Ein Hamburger im Porträt - Ulrich Pleitgen

(sek) Es gibt Schauspieler, an denen wir rundum alles mögen - die überzeugende Darstellung ihrer Rollen, das Gesicht, wenn es uns auf dem Fernsehbildschirm begegnet, die Stimme, die wir hören. Und dann gibt es darunter diejenigen, die obendrein noch wie selbstverständlich einen ungemeinen Sympathiefaktor ausstrahlen. Ulrich Pleitgen gehört unbestritten in diese Kategorie. Und bei einem intensiveren Blick auf die enorme Vielseitigkeit und Schaffenskraft dieses Künstlers, wächst neben dem Sympathiefaktor
vor allem eines: großer Respekt!

Herr Pleitgen, erst einmal vielen Dank für Ihre spontane Bereitschaft zu diesem Interview.

Wenn man sich ansieht, wo Sie überall eingespannt sind, wie vielfältig Ihre Tätigkeiten sind, mag man kaum glauben, dass Sie sich auch noch Zeit für Interviews nehmen können. Sie sind 1946 geboren, andere in Ihrem Alter sehnen den Ruhestand herbei, Sie machen genau den gegenteilligen Eindruck. Können Sie sich überhaupt vorstellen, nicht mehr zu arbeiten?

Nicht mehr zu arbeiten, das kann und will ich mir nicht vorstellen. Schauspielerei ist - wie viele andere Tätigkeiten - ein Leidenschaftsberuf, eine Leidenschaft, die nicht nachlässt. Eins der interessantesten Themen auf unserem Planeten ist der Mensch. Es ist unendlich aufregend, sich "hauptberuflich" mit ihm auseinander zu setzen. Und das lässt einen nicht mehr los. Früher viel Theater, dann fürs Fernsehen vor allem Serienproduktionen, viele Lesungen, wahnsinnig zahlreiche Hörspielproduktionen

… Sie arbeiten nicht nur viel, sondern vor allem vielseitig. Gibt es eine Tätigkeit darunter, die Sie am meisten lieben oder brauchen Sie gerade diese Abwechslung?

"Vor allem Serienproduktionen", das stimmt nun gar nicht. Ich habe zwei große Fernsehserien gemacht, die zudem sehr erfolgreich waren: "Nicht von schlechten Eltern" und "Familie Dr. Kleist". Hauptsächlich habe ich Kino und Fernsehfilme gemacht. Serien prägen sich eher ein, weil sie so viele Folgen haben. Die Vielfalt der Arbeiten - Fernsehen, Hörspiel, Theater, öffentliche Lesungen, Hörbücher - , das ist der große Reiz an diesem Beruf. An erster Stelle stehen für mich Film und Theater.

Warum jetzt der selbst gewählte Ausstieg aus der Erfolgsserie "Familie Dr. Kleist"?

Der Ausstieg aus "Kleist" ist nach 4 x 13 Folgen sicher verständlich. Die Rolle schien mir zu Ende gespielt. Viele neue Ideen für diese Figur habe ich nicht mehr. Ich würde anfangen, mich zu wiederholen. Ein zweiter Punkt ist, dass ich nicht auf liebe alte Männer festgelegt werden möchte.

Gab es eine Rolle oder Produktion, die Ihnen im Rückblick auf das bisherige Schaffen besonders in Erinnerung geblieben ist - und falls ja, warum?

Der berühmte mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Kinofilm "Stammheim - der Prozess". Aber es sind so viele Filme, dass ich nur bitten kann, die Filmografie auf meiner Webseite (www.Ulrich-Pleitgen.de) anzuklicken. Da steht einiges drin.

Gibt es umgekehrt eine Rolle, einen Produktion oder einen Filmpartner, auf den Sie für die Zukunft hoffen?

Nein. Es gibt eine Reihe sehr guter Schauspielerinnen und Schauspieler. Ich möchte niemanden vergessen, wenn ich jetzt ein paar aufzählen würde. Wichtig ist mir, dass Partner auch menschlich intakt sind.

Sie lesen sehr viele Hörspielproduktionen ein und haben dafür auch schon einige Preise erhalten. Braucht es in Ihren Augen Schauspieler, um diese Tätigkeit wirklich gut zu erfüllen oder kommt es hier vor allem auch auf die Stimme an?

Es kommt auf die Stimme an. Aber nicht auf deren Schönheit, sondern auf die Ausdruckskraft der Stimme. Hinzu muss die Fähigkeit kommen, ohne Mimik und Gestik dem Hörer Stimmung und Atmosphäre der Geschichte zu vermitteln. Der Markt für Hörspiele und Hörbücher hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt.

- was halten Sie persönlich davon?

