MEHR SPIELEN ALS DER TEXT VERLANGT - Gespräch mit Ulrich Pleitgen vom Hamburger Thalia-Ensemble, ein paar Jahre her, aber in vielem noch aktuell und sehr spannend:

Ulrich Pleitgen ist ein kritisch-süffisanter Beobachter seiner Zeitgenossen, ein komisch-virtuoser Imitator der ihn umgebenden Menschen, ein Mann, der voller Lust, liebevoll und etwas boshaft, anekdotisch Erlebtes erzählt. Ob im behäbig-breiten Kohlenpott-Dialekt, ob auf Berlinerisch oder auch im Idiom der feinen Hanseaten: Pleitgen beherrscht die regionalen Sprachvarianten nicht zuletzt deshalb, weil er jahrelang sowohl in Berlin als auch in Bochum gelebt hat. Seit einer Spielzeit arbeitet er am Thalia Theater, und damit wird ihm auch das Hamburgische vertrauter.
Als Wedekinds "Marquis von Keith" hat Ulrich Pleitgen in der vergangenen Spielzeit brilliert, als Claudius in Shakespeares "Hamlet", einem "angeschrägten Charakter", wie sie Pleitgen zu spielen liebt, wird er die kommende Saison am Thalia Theater eröffnen helfen. Regisseur Jürgen Flimm und sein Darsteller Pleitgen sehen Claudius, belastet mit dem "Geburtsfehler, einen Mord begangen zu haben", nicht als "Dauerfiesling", sondern als einen "abgerutschten Menschen, der aus seinem kriminellen Zusammenhang nicht mehr herauskommt, der aber darunter leidet".
Das Gebet des Claudius "O meine Tat ist faul, sie stinkt zum Himmel", beweise ganz deutlich, dass er ein Gewissen habe, das ihn zu Tode quäle, meint Pleitgen. Diesen Tod nehme er denn auch voller Ruhe, wie beiläufig, hin, ohne den leisesten Versuch, entkommen zu wollen.
Claudius also als ein Mann mit Charakter, ein fähiger Politiker, der hart, aber auch sehr sensibel sein könne, besonders im Umgang mit Hamlet. So wird Pleitgen ihn darstellen.
Spielen, schauspielen, sagt Pleitgen, könne man mit dem Malen eines Bildes vergleichen, nur dass man sich selbst veräußere, das Kunstwerk sei man selbst. Doch im Gegensatz zum Malprodukt sei die Schauspielkunst vergänglich, und das sei ein Problem dieses Berufs: "Schauspieler können ihre Erfolge nicht lange genießen, wie beispielsweise ein Maler, der sein gesamtes Schaffen festhalten kann. Wir müssen uns immer wieder neu beweisen. Vielleicht wirken deshalb auch manche Schauspieler im Gespräch so eitel, weil sie das Bedürfnis haben, über gewesene Erfolge zu reden. Das wird ihnen dann angekreidet."
 
Pleitgen selbst interessiert der gesamte Bereich des Theaters, der Geschichte, Literatur, Politik mit umfasse, einen Kosmos von Dingen, durch den er wiederum etwas über das Theater erfahre. Durch die Figuren, die er spiele, lerne er Menschen kennen, sagt Pleitgen, und er wachse mit ihnen. Deshalb freue er sich, so komisch das klinge, auf sein Alter.
"Alte Schauspieler, die gesund geblieben sind und ihr Gedächtnis behalten haben und die nicht reaktionär geworden sind, die sind unglaublich. Sie stehen als wissende Menschen auf der Bühne, und das strahlt aus. Sie brauchen nicht mehr ehrgeizig zu sein  wie wir Jüngeren, sie müssen nicht mehr ihr Können verteidigen, sie sind wesentlich." Er fühle selbst, sagt Pleitgen, ohne eitel sein zu wollen, wie er besser werde, wie er Dinge klarer sehe, differenzierter.
Und er hat offenbar eine Gabe, die ihn, neben einem ausgeprägten Sinn für Humor, mit Jürgen Flimm verbindet, nämlich "über den Rand zu sehen", über den Text hinauszudenken, mehr zu spielen, als im Buch steht, durch Eingebung oder ganz gezielt den Kern einer Geschichte oder einer Figur zu treffen. Spielen, sagt Pleitgen, sei ein lustvoller Prozess und habe nichts mit dem unsinnlichen Sezieren eines Chirurgen zu tun.
Doch so lustvoll auch das Spielen sei, so wenig dürfe man sich von theatralischen Wirkungen blenden lassen. "Man muss bohren und nochmals bohren, man muss arbeiten, die Dinge immer wieder neu befragen, den Figuren auf den Grund gehen. Man darf nie zufrieden sein." Wenn man keinen Widerstand bei einer Rolle habe, wenn man keine Wand vor sich sehe, davon ist Pleitgen überzeugt, dann spiele man ungenau, dann werde sie zu Brei. Der Ausdruck werde flacher, auch die Empfindungen, man kriege die Ecken nicht mehr heraus.
Warum ist Pleitgen eigentlich nicht mit Peymann, unter dem er acht Jahre lang am Bochumer Schauspielhaus gespielt hat, an das Wiener Burgtheater gegangen?
"Weil ich nicht nach Wien möchte", ist die Erklärung. "Ich habe einfach keine Lust, nach Wien zu gehen. Ich war ja jahrelang an einem so großen Theater, am Berliner Schillertheater. Und ich glaube, die Burg ist noch größer. Ich habe aber erfahren, dass Theater nicht über einen Familienbetrieb hinausreichen darf. Ich habe in Bochum erlebt, dass das Vertrautsein der Schauspieler untereinander ganz wichtig ist für das Spielen auf der Bühne. Der Charme am Bochumer Ensemble war, dass wir einander mochten. Wir waren sehr vertraut miteinander. Man sagt immer, dann ließen die Spannungen nach, wie bei einem alten Ehepaar, das ist aber nicht der Fall. Wir hatten eine gemeinsame Spielweise entdeckt, die die Inszenierungen wie aus einem Guss erscheinen ließ."
Pleitgen, selbst ein "alter Ehemann", hat auch in seinem privaten Leben einen Modus entdeckt, keine Langeweile und Routine aufkommen zu lassen. Er sagt "meine Freundin", wenn er seine Frau meint.
(Quelle: HAMBURGER ABENDBLATT Monika Nelissen)

 

 

powered by

www.perfect4all.de
www.perfectphoto.de/