DIE SOLDATEN 1970

By: Schlosspark-Theater Berlin

Programmfoto

Nach Beendigung des Schaupielstudiums im Jahr 1970 sprach Ulrich am Berliner Schiller-Theater dem Intendanten Boleslaw Barlog vor und bekam einen Zweijahresvertrag. Zum Schiller-Theater gehörten auch Schlosspark-Theater und "Werkstatt".
In dem Stück "Die Soldaten" von Jakob Michael Lenz spielte er ab September 1970 die Rolle des Desportes.
Hier sehen wir ihn als Desportes - etwas undeutlich auf dem Foto der damaligen FAZ-Kritik von Rolf Michaelis, und dann - bedeutend deutlicher! - auf einem Kalenderblatt des Jahres 2001 (Harenberg-Kalender) mit Graf von Spannheim (Siegmar Schneider) und Marie (Christine Merthan).

In DIE SOLDATEN von J.M.R. Lenz führte der junge Niels-Peter Rudolph Regie.

Ein neues Gesicht im Barlog-Ensemble
AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN
Erster Auftritt: Ulrich Pleitgen spielt Lenz
 
Wenn das Schlosspark-Theater am 2o. September seine erste Premiere in die Saison 70/71 schickt, wird sich in einer Hauptrolle ein junger Schauspieler präsentieren, der nicht nur für das Berliner Theater-Publikum ein neues Gesicht ist: Der 28jährige Ulrich Pleitgen steht in den "Soldaten" des Stürmers und Drängers Lenz überhaupt zum ersten Mal auf einer Profi-Bühne.
 
Dass er als Anfänger die an Staatstheatern durchaus nicht alltägliche Chance bekam, sich gleich in einer Hauptrolle vorzustellen, verdankt er vor allem "Soldaten"-Regisseur Niels-Peter Rudolph. Von ihm ist Pleitgen denn auch - allerdings nicht nur aus diesem Grunde - sehr begeistert: "Die Arbeit ist phantastisch", meint er, "weil er wirklich was von einem verlangt; er will nicht, dass man eine Kiste aufmacht."
Für einen Anfänger ist der blonde Hannoveraner - laut Kollegen-Urteil "sehr fleißig" - allerdings nicht mehr ganz jung. Zwar wollte er schon gleich nach dem Abitur Schauspieler werden, hatte aber Angst, "sich seinen Traum zerstören zu lassen". Also wurde er Werbeassistent und verfaßte Anzeigentexte.
"Vies-a`- vis von uns", erzählt er, "wohnte ein Schauspieler vom Landestheater, der gleichzeitig Dozent an der Hochschule für Musik und Theater war. Zu ihm wagte ich mich schließlich hin und sprach ihm ein Gedicht vor."
Er wurde aufgefordert, den Schiller-schen Leicester zu lernen, den er dann auch zitternd und schwitzend in der Wohnstube des Mimen vortrug. Nach zwei weiteren Rollen schickte ihn sein Mentor zum Vorsprechen an die Hochschule. Er gab Carlos - "eine wilde Szene, so mit Tränen und allem, das war für mich Theater" - , wurde angenommen und machte nach sechs Semestern in diesem Jahr seinen Abschluss.
Barlog engagierte ihn - "in einer lockeren Atmosphäre, die gar nicht nach Kunst roch" - praktisch schon nach der ersten Vorsprechrolle, dem "Prinzen von Homburg", mit einem Anfänger-Vertrag auf zwei Jahre.
Seit zwei Monaten ist Ulrich Pleitgen nun in Berlin. In der Schloßstraße - Gartenhaus mit Blick ins Grüne - hat er seine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Ofenheizung gefunden, selber gestrichen, mit Möbeln vom Trödler und allerlei Krimskrams ausgestattet - "ein bißchen kunstgewerblich", wie er selber meint, aber gemütlich.
Natürlich würde er - wie fast jeder Schauspiel-Anfänger - später auch gerne mal den Hamlet spielen, aber der Desportes in den "Soldaten" scheint ihm "so auf den Leib geschrieben  und im Augenblick so wichtig", dass es ihn jetzt noch gar nicht interessiert, was er danach zu spielen kriegen wird.
Quelle: DER ABEND/ J.s. / 7. Sept. 1970

