Internatszeit

Die Internatsschule 1956

Paul-Gerhardt-Schule 2009

Ulrichs Leseterrasse in einem Nebengebäude - ein langer Stock mit Friedensfahne

Paul-Gerhardt-Schule 2016

Ulrich Pleitgen (10) Bahnhofsfriseur Düker hat wieder mal die böse Schere angesetzt

Ulrich Pleitgen, zweiter von links, mit Schulfreunden im Internat in Dassel im Sollingen

Ulrich Pleitgen (rechts) als TRUFFALDINO in Carlo Goldonis Bühnenstück DER DIENER ZWEIER HERREN

Ulrich Pleitgen (rechts) als SCAPIN in der Schulaufführung SCAPINS SCHELMENSTREICHE von J. B. Molière

Private SCHELMENSTREICHE

MEINE ZEIT IN DASSEL Ï

Ich habe mir vorgenommen, nicht anekdotisch zu sein, denn die Geschichten aus dem FLIEGENDEN KLASSENZIMMER und der FEUERZANGENBOWLE kennen wir ja alle mit kleinen Abwandlungen und zusätzlichen Pointen.

Die Internatszeit begann für mich mit 10 Jahren - ich hatte 2 Jahre Heimweh, Sehnsucht nach den Zärtlichkeiten von Großmutter, Mutter und Tante, mit denen ich meine ersten Lebensjahre verbracht habe. Also, rein ins kalte Wasser einer fast militärischen Hierarchie: Direktor, Heimleiter, Erzieher, Lehrer vom Dienst, Schüler vom Dienst - und die "Großen", die die "Kleinen" als Blitzableiter für ungute Stimmungen benutzten und großzügig Prügel austeilten. Schrankkontrollen, Überprüfung der Schuhe und Sohlenprofile auf makellose Sauberkeit, Arbeitseinsatz nach den kleinsten Verfehlungen. Nach dem Mittagessen las der Erzieher vom Dienst (EVD) aus einer Kladde vor, wer von uns "Strafdienst" hatte: Ausmisten des Schweinestalls, Planierungsarbeiten, Entkeimen von Kartoffeln und vieles mehr.

Keiner von uns wird die groben Riten vergessen, mit denen Neulinge internatsreif gemacht wurden. Aufnahmeprüfungen wie: Kalte Duschen in voller Bekleidung oder im Schlafanzug mitten in der Nacht - bis zum "Taufen", also untergetaucht werden in der Ilme. Demokratie und Diskussion waren noch weitgehend unbekannt. Schüler, Lehrer und Erzieher gaben sich mit Gehorsam und Fleiß als den größten Tugenden zufrieden.

Doch hatte ich auch Erlebnisse und Erkenntnisse, die an mir festgewachsen sind bis heute: Solidarität ist ein wichtiger, leider blasser Begriff, aber ein großes, vernünftiges Wort. Kameradschaft klingt so nach Uniform und Soldatsein. Wie also soll ich das, was ich damals gelernt habe, nennen. Jenseits von Freundschaft und Liebe gibt es eine menschliche Beziehung, die wir in Ermangelung eines schöneren Wortes Kameradschaft nannten. Heute spricht man von sozialem Verhalten. Christen nennen es vielleicht Nächstenliebe; für jemanden da zu sein, auch wenn man nicht liebt oder eng befreundet ist. Man fügt die Bedürfnisse anderer Menschen in die eigene Lebensführung ein. Das habe ich sehr früh in Dassel gelernt und sogar genossen. Wie viele andere Mädchen und Jungen auch. Wir befanden uns bei aller Unterschiedlichkeit der Eigenschaften und Begabungen in dem angenehmen Zustand einer gewissen Gleichheit. Gemeinschaftliches Denken wärmte mich.
Und trotzdem entwickelten die meisten von uns starke Eigenständigkeit. Auch ich verteidigte Inseln, auf denen nur ich mich aufhielt. Individualismus und Gemeinschaft schließen sich nicht aus, sie bedingen sich.
 

Ich hoffe, dass Demokratie in Schule und Heim eingezogen ist und die strenge, oft erniedrigende Hierarchie, die Einforderung unbedingten Gehorsams einem vernünftigen partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern gewichen ist. Ich hoffe, dass die lutherische Härte, die mir damals oft die Luft nahm, größerer Toleranz und Lebensfreude Platz gemacht hat. Ich hoffe, dass Sexualität inzwischen eine normale Sache ist, die man nicht mehr durch kalte Duschen bekämpfen muss, weil man sonst von der Schule fliegt.

Manche unserer Lehrer waren unumschränkte Herrscher mit unkontrollierten Wutausbrüchen. Männer und Frauen, die die Schrecken des Krieges noch in sich trugen; selber Opfer. Es gab zähe Nationalsozialisten mit gerade erst erworbener christlicher Überzeugung, übergezogen wie ein frisches Oberhemd. Im Lateinunterricht wurde uns im Zusammenhang mit Rom und den fasces der NS-Staat nahe gebracht. Oberstudiendirektor Kramer, genannt Bobo, hat mich wegen einer flapsigen Bemerkung mit einem Elektrokabel geschlagen. Die kräftigen Backpfeifen von Herrn Noster, genannt Pater Noster, bleiben ungezählt. Doch dann erschienen immer mehr junge Lehrer, liberal und freundschaftlich, humorvoll, uns ähnlich. Unrecht will ich den alten Lehrern aber nicht tun. Viele waren konsequent, gerecht und voller Liebe für ihre Schüler. Und zutiefst von dem hohen Wert ihrer Aufgabe überzeugt. 

Trotz der heftigen Kritik, die ich hier am Schulwesen meiner Zeit übe, halte ich die Internatserziehung, wenn sie zu Solidarität, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und zum Miteinander führt, für eine großartige Idee.
Freunde gab es natürlich auch. Die waren einem näher als die Kameraden. Klaus vor allem, über lange Jahre. Ich grüße Dich.

(Ulrich Pleitgen/2007)