Wolfgang Wittenburg, freigegebenes Interview mit Ulrich Pleitgen vom 24.10.2008

HABEN SIE ALS ERFAHRENER SCHAUSPIELER BEIM START VOR VIER JAHREN GEAHNT, DASS DIE ARD-SERIE "FAMILIE DR. KLEIST" SO EIN ERFOLG SEIN WIRD?

Das kann man nicht ahnen und planen. Ich bin dazu gekommen, weil mir zwei Filme angeboten worden waren, die dann beide nicht realisiert wurden. In dem einen, der in den 60er Jahren spielen sollte, sollte ich einen Germanistik - Professor darstellen, dessen Tochter plötzlich entdeckt, dass ihr Vater in der Nazi-Zeit antisemitische Artikel geschrieben hat. Der Film wurde nicht produziert, weil er zu teuer geworden wäre: 60er Jahre, die damaligen Autos, Wohnungseinrichtungen und Moden und so weiter. Auch der zweite Film ist an der Finanzierung geplatzt. Das alles innerhalb von 14 Tagen.

ABER?

Dann kam das Angebot zu FAMILIE DR, KLEIST. Ich habe nachgefragt: Was ist das für eine Serie? Antwort: Eine Arzt- und Familienserie. Worauf ich geantwortet habe, dass Arztserien nicht so meine Sache sind.

WIE KOMMT ES DANN, DASS SIE SEIT VIER JAHREN BEI „FAMILIE DR. KLEIST" DABEI SIND?

Mir wurde klar, dass gerade Arztserien auf hohem DRAMATISCHEN Niveau stattfinden, und das ist es ja, was Schauspieler sich wünschen: Große Gefühle. Es geht um Leben und Tod, starke Emotionen. Dafür wird man Schauspieler.

MÖGEN SIE ARZTSERIEN WIE >IN ALLER FREUNDSCHAFT< DIE IM ANSCHLUSS VON >DR. KLEIST< LÄUFT?

Ich finde „In aller Freundschaft" sehr gut. Gute Drehbücher, gute Schauspieler, gute Regisseure. Zurück zu „Dr. Kleist": Mir wurde gesagt, die andere Hälfte von „Kleist" sei  Familiengeschichte. Da kam also eine weitere Erzählebene hinzu, die mich noch mehr interessierte. Ich erinnere nur an eine Lieblingsserie der 90er Jahre, „Nicht von schlechten Eltern", in der ich den Kapitän und Familienvater Wolfgang Schefer spielte.

WARUM INTERESSIEREN SIE FAMILIENSERIEN?

Mich interessiert das, was Leute vollmundig >die kleinen Probleme> nennen. Die sogenannten >kleinen Probleme< sind in Wirklichkeit für uns die großen Probleme. Das Hauptproblem ist für uns nicht der Irak. Natürlich ist Bush nur schwer zu ertragen, und es ist ungeheuerlich, was in Afghanistan und im Irak passiert. Aber die Erdbeben, die die Menschen umwerfen, die finden in den Familie statt: Ehescheidungen, Drogen, Untreue, Arbeitslosigkeit, der Sohn hat Geld gestohlen, die Tochter wird nicht versetzt, ein Kind hat ersten großen Liebeskummer. All das erschüttert das Familienleben, uns persönlich, ganz nah.
Ich bin gegen die Arroganz, die dieser Problemwelt oft entgegen gebracht wird.
Natürlich spiele ich auch gern die <großen> </großen>

IHR KOLLEGE DIETER PFAFF MUSSTE IM FILM MAL EINE HERZATTACKE SPIELEN UND SASS ABENDS SELBST MIT HERZSTICHEN IN SEINEM HOTELZIMMER. GEHT DIE DARSTELLUNG UND DIE EINFÜHLUNG IN EINE FIGUR BEI IHNEN AUCH SO WEIT?

