In Hamburg zu Hause: Der Schauspieler Ulrich Pleitgen - "MAN SOLL MIR VIELE ROLLEN GLAUBEN"

Durch die hohe Altbauwohnung rattert eine elektrische Eisenbahn. "Drei Dinge", sinniert Ulrich Pleitgen und streckt die endlosen Beine von sich, "die haben mich immer fasziniert: Elefanten, Lokomotiven, Schiffe."

Letztere besonders. Manchmal sieht Pleitgen ihnen am Elbufer hinterher, dann überkommt den gebürtigen Hannoveraner das gleiche Gefühl wie früher, "wenn ich mit meiner Oma im Radio morgens um sechs das Hafenkonzert hören durfte". Diese Mischung aus Fernweh und kleiner Trauer, die Hamburg damals schon zu seinem "Sehnsuchtspunkt" machte.
Da war er schon über vierzig und gerade von Jürgen Flimm ans Thalia geholt worden, Sommer 1985. Der Bühnenschauspieler, der ebenso Hamlet sein konnte wie dessen mörderischer Stiefvater. Einer, dem man den homosexuellen Brick in >Die Katze auf dem heißen Blechdach< gleichermaßen glaubte wie Tassos noblen Freund Antonio. Ein Flimm, ein Claus Peymann wußten diese Wandlungsfähigkeit zu nutzen.
Erster Durchbruch dann beim Fernsehen: ein sympathischer Heimleiter in der Senioren-Serie >Haus am See<. "Danach haben mich alle für einen furchtbar netten Menschen gehalten." Eben das wollte Pleitgen nicht sein. Als Schauspieler.

Er setzte dagegen. Den zynischen Entwicklungshelfer in >Negerküsse<, einen durchgeknallten Star-Schauspieler in der Komödie >Künstlerpech<, wo er auch schon mal Frauenkleider trug. So richtig populär wurde er erst mit dem Überraschungserfolg der Familienserie  >Nicht von schlechten Eltern<.

Pleitgen als Vater Wolfgang Schefer, cool und lässig, aber auch etwas hilflos, "tough im Beruf, der Kasper bei den Kindern" - kein Wunder, dass junge Leute ihm schreiben: "Einen wie Dich hätte ich gern zum Vater." Das freut ihn. Allerdings: "Ich will ein Schauspieler bleiben, dem man viele, auch sehr unterschiedliche Rollen glaubt."
Da war er dann im ZDF-Vierteiler "Kap der guten Hoffnung" ein Erzschurke mit viel Charme. Und spielte gleich darauf  in einem anderen ZDF-Projekt mit, dem Zweiteiler "Leben in Angst". Als angesehener Arzt, liebevoller Vater, guter Ehemann, nur eben: Er ist bisexuell. Und fürchtet nun um sein Ansehen, Job und Ehe: "Das ist kein Thema von gestern. Unsere Gesellschaft tut ja nur so liberal." Kurz zuvor hatte er am Alsterufer ein lesbisches Paar sich küssen sehen: "Da hätten Sie mal die Empörung einiger Passanten sehen müssen."

Das aber in "seiner" Stadt, an der der "norddeutsche Regionalist aus Überzeugung" neben allem Wasser und Grün besonders die kultivierte Toleranz ihrer Menschen schätzt. Auch dem Star gegenüber, dem hier so rasch keiner am Ärmel zupft, auf die Schulter schlägt: "Mutti, guck mal, wer das ist!"
Quelle: HAMBURGER ABENDBLATT / Paul Barz / 1999