LAUTER ABENTEUER IM KOPF

ULRICH PLEITGEN hat nichts gegen Popularität. Nach Jahren der Bescheidenheit konzentriert sich der Theaterschauspieler jetzt aufs massenwirksame Fernsehen. Diese Woche ist er in der Serie "Haus am See" und in Wolfgang Menges Politkomödie "Negerküsse" zu sehen.
 
LAUTER ABENTEUER IM KOPF
 
Offen sein, sich auf alle Emotionen einlassen, das ist die Devise von Ulrich Pleitgen. Annette Rupprecht und Thomas Lüders (Fotos) haben den Schauspieler bei einem Spaziergang in Hamburg begleitet.
 
"Die Kunst ist das einzige, was die Seelen weich erhält"
 
"An einem Tag sieht man mich als starke Persönlichkeit: intelligent, gefühlvoll, wach. Bei der nächsten Begegnung ist mein Selbstwertgefühl vielleicht weg, und ich bin Asche - ohne Glanz, ein Nichts, stumm, stotternd."
Ulrich Pleitgen ist zwar ganz und gar nicht (mehr) pressescheu ("Das gehört zum Job"), aber er macht sich ernsthaft Sorgen, ob die Vielschichtigkeit seiner Person auch richtig zur Geltung kommt. Also hat er sich gründlich vorbereitet, auf 15 engbeschriebenen DIN-A4-Seiten alles  - vom "identifizierten Spielen" bis zum Thema "Beziehungen" - festgehalten, was ihn bewegt. Gedankensplitter von einem, der sich bemüht, im Durcheinander der Welt einen roten Faden zu erwischen.
Auf den ersten Blick sieht er ziemlich "tough" aus: ein nordischer Bilderbuchmann, blond und blauäugig, groß und schlank; ein wettergegerbtes Gesicht mit jungenhaftem Charme, wie zurechtgeschneidert für Werbung und Abenteuer. Fehlt nur noch der Jeep. Aber der interessiert ihn nicht. Seine Abenteuer finden im Kopf statt.
Ein Stadtindianer. Man sieht ihn, in Lederjacke und Jeans, bei Wind und Wetter, meist in Begleitung seines Hundes "Struppi" stundenlang durch Hamburgs Straßen ziehen; vielleicht mit einem Textbuch auf den Knien in einem Cafe´ an der Alster hockend oder einfach so an einer Straßenecke stehend auf der Suche nach Leben, nach zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen.
Sich involvieren, sich einlassen ganz und gar, offen sein für alle möglichen Emotionen - eine Eigenschaft, die ihn auch als Schauspieler ausmacht. Er kann nicht kalt spielen. "Ich muss die Situation, in der sich eine Figur befindet, genau nachempfinden. Das heißt, ich muss wirklich ein Gefühl in mir erzeugen, das sich mit der Empfindung der Figur deckt." Mit geblähten Nasenflügeln sagt er das und eindringlichem Blick, mit unbedingtem Überzeugungswillen, der höchstens Zweifel aufkommen läßt, daß er möglicherweise keinen guten Phlegmatiker abgäbe. Aber das kann er natürlich auch.
Selbstredend.
Denn er ist ein guter Schauspieler. ("Das weiß ich, und das haben auch schon viele gesagt und geschrieben"), Wehe aber, wenn einer behauptet, wie einst Claus Peymann, die meisten seien dumm! Schauspieler, verteidigt Pleitgen sich und seine Zunft, hätten einen viel schärferen Blick für die Realität als andere Menschen. Schauspielen könnte man mit dem Malen eines Bildes vergleichen, "nur daß man sich selbst veräußert, das Kunstwerk ist man selbst. Deswegen müssen wir uns immer wieder neu beweisen. Nichts ist gesichert. Vielleicht wirken deshalb Schauspieler im Gespräch oft so eitel, weil sie das Bedürfnis haben, über gewesene Erfolge zu reden."
