NUR KEINE ANGST VOR THOMAS MANN

Thomas Mann vor Goethes Gartenhaus in Weimar. Am 31.Juli 1949 anlässlich seines Besuchs zur Feier des 200. Goethe-Geburtstags. Foto: Ernst Schäfer, Weimar

Bremerhaven. Er ist ein preisgekrönter Schauspieler, hat sein Handwerk von der Pike auf an den größten Theatern Deutschlands gelernt und ist bekannt aus vielen Fernseh- und Kinofilmen. Für das SONNTAGSJOURNAL sprach Martina Löwner mit dem gefragten Schauspieler.
 
SJ: Herr Pleitgen, natürlich kennen viele Menschen Sie von der Bühne und vom Fernsehen. Viele verbinden mit Ihrer Stimme aber noch etwas anderes.

Pleitgen: Ja, richtig. Es gibt ja seit ein paar Jahren einen wahren Hörbuch-Boom.Ich habe bei sehr vielen Produktionen mitgewirkt und den Menschen vorgelesen. Gerade habe ich Henning Mankells "Die fünfte Frau" vorgelesen. Außerdem viel Edgar Allan Poe. Aber nicht nur düstere Geschichten. Auch die "Stadtgeschichten" von Armistead Maupin habe ich gelesen.

SJ: Augenblicklich sind Sie allerdings doch mit einer tragischen Geschichte auf Lesetour - mit der Erzählung "Der kleine Herr Friedemann" von Thomas Mann.

Pleitgen: Die Geschichte ist auf einer durchaus anrührenden Art tragisch. Das hat nichts zu tun mit der vermeintlichen Tragik wie sie zum Beispiel in amerikanischen Katastrophenfilmen vorgegaukelt wird. Mich fasziniert an Thomas Mann seine unglaubliche Menschenkenntnis, die man sehr schön in "Der kleine Herr Friedemann" erkennen kann. Und damit die Zuhörer nach der Lesung nicht ganz melancholisch gestimmt nach Hause gehen, gebe ich noch eine komische Geschichte von Mann dazu. Sie heißt "Das Eisenbahnunglück".

SJ: Sie sind viel mit Lesungen auf Tournee. Wie verbinden Sie das mit Ihrem Beruf als Schauspieler?

Pleitgen: Nun ja, alles hat eben seine Zeit. Im Winter wird zum Beispiel weniger gedreht, so bleibt etwas Zeit, um Lesungen zu geben. Und eine Hörbuchproduktion ist zwar aufwändig, aber ich mache das so gerne und inzwischen natürlich auch mit etwas Routine, so dass es nicht ganz so lange dauert. Für "Die fünfte Frau" , immerhin zwölf Stunden Hörzeit, haben wir zwei Produktionstage benötigt, geplant waren vier. Und so kann ich mir die Zeit für meine Leseabende schon nehmen.

SJ: Lesen Sie auch privat noch sehr viel?

Pleitgen: Ja, natürlich. Ich liebe Bücher. Ich streife gern durch Buchhandlungen, bin aber auch ein gnadenloser Leser. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, merke ich es sofort und kämpfe mich dann auch nicht durch. Und ich lese einfach unheimlich gern vor.

SJ: Bei Ihren Lesungen bleibt es aber nicht beim bloßen Vorlesen.

Pleitgen: Das stimmt. Ich lese möglicherweise expressiver als andere. Ich versuche immer, die Charaktere genau herauszuarbeiten. Dabei geht es weniger um die Ästhetik, mich interessiert mehr die Lebendigkeit an der Sache. Ich möchte einfach, dass etwas passiert - mit mir und dem Publikum natürlich.

SJ: Eignet sich Thomas Mann dazu?

Pleitgen: Sicher. Bitte sagen Sie Ihren Lesern: Nur keine Angst vor Thomas Mann. Es muss nicht immer Tucholsky, Roth oder Kästner sein. Mann ist große Literatur, die verständlich ist. Bei einem guten Autor versteht man jedes Wort. Und das ist bei Thomas Mann der Fall.
 
Quelle: WESER KURIER Martina Löwner/ 2oo6
 

 

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