Geschichte über die Familie Pleitgen

Für seinen Sohn Günther Pleitgen hat Walter Pleitgen, der Großvater von Ulrich Pleitgen, in den 1950er Jahren seine Gedanken über die Familie und über das Leben an sich niedergeschrieben.

Wenn ich hier einiges niederschreibe, was vielleicht ein Beitrag zur Geschichte unserer Ahnen genannt werden kann, so tue ich das in der Absicht, die Fäden deutlich werden zu lassen, die in dem Gewirke, das wir sind, Kette und Einschlag hergeben kann.

Über mich selbst kann und mag ich nicht viel schreiben. Das mag einer tun, der nach mir kommt. Er kann sich in mein Bild und in meine Erscheinungsweise vertiefen, und wenn ihm dann Geduld gegeben ist und liebevolles Vertiefen in das, was ich war, sein sollte und niemals erreichte, so wird es ihm gelingen, Zutreffendes zu sagen, von dem, was ich war.
Eines aber darf ich verraten und dem Nachfahr an die Hand geben, nämlich, daß ich nicht wie ein Schulbube, der dem Lehrer hinterhergeht und das Ergebnis irgendwie abschreibt, zu meinem Lebensergebnis gekommen bin, sondern mich redlich bemüht habe, das aus mir zu machen, was mir als Ideal vorschwebte, ich aber - niemals erreichte.
Ich will daher von mir nur das berichten, was in äußeren Daten meinen Lebensweg abgesteckt und die Richtung gegeben hat.

Ich, Walter Pleitgen, wurde am 30. März 1885 zu Krefeld in einem kleinen einstöckigen Haus an der Steckendorfer Straße geboren. Das alte Häuschen, das sich am Hang der Straßenböschung hinkuschte, weit genug vom Lärm der Gasse entfernt, um sich einer stillen Behaglichkeit zu erfreuen, angelehnt an ein zweites Fachwerkhäuschen, das den Giebel der Straßenflucht zukehrte, ist längst der Spitzhacke verfallen und an seinen Platz hat sich ein wenig geschmackvolles Mietshaus gesetzt, das sich breit und protzig in die Baulinie drängt.
Wer durch die niedrige Haustür meiner Kinderheimat trat, musste sich bücken, wenn er sich meiner Leibeslänge erfreute, mit der der Erbauer des Hauses und sein Zimmermann nicht gerechnet hatten, als sie in bescheidenen Zeiten bescheidenen Ansprüchen genügten.
Das erfuhr auch das geistliche Oberhaupt der evangelischen Gemeinde Krefeld, der körperlich und geistig über das Gardemaß hinausragende, ungemein beliebte Superintendant Pfarrer Schmidt, als er am Geburtstag meiner Mutter, am 03. August 1885, zur Taufe kam. Der "lange Adolf", wie man den langen Pfarrer in respektvoller Harmlosigkeit nannte, soll durch diese Tür in sehr demütiger Haltung und mit einem Scherzwort auf den Lippen den Weg zum Täufling und seiner Mutter gefunden haben. Die Mutter plagte sich wegen eines Schlüsselbeinbruches im Gipsverband, und die Taufe fand daher im kleinen Häuschen statt.
Der Täufling erhielt den Namen Walter, zum Schrecken eines zum Paten ausersehenen jüngeren Bruders der Mutter, der die Patenschaft kurz entschlossen ablehnte, weil dem jüngsten Sproß des Hauses nicht sein Name beigelegt wurde, "sondern so ein neumodischer". Wäre es nach dem Willen des guten, aber auf seine Reputation bedachten Onkels gegangen, so würde ich heute Matthias heißen. Ich glaube nicht, daß der damals sehr bekümmerte Onkel und meine lieben Eltern die Bedeutung des Namens gekannt haben. Sie freuten sich über das "Geschenk Gottes", das ihnen da zu ihren bereits vorhandenen fünf Kindern in die Wiege gelegt worden war, ohne das ausdrücklich durch die Namenswahl zu bezeugen, und Onkel Mathes hat sich später damit auch abgefunden, daß ich auf den Wunsch meiner Mutter den Namen erhalten habe, unter dem ich mich in unsere Sippe einreihe. Paten waren meine Großmutter Anna Barbara Pleitgen, geb. Blank, damals 71 Jahre alt, und mein Onkel Gustav Pleitgen, der für den empörten Onkel Matthias Bruder einsprang.

Das kleine Häuschen an der Steckendorfer Straße ist mir nur 3 Jahre Heimat und unbewußtes Jugendglück gewesen und ich weiß nicht, ob das Bild, das ich mir von ihm mache aus meiner eigenen Anschauung stammt oder nur das Ergebnis der Erzählungen meiner Eltern und Geschwister ist. Meine Brüder und Schwestern müssen in dem kleinen Häuschen und in seinem weiten Obst - und Grasgarten eine herrliche Jugendzeit verlebt haben, denn lange, lange Jahre stand das "Steckendörp" im Mittelpunkt ihrer Erzählungen, das "Steckdörp" mit seinen kostbaren Obst und der großen "Bleiche".
Diese "Bleiche" war das Arbeitsfeld meiner unermüdlich schaffenden Mutter. Mutter betreute die Wäsche der Hausfrauen des Ostwalles, die Gewicht darauf legten, eine blütenweiße Wäsche vorzeigen zu können.
Unermüdlich ging die Schubkarre mit den vollen Wäschekörben zwischen den vornehmen Häusern des Ostwalles, wo damals alles wohnte, was in Krefeld gesellschaftliche Geltung hatte, hin und her.

Bei Sonnenaufgang war Mutter aus den Federn, legte die Wäschestücke aus, die sie nach Qualität und Art den einzelnen Familien zuordnen musste, trug die Gießkanne ab und zu und freute sich, wenn Sonne und Wind ihr zu Gefallen waren. Zwischendurch schaffte sie im Hause, regelte ihre Kinder, bereitete das Mahl, flickte die Hosen ihrer Rangen und stopfte die unheimlichen Löcher - immer in aufgekrempelten Ärmeln und in blauer Schürze und immer ohne Hilfe.

Die älteren Geschwister, ich war ein Nachkömmling, der den Bruder Max in der von ihm sehr betonten Würde des "Jüngsten" nach 6 Jahren ablöste, erzählten oft und gern, daß ich nahrungslüstern der Mutter als Hemdenmatz oder gar splitternackt kriechend und stolpernd durch die langen Wäschereihen nachgestapft sei, um bei ihr das ersehnte Behagen zu finden.
Mutter war eine urgesunde, kräftige Frau, die alle ihre Kinder selbst nährte und der keine Arbeit zu viel wurde. Das Arbeitskleid war ihr Ehrenkleid, das sie nur ungern mit einem festlichen Gewand vertauschte. Das deutliche Bild, das vor mir auftaucht, wenn ich meiner Mutter gedenke, ist das ihres wirkenden Tuns, das ich mir nur in ihrem Arbeitskleid vorstellen kann. Das trug sie noch, als sie schon lange nicht mehr schaffen und wirtschaften konnte. An ihre Festtagskleider habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr.