Ja, ich entwickle meine Figuren durch Einfühlung.
Ich bekomme als >Johannes Kleist< in den Folgen, die wir gerade drehen, ein neues Herz. Und das ist belastend. Ist aber auch, so merkwürdig es klingt, eine reizvolle Aufgabe für mich als Schauspieler: Was ist >das Fremde< da in meiner Brust? Ich liege im Bett auf der Intensivstation. Meine Frau sitzt mir gegenüber und ist eingeschlafen. Ich schau sie an und denke: Bald sehe ich die Frau, die ich liebe, nicht mehr. Diese Gedanken und Gefühle als Schauspieler, die trage ich nach Drehschluss auch mit nach Hause, und es dauert, bis ich sie los bin.
In dem Zweiteiler LEBEN IN ANGST, den ich für das ZDF drehte, mußte ich auch tagelang in der Klinik liegen und fühlte mich im Laufe der Zeit wirklich kränklich und schwach.

WIE SIND SIE ALS IHR ZUSCHAUER? KÖNNEN SIE SICH ENTSPANNT ZURÜCKLEHNEN ODER GUCKEN SIE LIEBER GAR NICHT?

Doch, ich gucke schon, aber ich leide dabei (lächelt). Man ist leider - und zum Glück! - nie zufrieden mit dem, was man da schauspielerisch geleistet hat. Man will NOCH echter, NOCH näher am Leben sein. Diese Selbstkritik ist eine meiner Triebfedern. Man darf sich nicht in Eigenlob ersäufen. Selbstzufriedenheit ist der Tod jeder künstlerischen Leistung. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht auch mal sagen darf: "Das ist gut gelungen."

IN DEN ERSTEN FOLGEN DER DRITTEN STAFFEL >FAMILIE DR. KLEIST< passiert viel. Es gibt die Hochzeit von Dr. Kleist. Die dazugehörige Feier fällt aus, weil eine Geburt dazwischen kommt. Die ist auch noch kompliziert. Und die älteste Tochter verlässt das Elternhaus, büxt aus.

Ein wichtiger Punkt ist, dass diese Familie Probleme immer wieder in den
Griff bekommt. Das passiert in der Wirklichkeit seltener. Das ist der berühmte Silberstreif am Horizont, das ist die Hoffnung, die wir mit dieser Serie verbreiten wollen: Versucht es! Redet miteinander! Verzeiht einander! Rückt zusammen! Ihr müsst selbst aktiv werden! Der Staat zieht sich mehr und mehr zurück! Helft euch gegenseitig! Erfindet die Familie neu!
Nicht nur Blutsverwandte sind Familie!
Großfamilien wie früher will niemand mehr. Da gab es zu viel Druck, Hierarchie und Zwang. Heute sind Familien zusammengesetzt: Patchwork, blutsverwandte und frei gewählte Familienmitglieder.
Natürlich, ich erwähnte es schon, drehe ich auch harte und kompromisslose Filme, die unnachsichtiger mit menschlichem Fehlverhalten in der Gesellschaft und mit Natur und Umwelt umgehen. Das alles gehört zu meinem Beruf und macht ihn interessant und vielfältig.


NEIGEN SIE DAZU, HIMMELHOCHJAUCHZEND UND ZU TODE BETRÜBT ZU SEIN?

Unbedingt. Ich bin ziemlich porös, durchlässig. Mich geht alles was an. Darum wünsche ich mir manchmal mehr Gelassenheit. Aber ich bin in jeder Beziehung ein Aktivist. Ich kann und will nicht kürzer treten. Das Älterwerden bremst mich nicht. Jugend findet im Kopf statt. Ich bin gesund, wenn ich arbeite, ich kränkele, wenn ich nicht arbeite. Also werde ich so lange weiter machen, bis die Leute mich nicht mehr sehen wollen oder ich nicht mehr kriechen kann. Und das alles mal jauchzend, mal betrübt.

WIE GEHT IHRE FRAU DAMIT UM?

Meine Frau ist genauso. Wir haben das gleiche Temperament. Gegensätze ziehen sich zwar an, aber sie stoßen sich auch wieder ab. In vielem sind wir auch unterschiedlich, aber die Grundmauern sind gleich konstruiert. Wir sind introvertiert und extrovertiert. Auf jeden Fall sind wir "Vorwärtsleute".

REDEN SIE SICH GEGENSEITIG REIN ODER GERADE NICHT?

