SCHILLER -THEATER / WERKSTATT: Uraufführung von ROBERT PATRICKS SCHAUSPIEL "KENNEDYS KINDER"

By: SCHILLER -THEATER / WERKSTATT

John F. Kennedy und Martin Luther King ermordet, Marilyn Monroe durch Selbstmord umgekommen, die Beatles zerstritten, die Bürgerrechtsbewegung verebbt, die Studentenrevolution bloß noch Erinnerung an die Hoffnung auf eine Zeit ohne Krieg und soziale Ungerechtigkeit: die Helden, Wortführer, Idole der sechziger Jahre, die sich dem verklärenden Blick zurück bereits als "golden" darstellen, sind tot, müde, kaputt oder angepaßt. Der allgemeinen Euphorie ist ein langer Katzenjammer gefolgt; und diesem Katzenjammer überantworten die jungen Veteranen des Aufbruchs sich mit selbstquälerischer Ausführlichkeit - Thema des Schauspiels "Kennedys Kinder" ("Kennedy´s Children"), dessen deutsche Erstaufführung Walter D. Asmus in der Werkstatt des Westberliner Schiller-Theater inszeniert hat.
Robert Patrick, Autor von über hundert meist einaktigen Stücken, von denen einige Off- und Off-Off-Broadway-Aufmerksamkeit gefunden haben, läßt in einer tristen New Yorker Kneipe fünf Menschen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in den sechziger Jahren monologisieren. Eine unbedarft-idealistische Lehrerin (Maria Körber) schwärmt von den Kennedys, ein verkorkster Schauspieler (Claus Ebert) räsoniert über das korrupte und korrumpierende Showbusiness, ein ehemaliges Hippie-Mädchen (Eleonore Münchhoff) rekapituliert die Geschichte der Blumenkinder, der junge Soldat Mark (Ulrich Pleitgen) versucht sich über seine Erlebnisse mit dem Vietcong, mit Rauschdrogen und seinen Vorgesetzten klarzuwerden, und eine angeknackte Beauty (Brigitte Röttgers) bringt sich nach ihrer Lebensbeichte mit einer Überdosis Schlaftabletten ums Leben.
Die fünf autobiographischen Berichte sind ineinander verschränkt, aber Kommunikation zwischen den Erzählern findet nicht statt; jeder ist nur mit sich beschäftigt, keiner spricht mit dem anderen auch nur ein Wort. Patrick will damit wohl die Frustrationen der einsamen Trinker veranschaulichen, und das gelingt ihm auch.
Was ihm nicht gelingt, ist ein bühnenwirksames Stück: die Frustration seiner Figuren frustriert das handlungslose Stück, das seinerseits wieder die Zuschauer frustriert, obwohl es nuancengenau inszeniert und mit Maria Körber, Eleonore Münchhoff, Brigitte Röttgers, Claus Ebert und Ulrich Pleitgen fast über Gebühr hoch besetzt wurde. Die Langweiligkeit, die der Autor den nachmittäglichen Kneipen New Yorks nachsagt, ist ohne Rest in sein Stück eingegangen. Kennedys Kinder, die, wie der Autor konstatiert, auch die Kinder Gandhis und Martin Luther Kings, John Lennons und Bob Dylan sind, haben in Patrick zwar einen Anwalt, aber keinen Dramatiker gefunden.
Quelle: BERLINER MORGENPOST / Hellmut Kotschenreuther / 19. Juni 1975