WDR5 - Prominente über Politik - 12.11.2008

Anmoderation:
Ulrich Pleitgen ist ein Mann mit vielen Talenten: Er steht auf der Bühne, nimmt Hörbücher auf, spielt Rollen in Kino- und Fernsehfilmen. Zur Zeit ist er in der ARD-Serie „Familie Dr. Kleist“ auf dem Bildschirm präsent. Wenn er nicht gerade zu Dreharbeiten unterwegs ist, lebt der Schauspieler in Hamburg. Silke Lahmann-Lammert hat für unsere Reihe „Prominente über Politik“ Ulrich Pleitgen in seiner Wohnung – nicht weit von der Alster - besucht.

Silke Lahmann-Lammert - Prominente über Politik - WDR 5, Politikum 12.11.08    
Ulrich Pleitgen  Red. Morten Kansteiner

Musik ...

Bücherregale bedecken die Wände bis zur reich verzierten Stuckdecke. Ulrich Pleitgen lässt sich in sein graues Sofa fallen und streckt die Beine aus. In der vergangenen Woche, sagt er, hätten ihn die Reaktionen auf die Wahl Obamas beschäftigt:

O-TON 1: Pleitgen
Wobei ich natürlich erstaunt bin über diese Art von naiver Begeisterung, die dieser Mann überall ausgelöst hat. Da scheint sich sozusagen die Befreiung der Welt von allem Übel anzukündigen. Und das halt ich für gefährlich.

O-TON 2: Stewart Rothenberg
They don’t  think ... Die Leute denken nicht nur, dass Sie ihn zum Präsidenten gewählt haben, sondern zum Heiland.... saviour. 

O-TON 3: Pleitgen
Also dieser Hoffnungsdruck, der auf diesem Mann liegt, der ist fast ungerecht.

Während der künftige US-Präsident sich auf seine Amtzeit in Washington vorbereitet, hat in Wiesbaden die hessische SPD ihren Obama gewählt:

O-TON 4: verschiedene Politiker
Thorsten Schäfer-Gümbel.  Schäfer-Gümpel! Schäfer-Gümbel. 

Ulrich Pleitgen bezweifelt allerdings, dass der neue Spitzenkandidat der Erlöserrolle im Ypsilanti-Drama gerecht wird:

O-TON 5: Pleitgen
Ich bin ja so ein Doppelnamen-Hasser. „Schäfer-Gümbel“ ist für mich schon eine Katastrophe. Und der Ausgang der Wahl ist auch ziemlich klar: Die SPD hat weiter an Glaubwürdigkeit verloren und die CDU und die Gelben werden das Ding dann machen, ohne Frage.

Vier weitere Jahre Roland Koch: Ulrich Pleitgen macht ein Gesicht, als hätte ihm jemand Salz in den Kaffee geschüttet. Ihn hätte eine Zusammenarbeit Andrea Ypsilantis mit der Linken nicht gestört:

O-TON 6: Pleitgen
Warum denn nicht?

Doch dann folgt das „Aber“:

O-TON 7: Pleitgen
Sie hätte es vorher sagen müssen. Nur jetzt zur Erlangung der Macht plötzlich zu sagen: Wir machen’s – das hat was von Charakterlosigkeit. Das zeigt wieder mal: Wir wollen nur an die Macht. Ganz egal, wie. Und das ist ein politisches Verständnis, was den Leuten auch den Geschmack an der Demokratie verdirbt. Da kann ich nur sagen: Vorsicht, Vorsicht!

Ein Grundproblem, findet der Schauspieler: Nicht nur in Hessen, auch in Berlin beschäftigten sich die Abgeordneten in erster Linie mit dem eigenen Machterhalt.

O-TON 8: Pleitgen
Ich sehe nur – und lebe schon einige Zeit auf dieser Welt – dass der Staat sich immer mehr zurückzieht aus allem. Und ich habe das Gefühl, dass der Staat seine Bürger früher besser geschützt hat.

Wenn Angela Merkel - angesichts der Finanzkrise - auf dem CDU- Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern fordert ... 

O-TON 9: Angela Merkel 
Dass die Politik die Aufgabe hat, eine menschliche Wirtschaft zu machen. Dass nicht die Wirtschaft die Menschen beherrscht, sondern die Wirtschaft für die Menschen gemacht ist.

... wundert sich Pleitgen, dass dieser Appell heute aus der konservativen Ecke kommt:

O-TON 10: Pleitgen
Lenkung der Kapitalströme, das wurde vor Jahren immer wieder gefordert. Auch von unserem großen saarländischen Ex-Ministerpräsidenten, und der hat gesagt, Leute, lasst euch das nicht aus der Hand nehmen. Und ist durch die Welt gereist und hat versucht, dafür Verbündete zu finden und hat das nicht. Und jetzt haben wir den Salat.

Lafontaines Polemik, sagt Pleitgen zum Schluss, sei ihm immer noch lieber als die realpolitische Phantasielosigkeit der meisten Politiker:

O-TON 11: Pleitgen
Man hat ja auch manchmal dieses leidenschaftslose Gestotter. Oder dieses Brummen auf einem Ton bei Politikern. Das ist ja auch nichts, was uns überzeugen kann. Ich muss doch mal wieder Leute erleben, die mit heißem Herzen für ihre Sache einstehen und nicht nur diese sogenannten Realpolitiker, die auf einem Ton mir irgendwelche Flachheiten servieren. Denn Realpolitik bedeutet ja: Wir machen das, was möglich ist und fangen gar nicht erst an, mehr zu denken.