Zwei Hamburger im Porträt: Bohnet/Pleitgen

1. Dr. Bohnet, Sie sind als Sohn einer Schauspielerfamilie aufgewachsen und haben sich dann später aber ganz stark wissenschaftlich ausgerichtet. Zufall oder bewusstes Gegenlenken?

Bohnet: Meine wissenschaftlicher Werdegang ist sicher nicht einem „bewussten Gegenlenken“ geschuldet, also gewissermaßen eher zufällig begründet. Nichtsdestotrotz übte Wissenschaft auf mich als Kind aufgrund ihrer Reinheit und Klarheit eine große Faszination aus, die im Gegensatz steht zu den Dramen des Theaters und allgemein in der Schauspielkunst. Dass auch die Wissenschaft nicht nur rein, klar und überschaubar ist, habe ich wiederum erst später verstanden.

2. Sie haben inzwischen selbst Familie – gehen Ihre Kinder eher in die wissenschaftliche oder in die künstlerische Richtung?

Bohnet: Mein Söhnchen Jan ist erst sieben Jahre alt, zurzeit steht seine Torwartkarriere im Vordergrund. Und das Töchterchen Ida lernt erst Laufen. Aber im Ernst, ich sehe mich in vielen Dingen in Jan wieder, es kann gut sein, dass er das eine oder andere von mir aufgreifen wird, nur dass er in allem talentierter ist.

3. Frau Pleitgen, Sie stehen Ihrem zweiten Mann, Ulrich Pleitgen, sehr engagiert zur Seite, u. A. als seine Managerin. War es Zeit für ein eigenes neues künstlerisches Projekt?

Pleitgen: Ich werde auch in Zukunft meinem Mann sehr engagiert zu Seite stehen. Und umgekehrt er mir. Es war nicht so, dass die Zeit reif war für ein eigenes neues künstlerisches Projekt. Ich führe ein sehr ausgefülltes Leben. Doch Ilja gab mir eines Tages einen Schubs und sagte: " Schreib´ nicht länger für die Schublade, schreib´ mit mir!"

4. Wollen Sie beim Schreiben bleiben oder führt Ihr Weg Sie vielleicht auch wieder zurück auf die Theaterbühne?

Pleitgen: Schreiben und Lesen, das war schon eine Sucht als ich noch ein Kind war. Mit neun Jahren fing ich an zu schreiben, angespornt von meiner schriftstellernden Großmutter. Ich war zwölf, als meine ersten Kurzgeschichten von Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Das Theaterspielen habe ich 1985 ganz bewusst aufgegeben.

5.  Mutter und Sohn als Autorengespann – das ist schon eher ungewöhnlich. Wer von Ihnen ist auf die Idee gekommen?

Bohnet: Unser Debütroman „Freitags isst man Fisch“ geht auf einen groben Entwurf zurück, den ich als Student geschrieben hatte. 

6. Wie klappt das rein organisatorisch – schreiben Sie abwechselnd und kapitelweise oder nach einem anderen System? Steht das gesamte Gerüst, bevor sie mit der Ausarbeitung beginnen und erarbeiten Sie auch das gemeinsam?

Bohnet: Auf Grundlage der gemeinsam erarbeiteten Ideenskizze legt Bohnet Kapitel für Kapitel die Fährte, und Pleitgen folgt ihr. Am Ende angekommen beginnt Bohnet
wieder mit dem von Pleitgen bearbeiteten Anfang und so fort. Mit diesem iterativen Verfahren arbeiten wir Wort für Wort, Satz für Satz, Zeile für Zeile, Kapitel für
Kapitel des Manuskripts durch, entwerfen wieder und wieder neue Textstellen, recherchieren penibel alle Details und verfeinern schrittweise das Manuskript.

Pleitgen: Jeder von uns beiden überarbeitet immer wieder das, was der andere geschrieben hat, bis der Stil vollkommen einheitlich wird. Jetzt, am Ende, ist es selbst für uns schwierig zu sagen, wer genau eigentlich was geschrieben hat.