Und wie wir uns reinreden! Reinreden ist produktiv. Zwei Phantasien leisten mehr als eine. Unser Leben läuft lebendig ab. Erinnern Sie sich an Walter Jens, der von sich und seiner Frau mal sagte: "Wir stehen morgens auf und reden, wenn wir abends ins Bett gehen, reden wir immer noch."  Das gilt auch für uns.
Meine Frau und ich waren immer ein Liebespaar. Wenn wir nicht zusammen sind, sehnen wir uns nacheinander. Also begleitet sie mich auf meinen beruflichen Reisen. Jetzt sitzt sie zum Beispiel in Eisenach während der KLEIST-Dreharbeiten im Hotelzimmer an ihrem Laptop und schreibt mit unserem Sohn, der in Hamburg lebt, von Computer zu Computer einen Krimi. Die beiden machen das ganz toll. Außerdem macht meine Frau meine Website, die immer größer wird. Und den gesamten aufwändigen Verwaltungskram.


GAB ES DAS SCHON MAL, DASS SIE IHRE FRAU NICHT IN DER NÄHE HABEN WOLLTEN, WEIL DIE DREHARBEITEN ANSTRENGEND WAREN, WEIL SIE EINE SEHR EMOTIONALE SZENE SPIELEN MUSSTEN? 


Nein, niemals.


ES GIBT KOLLEGEN VON IHNEN, ULRICH MÜHE WAR ZUM BEISPIEL EINER, DER, WENN ER IN BERLIN ETWAS SCHWERES ZU SPIELEN HATTE, LIEBER IM HOTEL GEWOHNT HAT ALS ZUHAUSE. ABER DAS IST IHNEN FREMD?

Bei mir ist genau das Gegenteil der Fall. Ich brauche Ruhe und die Muße zum Denken, aber nicht die totale Einsamkeit. Wenn ich kleine Kinder zu Hause hätte, würde ich mich wahrscheinlich auch aus dem Familienchaos entfernen. Ich ziehe mich in mich selbst zurück und diskutiere mit meiner neuen Figur.

WIRD IHRE FRAU DAVON IN MITLEIDENSCHAFT GEZOGEN ODER IST SIE FROH, DASS DREHARBEITEN ZEITLICH BEGRENZT SIND?

Meine Frau war ja auch Schauspielerin. Über den Beruf gibt es keine Verständigungsschwierigkeiten. Sie lässt mich total in Frieden, wenn es sein muss, beobachtet aber - meist sehr amüsiert -, wie ich immer mehr in die Figur krieche. In einem Sechsteiler habe ich zum Beispiel einen Bauern gespielt, und tatsächlich hatte sie nach einer Zeit einen Bauern am Tisch sitzen, der wenig redete, sich langsamer bewegte und schwerer durch die Räume ging. Als ich den 9o-Minüter >Nana< drehte., in dem es nur ums Sterben ging, brauchte ich auch einige Zeit, bis ich nach Drehschluss die Trauer los war.

SIE SAGEN, DASS SIE GEBURTSTAGE NICHT FEIERN, DEN EIGENEN NICHT UND AUCH NICHT DIE DER ANDEREN. WAS SIND FÜR SIE DANN GRÜNDE ZUM FEIERN? IST ES DER HOCHZEITSTAG?

Als unser Sohn klein war, haben wir jedes Fest gefeiert. Geburtstage, Konfirmation, Weihnachten, Ostern, wie alle Leute auch. Jetzt ist unser höchster Feiertag der 1. April, denn am 1. April 1975 haben wir uns kennengelernt. Unseren Hochzeitstag wissen wir aus dem Kopf nicht mehr. Der war fünf Jahre später. Eins unsrer liebsten Feste ist Ostern. Weil's da wieder losgeht, weil die Natur aufwacht, der Boden frisch riecht, das Leben aufblüht.

MUSS SICH DAS ALS GROSSVATER ETWAS ÄNDERN? WIRD FÜR DEN ENKEL DER GEBURTSTAG UND AUCH DIE FEIER SEHR WICHTIG?

Natürlich. Die Feste werden doch für unsere Kinder gefeiert. Meine Frau kann mit unserem Enkel so phantasievoll und vertieft spielen, dass ich begeistert zugucke. Sie hat sich einen großen Teil Mädchenhaftigkeit bewahrt und eine kindliche Freude am Spiel. Der Junge merkt gar nicht, dass sie keine Gleichaltrige ist. Mit seinen vier Jahren ist er völlig fasziniert.

