tp.BUCHHOLZ. Er geht beim NDR als K3-Kommissar Matthias Sander auf Verbrecherjagd, und Norddeutsche kennen ihn aus seiner Paraderolle, als Kapitän Wolfgang Schefer in TV-Serie "Nicht von schlechten Eltern". Jetzt gibt Schauspieler Ulrich Pleitgen (57) mit einer Thomas-Mann-Lesung ein Gastspiel in der Buchholzer Empore. Mit dem Titel der Lesung "Keine Angst vor großer Literatur", will Pleitgen dem Publikum die Furcht vor vermeintlich schwerer Kost nehmen. Vor dem großen Auftritt am Sonntag, 25. Januar, um 19 Uhr in der Empore, führte WOCHENBLATT-Mitarbeiter Thorsten Penz ein Exklusiv-Interview mit dem Bambi-Preisträger.
WOCHENBLATT: Herr Pleitgen, kennen Sie Buchholz und die Empore?
ULRICH PLEITGEN: Na klar, ich bin oft in der Gegend. Ich habe meinen Zweitwohnsitz in der Nähe von Tostedt. Dort entspanne ich und studiere meine Rollen ein. Die Empore kenne ich allerdings nur von außen.
WOCHENBLATT: Welche Beziehung haben Sie zu Thomas Mann?
ULRICH PLEITGEN: Thomas Mann ist ein echtes Literaturereignis des 2o Jahrhunderts. In seiner Sprache ist Wärme und Menschenkenntnis. Er hat vielseitig und leicht verständlich geschrieben. Niemand braucht also Angst vor seiner wirklich großen Literatur zu haben.
WOCHENBLATT: Was bieten Sie dem Buchholzer Publikum bei der Thomas-Mann-Lesung?
ULRICH PLEITGEN: Zunächst lese ich die melancholische Geschichte über den "kleinen Herrn Friedemann", den eine Liebesbeziehung aus der Bahn wirft. "Das Eisenbahnunglück" und "Das Wunderkind" dagegen sind - nach der Pause von mir gelesen - sehr komische Geschichten.
Bei meinen Lesungen versuche ich stets, die Figuren plastisch darzustellen. Ich bin schließlich kein Sprecher, sondern in erster Linie Schauspieler.
WOCHENBLATT: Bei einer Lesung sind Sie voll auf Ihr Sprechorgan angewiesen. Bitte charakterisieren Sie Ihre Stimme.
ULRICH PLEITGEN: Meine Stimme ist ausdauernd. Ich komme in sehr unterschiedlichen Tonlagen zurecht, kann Kinder- wie Frauenstimmen nachahmen. Außerdem bin ich Shakespeare-erprobt, habe am Theater dreistündige Rollen gespielt - und etliche Hörbücher gesprochen. Eine Hörbuchserie mit Geschichten von Edgar Allan Poe ist gerade der Renner.
WOCHENBLATT: Sie haben u. a. den Bambi und den Goldenen Bären gewonnen. Sind Auszeichnungen der schönste Lohn für Ihre Arbeit als Schauspieler?
ULRICH PLEITGEN: Nein, überhaupt nicht. Preise sind Nebensache. Ich finde es am schönsten, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen und sagen: "Du hast mich angerührt."
WOCHENBLATT: Vielen Dank für das Interview.
Quelle: NORDHEIDE-WOCHENBLATT / Thorsten Penz/ 2004
"DIE LUST AN DER LITERATUR" - Auszug aus Cuxhavener Tageszeitung:
Ulrich Pleitgen liest drei Erzählungen des jungen Thomas Mann.Die erste - "Der kleine Herr Friedemann" - hat der Autor mit 21 Jahren geschrieben. Es ist der Auftakt seiner Kunst, wie er einem Freund brieflich verrät. Johannes Friedemann ist ein zarter, verwachsener Mensch, der sein Leben jenseits aller (erotischen) Leidenschaften stabil hält, bis eine junge Frau ihn aus der Bahn wirft, woran er schließlich zugrunde geht.
In "Das Eisenbahnunglück" lässt Pleitgen die vielstimmige Reisegesellschaft zu Wort kommen, die bei einem Gleisunglück des Nachtzuges nach Dresden mit dem Schrecken davon kommt.
Eine Prosa-Miniatur, die voller Humor mit dem Abgrund spielt.
Mit der Kurzgeschichte "Das Wunderkind", in der ein Knirps am Flügel eigene Kompositionen vorträgt und Thomas Mann die innere Stimme des Kindes mit den verschiedensten inneren Stimmen des Publikums konfrontiert, zieht der Schauspieler alle Register seiner Vortragskunst.