STAMMHEIM / DER PROZESS 1985

Stammheim 1975 bis 1977: Das sind 192 Prozess-Tage gegen die Baader-Meinhof-Gruppe, wie der Kern der RAF gemeinhin genannt wird. Der Prozess geht in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein. - Reinhard Hauffs Spielfilm nach einem Drehbuch von Stefan Aust wurde 1986 auf der Berlinale mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet. 

Am 1. Juni 1972 werden die RAF-Terroristen Andreas Baader und Jan-Carl Raspe festgenommen. Wenig später fasst die Polizei auch Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Nach Jahren der Isolationshaft im eigens für RAF-Mitglieder neu erbauten Hochsicherheits-Gefängnis von Stuttgart-Stammheim beginnt am 21. Mai 1975 der Prozess gegen die Terroristen. Nachdem im Verlauf der Verhandlung viele Gesetzesänderungen erfolgen, um mit den scheinbar nicht kontrollierbaren Terroristen "kurzen Prozess" zu machen, lautet das Urteil am 28. April 1977 lebenslänglich für alle. Ulrike Meinhof ist zu diesem Zeitpunkt bereits fast ein Jahr tot - sie war am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle erhängt gefunden worden. Doch schnell wurden Zweifel an der Selbstmordversion laut. Nach der Befreiung der Geiseln einer entführten Lufthansa-Maschine in Mogadischu begehen auch ihre drei Gesinnungsgenossen am 18. Oktober 1977 in ihren Zellen kollektiven Selbstmord. Doch auch diese Todesfälle werden nie einwandfrei als Suizide nachgewiesen. 
 
Rund zehn Jahre, nachdem in Stammheim die führenden Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe und Gründer der terroristischen "Rote Armee Fraktion" vor Gericht gestellt und verurteilt wurden, unternahm Regisseur Reinhard Hauff eine filmische Rekonstruktion des 192 Tage währenden Prozesses. Ausgehend von authentischen Protokollen und unter Verzicht auf jegliches fiktives Beiwerk beschränkt sich die Inszenierung bewusst auf wörtliche Zitate des Prozessverlaufs - ohne eine Bewertung oder Ausführung der politisch-gesellschaftlichen Hintergründe des Falles. Stefan Aust, von 1994 bis 2008 Chefredakteur des „Spiegel“, schrieb das Drehbuch zum Film und bezog sich ausschließlich auf Originalzeugnisse des Prozesses und Briefe der Angeklagten. Hauffs freiwillige Askese lässt viele Fragen offen, ermöglicht jedoch gleichermaßen beklemmende wie spannende Einsichten in das Innere eines Justizapparates, der von der politischen Brisanz der Materie offensichtlich überfordert war. "Wie in einem Mikrokosmos findet der Kampf zwischen Staat und seinen radikalsten Gegnern im Gerichtssaal statt. Die einen bekämpfen das Recht und die Ordnung des bürgerlichen Staates und berufen sich gleichzeitig auf seine Gesetze. Die anderen vertreten die Gesetze und verletzen dennoch das Recht." ("deutsches-filmhaus.de") Obwohl keineswegs beschönigend in den Angeklagtenporträts, leistet der Film einen wichtigen Beitrag zum Verständnis politisch motivierter Gewalt und provoziert die erneute Auseinandersetzung mit einem tabuisierten, bislang unbewältigten Kapitel deutscher Geschichte. „Stammheim“ wurde 1986 der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. 
Quelle: 3SAT www.3sat.de

Spielfilm, BRD 1985, 103 Minuten
Regie: Reinhard Hauff
Mit Ulrich Pleitgen, Ulrich Tukur, Therese Affolter, Sabine Wegner, Hans Kremer, Hans Christian Rudolph

 

Ulrich Pleitgen (Mitte) als Vorsitzender Richter Prinzing in dem Kinofilm STAMMHEIM/DER PROZESS. Auszeichnung "DER GOLDENE BÄR".
KINOfilm "STAMMHEIM"/1986 "Künstlerisch bedeutungslos" - dieses schonungslose Urteil über den Gewinner des GOLDENEN BÄREN machte Furore, denn es kam von Jurypräsidentin Gina Lollobrigida. Die temperamentvolle Italienerin brach damit ein Tabu. Private Meinungen der Jurymitglieder über Wettbewerbsfilme sind tabu. v.lks.: Gina Lollobrigida, (?), Regisseur Reinhard Hauff, Autor Stefan Aust, der Teile der Gerichtsprotokolle zu einem Drehbuch zusammenstellte.
Der Film wird Jahr für Jahr von Arte, 3sat, Vox oder ausländischen Fernsehsendern wiederholt.
Der Film zeichnet die Geschichte des Stammheimer Prozesses gegen die Baader-Meinhof-Gruppe anhand von Briefen und Protokollen nach. Heute (1996) so aktuell wie damals, als der Streifen nach Kinostart für heftige Diskussionen sorgte. Ulrich Pleitgen spielt den Vorsitzenden Richter Prinzing.
 

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