MERKEN SIE, DASS SIE VON SO EINEM 4-JÄHRIGEN ERDENBÜRGER ETWAS BEKOMMEN?

Natürlich kennen die Kleinen schon Tricks und Kniffe, um Wünsche erfüllt zu bekommen und ihre Altvorderen zu manipulieren. Aber bezaubernd und überwältigend ist ihr Staunen, ihre Unschuld, ihre Neugier, die Selbstvergessenheit und Intensität ihres Spiels. Alles ist Spiel. Da kann ich stundenlang zugucken.

ÜBER IHRE KRANKHEIT HABEN SIE GESAGT, DASS SIE IN DER PRESSE DRAMATISIERT WORDEN IST. WIE FÜHLEN SIE SICH HEUTE?

Ich hatte einen Asthmaanfall. Es war so schlimm, dass ich mehrere Stunden glaubte, ich sterbe. Es passierte an einem Tag, an dem ich drehfrei hatte. Ich wurde behandelt. Die Symptome verschwanden. Aber ich mußte mich von dem Schock erholen. Ich konnte K3 - KRIPO HAMBURG nicht weiter drehen. Der kühle Kommissar SANDER war eine meiner Lieblingsfiguren, weil er meinem Wesen so entgegen gesetzt war. Ich kriegte sofort hinterher eine Gürtelrose, weil mich das alles seelisch sehr erschüttert hat. Dazu kamen Zeitungsmeldungen: "Können die Ärzte Ulrich Pleitgen noch retten?" und: "Ein Interview mit dem Ex-Schauspieler". Es erschienen so viele Artikel, dass sich seit nunmehr zwei Jahren immer noch Menschen besorgt nach meinem Gesundheitszustand erkundigen. Anfang Oktober 2008 erschien in einer großen Tageszeitung ein Artikel: "GOTTSEIDANK, ER IST WIEDER DA! Nach seiner langen Krankheit ... " Soviel Fürsorge könnte mich krank machen, wenn ich nicht so gesund wäre.

HAT SICH DAS LEBEN DURCH DIE KRANKHEIT VERÄNDERT? FRÜHER HABEN VIELE ZIGARETTEN DAZU GEHÖRT?

Durch die Krankheit bin ich gereift, denn ich habe den Glauben an meine Unverwundbarkeit verloren. Ich bin demütiger geworden. Mit dem Rauchen habe ich 1999 abrupt aufgehört. Ich habe in einem Kölner Hotel meine Zigarettenpackung und das Feuerzeug zuunterst in den Papierkorb gelegt und von Stund an nicht mehr gequalmt. Ich hatte auch keine Sehnsucht danach. Es war, als wäre in meinem Kopf ein Schalter umgelegt worden. Ich habe nie ein ruinöses Leben geführt. Alkohol und Rauschgift interessieren mich nicht. Aber die Nikotinsucht war katastrophal: Zwanzig bis dreißig Zigaretten pro Tag.

WAS KOMMT NACH > FAMILIE DR. KLEIST< ?

Eine bekannte Produzentin fragte mich, was für eine Filmrolle ich gern spielen würde. Ich hatte nie Traumrollen, weil ich sehr schöne Rollen gespielt habe, darunter viele Traumrollen. Wir planen jetzt einen Film, in dem ich einen großbürgerlichen Mann spielen soll, der sich in eine bodenständige Frau verliebt, die schwer kämpfen muss, um sich und ihre drei Söhne durchs Leben zu bringen. Das birgt massenweise Zündstoff, unzählige Auseinandersetzungen. Das ist natürlich nur das schmale Gerüst der Geschichte.
Ein anderer Film ist auch in Planung: Eine Spionagegeschichte. Aber das wird 2010 sein. Nicht zu vergessen meine winterlichen Lesungen in verschiedenen Städten und meine Hörbuchproduktionen.

WIE GEHEN SIE DAMIT UM, WENN SO EIN PROJEKT DANN DOCH NICHT STATTFINDET?

Daran muss man sich gewöhnen. Das kommt immer wieder mal vor. Ein Drittel aller Filmprojekte platzt. Gut, kommt das nicht, kommt was anderes.