Lassen wir ihn hier von anderer Stelle loben. Bruno Ganz zum Beispiel zählt den Kollegen Pleitgen zu den besten Schauspielern der Republik. Eine Wahl die - schaut man sich an, wie und wo und mit wem Ulrich Pleitgen in seinem Leben gearbeitet hat - nicht ganz unverständlich ist. Nach der Ausbildung (1966 bis 1969 an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover) stieg er gleich "oben" ein. B. Barlog holte ihn ans Schillertheater nach Berlin. Von da an ("Ich mußte mich nie bewerben, immer sind die Leute auf mich zugekommen") arbeitete er in der Bundesliga der deutschen Bühnenwelt. Hans Lietzau, Niels-Peter Rudolph, Alfred Kirchner, Alexander Lang, Matthias Langhoff, Jürgen Flimm und vor allem Peymann förderten und forderten ihn. Zwischen Peymann und ihm, erzählt Uli Pleitgen freimütig, habe so eine Art Haßliebe bestanden; zwei nordische Typen, die sich auch im Temperament - höchst sensibel, leicht erregbar, mit gewisser Neigung zum Jähzorn - gleichen. Bei aller Bewunderung für seinen langjährigen Chef am Stuttgarter und dann am Bochumer Theater klingt auch Verletzung durch. Wie damals, als Peymann ihn wegen seines Äußeren anmachte, sich über seine blöde blonde deutsche Ausstrahlung mokierte. Trotzdem, die acht Jahre Bochumer Ensemble gehören zu den wichtigsten in seinem Schauspieler-Leben. Lebendiges politisches Theater, das sich auch im Privaten fortsetzte.
Pleitgen, lange Zeit in der Friedensbewegung aktiv, hockte im Ruhrpott bei alten Kommunisten rum. "Unglaublich gebildete, aufrechte Menschen", schwärmt er noch heute mit leuchtenden Augen. Der Glaube an den realexistierenden Sozialismus ist dem Alt-68er freilich längst abhanden gekommen. Das Prinzip Hoffnung aber nicht. Und auch nicht das tiefverwurzelte Gefühl für Gerechtigkeit. Wenn er von den Dreharbeiten zu Wolfgang Menges "Negerküsse" erzählt, dem unglaublichen Rassismus, den er am Drehort in Namibia erlebt hat, dann spürt man, auch wenn das Wort abgedroschen klingt, "Betroffenheit".
Pleitgen "haßt" Coolness. Und schon läßt er einen Schwall von Emotionen los: "Daß einen nichts aus der Ruhe bringt", schimpft er, "Coolness als Lebensphilosophie, früh vergreist - armselig, gefährlich, reaktionär finde ich das. Es kümmert einen nicht, was anderen passiert, das Ärgste ist ein Fleck auf dem Kaschmirjackett. Nicht mit mir. Ich will mich einmischen."
Ein Hitzkopf, den die sogenannte feine Gesellschaft nicht interessiert. Zwar wohnt er selbst in einer schönen Altbauwohnung an der Alster, und um das eine oder andere antike Möbelstück könnte man ihn beneiden, aber das ist ihm nicht wichtig. Er "haßt" Gespräche über Segelboote, Autos, Mode oder angesagte Restaurants. Dazu ist ihm die Zeit zu schade, und dazu redet er selbst auch viel zu gern, über Gott und die Welt, Wittgenstein oder Wismar. Er ist kein Intellektueller, er denkt mit Gefühl. Spontan. Ein Sensibelchen par excellence. Es erlaube sich keiner, an seinem wunden Punkt zu rühren: Pleitgen, der Berufsjugendliche.
Das treibt ihn zur Weißglut, und die Androhung von Schlägen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Der Journalistin, die es einst wagte zu behaupten, Pleitgen leide wohl unter dem Peter-Pan-Syndrom, möchte er noch heute am liebsten an die Gurgel gehen.
"Ich der ewige Junge?" schnaubt er aufgeregt. "Ja, ich bin jung innen drin. Meine Empfindungen haben sich grundsätzlich seit meinem dreißigsten Geburtstag nicht geändert. Seit ich denken kann, rede ich mich über Zustände in der Welt auf. Das ist mein Wesen. Soll ich abgeklärt tun - nun, da ich älter werde - , ruhig, weise und überlegen? Abgesehen davon, wer wird denn schon gerne alt? Wer freut sich darauf, nicht mehr sich selbst die Fußnägel schneiden zu können oder mit einem Katheter im Bett zu liegen?"