Dabei war Mutter keine Frau, die sich nur in ihrer Arbeit erschöpft hätte. Sie hatte viel Sinn für geschichtliches Geschehen und dramatische Literatur, und wenn sie sich in ihrem arbeitsreichen Leben eine Erholung gönnte, so war es der regelmäßige Besuch des Theaters. Ich war ganz überrascht, als ich junger Mensch feststellte, Mutter hatte aus wirtschaftlichem Muß die Theaterbesuche längst aufgegeben, daß die Mutter die klassischen Dramen alle gelesen und gesehen hatte. Man wurde dann - trotz seiner Bildung? - recht kleinlaut.

Mutter war eine kluge Frau, aber es ging ihr alle Schlauheit ab, jene Eigenschaft, die sich durchzuwinden versteht und Menschen und Dinge betrügt. Sie war geradeheraus, daher nicht immer leicht zu ertragen und konnte sehr deutlich werden, wer hier der Schlauheit begegnete, aber im übrigen regierte sie ihr Haus, ihre Kinder und ihrer Kinder Spielgefährten in Klugheit und Zielstrebigkeit, aber auch die Einkünfte und ihren - Mann, dem dabei nicht immer sein Recht wurde.

1888 zogen die Eltern mit uns Kindern in das neue Haus. Es war in der Tannenstraße und hatte die Nr. 134. Ob wir schon in diesem Haus wohnten oder nicht, in jene Tage fällt eine meiner frühesten Erinnerungen.
Es läuteten die Glocken dumpf und schwer. Meine Schwester Anna weinte (auf Eltern und die übrigen Geschwister weiß ich mich dabei nicht zu besinnen) und ich weiß noch, daß sie dabei vom Tode des Kaisers sprach. Ob es sich um den Tod des vielgeliebten alten Kaisers, oder ob es ich um den Tod des vielbetrauerten Kaisers Friedrich handelte, das weiß ich nicht.

Vater hatte das Haus Tannenstraße 134 käuflich erworben. Wieviel Eigenkapital er hatte, das ist mir unbekannt, wohl aber entsinne ich mich seines Anspruches, der besagte, Mutter habe das Geld dazu mit der Schubkarre zusammengefahren. Allzuviel kann es nicht gewesen sein, denn als sich wenige Jahre später - ich wurde 9 Jahre alt - Gelegenheit bot, den Besitz an das nebenanliegende St. Josef - Haus, ein katholisches Krankenhaus, das einen Teil des Gartens zum Kirchbau benötigte, zu verkaufen, habe ich es der Erleichterung der Eltern angemerkt, die sie über den Verkauf empfanden, daß ihnen das Halten des Besitzes nicht leicht geworden sein muß.

Das Haus auf der Tannenstraße war ein 3-stöckiges Mietshaus, das wir im Untergeschoß, bestehend aus 5 Räumen, selber bewohnten, während in den beiden Obergeschossen Mieter wohnten, mit denen sich die Eltern und wir Kinder gut verstanden. Da wohnte im 1. Stock der alte Pilahs, ein Rentner von vielleicht 70 Jahren, der für mich immer einen Scherz zur Hand hatte und dem seine Tochter Gretchen den Haushalt führte. Sie wurde für mich ein Stückchen Ersatz für die gute Tante Brempter, die mir in den ersten drei Lebensjahren die Vizemutter gewesen war und im Steckendorf neben uns im kleinen Fachwerkhäuschen gewohnt hatte. Gretchen Pilahs war aber nur ein Stückchen Ersatz für Tante B., an der ich, wenn die Fama richtig, mehr als an meiner Mutter gehangen hatte. Kein Wunder, wenn man weiß, wie Mutter in Anspruch genommen war, Tante Brempter - eine ältere Matrone - die für den kleinen Jungen, seine großen Freuden und sein kleines Leid aber immer Zeit und Güte hatte. Von den anderen Mietern weiß ich nur noch die Namen, nämlich Küsters und Kliethermes.

Ostern 1891 brachte mich meine Schwester Klara zur Schule. Sie verließ an demselben Tage die Schule und sie weiß zu erzählen, daß ich ihr gesagt habe, als sie mich auf meinen Platz gesetzt hatte, sie möchte nun gehen. Schulscheu scheine ich also nicht gewesen zu sein - wurde es aber bald, denn der Klassenlehrer Kressin war alles andere nur kein Schulmeister, der der Kleinen Herz gewinnen konnte. Verschüchtert saß die kleine Gesellschaft in den Bänken, wenn sehr handgreiflich geschulmeistert wurde.

Das wurde anders, als nach kurzem Beginn die Schulamtsbewerberin Himmel die Klasse übernahm. Wir Kinder kamen wirklich in einen schönen strahlenden Himmel. Ich denke heute noch mit Dankbarkeit und Liebe an jede Lehrerin zurück, die uns durch ihr einfaches Dasein Kinderglück bescherte.
Als es ins 3. Schuljahr ging, verkaufte Vater das Haus in der Tannenstraße und wir zogen zum Jungfernweg 4 und damit kam auch der Schulwechsel, der mich von der evgl. Schule an der Oberstraße zur evgl. Schule in der Nordstraße führte.
Dort war Rektor Schmidt Regent, der aber bald darauf durch Rektor Friedrichs abgelöst und ersetzt wurde. Mein Klassenlehrer war Lehrer Eduard Weiß, ein etwas nervöser Herr in der Mitte der Dreißiger, der seinen Schülern nichts durchgehen ließ und seinen Ehrgeiz darin fand, weit und breit der "gefürchtete" Weiß zu sein. Wir liebten ihn damals wirklich nicht und mir kam der himmelsche Abstand zwischen meiner geliebten Lehrerin Himmel und diesem überstrengen "Pauker" erst recht zum Bewußtsein; aber ich danke ihm, daß er in seinem unermüdlichen Fleiß die Grundlagen des Wissens legte, die in diesen entscheidenden Jahren des mechanischen Gedächtnisses unbarmherzig eingedrillt werden müssen, wenn sie Grundlagen werden sollten.
3 Jahre fuchtelte und bildete uns Weiß, dann kam das 6. Schuljahr und mit ihm der "alte" 
Bireke, der immer dem 6. Schuljahr vorstand. Das 6. Schuljahr bei diesem verschrobenen alten Herrn, der 70-jährig den Bakel regierte, wie es ein junger Brausewind von Schulmeister kaum verstand, war eine Höhle des Grauens, nicht nur, weil wir auch gar nichts bei ihm lernten, trotz aller unbarmherzigen Prügel, die der linkshändige Bireke uns auf den linken Oberarm applizierte, trotz alles Nachsitzens, zu dem er, ohne Sinn für die Zeitdauer fast täglich die ganze Klasse verurteilte, sondern weil er uns monatelang mit ein und demselben Gedicht zerquälte und in Gespensterfurcht hausieren ging.

