ES WIRD DIR SONDERBAR ERSCHEINEN

Ann-Monika Koepchen auf dem Schulhof von Gustorf
Ann-Monika Koepchen im Gustorfer Garten - F. Willi Schuhmacher

 

Es wird dir sonderbar erscheinen,
Daß ich bisweilen wie ein Knabe
Nicht schlafen kann vor lautem Weinen
Und bitterlich das Heimweh habe,

Und daß ich tagelang in Träumen
Hinschlendre mit geheimem Leid
An fremden, stillen Gartensäumen,
Gedenkend meiner Kinderzeit ...
(Hermann Hesse)

Ann-Monika Bohnet mit ihrem Sohn Ilja Bohnet 1971 in Berlin. Foto: Gisela Groenewold

Ulrich Pleitgen und Ilja Bohnet 1999 in der Nordheide.

Für Martina

Ann-Monika Koepchen (Pleitgen) mit ihrem Bruder Hans-Peter und den Cousinen Eva, Renate und Antje. Foto: Hans Koepchen / 1950er-Jahre.

Im Nebel
 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
 
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
 
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.
 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
(Hermann Hesse)

 

Musik: Linda Schinkel
mit Schlafliedern, die das Kind beim eigenen Namen persönlich nennen

 

NIS RANDERS

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!
 
Und brennt der Himmel, so sieht man´s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank!
Noch wiegt es die Flut:
Gleich holt´s sich der Abgrund.
 
Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."
 
Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten; du bliebst mir allein,
Ich will´s, deine Mutter.
 
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!"
 
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
"Und seine Mutter?"
 
Nun springt er ins Boot, und mit ihm noch sechs.
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
 
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern ... !
Nein: es blieb ganz! Wie lange? Wie lange?
 
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
 
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
 
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen! --
 
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreit´s
durch die Hand: "Sagt Mutter, ´s ist Uwe!"
 
Otto Ernst (1862 - 1926)

Zeitung Frau aktuell
Ulrich Pleitgen mit Ida Foto: Christian Pantel/2o11




Ulrich Pleitgen mit Jan und Ida Foto: Christian Pantel/ 2011
 
 
Ann-Monika Bohnet (Pleitgen) im November 1967 mit Ilja Folker Bohnet/Berlin Dahlem. Foto: Manne Koepchen
Ann - Monika und Folker Bohnet in Berlin - Dahlem im November 1967 mit Sohn Ilja. Foto: Manne Koepchen

Sind so kleine Hände, winzige Finger dran.

Darf man nie drauf schlagen, sie zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße mit so kleinen Zeh'n,

darf man nie drauf treten, könn' sie sonst nicht geh'n.

Sind so kleine Ohren, scharf, und ihr erlaubt:

Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so kleine Münder, sprechen alles aus.

Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so kleine Augen, die noch alles seh'n.

Darf man nie verbinden, könn' sie nichts versteh'n.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.

Darf man niemals quälen, geh'n kaputt dabei.

Ist so'n kleines Rückgrad, sieht man fast noch nicht.

Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Gerade klare Menschen wär'n ein schönes Ziel,

Leute ohne Rückgrad hab'n wir schon zuviel.

Bettina Wegner

Edgar Reinold
Ulrich
Pleitgen
Ulrich Pleitgen, der zweite Junge von links.

In der Erinnerung - was schlummert da nicht alles an Duft und Geschmack, an Lauten und Bildern aus einer verschwundenen Kindheit. Ganz unversehens kann all das wieder erwachen und fast so sein wie einst ... nein, jetzt habe ich geschwindelt, ganz und gar nicht wie einst! Aber noch habe ich nicht alles vergessen, noch kann ich sehen und den Duft spüren und mich der Seligkeit des Heckenrosenbusches auf der Rinderkoppel erinnern, der mir zum erstenmal gezeigt hat, was Schönheit ist. Noch kann ich an Sommerabenden den Wiesenknarrer im Roggen hören und in den Frühlingsnächten das Rufen der Käuzchen auf dem Eulenbaum, noch spüre ich, wie es ist, aus Schnee und beißender Kälte in einen warmen Kuhstall zu kommen, ich weiß, wie sich eine Kälberzunge auf der Hand anfühlt, wie Kaninchen riechen, wie es im Wagenschuppen duftet und wie es sich anhört, wenn die Milch in den Eimer zischt, und noch kann ich die winzigen Krallen frisch ausgeschlüpfter Küken auf der Hand spüren. Der Erinnerung wert ist dies alles wohl nicht. Das Besondere daran ist die Intensität, mit der man es erlebte, als man noch jung war.
(Aus: DAS ENTSCHWUNDENE LAND von Astrid Lindgren)