7. Kommt es bei der Zusammenarbeit auch zu Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und wie gehen Sie damit um?

Pleitgen: Selbstverständlich kommt es zu Unstimmigkeiten, oft zu richtigen Reibereien. Wenn die Passagen des einen zu lang werden, mahnt der andere: „Kill your darlings!“ Es kann uns auch passieren, dass wir in den puren Handlungsstrang geraten. Dann müssen wir Nebenfiguren und Nebenhandlungen erfinden. Schon Vladimir Nabokov sagte: „Liebe Leser, unterschätzt mir die Details nicht.“

Bohnet: Wichtig ist, dass wir letztlich nicht nachtragend sind und es nur um die Sache geht, d. h. um unsere Bücher.

8. Hatten Sie Schwierigkeiten, für Ihren ersten Krimi „Freitags isst man Fisch“ einen Verlag zu finden?

Bohnet: Ja und nein. Die Ariadne Krimireihe vom Argument Verlag haben wir von Anfang an unserer Verlagssuche in Betracht gezogen: ein kleiner, politisch engagierter Verlag in Hamburg mit großem Renommee, der passte zu uns wie die Faust aufs Auge. Nur dass in der Ariadne Krimireihe bisher keine Männer publiziert wurden.

Pleitgen: Wir haben uns dann auch prompt bei Else Laudan, der Verlagsleiterin, als Mutter-Kind-Gespann beworben, nicht als Mutter-Sohn-Gespann, in der Hoffnung, der Vorname meines Sohnes Ilja würde ihn nicht als männlichen Koautor verraten.

Bohnet: Es hat aber nichts genutzt. Ariadne hat uns sofort durchschaut. Genommen haben sie uns aber trotzdem.

9. Glauben Sie, dass – ganz generell – ein prominenter Name einem Autor eher die Verlagstür öffnet?

Pleitgen: Ja, das glaube ich. In unserem Falle fiel der Name Pleitgen auf dem riesigen Berg der Manuskripte, die täglich bei den Verlagen eintrudeln, zumindest auf. Die Chance, gelesen zu werden, war somit größer.

Bohnet: Aber eine geöffnete Verlagstür bedeutet noch lange nicht, dass man sie auch erfolgreich durchschreitet. Das Buch muss dem Verlag auch gefallen. Wenn nicht, nützt auch der prominenteste  Name nichts. Und der Erfolg eines Buches auf dem Markt folgt wieder ganz anderen Gesetzen. 

10. Herr Bohnet, können Sie sich vorstellen, der Wissenschaft ganz den Rücken zu kehren und sich komplett auf ein Autorenleben einzulassen?

Bohnet: Aber klar, sofort! Nur: Die wenigsten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren können von ihrer Belletristik leben, es ist eine Illusion zu glauben, man könnte sich auf das „schreibende“ Standbein alleine verlassen. Aber die Vorstellung, auf seinem Weingut in der Provence zu sitzen, in die Abendsonne zu blinzeln und nach den ersten Worten des neuen Bestsellers zu suchen ... schon fein ....

11. Frau Pleitgen: Arbeiten Sie parallel auch an Solo-Projekten?

Pleitgen: Seit Mai 2011 lese ich die Briefe meiner Mutter, die sie während des 2. Weltkriegs an eine ihrer Schwestern geschrieben hat. Diese Briefe sind bei allem Unglück, das ihr widerfuhr, so humorvoll, selbstironisch und anrührend, dass ich sie unbedingt veröffentlichen möchte. Selbstverständlich "nicht ohne meinen Ilja". Die Briefe sind der reinste Krimi. Sogar ein Mord passiert direkt vor ihrer Wohnungstür. Wir, Tochter und Enkel, wären dumm, wenn wir dieses authentische Material in der Schublade ließen.

12. Konkret zu Ihren Büchern: Woher kam die Idee zur doch recht ungewöhnlichen Figur Nikola Rührmann?

Bohnet: „Freitags isst man Fisch“, unser Debüt, enthält autobiographische Züge: Ilja Bohnet studierte 1989 Physik in Hamburg.