Es war daher eine Erlösung, als mit dem 7. und 8. Schuljahr der Unterricht in die Hände eines Schulmannes kam, an den ich nur mit Hochachtung zurückdenken kann: Rektor Friedrichs. Es sind nur wenige Schulgefährten, deren ich mich heute noch namentlich entsinnen kann und das sind auch nur solche der letzten Schuljahre, die sich irgendwie und irgendwann durch etwas Besonderes ins Gedächtnis eingeprägt haben, und auch die habe ich eigentlich nur ihrem Aussehen nach in Erinnerung. Die Namen sind bis auf wenige erloschen. Als ich 1899 die Volksschule verließ, waren wir unterdessen wieder einmal umgezogen. Die Wohnung auf dem Jungfernweg, einer stillen und vornehmen Straße, in deren Häusern meist sehr begüterte Leute wohnten, neben denen wir nur ein recht bescheidenes Dasein führten, wurde uns gekündigt, weil sie zur Erweiterung von Kontorräumen einer Krefelder Seidenfirma gebraucht wurde, und nach einigem Suchen - Vater wollte aus der Stadt heraus - fanden wir die Wohnung, die uns am meisten zugesagt hat: die Wohnung bei der Familie Deußen auf der Hülser Straße 371. 

Die 3 Jahre, die wir in der Wohnung auf dem Jungfernweg 4 zubrachten, schenkten mir frohe Jahre in dem Heim der Krefelder Turngesellschaft "Blumental", einer großzügigen Spiel - und Sportanlage, die mich zu allen freien Stunden beim munteren Spiele sah. Ich traf dort mit Knaben aller Schichten zusammen, sowohl mit den Söhnen aus den führenden Häusern der Krefelder Seidenindustrie, als auch mit den Söhnen der bei diesen Firmen angestellten Kaufleute, Werkmeister und Arbeiter. Und ich muss sagen, daß eine solche Gemeinschaft von Nutzen war und schon so etwas darstellte, was man später als Jugendgemeinschaft erstrebte. Die Hülserstraße war nun ganz anders!

Das schöne kameradschaftliche Verhältnis, das uns im Blumental verband, war dahin und ich lernte nun die Grausamkeit kennen, die in dem gegenseitigen Verhalten von Kindern liegen kann und von seelisch etwas robusten Kindern gern gehandhabt und dem seelisch feinfühligeren leicht angetan wird.
Die größere Ungebundenheit, die das Spiel auf der breiten Landstraße, in den Gärten von Deußen und der Brauerei "Tivoli", in Feld und Wald mit sich brachte, lehrte mich schon früh eine gewisse Menschenkenntnis und auch das erste - Leid.
Der Neuling war den Kindern des Direktors der Tivoli - Brauerei zunächst einmal eine reizvolle Neuheit, mit der man sich beschäftigte, und so sehe ich mich bald unter den Bevorzugten der Nachbarschaft, denen Gelände und Gärten der Brauerei die Tore öffneten. Ich wunderte mich nicht darüber, fühlte mich doch unter Verhältnisse versetzt, die denen des "Blumentals" angeglichen waren. Auch dort waren die Spielgefährten in der Mehrheit Söhne und Töchter der besten Kreise des reichen Stadtviertels gewesen, die alle die höheren Schulen besuchten, dabei aber nie danach fragten, ob der Spielgefährte auch die Standesschule besuche. Ja, ich war oft ihr Hauptmann und Führer gewesen, den sie bei der Mutter freibettelten, wenn sie ihn zu Hause halten wollte. Was Einbildung auf die sozial gehobene Stellung des Vaters vermag und eine Erziehung, die nicht vorsichtig dieses geile Gewächs im Kinde erstickt, das lernte ich nun aus dem Verhalten der direktorialen Spielgefährten kennen, die mich bald über die Achsel ansahen, weil meine sparsame Mutter den abgetragenen Anzug zum Spiele gut genug fand - und ich daher nicht zu den "feinen" Kindern gehörte. Sticheleien auf mein Nichtmitkönnen, wenn es sich um Kleidung und Taschengeld handelte, das Auftrumpfen, daß ich armer Schlucker den 3/4 - stündigen Weg zur Schule zu Fuß zurücklegen musste, während alle "feinen" Kinder mit dem Lokalbähnchen fuhren, schmerzten mich sehr und trennten mich von ihren Spielen und herrlichen Spielgelegenheiten im weiten Gelände der Brauerei. Ich betrat es in Zukunft nur, wenn der stattliche Küfermeister Johann Maul, ein Urbauer, mich schützend unter seine Fittiche und in seinem Bereich nach Herzenslust hantieren ließ. Es war mir dann immer eine Freude, ihn mit seinen Gesellen an den riesigen Lagerfässern arbeiten zu sehen, wenn er mit ihnen im Takt die eisernen Bänder über die von einem Feuer erwärmten starken manneshohen Dauben trieb.
"Direktors" ließen sich dort nicht sehen, und wenn sie erschienen, hatte Maul sie bald herausgemault. Da waren mir die Arbeiterkinder der Hülserstraße schon lieber. Mit ihnen habe ich gespielt, gespielt, was das Zeug hielt: "Räuber und Schanditz" und all die anderen Spiele, die sich nach einem ungeschriebenen Gesetz im Jahreslaufe ablösen, und dann immer wieder das alte, liebe - Soldatenspiel.

