Ein Interview aus den späten 1990er Jahren, aber inhaltlich immer noch aktuell.

Killer oder Kapitän. Anwalt oder Arzt. Das Publikum nimmt dem 52jährigen Ulrich Pleitgen jede Rolle ab. Immer wieder wurde er auf der Bühne als "Schauspieler des Jahres" gefeiert. In dieser Woche kommt er viermal auf den Bildschirm - unter anderem als bisexueller Chirurg.
 
Seine Figuren haben Ecken und Kanten. "Süßen Himbeersaft", gesteht Ulrich Pleitgen, "darf niemand von mir erwarten." Was er damit meint? "Keiner ist nur böse oder nur gut. Auch knallharte Gangster können sehr witzig sein! Ich versuch´ in meinen Rollen immer beide Seiten eines Menschen aufzuzeigen."
 Pleitgen fährt damit bestens. Gerade hat der Hamburger in der Nähe von Johannesburg vier neue Folgen der Serie "Kap der guten Hoffnung" abgedreht. Und wieder spielte er - wie er´s nennt - einen "angeschrägten Typ": Als charmanter, aber alkoholsüchtiger Arzt unterschlägt er Geld für einen Krankenhausbau in Afrika. Noch heftiger geht´ s Sonntag/ Montag in dem Zweiteiler "Leben in Angst" zu. Da hält Pleitgen seinen Charakterkopf mit dem Cäsar-Schnitt für ein brisantes Thema hin: Bisexualität, die Liebe zu beiden Geschlechtern. "Die Seelenlage eines angesehenen Arztes widerzuspiegeln, der seine Veranlagung ständig unterdrücken muß und schließlich deswegen erpresst wird - das zu spielen, fand ich heiß. Ich habe sogar, damit´s echt wirkt, den Zungenkuss zwischen meinem Partner und mir angeregt."
Schwulsein ist "in". Bisher meist nur auf der Leinwand (wie gerade Götz George in "Das Trio"). Zunehmend aber auch im Fernsehen. Pleitgen: "Homosexualität ist trotzdem immer noch tabu. Daß die Leute zur Bewältigung eines solchen Themas ins dunkle Kino gehen müssen, zeigt doch: Unsere Gesellschaft ist lange nicht so liberal, wie sie tut. Sprüche wie: "Er ist zwar ein Homo, aber ganz nett" gibt´s immer noch."
Der Star aus dem Norden - "1,84 m und blond von Geburt an" - sagt, was er denkt. Auch privat.
Randalierer, die in der U-Bahn Sitze zerschlitzen, fährt er barsch an. Droht ihnen sogar mit Prügel. "Wenn alle nur zusehen, kann ich mich nicht bremsen!" Fetzen fliegen auch in seinem Hamburger Heim. Wenn Ulrich Pleitgen und Ehefrau Ann-Monika nicht einer Meinung sind, geht schon mal Mobiliar zu Bruch. Seit 1975 ist das Paar zusammen, lernte sich am Berliner Schillertheater kennen. Pleitgen sieht in einem gepflegten Krach nichts Negatives: "Wir haben beide eben immer noch Temperament!"
Ohne Leidenschaft läuft bei Ulrich Pleitgen nichts. "Wenn ich eine tolle Kollegin wie Isabelle Huppert spielen sehe, bin ich vor Freude besoffen. Neid kenne ich nicht."
Oder Pleitgen weint - aus echter Erschütterung. "Das letzte Mal ist allerdings schon einige Jahre her. Es war, als John Lennon ermordet wurde - Dezember 1980." Bis 1989 glänzte Ulrich Pleitgen durch bravouröse Leistungen auf deutschen Bühnen. Dann entdeckte er das Fernsehen als Medium. "Faszinierend. Ein wütender Blick in die Kamera, und schon kannst du Millionen gegen dich aufbringen. Das Spiel, nur mit den Augen, ist das, was mich begeistert."
Die Rückkehr zum Theater schließt er aber nicht ganz aus. "Meine Traumrolle ist ein moderner "Don Quichotte". Statt auf einem Pferd reist er mit einem LKW. Sein Diener ist ein Computer. Und die Angebetete - eine Hure." Ulrich Pleitgen ist eben immer für eine Überraschung gut.
Quelle: Gong/ F M M

 

WER IST EIGENTLICH DIESER ULRICH PLEITGEN? Plötzlich ist er da..

 

Seine Großmutter ist an allem schuld. Sagt Ulrich Pleitgen. Dass jetzt was aus ihm geworden ist, ein neuer Fernsehstar. "Sie hat mir gezeigt, dass es noch mehr gibt als Handball."
Während seine Kumpels draußen herumtobten, saß er als Kind bei Oma und hörte zu. Wenn sie aus Büchern vorlas, die sie aus den Bombentrümmern gerettet hatte, Beethovens Neunte drehte sich dazu auf ihrem klapprigen Grammophon. 
Er mag die alten Leute. "Ich bewundere sie. Sie haben gelebt und geschuftet. Und wenn sie dann am Ende auf zittrigen Beinen an der Ampel stehen, weil sie nicht schnell genug über die Straße kommen, hab´ ich wahnsinnig Mitleid." Pleitgen bringt sie rüber. Macho mit Herz.
 Im "Haus am See" als Senioren-Heimleiter Günter Diefenbach zeigt Ulrich Pleitgen, was ihn auch privat bewegt. "Ich bin emotional", sagt er.Bis zum Jähzorn. "Cool sein, als Lebensphilosophie, finde ich einfach grauenhaft."
Der blonde Shooting-Star aus Hamburg mit dem zerknautschten Gesicht kann aber auch anders. So ist er in der Satire "Negerküsse" ein rechtes SChlitzohr. Und im "Tatort" ein linker Wachmann.
Das TV-Publikum kennt ihn erst drei Jahre. Im Theater dagegen zählt er schon seit 1970 zur ersten Schauspieler-Garnitur. Er begann für 750 Mark monatlich am Berliner Schillertheater, war Goethes "Clavigo" am Schauspielhaus Basel und "Marquis von Keith" im hanseatischen Thalia.
"Eines Tages hatte ich einfach keinen Bock mehr: Da stehst du dauernd im Feuilleton, trotzdem kennt dich keiner." Er wollte auch endlich berühmt sein. Also Fernsehen. "Weil das heutzutage so ungeheuer wichtig ist. Ohne Glotze läuft hier doch gar nichts mehr. Ob Politik, Sport oder Kultur."
Seit 1975 lebt er mit Ehefrau Ann-Monika zusammen. Stiefsohn Ilja Bohnet studiert Physik.
Mit WDR-Chefredakteur Fritz Pleitgen ist er tatsächlich verwandt. "Unsere Großväter waren Brüder."
Angst vorm Alter hat er nicht. Mit 90 Jahren möchte er noch auf der Bühne stehen.
Quelle: BILD und FUNK/ Jörn Kluth