Henning Mankells MITTSOMMERMORD (HÖRSPIEL) - Ausschnitt aus einer Rezension der Wochenzeitung DIE ZEIT

Henning Mankells MITTSOMMERMORD verdichtet sich zu einem Gespinst aus Stimmen (hervorragend Ulrich Pleitgen als Kurt Wallander), Streichmusik (Balanescu Quartet sowie KG.Flesh Quartet) und Geräuschen (Regie: Thomas Leutzbach). Der mysteriöse, rituelle Mord an drei jungen Menschen und die späte Suche nach dem Innenleben des toten Kollegen Svedberg erscheint als Hollywoodkino der Schwarzen Serie, der Spagat zwischen Erzähler und dramatischem Ich funktioniert  wie ehedem in den Hügeln von Los Angeles. Ganz selbstverständlich verbindet die Bearbeitung von Valerie Stiegele den inneren Monolog Wallanders mit der äußeren Welt,und um nichts anderes geht es bei Mankell: Gesellschaftskritik als Protokoll eines desillusionierten, aber aufrechten Gefallenen. Quelle: Konrad Heidkamp

WDR 5: Mankells "Mittsommermord" - zum Hören
 
Kurt Wallander ist müde. So müde, dass er sich zum Arzt schleppt und um Besserung bettelt. Der diagnostiziert eine Zuckerkrankheit und verordnet dem südschwedischen Kriminalkommissar eine etwas gesündere Lebensweise. Wie aber soll man gesund leben, wenn man täglich damit zu tun hat, dass andere etwas höchst Ungesundes tun, nämlich sich ermorden lassen?
So wie drei Jugendliche, die nach einer Mittsommernachtsfeier verschwunden sind und nun von einer besorgten Mutter gesucht werden. Ziemlich lustlos geht Wallander erst ans Werk.Was sind schon verschwundene Jugendliche? Außerdem liegt eine Ansichtskarte vor, welche die wahrscheinlich nur kurz Entflohenen aus Wien geschrieben haben. Die Mutter hält die Karte für eine Fälschung, aber was soll´s ? Außerdem hat Wallander andere Sorgen. Einer seiner Assistenten macht nicht auf - kann er auch nicht, denn er liegt ziemlich tot in seiner Wohnung. So tot wie die drei Jugendlichen, die etwas später gefunden werden. Und dann ist da noch Isa Edengren, die eigentlich mit zur Mittsommernachtsfeier wollte, aber nicht ging, weshalb sie noch lebt. Noch; denn alle Opfer sind auf undurchsichtige Weise miteinander verbunden.
Man spürt das Blut nicht, das beim Mittsommermord fließt. Man spürt es auch nicht, weil der Autor Henning Mankell so lakonisch erzählt und weil Regisseur Thomas Leutzbach den Fall mit viel Gespür für Stimmungen ins akustische Schwarz-Weiß übersetzt hat. Monoton schleppen sich die Ermittlungen, und mehrfach wirkt es so, als liege das Hauptgewicht nicht auf dem Fall, sondern auf der angegriffenen Befindlichkeit des Kommissars. Mit dem schlurft der Hörer durchs Grauen, mit dem kann er schnell die lähmende Müdigkeit empfinden, die alles so unendlich schwer macht. Und das, obwohl der Hörer mehr weiß als der Ermittler: weil er mit dem Ohr schon dabei war, als der Mörder seine Opfer mit furchtbarer Unaufgeregtheit ins Jenseits befördert hat. Ein Schuss ins Hirn. Es muss sein, meint der Täter.
Doch dann kommt Schwung ins gelegentlich zeitlupenhafte Hörgeschehen. Als der von Ulrich Pleitgen gesprochene Wallander zu ahnen beginnt, wen er sucht, als er sich dem Mörder nähert, da schwindet plötzlich die Müdigkeit, da wird alles leichter, zwingender, spannender. Nur das mit dem Sommer, in dem die Geschichte spielt, will immer noch nicht so ganz einleuchten - was zu vernehmen ist, klingt nämlich eher nach tristem Winter. Aber vielleicht sind sie einfach so, die kriminellen Sommer in Südschweden.
Hans Hoff
Quelle: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Radio-Tagebuch Wallander findet keinen Frieden: MITTSOMMERMORD (WDR5)
 
