Die Steinbergs sind eine glückliche Familie: Johannes ist ein qualifizierter und beliebter Arzt, ein zärtlicher Mann und Vater; seine Frau Anne arbeitet als Gartenarchitektin und kann auf ihre Kinder, den schon fast erwachsenen Oliver und Nesthäkchen Lena stolz sein.
Als der alte Chefarzt der Klinik, in der Johannes als Oberarzt arbeitet, plötzlich ums Leben kommt, ist allen klar: Dr. Steinberg wird der Nachfolger. Doch an eben diesem Abend, als gerade erste Gefühle von Gewissheit und Triumph die Trauer beiseite schieben, tut sich vor Dr. Steinberg ein schrecklicher Abgrund auf. Aus einem unscheinbaren Umschlag fallen ihm eine kleine Diktaphon-Kassette und ein Erpresserbrief entgegen: 50 000 Mark oder die Information wird der Klinikleitung zugespielt. Steinberg ist erpressbar. Denn Steinberg geht fremd. Seine Gefühle ängstigen ihn schon lange. Denn Johannes Steinberg ist bisexuell. Neben der als glücklich empfundenen, ausgeglichenen Ehe hat er ein Verhältnis mit Chris Maeder, einem männlichen Model. Kein einfacher Nervenkitzel, sondern Not. Und Lust. Ein Teil von ihm, den er vor sich nicht verleugnen kann. Seit Jahren lebt Johannes in der Angst, sein Geheimnis könnte ans Licht kommen. Jetzt verfällt er in Panik: Wie soll er die 50 000 Mark aufbringen, ohne großen Aufhebens. Natürlich quält ihn auch die Frage, wer von seinem Doppelleben weiß und ihn erpresst.
Seine Frau Anne ist ahnungslos. Erst als sie Zeugin eines Telefonats ihres Mannes wird, glaubt sie, Johannes beende eine Affäre mit einer Frau - allerdings nicht ihr, sondern der Karriere zuliebe. So bringt sie auch nicht den Mut auf, ihren Mann zur Rede zu stellen. Der familiäre Friede ist hin. Mißtrauisch geworden, beschattet Anne ihren Mann und erfährt so, dass er nicht eine andere Frau, sondern einen Mann liebt. Von einem zum anderen Moment erscheint ihr ihre Ehe als Farce, ihre Familie als Trümmerhaufen.
Neben den Steinbergs gibt es in diesem hochspannenden und sensiblen Zweiteiler noch eine weitere, ebenso aufregende und anrührende Figurenkonstellation, das jugendliche Zwillingspaar Kaspar und Carolin Hensel. Steinbergs Sohn Oliver findet bei diesen untrennbar treuen und verrückten "Kindern" Halt und seine erste Liebe.
Buch: Axel Plogstedt
Regie: Dagmar Damek
Schnitt: Susann Lahaye
Musik: Birger Heymann
Kamera: Otto Kirchhoff
Ausstattung: Jürgen Rieger
Produzent: UFA Fernsehproduktion, Berlin
Producer: Gerd Bauer
Redaktion: Heiko Holefleisch
DIE ROLLEN UND IHRE DARSTELLER:
Dr. Johannes Steinberg: Ulrich Pleitgen
Anne Steinberg: Eleonore Weisgerber
Oliver Steinberg: Fabian Busch
Dr. Hufnagel: Hans-Peter Hallwachs
Christian Maeder: Heikko Deutschmann
Wolfgang Roth: Dietmar Bär
Sabine Roth: Corinna Kirchhoff
Kaspar Hensel: Bastian Trost
Carolin Hensel: Julia Brendler
LEBEN IN ANGST
Der Fernsehfilm der Woche
Ein "Leben in Angst" muss nicht unbedingt spektakulär sein. Der Protagonist dieses zweiteiligen Fernsehfilms aus der HR Unterhaltung Wort wird von einer besonders bösartigen Form der Angst erfaßt: einer Angst, die er nicht zeigen darf. Er ist nämlich bisexuell und führt seit langem ein geheimgehaltenes Doppelleben. Dagmar Damek hat nach einem Buch von Axel Plogstedt unspekulativ und ohne jede modische Attitüde eine ganz alltäglich anmutende Geschichte inszeniert: Die Geschichte einer Familie, die durch eine Lüge und durch eine gemeine Intrige zerstört zu werden droht.
Dabei dürfte den gebündelten Kräften des äußerst einfühlsamen und facettenreichen Drehbuches, einer auf Vitalität und Subtilität setzenden Regie und vor allem mit diesen mitreißend agierenden Schauspielern etwas Ungewöhnliches gelungen sein: spannende Unterhaltung, packender Thrill und ans Herz gehende Glaubwürdigkeit.