Wenn er allerdings alt werden dürfte wie der Philosoph Ernst Bloch, mit hellem, wachem Geist, dann könnte er sich Alter gut vorstellen.
Aber jetzt will er sich erst einmal richtig als Film- und Fernsehschauspieler ausprobieren. Warum er dem Theater vorerst adieu gesagt hat?
"Mich reizt am Filmen, daß keiner die Rolle, die ich spiele, vor mir gespielt hat. Das ist meine Rolle. Und auch nach mir wird sie keiner spielen."
Pleitgen ist kein Neuling im Fernsehgewerbe. Er hat bei Klaus Emmerichs TV-Satire "Kein schöner Land" vor der Kamera gestanden und wurde für seine Rolle als Anwalt in "Verurteilt Anna Leschek" von der Kritik hoch gelobt; genauso wie für den Richter Prinzing, den er in Reinhard Hauffs Kinofilm "Stammheim" fast beängstigend wahr verkörperte. Prinzing bedeutete emotionale Schwerstarbeit für den linksengagierten Schauspieler. "Wenn man hundertmal angepöbelt, immer wieder faschistisches Staatsschwein beschimpft wird, dann kann man irgendwann nicht mehr darüber lachen. Man wird die Figur, die man spielt. Man wird depressiv und dann aggressiv. Ich hätte zuschlagen können."
Zur Zeit kommt er ganz anders daher, als Softie. In der Serie "Haus am See" ist er der nette Heimleiter, der für heitere Grundstimmung sorgt. Die Drehbücher fand Pleitgen wirklich klasse. "Es gibt dort Verzweiflung, Selbstmord, Liebesgeschichten unter den Alten. Die Figuren sind manchmal sentimental. So ist das im Leben." Und man glaubt, daß er meint, was er sagt.
Es ist fast rührend, wie seine Augen glänzen, wenn er von Kollegen erzählt, die er schätzt, von Kirsten Dene oder Elisabeth Trissenaar, von Peter Palitzsch oder Jürgen Flimm. Oder von "seinen" Regisseurinnen Ilse Hofmann ("Haus am See") oder Maria-Theresia Wagner ("Negerküsse"). Mit regieführenden Frauen hat dieser Mann überhaupt keine Probleme, im Gegenteil. Ungeheuer spannend sei es, sich von Frauen als Mann inszenieren zu lassen, "die schauen einen doch ganz anders an".
 Uli Pleitgen, als Einzelkind unter Frauen (Mutter, Großmutter und Tante) groß geworden (der Vater verließ die Familie bald nach der Geburt des Jungen), ist auch außerhalb der Arbeit ein ausgesprochener Verehrer des weiblichen Geschlechts: "Ich liebe Frauen! Nicht, weil ich unbedingt mit ihnen ins Bett gehen will, obwohl das ja auch was Schönes sein kann, sondern weil sie beschreibbar und unbeschreibbar anders sind als Männer. Und ich bin völlig zufrieden damit, daß ich nie wissen werde, worin ich mich von ihnen wirklich unterscheide. Mit diesem Mirakel seelischen Andersseins und der unterschiedlichen Physis, die so unglaublich interessant ist, läßt es sich glänzend und manchmal auch qualvoll leben."
Im "wahren" Leben, und auch das erzählt er selbstverständlich, braucht er eine Frau, die ihm im Temperament ähnelt. Von der Behauptung "Gegensätze ziehen sich an" hält er "aus Erfahrung" nichts. Seine Frau Monika (Pleitgen sagt trotzdem "meine Freundin"), die er schon 1975 am Schillertheater kennenlernte, steht ihm jedenfalls, was Redseligkeit und Extrovertiertheit angeht, in nichts nach. Da fällt einer dem anderen ins Wort, und manchmal donnert´ s, aber die Beziehung funktioniert. Ist sicher. Vielleicht braucht das ein so hypererregbarer, vom Himmel hoch manchmal jäh abstürzender Mensch.
Quelle: STERN/TVmagazin/ Annette Rupprecht

 

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