Pleitgen: Die Romane sind als Beginn einer Serie konzipiert: Kriminalfälle aus dem Leben der Nikola Rührmann, in die sie im Laufe ihrer beruflichen Entwicklung (Studentin, Wissenschaftlerin, Referentin) hineingerät.

13. Sie bringen extrem viel Hamburg-Flair in die Geschichten – war das von Anfang an so gedacht?

Bohnet: Wir beide leben in dieser Stadt, und alle Details der Geschichte (Straßen, Orte, Schauplätze, Gesellschaft, Politik, Kultur und Musik) sind vertrauter oder penibel recherchierter Kontext, was uns großen Spaß bereitet.

Pleitgen: Krimis mit Lokalkolorit sind für Leserinnen uns Leser besonders reizvoll wegen der beschrieben Örtlichkeiten, die sie kennen. Aber natürlich muss man die Stadt/denTatort so schildern, dass niemand denkt: „Der reinste Stadtplan.“

14. Die beiden erschienenen Titel spielen 1989 und 1999 – erwartet uns dann im dritten Teil ein Fall der erneut gealterten Protagonistin im Jahr 2009?

Pleitgen: Das ist richtig. Die Krimis spielen in den Jahren 1989 („Freitags isst man Fisch“), 1999 („Kein Durchkommen“), unser dritte Roman, der nächstes Jahr erscheinen soll, spielt im Jahr 2009. So ist eine besondere zeitgeschichtliche Komponente angelegt.

15. Warum die Wahl einer bereites vergangenen Zeit? Das hat doch sicher deutlich mehr Recherche erfordert, so weit zurückzugehen. Begonnen bei der Musik, die damals gespielt wurde, über  zeitgeschichtliche Inhalte usw. Haben Sie den Aufwand im Nachhinein bedauert?

Bohnet: Die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1989 haben es uns vergleichsweise leicht gemacht.  Der Roman versetzt die Leserinnen und Leser, die jungen wie alten, in das Wendejahr 1989 zurück, und schafft es unserer Meinung nach trotzdem zeitlos zu sein. Und auch das Millenniumsjahr 1999 ist aus heutiger sicht vielleicht eine besonderes. In dem Roman „Kein Durchkommen“ thematisieren wir die aufkommende Klimadebatte vor dem Hintergrund der Feiern einer elektronisch-hedonistischen Jugend.  

16. Warum eine homosexuelle Ermittlerin?

Pleitgen: Nikola ist das konsequente Ergebnis des Autorengespanns Bohnet Pleitgen. Männliches und weibliches Denken fließen gleichermaßen in den Text. So entwickelte sich unsere Heldin Nikola Rührmann, die bisexuell ist. Frauen liebt sie aber wohl ein bisschen mehr, denn in „Freitags isst man Fisch“ sagt sie zu einem befreundeten Bassisten: "Du weißt doch, wie ich bin. Wenn am Straßenrand ein Junge und ein Mädchen stehen, und ich muss mich entscheiden, wen von beiden ich im Auto mitnehme, dann das Mädchen."

Bohnet: „Nur, dass du kein Auto hast“, antwortet darauf der Bassist.

Pleitgen: Sie ist eine Grenzgängerin zwischen den Fronten. Sie agiert zielorientiert, ohne den letzten Rest von Empathie zu verlieren. Sie handelt eiskalt und bleibt trotzdem verletzlich. Sie ist Opfer und Täter zugleich. Und sie wahrt die für Thriller genretypische Distanz zu den herrschenden Strukturen.

Bohnet: Nikola hat einen männlich-nüchternen Blick auf die Frauen, der sich bis auf ihre sexuelle Orientierung nicht unterscheidet von ihrem Blick auf die Männer. Sie pflegt engere Beziehungen eher zu Männern. Sie ist weder Heldin noch Antiheldin. Ihre politische und gesellschaftliche Haltung ist nicht eindeutig; ihre für das Genre eher untypische Homosexualität wird nicht weiter thematisiert, sie ist selbstverständlich. 