Fast hätten wir ihn verloren. Nur für eine Sekunde war er eingeschlafen, hinter dem Steuer, doch sie war lang genug, um ihn auf die Gegenspur abirren zu lassen: Die Hupe des entgegenkommenden Lastwagens schrillt uns noch im Ohr. Was ist nur los mit Kriminalkommissar Kurt Wallander, den wir als eine Art schwedische Wiedergeburt seines Pariser Kollegen Maigret schätzen - als schwergewichtigen Lebemann aus dem Land der Mitternachtssonne, der den Genuß bedauerlicherweise ein wenig zu weit treibt. Diabetes, so lautet die kühle Diagnose des Arztes, die erklärt, warum Wallander immer so müde ist, so matt, woher die Wadenkrämpfe rühren und die schlechte Laune. Salat und dünne Bouillon aber, so scheint es, sind der Verbrechensbekämpfung weniger zuträglich als Hamburger und Pizza.
Denn sein aktueller Fall macht dem Kommissar des schwedischen Erfolgsschriftstellers Henning Mankell beträchtlich zu schaffen. "Mittsommermord" ist seine Ermittlung betitelt, und wie schon bei einigen Fällen  zuvor ist auch diese an Grausamkeiten nicht arme Recherche im Land der Kinder von Saltkrokan nicht allein in Buchform zu verfolgen: Valerie Stiegeie hat für den Westdeutschen Rundfunk eine zweiteilige Hörspielfassung des Romans erstellt, die zum Zeitpunkt der Ausstrahlung um eine CD-Edition des Münchener Hörverlags ergänzt wird. Kurt Wallander löst seine Fälle multimedial, Zucker hin, Diabetes her.
Was sich dieser ganz und gar nicht zeitgemäße, ja eher ein wenig behäbige und skrupulöse Kommissar indes in seinem jüngsten Fall aufbürdet, scheint selbst seine weitgesteckten Grenzen zu übersteigen. Wallander findet nicht allein die Leiche seines eigenen, hochgeschätzten Kollegen, die gräßlich zugerichtet ist. Auch andere Morde, und zwar in kaum zu begrenzender Zahl, halten den Polizisten in Atem, der ihm nach und nach auszugehen droht: Besser als zu Lebzeiten kennt er im Verlaufe der Ermittlungen den ermordeten Kollegen Svedberg, denn es gilt, hinter jeder Facette des eher unauffälligen Lebens des Opfers ein Tatmotiv zu finden. Was dabei ans Tageslicht gelangt, will den Melancholiker wahrhaftig nicht glücklicher machen.
Henning Mankells Kommissar stößt wie stets in seinen Fällen auch in "Mittsommermord" hinter der Beschaulichkeit des schwedischen Alltags auf ungeahnte Abgründe. Im Idyll lauert der Tod, jede Gewohnheit wird ganz gewiß aus den Fugen geraten, und der Kommissar wird nach vollbrachter Arbeit seiner skeptischen Weltsicht eine neue Erkenntnis hinzufügen. Es ist das Verdienst der Bearbeiterin Valerie Stiegeie wie des Regisseurs Thomas Leutzbach, vor allem aber auch die Leistung des Darstellers Ulrich Pleitgen, daß diese Qualitäten von Mankells Buch im Hörspiel ohne Verlust aufscheinen. Der Kommissar bleibt auch im Radio ein Philosoph der Praxis.
Wunderbar sonor und väterlich vermag Pleitgen den Kommissar zu sprechen, der im Streit mit dem Staatsanwalt schon mal laut und scharf formuliert, im Selbstgespräch aber wirkt, als habe er nichts dringlicher im Sinn, als seine ganze Last abzuwerfen und sich krankschreiben zu lassen. Pleitgens Wallander ist ein Mann, in dem Pflichtgefühl und Überdruß an der ganzen Welt seines Berufs eine geradezu brodelnde Mischung ergeben. Und weil es vermutlich uns allen ab und an so ergeht, wächst einem dieser Kommissar, den die Bearbeiterin und der Regisseur in so vielen Stimmlagen zu Wort kommen lassen, ans Herz.
Wallander treibt sich selbst unnachsichtig immer wieder an: in den Augustregen hinaus, der die Spuren zu verwischen droht, die ein weiterer Mord am Strand hinterlassen hat. In die ungeahnten Winkel und Verstecke, die das geheime Leben seines toten Kollegen Svedberg ausmachten. Der Regisseur Leutzbach umgibt diese Nachforschungen mit einer unendlich traurigen, orchestral aufbrausenden Musik, die das Pathos dieses stillen Helden Wallander deutlich macht. Wir wünschten ihm, daß er sich endlich eine Kur gönnte, irgendwo in seinem schönen, menschenleeren Land, in dem man Diabetes ganz bestimmt in den Griff bekommen kann. Wallander aber weiß, daß auch in einem leeren Land Verbrechen geschehen und daß nur er sie aufdecken kann. Und vermutlich weiß er auch, daß nach der Lösung dieses Falles bestimmt keine Zeit für eine Kur bleiben wird.
FRANK OLBERT
Quelle: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Publikumspreis für WDR - Hörspiel "Mittsommermord"

Die WDR - Produktion "Mittsommermord" von Henning Mankell erhält den "Radioeins-Hörspielkino-Publikumspreis" des rbb. Die Regie des bereits 2001 realisierten Hörspiels führte WDR-Regisseur Thomas Leutzbach, die Redaktion hatte Martina Müller - Wallraf. 50 verschiedene Hörspiele, die im Berliner Großplanetarium in der Reihe "Hörspielkino unterm Sternenhimmel" vorgeführt wurden, konkurrierten.
Quelle: Gong 24.12.2009 Radio & Rätselzeitung


 

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