Sie waren alle Volksschüler wie ich, gesund und frisch, auch nicht angekränkelt von der Scheelsucht, mit der der Prolet sich rächt.
Es war vielleicht schade, daß die Eltern sich nicht entschließen konnten, mich beim Verzug zur Hülserstraße die Schule wechseln zu lassen. Sie taten es nicht, weil die von mir besuchte Volksschule an der Nordstraße in dem Rufe stand, eine der besten Volksschulen der Stadt zu sein, mit der die für mich eigentlich zuständige wenig gegliederte Schule an der Inrather Straße sich nicht messen konnte.
Ob es stimmte, weiß ich nicht; auf jeden Fall trug die Tatsache, daß ich zwar kein "Hochschüler", aber auch kein Junge der Inrather Schule war, zu der leisen Fremdheit bei, die eine Gemeinschaft leicht dem gegenüber hat, der nicht in allen Stücken zu ihr gehört. So machte ich denn 3 Jahre lang täglich meinen zweimaligen Weg zur entfernten Nordstraße. Die Hülserstraße war damals noch eine richtige Landstraße, rechts und links von hohen Ulmen begrenzt, die an den Böschungen breiter Gräben standen. Die heutige Straße erinnert in nichts mehr an ihren damaligen Zustand und ihre Schönheit. Ich bin sie immer gerne fürbaß gegangen, das Ränzel auf dem Rücken, - im Frühling, wenn die Graben sich begrünten und auf den Äckern die Feldbestellung im Gange war,  - im Sommer, wenn die Wipfel und Ulmen sich zu einem langen, hohen Kirchenschiff - ähnlichen Raume wölbten und ihren tiefen Schatten schenkten, - im Herbst, wenn die Stürme aus dem Westen pfiffen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand - und im Winter, wenn klirrender Frost den Schnee unter stapfenden Füßen knirschen machte. Dann sang es in mir und es formten sich Verse, fremde und - eigene, die mich ganz einfingen in kindlich - fröhlicher - wehmütiger Lust.

Voll Wehmut gedenke ich heute der lieben Mimi Lehnhoff, unseres Nachbars Kind. Sie ist längst tot und starb in jungen Jahren, Mutter von 3 Kindern.
Wenn sie in kindlichem Spiel die Arme um mich schlang, weil ich ihr liebster Gespiel, so war ich glücklich und wenn es wahr ist, daß Kinder der Liebe Lust und Leid schon in allen Tiefen empfinden, so habe ich das kleine Mädchen geliebt, geliebt mit jener reinen, keuschen Scheu, die reiner Jugend vorbehalten ist.
So habe ich meine frühe Jugend erlebt, froh - und doch in einer Art gewitzigt durch schmerzliche Erfahrungen, die mir eine gewisse Besinnlichkeit und Zurückhaltung anerzogen. Sie fand dann einen wehen Abschluß, weil frühes Leid mich reifte und meinem Wesen die verborgene Richtung gab, die mir vielleicht bis heute eigen.

Am 15. Juli 1898, am 55. Geburtstag meines lieben Vaters, starb mein Bruder Ferdinand im Alter von 23 Jahren durch - eigenen Entschluß. Was ihn, der mir wegen seiner Körperstattlichkeit und Güte immer als ein Heros der Kraft und Liebe erschienen in den Tod getrieben hat, das habe ich nie erfahren. Eltern und Geschwister sprechen von einem Unglücksfall; sie haben mir damals barmherzig und schonend die Wahrheit verhüllt.
Meine lieben Eltern sind in dem Glauben gestorben, daß das Geheimnis vor mir gewahrt und meine Geschwister haben mir nie über Ursache und Umstände des Todes gesprochen; aber ich ahnte und wusste schon damals, daß sich hinter dem Sterben meines Lieblingsbruders eine Tragödie verbarg.

Du, der Du das liest, wahre auch Du das Geheimnis und beunruhige nicht die etwa noch lebenden Geschwister meines früh dahingerafften Bruders. Ich bitte Dich, sie nicht danach zu fragen.

Ferdinand war ein stattlicher Mensch mit dunklem Haar und dunklen Augen, in die ich mich so gern verlor. Mit 17 Jahren ging er freiwillig zu den Soldaten und wurde Feldartillerist bei den 22-ern in Minden an der Weser. Er wollte 12 Jahre Soldat bleiben. Ich weiß, daß er mir, um meine Tränen zu stillen, vom Bahnhof her ein Spielschießzeug durch Vater schickte, als er hoffnungsvoll Soldat wurde. Er wurde auch bald Gefreiter und Geschützführer; dann aber muss ihm etwas über den Weg gelaufen sein, das seinem Soldatentum ein jähes Ende bereitete. Er blieb dann in Minden, wurde selbständiger Kaufmann. Aber auch diesmal lächelte ihm kein Glück, trotz der geldlichen Hilfen, mit denen ihm Vater beisprang.
Dann kehrte er für kurze Zeit nach Krefeld zurück und er machte mir dann oft die Freude, mich von der Schule abzuholen. Wie stolz sprang ich dann neben dem großen, gütigen Bruder einher, doch - dann kam der 15. Juli 1898. Ein Telegramm aus Minden, wohin Ferdinand gereist, still und ohne unser Wissen, scheuchte uns auf.
Bruder Karl kam aus Düsseldorf und fuhr mit Vater nach Minden. Sie standen an der Leiche Ferdinands. Ein Herzschuss hatte seinem Leben das Ziel gesetzt.
Bruder Max, der mit Mutter und uns auf Nachrichten wartete, hielt die entsetzliche Spannung nicht mehr aus und fuhr dem Vater nach. Er stand am bereits geschlossenen Grab, und wir daheim erhielten die erschütternde telegrafische Kunde: "Soeben wurde unser lieber Ferdinand begraben".

Ich denke oft an meinen Bruder Ferdinand und sein einsames Grab auf dem Friedhof zu Hausberge bei Minden, denn sein Schicksal stellte mich zum ersten Male vor jene abgrundtiefen, wie verstummenden Fragen, die die innerste Angelegenheit einer jeden Menschenseele sind, und auf die der bloß rechnende Verstand keine Antwort weiß und dieses Hingegebensein an diese Fragen gab meiner jungen Seele das tragische Lebensgefühl, von dem sie sich nie mehr ganz frei machen konnte.

Rektor Friedrichs, von dem ich bereits sprach und den ich sehr liebte, weil er ein Schulmeister war, der sich in seinen Jungen auskannte und jedem das Futter zuschnitt, das er brauchte, wurde nun Gegenstand meiner ganzen Verehrung, weil er mit der ganzen Zartheit eines feinen Menschen dem grundstürzenden Erlebnis eines Jungen seine hilfreiche Hand angedeihen ließ. Er kannte mein Ahnen und Wissen um Ferdinands Tod und achtete der Eltern Geheimnis. So kam es denn auch, daß ich aus eigener Neigung und um des Vorbildes willen Schulmeister werden wollte und geworden bin.