17. Planen Sie schon über einen dritten Teil hinaus? Oder wird statt Nikola Rührmann etwas ganz anderes von Ihnen als Team zu erwarten sein?

Bohnet: Da lockt wohl erstmal die Geschichte aus dem 2. Weltkrieg, siehe Frage 11.

18. Wie lange arbeiten Sie an einem Manuskript bis zur Abgabe? Sie sind beide auch sonst mit Familie und Job gut ausgelastet – wann schreiben Sie und wie regelmäßig?

Pleitgen: Etwa anderthalb Jahre benötigen wir für ein Buch. Es gibt unterschiedlich harte Arbeitsphasen, aber die Arbeit an unserem letzten Buch „Kein Durchkommen“ war zeitweise doch ein recht harter Ritt.

19. Was sagen Ihre Wissenschaftskollegen zu Ihren Büchern, Herr Bohnet?

Bohnet: Prof. Helmut Dosch, Vorsitzender des Direktoriums des Forschungszentrums DESY, bei dem ich arbeite, sagte neulich zu meinen belletristischen Eskapaden: „Ich habe nichts dagegen, Herr Bohnet, dass Sie in Ihrer Freizeit Kriminalromane schreiben, aber der nächste hat gefälligst am DESY zu spielen ...“

20. Was sagt Ihr Mann, Frau Pleitgen, zu den Inhalten?

Pleitgen: Er mag unsere Bücher. Und ich glaube ihm. Er ist ein leidenschaftlicher und kritischer Leser.

21. Sie sind beide früher viel herumgekommen, haben in vielen deutschen Großstädten gelebt – was lieben Sie besonders an Hamburg?

Pleitgen: Das kühle Klima und die freundliche Zurückhaltung der Hamburger.

Bohnet: Hamburg, die Stadt der Gegensätze. Das schwarze und das weiße Hamburg, die Stadt des Handels, des Bürgertums, und die der Arbeit.

22. Sind Sie auch privat viel gemeinsam unterwegs?

Bohnet: Ja, insbesondere durch unsere zahlreichen Lesungen.

23. Was lesen Sie privat?

Pleitgen: Da könnte ich eine Menge aufzählen, weil Lesen zu meinem Leben gehört wie Essen und Trinken. Zuletzt las ich wieder mal den „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth und freute mich an dem unglaublichen Rhythmus seiner Sprache. Man wird beim Lesen richtig atemlos davon. Fasziniert bin ich von Arno Schmidt, der ganz egoistisch und unabhängig schreibt, nicht daran interessiert, ob der Leser das begreift. Er ist einmalig in der Erfindung eigener Worte. Ich liebe Gustave Flaubert. Seine Beobachtungsgabe! Und wie genau er ist! In „Madame Bovary“ beschreibt er den Hochzeitszug durch die Felder so anschaulich, dass man ihn wie einen Film vor sich sieht.  Natürlich mag ich auch heutige Autorinnen und Autoren: Jonathan Franzen, Nick Hornby, Joyce Carol Oates, Uwe Timm, Dominique Manotti, T. C. Boyle, Lily Brett, Paula Fox. 

Bohnet: Zum Krimischreiben sind wir übrigens über ein Autorengespann aus der Comic-Szene gekommen, durch die Entdeckung des Comics „Griffu“ (deutsch: „Der Schnüffler“, 1977) von Jacques Tardi (Zeichner) und Jean-Patrick Manchette (Autor).  Von Jean-Patrick Manchette stammt folgender Ausspruch: „Ein guter Roman Noir ist ein Sozialroman, ein sozialkritischer Roman, der die Geschichte eines Verbrechens als vordergründige Handlung nimmt.“

24. Gibt es etwas, das Sie unseren Lesern unbedingt noch mitteilen möchten, was wir aber nicht gefragt haben?

Pleitgen: Lest! Und nicht nur Sach- und Fachbücher und Esoterik! Und unterstützt die kleinen Buchläden, indem ihr eure Bücher bei ihnen kauft.

Bohnet: Und lest uns!

Wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Interview!
Quelle: Demorandum Das Meinungsmagazin