JUNGER SCHAUSPIELER OHNE POSEN
 
Nach dem Erscheinen seines ersten Interviews AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN war Ulrich Pleitgen gar nicht wohl zumute. Er fand, er sei nichtig richtig zitiert worden und wollte sich bei seinen Schauspielerkollegen entschuldigen. "Dabei hat es der Journalist bestimmt nicht bös gemeint, aber da standen plötzlich Sätze schwarz auf weiß, die ich ganz anders gemeint hatte."
Heute, vier Jahre später, ist noch immer etwas von seiner Skepsis Interviewern gegenüber zu spüren. Doch nach der dritten Zigarette und einem erneuten Schluck Kaffee durchbricht Ulrich Pleitgen selbst den Bann. "Ich red´ jetzt einfach drauflos, und wir sehen dann, was dabei herauskommt."
 
DREI ROLLEN
 
Herausgekommen ist dabei das Bildnis eines jungen Schauspielers, der sehr genau zu wissen scheint, was er will, wenn es ihm selbst auch mitunter gar nicht so sicher scheint. Pläne, Wunschrollen und -denken gibt es bei ihm nicht, er hält sich lieber an das, was er erreichte und was für ihn gegenwärtig ist.
Das sind - erst einmal - drei Rollen, die er an den Städtischen Bühnen spielt. Den Carlos in "Clavigo", den Wilhelm im "Friedensfest" und den Stallburschen Leopold in "Die Gräfin von Ratenow", die Rolle, vor der er, wie er zugibt, den "größten Bammel" hatte.
"Und zwar, weil ich eigentlich nicht der Typ dieses Burschen bin. Ich bin kein robuster Kraftmeier." Aber andererseits, so gibt er zu bedenken, sei es gerade das, was ihn am Theater reizt: Ein anderer zu sein, als er ist. "Sonst spricht und handelt man auf der Bühne ja so wie im Leben."
Seit vier Jahren lebt der gebürtige Hannoveraner in Berlin. Nach dem Abitur machte er eine kaufmännische Lehre, um seine Familie nicht allzu sehr zu erschrecken ("Meine Mutter hatte Angst, ich könnte verkommen"). Danach besuchte Ulrich Pleitgen die Schauspielschule, bevor ihn Boleslaw Barlog nach Berlin ins erste Engagement holte.
Hier fühlt er sich wohl. In Hannover könnte er nicht mehr leben, dort ist es ihm zu eng geworden. "Ich erlebe hier in Berlin fast täglich kleine Geschichten, die mir woanders sicher nicht begegnen würden. Einfach so kleine Begebenheiten des Alltags, die ich nicht mehr missen möchte. Die sind mir einfach wichtig. Wichtiger als so hehres Schauspielergerede. Darauf geb´ ich nichts. Ich versuche, möglichst keine Sprüche zu klopfen.
Quelle: BERLINER MORGENPOST / Bernd Lubowsky / 31. 12. 1974


Trotz Ablehnung: Rudolphs Inszenierung am Schloßpark-Theater kann sich sehen lassen
"DIE SOLDATEN" IM PUBLIKUMSKRIEG
 
"Das ist ja entsetzlich", tönten die Leute reihenweise. Entsetzlich, unmöglich, stümperhaft, wie kann man nur? - mit solchen und ähnlichen Urteilen tut man einem jungen Mann und seiner Inszenierung bitter unrecht. Niels-Peter Rudolph hat sich an diesem Abend als einer der fähigsten, kompromisslosesten Nachwuchs-Regisseure ausgewiesen, hat einen Plan, ein Konzept konsequent und geistvoll ausgeführt. Es wäre eine Schande, wenn ihn kurzsichtiges Nichtverstehenwollen aus Berlin forttriebe. Wir sind nicht gerade reich gesegnet an guten Regisseuren. Hier ist einer, versucht, ihn festzuhalten!
 