Ostern 1899 verließ ich die Volksschule, um in die Vorbereitungsanstalt zur Seminaraufnahmeprüfung einzutreten, in die Präperandie zu Krefeld. Sie war damals in einem Hause des südlichen Westwalles untergebracht. Einige Lehrer hielten in den Nachmittagsstunden einen Betrieb in Gang, der mehr schlecht, denn recht die notwendigen Kenntnisse vermittelte und mir das Lehrerwerden verleidet hätten, wenn ich nicht genügend Anregung zum Studium und Erarbeiten der notwendigen Kenntnisse in mir selbst und meinem Ernst gefunden hätte, der mein junges Leben mehr als nötig beschattete.
Es ist nicht gut, wenn Berufsangehörige, die ihre Kraft im Beruf erschöpfen, durch eine zu bescheidene Entlohnung gezwungen werden, in irgendeiner Nebenbeschäftigung einen Besoldungszuschuß zu suchen. Die Sache - und gerade in Erziehungs- und Bildungsangelegenheiten ist das sehr mißlich - leidet darunter, und der sich notgedrungen zu einer halben Arbeit hergeben muss erst recht.
Entschädigt für den mangelhaften Betrieb der Ausbildung aber wurde ich reichlich durch den Zusammenhalt der gleichgesinnten Mitschüler, die alle mehr oder weniger auf irgendeinem Gebiet Besonderes leisteten und so im Austausch sich gegenseitig förderten. Da entstanden auf einmal Arbeitsgemeinschaften, die allerlei leisteten, vielleicht mehr, als die später amtlich propagandierten und eingerichteten.

Palmsonntag 1900 wurde ich konfirmiert. Pastor Kühn gab dem 15 - jährigen einen Spruch mit auf den Weg, den er gut gebrauchen konnte und den er sich oft zugesprochen hat, besonders in gefährlichen Lagen: "Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade". (Ebr.13,9)

Pfarrer Kühn war ein äußerst ernster und maßvoller Seelsorger, der nicht im Dogma stecken blieb, sondern seinen Konfirmanden die Lebenspraxis des christlichen Glaubens erschloß. Er war auch freibeweglich genug, um uns mit Lessings Fabel der 3 Ringe vertraut zu machen, die uns eine nachahmenswerte Toleranz lehrte.
1902 machte ich dann meine Aufnahmeprüfung am Kgl. Lehrerseminar zu Rheydt - und bestand trotz aller Lücken, derer ich mir bewußt war und die eigenes Wollen nicht auszufüllen vermocht hatte.
Vater war glücklich, daß das 1. Teilziel erreicht, obwohl ihm das Aufbringen der nun nötig gewordenen Mittel für meinen Aufenthalt in der fremden Stadt keine geringe Sorge war.
Die aus dem Hausverkauf stammenden Gelder - viel war es nicht! - sollten nicht angegriffen, sondern für den Notfall aufgehoben werden. Also musste Vater meinen Unterhalt aus seinem Einkommen bestreiten. Und das war klein: 135 Mark.
Bruder Karl, der unterdessen Postassistent geworden war und auf der Direktion in Düsseldorf tätig war, hat Vater bei dem Aufkommen meiner Ausbildungskosten in treuster Weise unterstützt.

Mein Vater Karl August Pleitgen wurde am 15. Juni 1843 zu Krefeld geboren und war nur einige Monate älter als Mutter (geboren 3.8.1843 zu Krefeld). Er stammte aus einer Weberfamilie, war selber Weber und hatte die Tochter eines Webers geheiratet, die selber "Fachmann" war. Am 25. Juni 1870 hatten sie ihre Ehe geschlossen, von der Wäscheausstattung meiner Mutter abgesehen, arm wie Kirchenmäuse - aber mit viel Kredit. So war denn die erste bescheidene Einrichtung ganz auf Kredit angeschafft, das Geld für den ersten Korb mit Lebensmitteln bis zur Ablieferung des ersten Webstückes von der einsichtigen Lieferantin gestundet worden.
Aber dann kam der Deutsch - Französische Krieg, der Vater fünf Monate seiner jungen Frau und seinem Webstuhl entführte. Vater hat den Krieg in der 12. Kompanie des 4. Garde - Grenadier - Regiments Königin mitgemacht und war stolz darauf "Augustaner" zu sein. Er war am 18. August 1970 bei St. Privat dabei, jener Schlacht des Krieges gegen Frankreich, in der die Garde ungeheure Blutopfer bringen musste.
Mutter schlug sich unterdessen rechtschaffen durch, trug der Weiber Los und schenkte während des Krieges einer Tochter das Leben, meiner Schwester Anna.
Vater, ein geschickter Weber, dem die Firma, für die er im Hause auf seinem Webstuhl arbeitete, gerne die schwierigsten Arbeiten gab, hat sich dann durch Fleiß und Geschicklichkeit, durch Besuch der Sonntagskurse der Staatlichen Weberschule in Krefeld u.s.w. emporgearbeitet. Er muss Anfang der 80iger Jahre Werkmeister geworden sein, denn auf meiner Geburtsurkunde ist der Beruf meines Vaters als solcher eingetragen. Als Werkmeister besuchte er die Hausweber in den Dörfern und Umgebung Krefelds. Die Seidenfabriken waren damals noch nicht, was man heute darunter versteht, der Handstuhl war noch in Betrieb und macht nur allmählich den mechanischen Stühlen Platz. Es ist nicht uninteressant zu wissen, daß im Jahre 1882 für Krefelder Seidenfirmen 34836 Handstühle und nur 856 mechanische Stühle arbeiteten, 1906 aber neben 4599 Handstühlen bereits 10141 mechanische. Diese Umwandlung führte Vater, der in den ersten Jahren Werkmeistertätigkeit die Handweber in St. Tönis, Süchteln, Kempen u.s.w. zu besuchen und zu betreuen hatte, auch die in die Fabrikräume der Firma H. vom Struck - Söhne, in den Innendienst, sehr zu seinem Leidwesen, denn er war ein Freund der Natur und der Wanderungen. Je mehr der mechanische Betrieb die Oberhand gewann, desto mehr zogen die Bannkreiser der Stadt liegenden und entstehenden Fabriken die Arbeiterschaft an sich. Auf dem platten Lande, zunächst in den entfernter liegenden Orten, wurden viele Handstühle stillgelegt, und damit verlor auch die eigentliche Werkmeistertätigkeit , die ein gediegenes, künstlerisch wertvolles Handwerk anzuregen, zu leiten und zu überwachen hatte, ihren Sinn und Vater - den sinnvollen Beruf, und heute kann ich nur mit inniger Anteilnahme daran denken, wie schwer es Vater geworden ist, die ihm nun zufallende Arbeit auf dem Kontorstuhle wahrzunehmen. Ich habe ihn oft aufgesucht. Dann führte er mich durch die weiten Hallen der Fabrik, die so voll Lärm, und zeigte mir die kunstvollen Maschinen, auf denen täglich Hunderte Meter Samt hergestellt wurden, vom Rohstofflager gings zur Winderei mit den Windemaschinen, die die Fäden auf Bobienen spulten, teils für die Kette, teils für den Schuß, und von der Winderei gings zum Scherraum, vom Scherraum zur Bäumerei. Besonders fesselte mich aber immer die Arbeit der "Andreher", die die Fäden der neuen Kette an die der alten drehten, d.h. den Anfang eines Fadens der neuen Kette mit dem Ende des zugehörigen Fadens der alten Kette durch eine reibende Bewegung zwischen Daumen und Zeigefinger (nicht durch Knoten) verbanden. Wo keine alte Kette vorhanden war, da wurden die Fäden mit Hilfe eines feinen Metallstäbchens durch das "Gebtier" oder die "Litzen" geholt, durch die jeder Faden der Kette gezogen werden muss. Gerne stand ich dann mit Vater vor den Webstühlen, immer wieder erstaunt über die Leistung, die hier von Maschine anstatt Menschenhand vollführt wurde. Wie die Wiesel liefen die Schiffchen ohne Rast und Ruh von rechts nach links, von links nach rechts durch die Kettfäden hindurch, von einer Arbeiterin oder einem Arbeiter - denn Weber waren es nicht mehr! - überwacht. (nach Bohr. Cremer Rubenkamp "Krefeld meine Heimat", Druck und Verlag Heinr. Helfmann, Krefeld 1919).
Hier vor diesen Webstühlen erschloß sich dem Knaben auch der Sinn der vielen Muster und Musterzeichnungen in Vaters dickem grünen Musterbruch. Hier sah er, daß sich ein sinnreiches Verfahren, mit Hilfe von gelochten Karten die Kettfäden so auseinander geteilt werden, daß der Schußfaden bald über, bald unter dem Kettfäden herläuft und so die oft prachtvollen Muster und Bilder in den Geweben erzeugt  - und doch war er dann froh, wenn Vater den Rundgang beendete, den Arbeitsrock mit dem bescheidenen Straßenanzug vertauschte und auf Umwegen den Knaben durch Feld und Bruch nach Hause führte.
Diese Gänge mit Vater waren schön. Sie zeigten mir meine Heimat. Sie hat keine besonderen Reize, aber sie gingen mir auf, die stillen, heimlichen Reize, als ich an der Hand des Vaters in Erlkönigs Reich eindrang. Das Bruch und der Sumpf und die Nebelschwaden über den Brachen und die schier unbegrenzten Weideflächen mit ihren Weidenstümpfen an träge fließenden Wassern offenbarten dem Knaben die heimliche Schönheit der niederrheinischen Heimat, die sich versteckt unter dem Mantel eines unendlichen Himmels und dem Spiel mattgetönter Farben. Und diese Schönheit war ihm lebendig in den Erzählungen des Vaters, die sich wie Perlenschnüre um Busch und Strauch und Weiher, Erlen, Birken, Bruch und Feld, um Wiesensteige und alles Geschehen rankten und in die Hände des Kindes glitten, oder in dem Schweigen, das den vor den Wundern seinen Landes verstummten Mann so beredt machte, daß die Glocken eines tiefen, schönheitstrunkenen Erlebens in dem Herzen des Kindes läuteten.