Besser hören, als gar nicht lesen. Viele Menschen, die nicht lesen, kommen durch Hörbücher zur Literatur. Und gute Literatur weitet das Gehirn für die Probleme der Zeit.

Neben Ihren vielseitigen beruflichen Tätigkeiten zeigen Sie obendrein noch zusätzliches soziales Engagement, speziell für die Organisation "Trauerland". Wie ist es dazu gekommen und welche Bedeutung hat es für Sie?

Ich glaube, dass ich "sozial veranlagt" bin. Die Probleme anderer Leute sind mir nicht gleichgültig. Ich glaube, dass mehr Zusammenhalt und Solidarität besser täten als das ewige erst ICH und dann die anderen.

Wenn man über den Privatmensch Ulrich Pleitgen recherchiert, wird offensichtlich, dass Sie und Ihre Frau eine wahre Bilderbuchehe zu führen scheinen. Gerade bei Ihrem Job ist das nicht gerade typisch …

Bilderbuchehen gibt es nicht. Beziehungen finden nicht im Himmel statt. Aber das Glück, den richtigen Menschen zu finden, mit dem man immer und immer leben möchte, ist vielleicht etwas sparsam verteilt. Aber w o l l e n muss man das. Und was dafür tun: Miteinander reden und den anderen so sein lassen wie er ist. Ansonsten gilt die Sache mit dem "Glücksfall".

Wie wichtig ist Ihnen Familie grundsätzlich?

Familie ist für mich frei gewählt. Blutsverwandtschaft ist noch kein Erfolgsmodell. Zur Familie gehören auch Freunde, die da sind, wenn sie gebraucht werden. Wir leben übrigens in einer Patchworkfamilie.

Was hat Sie nach Hamburg verschlagen und hier bleiben lassen? Sie haben noch ein zweites Zuhause in der Heide - pendeln Sie oder werden Sie das Stadtleben irgendwann ganz aufgeben?

Ich bin ans Hamburger Thalia-Theater engagiert worden. Und Hamburg ist zu meiner Lieblingsstadt avanciert. Ich bin Großstädter. Ich brauche den Betrieb und die Anregungen. Der Wechsel zwischen der Stadt und der absoluten Stille auf dem Land ist der Reiz. Was auf dem Land bleibt, sind die Geräusche der Natur. Und dann muss ich irgendwann zurück in die Stadt. Ich habe nie eine Stadt so geliebt wie Hamburg.

Was halten Sie von der kulturellen Vielfalt Hamburgs?

Die Vielfalt der Hamburger Kultur könnte vielfältiger sein. Sichtbarer auf der Straße. Es gibt Städte, in denen Kunst und Literatur eine größere Rolle spielen im Leben der Menschen: Ich glaube, in Hamburg dominieren die "teure" Kunst und das Dekorative.

Wo trifft man Sie in Hamburg, welches sind Ihre Lieblingsplätze?

Hamburg ist mir als Ganzes sehr lieb. Abgesehen von Stadtteilen, in denen Menschen allein gelassen sind mit ihren sozialen Problemen. Ansonsten: dem Reiz der Hafenregion der Schönheit der Alster und der Pracht der großen weißen Villen kann man sich nicht entziehen.

Was machen Sie in Ihrer doch sehr begrenzten Freizeit - bleibt Ihnen noch Zeit für Hobbys?

Mein Beruf hat, wie beschrieben, so viele Betätigungsfelder, dass ich kein Hobby brauche. Aber ich lese mit Leidenschaft, und ich liebe Musik von Beethoven über Rock und Blues bis Anna Depenbusch. Außerdem koche ich. Nicht oft, aber gern. Und ich ackere in meinem großen Garten.

Was bedeutet "Glück" für Sie?

Glück ist, wenn ich die Frau, die ich liebe, morgens wiedersehe und meine Patchworkfamilie gesund und munter ist.

Auf welche nächsten Projekte von Ulrich Pleitgen dürfen wir uns freuen?

Es gibt, frisch gedreht in Frankreich, einen 4 x 90 Minuten - Film an vier Sonntagen im ZDF mit dem Titel "Wilde Wellen". Und einen 90-Minuten-Film in der ARD mit dem Arbeitstitel "Meine Frau - mein Chef" (gerade abgedreht).

Gibt es etwas, das Sie unseren Lesern unbedingt noch mitteilen möchten, was wir aber nicht gefragt haben?

Nicht rauchen, viel lieben, sich gegenseitig die Türen aufhalten, Danke und Bitte sagen. Und sehr tolerant sein. Öfter auf der Straße mal lächeln und miteinander schwatzen. Und glücklich nach Hause gehen.

Wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Interview!
Quelle: Demorandum - Das Meinungsmagazin Mai 2011 www.demorandum.de