  Was hat der Bursche denn nun Schlimmes angestellt, dass es den Leuten so an die Nieren geht? Er hat ihnen permanent den Boden unter den Füßen weggezogen. Er hat ihnen das schöne, naturalistische Illusionstheater vorenthalten, das gewohnte Mitgefühl mit den ach so bedauernswerten Menschen droben auf der Bühne. Er demonstriert, stellt Theater her, läßt uns zuschauen, wie´ s gemacht wird, zeigt, wie´ s klappert in dieser künstlichen Theaterwelt. Er entzieht uns das allzu leichte Mitgefühl, die Identifizierung, er schärft den objektiven Blick.
 
WEGGENOSSE DES STURM UND DRANG
 
Er tut das nicht, um sich interessant zu machen, sondern weil es für dieses Stück ungeheuer logisch ist. J. M. R. Lenz, ein Weggenosse des Sturm- und Drang-Goethe, hat seine Umwelt hellsichtig, brutal analysiert, in rohen Szenen, in einer rohen, rauen Sprache, wie er selbst sagt, weil die "rauen Sprachen reicher sind als die gebildeten". Er zeigt, wie zwei junge Menschenkinder das Rückgrat gebrochen wird, wie sie an Standesschranken, Standesdünkel zugrunde gehen.
"Ihr einziger Fehler war, dass sie die Welt nicht kannten, dass sie den Unterschied nicht kannten, der unter den verschiedenen Ständen herrscht." Und diese Welt der Stände, sagt Lenz, ist verrottet, besteht aus Dünkel, Anmaßung, Egoismus, nicht ein Funken Menschlichkeit ist hier zu holen.
 
Rudolph macht daraus kein Herz- und Schmerzspiel, sondern einen kalten Modellfall. Kalkweiße Larven mit grauslig-roten Kußmäulchen bevölkern die Szene. Entmenschte Puppen, Marionetten, staksen geckenhaft umher, schwätzen, salbadern in einem süßlich-unnatürlichen Ton. Sie sind dem Regisseur Sinnbild für den Stand der Herren Offiziere, denen das Herz und die Seele abhanden gekommen sind. In diesen Kreis gerät das ahnungslose, unerfahrene Bürgerkind Marie. Sie wird von den Offizieren angelockt, gebraucht, mißbraucht, nach Benutzung fortgeworfen. Sie versucht, sich den Herrschaften anzupassen, es ihnen gleichzutun. Doch es gelingt ihr nicht, sie wird weiter gebrochen.
 
Lenz sieht die Welt als ein böses Panoptikum. Rudolph stellt das auf der Bühne her.
 
Er stellt die Unnatur dieser verkrüppelten Stände vor. Karikaturen, Aufziehpuppen, die nicht wissen, was sie da schwätzen. Diese Unnatur ist Rudolphs Stilmittel. Man stirbt hier nicht natürlich wie im Leben, sondern unnatürlich wie auf der Schmierenbühne. Denn diese Welt wird ja als eine Bühne, auf der Schmierenkomödianten ihre Possen treiben, dargestellt. Was manchem im Publikum als Unvermögen, als "stümperhaft" erschien, war gewollt und notwendig.
 
HINTER KALKIGE LARVEN GEKROCHEN
 
Großartig unterstützten die Schauspieler den Regisseur. Sie legten ihre individuellen Züge ab, krochen hinter die kalkigen Larven, nur an den Stimmen erkannte man sie. Ausgezeichnet in ihrer brutalen Süffisance Ulrich Pleitgen, Rolf Schult, Friedrich W. Bauschulte, Erich Schwarz und all die vielen. Von einer naturhaften Ausstrahlung, die Unerfahrenheit des Bürgerkindes und die spätere Korrumpiertheit gleichwertig darstellend: Christine Merthan als Marie. Ein überzeugender, wunderbar einfacher Woyzeck-Typ: Christoph Quest.
 
Man hätte sich gewünscht, dass nach dieser Premiere spontan eine Diskussion zustande gekommen wäre. Damit der Regisseur seine Absichten hätte erklären können und das Publikum vielleicht mit etwas weniger Ablehnung und Mißverständnissen nach Hause gegangen wäre.
 
Sollte das Publikum allerdings auf solche Art von Inszenierungen weiterhin so selbstgefällig und kurzsichtig reagieren, dann hat es tatsächlich seinen "Floh im Ohr" verdient.
Quelle: BZ/ Arnim Borski / September 1970