Vater war ja Weber von Beruf und die alten Weber, die bis in die achtziger Jahre hinein auf ihren eigenen Stühlen für die Fabrikherren, von denen sie mit Material und Mustern versehen wurden, im Stücklohn arbeiteten, waren beschauliche Leute. Das brachte die Arbeit so mit sich. Wenn sie im Webstuhl vor dem Geschirr saßen und das Schiffchen durch das Fach hin - und herwarfen, und Tritt und Lade den Takt dazu schlugen, und die Karten der Jacquardmaschine hüpfend hinauf und herunter klapperten und Kettfäden und Schuß nach ihrem Wollen und Sollen in das Gewebe bannten, dann spannten sich gar leicht auch die Gedanken in den Rhythmus des Stuhles und wirkten und woben aus Wollen und Sollen ein wunderlich Werk: tröstende Dichtung in profaner Wirklichkeit! Lieder und Märchen und fröhlicher Sinn, Ironie, Humor und Satire, Hoffen, Erkennen und Wissen rauschten empor aus dem klappernden Stuhl und gaben dem ganzen Sein sein Gepräge, dem es an Tiefe nicht fehlte.

Vater verstand zu erziehen. Er ist mein erster und bester Lehrer gewesen - ein Schulmeister wie berufen und von einer Berufung, wie sie die "berufenen" Schulmeister vielleicht selten besitzen. Ohne jemals sich mit einer wissenschaftlichen Psychologie befasst zu haben - ja, ich glaube, er hat das Wort "Psychologie" überhaupt nicht gekannt,  - besaß er die im wirklichen Leben einzig mögliche und praktisch geübte Psychologie unmittelbaren Verständnisses, die ihn befähigte, seinem Jungen mit feiner Liebes - und Einfühlungsfähigkeit die Umwelt erobern zu helfen, die sich jeder Mensch - so oder so, mit Führer oder ohne Führer - zu erkämpfen hat. Hatten es ihm nach der einen Seite die Märchen angetan, die er so lieb und warm zu verschenken wusste, so versäumte er es doch niemals, den Tendenzen der phantastischen Synthese, die zur Klärung der Vorstellungen und Befreiung von subjektiven Merkmalen notwendigen Tendenzen einer lückenlosen Anschauung entgegenzusetzen, d.h. durch Auge, Ohr und Hand zu einem realen Tatsachensinn anzuleiten. Er wusste, ohne daß es ihm jemals gesagt worden wäre, daß Märchen und Umgebungskunde Zwillingsbrüder sind und zusammengehören. Im Bunde mit den vom Märchen auszulösenden Kräften führte die vom Vater veranstaltete Umgebungskunde zu einer freien Einbildungskraft, die in der Wahrheit der Dinge blieb. Durch sie drang meine kindliche Seele in das letzte und einzige Forschungsgebiet ein, das dem Kind gegeben ist: die Heimat, die wirkliche und seelische.
Vater hat viel für mich getan, nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in geistigseelischer Beziehung, und das danke ich ihm besonders. Ihm verdanke ich auch die erste Verbindung mit der Kunst. Ich glaube nicht, daß er sich in Stilen und dergleichen kunstgeschichtlichen Dingen auskannte, aber er hatte einen Blick für das Schöne und Gediegene, was ja letzten Endes das Entscheidende ist, und wenn ich heute an das zurückdenke, was Vater zu mir sprach, wenn er mich wieder einmal in das Museum am Westwall geführt hatte und vor einem Bilde, einer Plastik oder vor einem alten Wandteller oder Tongefäß minutenlang betrachtend stille stand, dann muss ich an ein Wort Goethes denken, das da sagt: "Wer ein Kunstwerk in sich aufnimmt, macht denselben Prozeß durch wie der Künstler, der es hervorgebracht, nur umgekehrt und viel rascher!" Und ist es nicht eigenartig, daß Vater mir immer wieder die im Kaiser Wilhelm - Museum aufbewahrten Hülser Tonschüsseln zeigte, echteste deutsche Volkskunst, für die man erst seit einigen Jahren lebhaftes Interesse zeigt!! - Ja, Vater war schon ein eigenartiger Mann, der in sich eine heimliche schöne Welt besaß. Aber er war auch alter Soldat, stolz, wie nur ein Gardist sein kann, der in drei Kriegen seinen Mann gestanden hat, 1864, 1866, und 1870/71. Meine Kindheit war erfüllt von seinen Soldaten - und Kriegsgeschichten, die alle von dem Atem einer echten Vaterlandsliebe erfüllt waren. Und wie stolz war er, wenn Kriegervereinsfeste, vaterländische Gedenktage ihn veranlassten, seine Orden und Ehrenzeichen auf seinen schwarzen Rock zu heften. Seine Soldaten - und Kriegsgeschichten sind vielleicht die Veranlassung geworden, daß ich mich später immer mehr dem Studium der Geschichte zuwandte.