Fynn und Till/2008

Fynn und Till/2008

Mark und ich gehen schweigend zum Wagen - dafür brauchen wir ganze dreißig Sekunden! - und hören, wie Molly >1-2-3-4 Get with the Wicked< skandiert und zu dem Rhythmus hüpft.Weder Mark noch ich finden ihre Darbietung komisch oder unterhaltsam, obwohl sie recht komisch und unterhaltsam ist, wenn man solche Sachen mag; ich erinnere mich daran, wie ich, als ich mit Tom schwanger war, immer andere Eltern beobachtete, die entweder gleichgültig oder gereizt auf das Kindische an ihren Kindern reagierten, und mich fragte,ob ich jemals auch fähig sein würde, darin nichts Besonderes mehr zu sehen.
(Aus: "How to be good" von Nick Hornby)
 

Wanja in Zarskoje Zelo Foto: Ann-Monika Pleitgen

Sag mir wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben.
Sag mir wo die Blumen sind.
Was ist geschehn?
 
Sag mir wo die Blumen sind.
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Wann wird man je verstehn?
 
Sag mir wo die Mädchen sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Mädchen sind.
Was ist geschehn?
 
Sag mir wo die Mädchen sind.
Männer nahmen sie geschwind
Wann wird man je verstehn.
Wann wird man je verstehn?
 
Sag mir wo die Männer sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Männer sind.
Was ist geschehn?
 
Sag mir wo die Männer sind.
Zogen fort, der Krieg beginnt.
Wann wird man je verstehn.
Wann wird man je verstehn?
 
Sag wo die Soldaten sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag wo die Soldaten sind.
Was ist geschehn?
 
Sag wo die Soldaten sind.
Über Gräbern weht der Wind.
Wann wird man je verstehn.
Wann wird man je verstehn?
 
Sag mir wo die Gräber sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Gräber sind.
Was ist geschehn?
 
Sag mir wo die Gräber sind.
Blumen blühn im Sommerwind.
Wann wird man je verstehn.
Wann wird man je verstehn?
 
Sag mir wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben.
Sag mir wo die Blumen sind.
Was ist geschehn?
 
Sag mir wo die Blumen sind.
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehn.
Wann wird man je verstehn?
 
(Gesang: Marlene Dietrich - erstmalig 1962)
 
(Pete Seeger / deutscher Text Max Colpet
 Ende 1950)

Von weither, vom Abend und vom Morgen,
Noch hinterm winddurchtosten Himmel her,
Blies mich der Stoff, aus dem das Leben ist,
Hierher; da bin ich nun.

E.M.Forster

Jan Folker Bohnet / Februar 2005. Foto: Ann-Monika Pleitgen.
IDA BOHNET,geb. im Mai 2010
Frieda Karla Rosa Bohnet im Juli 2014
Ida Bohnet 2014 mit Milchbärtchen auf Schaukel in Stuttgart
Jan Bohnet F. Ann-Monika Pleitgen 001
Ena Swansea AGENT 2004 Graphit, Öl auf Leinwand 244 x 152,2 cm Galerie Crone, Berlin
Otto Modersohn, Mädchen im Türrahmen, 1888, Öl auf Pappe, Mutter 1928

Brief an meinen Sohn

Ich möchte endlich einen Jungen haben,
so klug und stark, wie Kinder heute sind.
Nur etwas fehlt mir noch zu diesem Knaben.
Mir fehlt nur noch die Mutter zu dem Kind.

Nicht jedes Fräulein kommt dafür in Frage.
Seit vielen Jahren such´ ich schon.
Das Glück ist seltner als die Feiertage.
Und Deine Mutter weiß noch nichts von uns, mein Sohn.
 
Doch eines schönen...>>

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Paula Modersohn - Becker mit Elsbeth um 1902
Elsbeth im Garten (Paula Modersohn - Becker 1876-1907)

Eure Kinder sind nicht eure Kinder
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.
und obwohl sie mit euch sind,
gehören sie euch doch nicht ...
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts,
nochverweilt es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.


(Khalil Gibran)