DIE ERFOLGREICHSTE AUFFÜHRUNG IM JAHR 1974 WAR "DIE GRÄFIN VON RATHENOW" - VOM VERFASSER HARTMUT LANGE AM SCHILLER - THEATER INSZENIERT.

By: SCHILLER - THEATER

Zum erstenmal gibt es eine "Hitliste" bei den Staatlichen Schauspielbühnen. Das sind die am meisten besuchten Stücke der vergangenen Saison:

Im Schiller-Theater auf Platz eins: "Die Gräfin von Rathenow". 38000 sahen sie. In den Hauptrollen: Wilhelm Borchert, Lieselotte Rau, Ulrich Pleitgen, Hans Peter Hallwachs und Stefan Wigger.

EIN PREMIEREN-WOCHENENDE IN BERLIN

Im Schiller-Theater wurde dem Zuschauer pures Vergnügen zuteil. Generalintendant Lietzau hat nach dem erbitterten Streit um die Einrichtung von Langes "Aias" dem Autor in einer Geste der Versöhnung Gelegenheit gegeben, seine "Gräfin von Rathenow", nach der Kleist-Novelle "Die Marquise von O." geschrieben, selbst zu inszenieren. Keine ganz leichte Aufgabe, denn dieses Stück von einer Adeligen, die während einer Ohnmacht geschändet wurde und später aus Unterstellungen Fakten macht, indem sie sich den Stallknecht ins Bett holt, ist delikat, diffizil und von einem Hauch früher Emanzipation durchweht.
Hartmut Lange erweist sich als beachtlicher Regisseur, der den großen Apparat des Schiller-Theaters beherrscht. Auf ständig kreisender Drehbühne bietet er eine heiter-kritische Komödie im kleistschen Geist. Preußen, die Mark, Fontane sind nahe. Regisseur Lange bringt die intelligente, klare Bühnensprache des Autors Lange zum Klingen. Mit Stefan Wigger, Wilhelm Borchert,, Hans-Peter Hallwachs, Lieselotte Rau als Gräfin von Rathenow und Ulrich Pleitgen als Stallknecht
standen ihm Schauspieler zur Verfügung, die gleichermaßen Nähe und Distanz zu wahren wissen. Scherz, Satire, Ironie - hier endlich gab ihnen ein Autor als sein eigener Regisseur tiefere Bedeutung.
Quelle: HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG / Lieselotte Müller / 1974

 

AN KRÜCKEN UND FLÜGELN
Berliner Premieren: Lange und Müller

Die Bemühungen der Staatlichen Berliner Bühnen um die ortsansässigen Autoren Hartmut Lange und Harald Müller hat zwei Früchte getragen, zum einen eher ein Früchtchen, das keck und lustig ist, zum anderen leider nur einen sauren Apfel. Am Schiller-Theater besorgte Hartmut Lange eine delikate Aufführung seiner preußenfresserischen Halbkomödie "Gräfin von Rathenow", am Schloßpark-Theater inszenierte Ernst Wendt die Uraufführung zweier Einakter von Harald Müller.

Nach dem Abend auf Krücken ("Stille Nacht" und "Strandgut" von Harald Müller) der Abend auf Flügeln. Hartmut Lange, der dem Schiller-Theater etwa vor Jahresfrist bei der Uraufführung seines "Aias"-Dramas zornig mitgespielt hat, weil ihm Hans Lietzaus Inszenierung nicht gefiel, war nun freundlich eingeladen worden, auf der gleichen Bühne selber die Regie zu übernehmen und zu zeigen, was ein Lange ist. Er wählte für die Demonstration sein leichtestes und populärstes Stück "Die Gräfin von Rathenow", besetzte es mit bewährten Schauspielern des Ensembles, verpflichtete Hans Lietzau als königlichen Sprecher für den Prolog und ließ die Aufführung ans Schnürchen von Witz und Wohlgelauntheit wie einen Drachen steigen. Zu sehen ist die Heimsuchung Heinrich von Kleists durch den unerschrockenen Kollegen Lange, die seltsame Repatriierung der "Marquise von O." in Kleists Heimatland, die italienische Aristokratie der Novelle als preußische Standesdame im Drama , ihr unzüchtiger russischer Lebensretter als französischer Offizier und Sieger von 1806 in den Banden der ohnmächtigen Unschuld, und die ganze wunderliche Affäre, handelnd von einer Empfängnis mit nicht mehr als einem Zeugen statt der üblichen zwei, als Gesellschaftsspiel, das auf der Grenze zwischen amüsanter Unterhaltung und lehrhaftem Exempel so lange waghalsig balancierte, bis die Moral von der Geschichte blutüberströmt aus dem Kutschkasten fällt. Der arme Franzose hat sich das Leben genommen, weil ihm die schöne schwangere Frau von Rathenow nur ihre Hand und das Jawort und nichts dazu gegeben hat.
Hartmut Lange läßt in seiner Inszenierung aber vor allem die Liebe spielen. Nicht nur die heiße des Franzosen zu der Preußin und deren auf Eis gelegte Erwiderung, sondern auch seine eigene zu dem wie auch immer angefeindeten Preußentum, zu den Herrschaften, die so steif sind wie mit einem Ladestock im Kreuz und so spröde wie mit einer Keuschheitskrause bis zum Hals. Und wenn es nicht die Liebe gewesen ist, die den Regisseur zur zierlichsten Ermunterung seiner Tendenzkomödie veranlaßt hat, so war es die theatralische Verführung: dass man auf einer so großen Bühne nicht als Hungerleider dastehen muss, dass sich alles drehen und bewegen läßt und auf Befehl sichtbar und vergnüglich ins Rollen gerät - die Kutschen, die Hartmut Lange besonders zu mögen scheint, und das ganze Räderwerk seines kleinen intriganten Historienwerks.
Der Hauptspaß sind aber doch die Komödianten. Die Theaterleute dürfen wieder einmal Theater machen, sie dürfen schön, wild und komisch sein und sich ohne gewaltsame Regisseursauflagen ganz zuchtvoll und ganz ausgelassen auf der Höhe ihrer vertrauten Kunst bewegen. Lieselotte Rau ist als preußische Luna noch zwischen den Laken eines nicht mehr keuschen Witwenbettes in die Silberstrahlen ihrer Tugendhaftigkeit lieblich-lieblos eingehüllt. Hans-Peter Hallwachs, der Edelmann trotz allem, steht in den lodernden Flammen eines glaubhaften Bühnenfeuers, und sein Bursche, den Stefan Wigger spielt, muss sich am Schluss vom Applaus den üppigsten Anteil gefallen lassen als Auszeichnung für die unwiderstehliche Trauerkomik seiner Clownseinlagen. Und wenn man die ganze Besetzungsliste herunterbeten wollte, gäbe es keinen Posten, bei dem man stocken müßte, keinen, der nicht in Ehren und mit Grazie von preußischer oder französischer Seite gehalten würde.
Denn das ist die Überraschung: Hartmut Lange, der eher ein extravaganter Herr ist und die Herausforderung liebt, hat als Liebhaber-Regisseur die höflichste Behutsamkeit gegen sein Stück, seine Darsteller und sein Publikum walten lassen. Keine Halsbrecherei, keine Gewalttat, sondern das reine Spektakel zwischen Puppenspiel und Menschenernst. Und so sitzt man im Parkett wie vor einer eindeutig schönen Bescherung und braucht nicht mehr aufzubringen als ein bißchen guten Willen für gute Laune.
Quelle: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG / Sibylle Wirsing / 3. Dezember 1974