1902 ging ich nach Rheydt. Ich war in das Königliche Lehrerseminar aufgenommen worden. Wenn ich an die drei Jahre zurückdenke, die ich in Rheydt zubrachte, so kann ich nicht in den Chor derjenigen einstimmen, die mit Ärger und Verdruß an ihre Seminarzeit denken und sich zu dem Ausspruch steigern: "Lieber ins Zuchthaus!" - Nein, das Seminar in Rheydt war kein Zuchthaus, und der gute alte Seminardirektor Schulrat Reetmann war kein Zuchthausdirektor, sondern ein Mensch. Und die Seminarlehrer Falke, Buß, Heintzer, Zander, Frech, Schwarzhaupt haben ihren Seminaristen das Leben nicht zur Hölle gemacht, sondern sich bemüht, uns ein ehrliches und handfestes Rüstzeug für unseren künftigen Beruf mitzugeben, jeder nach seinem getreulichen Können und Vermögen. Daß niemand mehr geben kann, als er hat, das trifft auch auf jene Männer zu, die uns unterrichteten und unterwiesen. Sie gaben, was sie geben konnten - und damit taten sie genug. Der "Alte" war uns Seminaristen das, was man "Vater" nennen kann, und nie wagte sich die Spottlust junger Menschen an ihn heran, obwohl seine Schwächen ihnen nur allzu gut bekannt waren, nämlich eine abgrundtiefe Güte und Milde, die gar oft Disziplinlosigkeit im Gefolge hatten und seinen Mitarbeitern das Leben nicht immer erleichterten. Aber vielleicht erweckte er dafür in uns jenes Erstaunen und jene Ehrfurcht, die sich im Leben besser bewähren als die Dressur. Wenn der junge Übermut sich zu zügeln wusste, und das Rheydter Seminar niemals Affären sah, die dort an der Tagesordnung, wo allzu große Strenge und Forsche das Leben einzudämmen suchten, so ist das wohl auf das Konto der Liebe zu setzen, die dort jungen Menschen in ihren Entwicklungsjahren gegeben wurde.

Die drei Jahre in Rheydt waren Jahre einer angespannten Arbeit, aber auch der jugendlichen Freiheit und Kameradschaft, nein, besser, der Gemeinschaft. Es widerstrebt mir, für dieses Zusammenhalten den Begriff "Kameradschaft" zu verwenden, denn Kameradschaft, die kann nur dort sein, wo es um Leben und Sterben geht, nie aber dort, wo die Zufälligkeit der gemeinsamen Ausbildung, der gemeinsamen Arbeit Menschen zusammenbringt, die von einem Opfer des einen für den anderen nichts wissen.
Ich fand Freunde, Feinde und solche, die mir und denen ich nichts sein konnte, eben nichts anderes als "Klassenbruder" und das, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Die Freundschaften beglückten - wahrhafte Freunde können aber erst Männer werden! - die Feindschaft nahm man hin - auch die wird erst gefährlich, wenn es sich um Männer handelt! - und die Gleichgültigen brauchten einen weiter nicht.

Mit den Freunden wurde gearbeitet und mit den Feinden gestritten im Wissen und in persönlichen Dingen, Fragen des Lebens und Wissens. Daß religiöse Fragen oft im Vordergrund standen, angeregt durch den durchaus nicht systematischen, noch weniger aber dogmatischen Religionsunterricht des Direktors Reetmann, ist nicht verwunderlich, wo junge Menschen um Klarheit ringen, und daß daneben auch die ethischen und ästhetischen Werte zu ihrem Rechte kamen, ist so selbstverständlich, daß man es nicht verstehen würde, wenn es nicht so gewesen wäre.

