Wenn Ulrich Pleitgen in seiner Hamburger Wohnung ist, lernt er seine Rollen an der Außenalster.




Ulrich Pleitgen auf einer Alsterbank Foto: Günter Fink / 2005
Morgenpost v. 29.01.2005

Der Schauspieler Ulrich Pleitgen erarbeitet sich seine Rollen unter freiem Himmel. Stets die Nase im Drehbuch, ist er für Touristen eine wandelnde Sehenswürdigkeit.
"Mensch Heinz, guck mal, da draußen. Der mit dem großen schwarzen Buch, ist das nicht der ...der ...na, sag doch mal, Heinz, der aus dem Fernsehen!"
Unruhe macht sich breit unter den Fahrgästen im Sightseeing-Bus während der Stadtrundfahrt an der Außenalster. Auch der Stadtführer am Mikrofon ist begeistert: "Hier an der Schönen Aussicht sehen Sie, meine Damen und Herren, auf der linken Seite die Imam Ali Moschee der Islamischen Gemeinde Hamburgs, und ein paar Meter weiter das Gästehaus des Hamburger Senats. Auf der rechten Seite sehen Sie das Gebäude des Norddeutschen Regatta-Vereins, gegründet 1868, und der Mann dort mit dem großen, schwarzen, aufgeschlagenen Buch, das ist der beliebte Schauspieler Ulrich Pleitgen, bekannt von vielen großen Rollen aus Fernsehfilmen und -serien. Zum Beispiel aus der Reihe "Nicht von schlechten Eltern", in der er seit über 39 Folgen den Vater der Familie spielt. Denken Sie nur an den Kapitän."
"Sag ich doch, Heinz, wusste ich´s doch, dat is er, Ulrich Pleitgen!" Applaus brandet in dem Bus auf.
Szenen wie diese passieren dem Schauspieler nicht selten. Es ist beinahe Alltag, dass ihn Touristen als wandelnde Sehenswürdigkeiten am Alsterufer erkennen, aus den Bussen springen und ihn verfolgen, um ein Autogramm zu ergattern.
Der in Hannover geborene und seit 1985 in Hamburg lebende Darsteller, der, bevor er in vielen Fernseh-Hauptrollen zu sehen war, zwanzig Jahre Theater gespielt hat, benötigt in seiner Wohnung im Stadtteil Uhlenhorst keinen Schreibtisch: "Mein Büro ist die Alster. Ich bin ein Allwettermann. Mir ist es egal, ob es stürmt, regnet, schneit oder die Sonne brennt. Ich kann meine Rollen am besten gehend unter freiem Himmel lernen."
Und so marschiert dieses 184 Zentimeter große Bild von einem Mann, nach dem sich so manche Frau gerne umdreht, vier bis fünf Stunden um die Außenalster. Tag für Tag, sieben Kilometer - zumindest an den drei Monaten im Jahr, in denen Pleitgen nicht außerhalb Hamburgs unterwegs ist zu Dreharbeiten.
Die Strecke, die er seit 16 Jahren zurückgelegt hat, ist rekordverdächtig: rund 10 000 Kilometer! Das entspricht ungefähr der Entfernung von Hamburg nach Kapstadt in Südafrika. Stets mit der Nase in dem mit einem schwarzen Schutzumschlag versehenen Drehbuch steckend - manchmal laut vor sich hinredend, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann der so in sein Rollenstudium vertiefte Schauspieler mal gegen einen Laternenpfahl läuft, mit einem Jogger zusammenprallt  oder über eine längere Hundeleine stolpert.
Er genießt seine Drehbuch-Runden, die Verbundenheit mit der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, und so manche Begegnung mit Menschen, die ihn auf Grund seines Bekanntheitsgrades ansprechen. "Es sind häufig wildfremde Leute, die sich mir anvertrauen und aus ihrem Leben erzählen", so Pleitgen. "Das ist voller Sympathie. Das empfinde ich als großes Kompliment. Da geht es häufig um die kleinen und großen Sorgen des Lebens, von Beziehungskrisen bis zu lebhaften Diskussionen über das politische Geschehen. Ich glaube, das hängt auch mit meiner Vater-Rolle in "Nicht von schlechten Eltern" zusammen, die eine sehr humane Figur ist, die eine Vertrauensbasis schafft."
Manchmal macht der Liebhaber klassischer Musik auch traurige Erfahrungen. Zum Beispiel, wenn er von einem Ehepaar, das er früher schon getroffen hatte, plötzlich nur noch einem der beiden begegnet - weil der Lebenspartner verstorben ist.
Mit so manchen Nachwuchs-Kollegen, die ihm auf der Höhe der Hochschule für Darstellende Kunst begegnen, spricht er über die Probleme des Schauspielerberufes. Dass man den seiner Meinung nach - von Technik und Handwerk abgesehen - "nicht erlernen" kann.
Den eigentlichen Sinn seiner Alsterspaziergänge, die Arbeit, verliert Ulrich Pleitgen aber nie aus den Augen. Komme was und wer da wolle. "Da kann ich dann verschlossen sein wie eine Auster."
Einen Menschen trifft Ulrich Pleitgen übrigens nie an der Alster: seine Frau Ann-Monika. Sie hält als seine Managerin und Beraterin zu Hause die Stellung. Wichtige, aktuelle Fragen klären die beiden per Handy.
Nur sonntags wird man ihn vergeblich am Alsterufer suchen. Wenn bei gutem Wetter Tausende ihr Wochenende an einem der schönsten Flecken Hamburgs verbringen, steigen Ulrich Pleitgen und Ann-Monika in seinen Wagen, einen Alfa Romeo Spider, und düsen Richtung Lüneburger Heide in ihr von 10 000 Quadratmetern eigenem Grund und Boden umgebenes Wochenendhäuschen. Da wird aus dem "Uli" dann ein Gärtner, Schäfer oder Holzhacker. Natürlich geht er auch dort gern spazieren - mit Drehbuch, versteht sich.
Quelle. WELT am SONNTAG / Günter Fink / 20. Mai 2001

DURCHBRUCH
"STAMMHEIM"

Ulrich Pleitgen wurde im November 1946 in Hannover geboren.
Nach dem Abitur besuchte er von 1967 bis 1969 in seiner Geburtsstadt die Hochschule für Musik und Theater. Sein erstes Engagement erhielt er anschließend am Schiller-Theater in Berlin.
1981 spielte er seine erste Fernsehrolle. Als Richter Prinzing, den er 1985 in dem Kinofilm "Stammheim" verkörperte, wurde er überregional bekannt. Von 1985 bis 1989 war er Ensemblemitglied des Hamburger Thalia Theaters.
Seither ist er vorwiegend in Film- und Tv-Produktionen zu sehen.
Quelle: Günter Fink

 

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