Mit Lesungen aus dem "Buch der Unruhe" von Fernando Pessoa gastierte Ulrich Pleitgen in den Literaturhäusern von Hamburg, München, Leipzig und Berlin.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Wochenzeitschrift DIE ZEIT und dem AMMAN-Verlag Zürich. Anschließend fanden Diskussionen mit dem Publikum statt.
DAS BUCH DER UNRUHE ALS POETISCHER RAUM IM LITERATURHAUS
"Ich war versessen auf diesen Pessoa! Ich hatte das Gefühl, er habe nur für mich geschrieben". Diese Erfahrung, hier ist es die "Glücksstunde" des Verlegers Egon Ammann, mag die Leser des großen portugiesischen Dichters Fernando Antonio Nogueira Pessoa (1888-1935) einen. Getrieben von Unruhe und Melancholie, auf der Suche nach Trost - oder in der Erkenntnis der totalen Sinnlosigkeit, doch bereit, diese Sinnlosigkeit zu genießen, entdecken wir Pessoa für uns. Wie beengend viele wir sind, stellte sich im Literaturhaus heraus, wo der Verleger mit dem "Zeit" - Autor Christian Schüle über den Schriftsteller sprach, wo Ulrich Pleitgen aus dem "Buch der Unruhe" las, diesem fragmentarischen Werk ohne klares Genre, an dem Pessoa von 1919 bis zu seinem Tod geschrieben hat.
"Das Buch der Unruhe ist ein poetischer Raum. Er ist das Leben", so Amman, der in dem Handelskorrespondenten mit philosophischen, theologischen, esoterischen und astrologischen Ambitionen, in dem "speziellen, nicht nur traurigen" Mann vor allem einen Dichter sieht. Das nihilistisch-präexistenzialistische Tagebuch der Unruhe, ich - erzählt vom Lissabonner Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, zeigt diesen als einen, "der immer am Rande dessen steht, wozu er gehört". Er reflektiert über mögliche und unmögliche Träume, die Phantasie, das Nichts und das Unvorstellbare, über das Glück des Absurden - einsam in der Wirklichkeit, die er mit Befremden betrachtet, mit Unwillen beäugt, mit Vorstellungskraft erforscht. Es ist nicht Pessoa, der hier, in seinem Hauptwerk, "prinzipiell verzweifelt" sein Credo offenbart, und er ist es doch. Als Schriftsteller erfand der Dichter nicht weniger als 72 Heteronyme, also Personen mit eigener Biographie, jeweils Persönlichkeiten mit einem eigenen Werk. Pessoa - das sind alle diese Literaten sowie ihr 27000 Manuskripte umfassendes Oeuvre. "Nur dem Genie ist es gegeben, außerdem noch ein paar andere Menschen zu sein", heißt es, und: "Ich habe eine Welt von Freunden in mir."
Aus dem Stoff seiner Phantasie erfindet Soares auch sich selbst. "Ich bin weitestgehend die Prosa, die ich schreibe", sagt er, der mit "Wortreihen Rhythmen schaffen" kann. Das vermag passender Weise auch der ausgezeichnete Vorleser Pleitgen, der Pessoas gewaltige Sprache so gekonnt an- und abschwellen lässt, als hätte der Portugiese extra für ihn über die Unruhe geschrieben.
Quelle: Die Welt 10.03.2006