Diesen Disputationen mit Freunden und Feinden verdanke ich neben dem ursprünglichen Antrieb, den mir Vater mitgab, die Neigung zur geschichtlichen Betrachtung allen Geschehens, zu der der Geschichtslehrer des Rheydter Seminars, der treue, aber ungemein pedantische T. Heintze leider nicht beitrug, weil ihm jede Fähigkeit abging, durch seinen Vortrag aus dem Herzen seiner Zuhörer jenen Ton hervorzuholen, der mitschwingend das Dargebotene erlebt. Geschichtszahlen sind an und für sich eine sehr nützliche Sache. Wir könnten ohne sie nicht auskommen, aber wo sie zu schematisch benutzt werden, da geraten wir in die Gefahr, die sich mit dem Wort umschreibt: "Zum Teufel ist der spiritus, der Spiritus ist gut heben!"
Tatsächliches Geschehen ist noch keine Geschichte, eine trockene Aufzählung des Tatsächlichen aber ebenso wenig. Tatsächliches Geschehen wird erst dadurch Geschichte, daß die Leistung des menschlichen Geistes durch Wahrnehmen, Denken, Lernen und Sinngebung und Tatsachenmaterial schöpferisch verknüpft, fortgesetzt Fragen an die Stoffmassen richtet, beständig neue Vorstellungen vornimmt, die dahin führen, daß einerseits Werte herausgehoben, andererseits chronologische Anhäufungen als wertlos beiseite geschoben werden. Das Subjekt, das sich schon angesichts der Tatsachen im Besitz der Geschichte glaubte, wird immer misstrauischer empirischen Daten gegenüber, und sieht letztlich ein, daß es die Seele der Geschichte erst dann erkennt, wenn sie seine Seele geworden ist, d.h. wenn die äußere Anwendung einer inneren der Werte gewichen ist, wenn der vergänglichen Zeit die unveränderliche Beharrlichkeit entgegentritt, wenn der Schein verblasst und die geschichtliche Wahrheit in das Licht der Klarheit rückt. Nein, davon wusste der brave Heintze nichts, aber ich bin ihm nicht gram darüber, denn seine peinliche Paukerei hat mir die Liebe zur Geschichte nicht verschütten können.
Daß ich zur Mathematik kein Verhältnis fand, das hat wohl seine Ursachen in Vererbung und Umwelt. Vater war sparsam, sparsam, d.h. er brauchte nichts für sich und überließ die Wirtschaft der Mutter, die die Not zum Zusammenhalten der Pfennige zwang, und war froh, wenn sie ihm das Taschengeld gab, mit dem er seine bescheidenen Bedürfnisse bestritt, und die Rechenmeister in Präperandie und Seminar waren durchaus geeignet, meine Abneigung der Mathematik gegenüber ins Quadrat zu erheben. Sie waren - wie wohl alle Lehrenden der damaligen Zeit - Herbartianer und wussten in ihren offiziellen Methodikstunden vom Geschäft der "Regierung", des "erziehenden Unterrichts" und der "Zucht" zu reden, den großen Leitgedanken Herbart´scher Pädagogik, waren selber aber nicht durchdrungen von der Bedeutung der strengen Wirtschaft der Mathematik für die Regulierung des chaotischen Zustandes der jungen Seelen auf ein Prinzip der Ordnung hin und vergaßen, daß Erziehen als psychologischer Prozeß die Wirkung eines Menschen auf den anderen ist. Sie dienten der großen Göttin ihrer Wissenschaft nicht mit der Inbrunst von ihr erfüllten Priestern, sondern waren nur Kärrner ihres Faches.

Auch der naturwissenschaftliche und erdkundliche Unterrichtsbetrieb war nicht so, daß er die jungen Menschen erwärmt hätte. Was hatten diese davon, daß sie ebenso, wie sie im Geschichtsunterricht Geschichtszahlen gedächtnismäßig beherrschten, in der Erdkunde Grenzen, Bodenerhebungen, Täler, Flüsse, Städte u.s.w. dahinschnurren konnten, daß sie Pflanzen und Tiere mit fachbotanischen, fachzoologischen Namen kennen und von der Wurzel bis zur Blüte und Frucht, von den Zähnen bis zum Schwanz beschreiben oder auch nicht beschreiben konnten, in der Physik Experimente beschreiben aber niemals ausführen durften und in der Chemie das Lehrbuch repetierten, sie spürten nicht, daß tiefes, volles Eindringen in die geographischen Erscheinungen dem Menschen die Gotteswelt erschließt, um darin Mensch unter Menschen zu werden in Heimat - und Schollenliebe, bodenständig, fest wurzelnd, starken Willens, dieser Heimat zu dienen. Sie wussten nichts davon, daß das Leben der Pflanze und des Tieres von dem Schüler in der Innigkeit erlebt werden kann, wie es Franz von Assisi erlebte, der die Pflanze, der das Tier liebte wie einen anders organischen Bruder.
So gab das Seminar uns viel - und doch in vielen Stücken - zu wenig, und wenn wir jungen Menschen neben vielem Wissen und das sei besonders hervorgehoben, neben einer ganz famosen handwerklich - methodischen Ausbildung für unseren Beruf noch etwas an Persönlichem, Wertvollem für das Leben mitnahmen, so war das der schönen Menschlichkeit zu verdanken, die uns in drei Vertretern des Lehrerkörpers entgegentrat, in dem Direktor Reetmann, der uns aus der Reife seines Alters heraus beschenkte, in dem jungen Seminarhilfslehrer August Schwarzhaupt, den die Mühle des Dienstbetriebes noch nicht abgestumpft hatte, und in dem Musiklehrer Frech, den die "holde Kunst" begeisterte.

 

PÄDAGOGE AUS NEIGUNG UND BERUFUNG
Zum Tode Professor Walter Pleitgens

 
Mit Professor Walter Pleitgen, der heute auf dem Bergfriedhof in Werden zu Grabe getragen wird, verlieren Stadt und Schule einen Pädagogen, der sich durch sein Wesen und sein Können in weitesten Kreisen besonderer Hochschätzung erfreute.
 
Der am 30. 3. 1885 geborene Krefelder ergriff den Beruf des Erziehers aus Neigung, besuchte das Lehrerseminar zu Rheydt und legte 1905 die erste Lehrerprüfung ab. Seine Berufung erwies sich zunächst in ein- und zweiklassigen Landschulen. 1909 bezog der junge Lehrer die Universität Jena, um sich durch pädagogische Studien bei Prof. Rein und den Besuch des Päd. Univ.-Seminars die Laufbahn eines Lehrerbildners zu erschließen. 1911 legte W.P. die Mittelschullehrerprüfung und 1912 die Rektorprüfung ab. Nach kürzerer Tätigkeit am Lehrerseminar in Gummersbach übernahm der Verstorbene das Rektorat einer Volksschule in Essen-Borbeck. 1927 berief ihn die Stadt Essen in das Amt eines Mittelschuldirektors, das er bis 1946 bekleidete.
 
IN DEN SCHWEREN JAHREN
 

Im Frühjahr 1946 wurde W. P. an die Päd. Akademie in Kettwig berufen. In der Zeit ihres Aufbaus und in den schweren Jahren des Neubaus der Lehrerbildung hat sich Pleitgen, der von Ostern 1949 bis zu seiner Pensionierung die Akademie leitete, große Verdienste erworben. Neben diesen Tätigkeiten leitete der Verstorbene in der Zeit von 1924 bis 1933 Arbeitsgemeinschaften der Junglehrer und war auch nach seiner Pensionierung in der Ausbildung der Mittelschullehrer tätig.
 
HILFE GESCHENKT
 
Seinem pädagogischen Können und Wissen haben in allen seinen Tätigkeitsbereichen junge Menschen Förderung zu danken, und seine Pestalozzinatur hat manchem Suchenden und Ratlosen Hilfe geschenkt. Die menschlichen Eigenschaften sicherten diesem aufgeschlossenen und lebensfrohen Erzieher Liebe und Dank, und über das Grab hinaus werden ihm alle, die mit ihm in Berührung kamen, ein ehrendes Andenken bewahren.
Quelle: NEUE RUHRZEITUNG/ 27.11. 1953