört dazu.
 
Frage: Können die Klassiker denn noch etwas über die Welt von heute erzählen?
 
Pleitgen: Auf jeden Fall. Literatur ist nichts für Spinner, die hinterm Ofen sitzen. Gute Literatur stößt einen auf menschliche Realitäten. Und sie zeichnet sich für mich dadurch aus, dass die Sätze so geschrieben sind, dass sie jeder verstehen kann. Vor großer Literatur braucht man keine Angst zu haben, nur vor schlechter Literatur. "Herrn Friedemann" muss man inhaltlich nicht auf die Erde holen, weil es für jeden verständlich ist. Es sind die gleichen Probleme wie heute: Liebe, Zurückweisung, Hass, Komplexe, Selbstzweifel.
 
Frage: Zurzeit verkaufen sich vor allem Krimis. Können auch Kriminalromane gute Literatur sein?
 
Pleitgen: Natürlich. Ich lese leidenschaftlich gerne Krimis. Ich bin auch mit Mankells Inspektor Wallander unterwegs - als Hörbuch. Die beste Literatur wird zurzeit in diesem Genre geschrieben.
 
Frage: Sie sind ein vielbeschäftigter Fernsehstar. Wann kommen Sie überhaupt zum Lesen?
 
Pleitgen: Ich muss abends im Bett lesen, sonst kann ich nicht einschlafen. Wenn ich irgendwo hinreise und ein Buch vergessen habe, muss ich sofort eins kaufen. Deshalb lese ich auch so gerne vor, weil ich eben selbst gern lese.
 
FRAGE: Wer hat Ihr Interesse an Literatur geweckt?
 
PLEITGEN: Das ist durch mein Zuhause gekommen. Bei uns waren Bücher und Musik immer sehr wichtig. Lesen hat mich immer interessiert. Für mich ist Lesen so eine Verlängerung des Lebens, es ist kein weltfremdes Zeug. Lesen ist eine unglaubliche Bereicherung des Lebens.
 
Frage: Herr Friedemann ist ein zurückhaltender Typ. Im Fernsehen spielen Sie, etwa als Kapitän oder Kommissar, eher handfeste Charaktere. Welcher Typ gefällt Ihnen besser?
 
Pleitgen: Ich spiele die Scheuen genauso gern wie die Aktiven, die Lustigen wie die Melancholischen. Das ist mein Beruf. Ich wollte mich nie festlegen lassen.
 
Frage: Auf der Bühne oder im Fernsehen verkörpern Sie eine Person, haben immer Schauspielpartner, bei einer Lesung stehen Sie allein auf der Bühne und müssen in unterschiedliche Charaktere schlüpfen. Ist das schwieriger?
 
Pleitgen: Nein. Das ist eine große Lust. Ich habe viel Vergnügen daran. Ich versuche die Figuren möglichst dick, breit, groß zu spielen, also verstehbar und klar und sinnlich mit der Sprache umzugehen. Man muss es saftig, erdig lesen.
 
FRAGE: Kann eine Lesung die Leute heute noch packen?
 
Pleitgen: Ich glaube ja. Ich möchte es mir nicht so leicht machen und den Leuten auch nicht.
Wir leben in einer Zeit, in der es die Sehnsucht gibt, genau über Menschen nachzudenken und die Gefühle von Menschen. Das haben wir alle dringend nötig. Genau wie man mal Filme sehen muss, die länger geschnitten sind. Nicht immer nur hack, hack, hack. Ich habe in einigen solcher Filme mitgewirkt. Die Leute haben mir auf der Straße gesagt, wie schön es sei, wenn man mal wieder langsam atmen kann bei einem Film.
 
ZUR PERSON
Ulrich Pleitgen wurde in Hannover geboren.
Dort absolvierte er auch seine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater. Schnell stieg er in die Bundesliga der deutschen Bühnenwelt auf: Nach Engagements unter Intendanz von B. Barlog, G. Düggelin, H. Lietzau, P. Palitzsch und C. Peymann in Berlin, Basel, wieder Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Bochum, gehörte er bis 1989 zu Jürgen Flimms Ensemble des Thalia-Theaters in Hamburg. Seither ist er fast nur noch auf der Kinoleinwand und auf dem Fernsehschirm zu sehen. In der von Radio Bremen produzierten Serie "Nicht von schlechten Eltern" spielte er das Familienoberhaupt Wolfgang Schefer, er gehörte zur neuen Mannschaft von "K3 - Kripo Hamburg" und ist in der ARD-Serie "Familie Dr. Kleist" zu sehen, deren 3. Staffel seit März 2oo7 gedreht wird. Mut zu außergewöhnlichen Rollen bewies er z. B. in der Produktion "Leben in Angst", in der er einen bisexuellen Arzt spielt.
 
Ein Küsschen für Kollegin Sabine Postel.
Die Serie "Nicht von schlechten Eltern" war 1993 ein Quoten-Erfolg und erhielt den BAMBI.

 

In der Serie "Familie Dr. Kleist" spielt Ulrich Pleitgen den Apotheker Johannes Kleist.
Mit dabei sind (von links): Francis Fulton-Smith, Christina Plate und Uta Schorn.
 

 

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