"GONCOURT ODER DIE ABSCHAFFUNG DES TODES" VON TANKRED DORST UND HORST LAUBE - URAUFFÜHRUNG IN FRANKFURT / 1977

By: FRANKFURTer Schauspielhaus

Fotos: Mara Eggert

DIE AUSSCHLACHTUNG DER BRÜDER GONCOURT >Goncourt oder Die Abschaffung des Todes< - so nennen die BilderbogenbastlerDorst und Laube (>Toller> 1968;>Eiszeit<,1972)  und Laube (>Der Dauerklavierspieler<,1974) ihre Pariser Szenen- und Szenchenfolge aus dem Siebziger Krieg und den Tagen der Kommune.

Mit der Abschaffung des Todes meinen sie die von der Kommune versuchte Abschaffung einer Tötungsmaschine: die in Brand gesteckte Guillotine. Die Abschaffung des Todes tatsächlich praktiziert aber haben sie an Jules de Goncourt. Er ist am 20. Juni 1870 gestorben, einen Monat vor der Kriegserklärung Frankfurts an Preußen, und müßte zu Beginn des Theaterstücks,wenn man in Paris die preußischen Kanonen hört, längst in seinem Eichensarg ruhen. Stattdessen vagabundiert er mit seinem Bruder Edmond durch das belagerte und beschossene Paris.
Die beiden Brüder hatten gemeinsam ihr berühmtes Tagebuch und ihre Romane über Angehörige der unteren Klassen geschrieben, angezogen nicht etwa vom sozialen Gewissen, sondern vom exotischen Reiz eines literarisch neuen Gegenstands. Sie betrachteten die Welt mit unerschöpflichem, aber gefühlsfreiem Interesse. Sie waren unzertrennlich; Flaubert nannte sie >die beiden Bologneserhündchen<. Und genau so sehen sie zu Beginn der Frankfurter Aufführung aus:nebeneinander auf dem Sofa, zwei zärtliche Herren, ein anmutiges Bild. Dass der eine lebend ist, der andere tot, dies erkennt man, wenn der eine die heiße Kartoffel fallen lässt, die ihm sein toter Bruder gelassen reicht. Sie sind nicht ohne leisen Spott gesehen, doch auch nicht ohne Liebe.
Fritz Lichtenhahn tastet als Edmond den Bau eines eigenen Satzes genußvoll mit der formenden Hand nach. Auch in der Todesangst wird er nicht von seiner Literaten-Neugier verlassen, und ihren Fanatismus hält er in aristokratischen Formen. Er ist innerhalb seines beschränkten Gesichtskreises penetrant klug und noch dann, wenn sein Verstand grob wird, voller Zartgefühl. Ihn zu beobachten, ist das Vergnügen des Abends.
Ulrich Pleitgen, der tote Jules, bewegt sich wie eine unbeschwerte Variante seines lebenden Bruders: ein luftiger, lustiger Geselle, verspielt bis zur Albernheit, ohne Zeitgefühl, überhaupt ohne Gefühl für die Lebenden. Immer wenn er auftaucht, ein fröhlicher Toter, wertet er allein durch die Heiterkeit seiner Nichtexistenz die Pariser Kriegs- und Kommunenprobleme als rasch vorübergehenden Ärger ab.
Die Koppelung des toten mit dem lebenden Bruder ist der schönste Einfall von Dorst und Laube. Vielleicht ist auch diese Erfindung schon ein schöner Fund: Edmond hat überliefert, was Victor Hugo ihm zum Tod seines Bruders gesagt hat: "Ich für meinen Teil glaube an eine Gegenwart der Toten und nenne sie die "Unsichtbaren". " Edmond notiert dies im Tagebuch, das er nach Jules Tod weiterführt. Es ist Dorsts und Laubes Quelle: sie arbeiten mit dem Toten vorzüglich zusammen.

So absurd sich auch ihre Intellektuellen im Cafe´ Bre´bant, dem Stammlokal der Brüder Goncourt, streiten mögen, meist sind ihre Sätze wörtlich Edmonds Journal entnommen. Wenn Alwin Michael Rueffer als Militärschriftsteller Nefftzer mit bellender Rechthaberei wahnwitzige Verteidigungsvorschläge gegen die Deutschen macht; wenn Edgar M. Böhlke mit sadistischem Hochmut die kriegerischen Talente der Deutschen rühmt; wenn Norbert Kentrup als Maler Courbet die Vendome-Säule abreißen will - es ist authentisch und fließt auf der Bühne zusammen zu einer milden Satire auf bürgerliche  Intellektuelle, die, ungerührt von Krieg und Kommune, ihr endloses Geschwätz fortsetzen über Vorzüge und Nachteile von Fotografie und Malerei, den Geschmack von Hunde- und Rattenfleisch, den deutschen und französischen  Nationalcharakter.

So amüsant diese Übernahmen aus Goncourts Tagebuch oft sind, so betrüblich ist meist Dorsts und Laubes Eigenbau. In Goncourts Schilderungen haben sie ein Kommune-Kabarett mit pittoresken Figuren eingebaut, und Regisseur Peter Palitzsch läßt ihre Scherze breitlatschen, während ihm im übrigen duftige Ironisierungen geglückt sind. Seine Zirkusspäße verderben vor allem den zweiten Teil; sie sind von zwerchfellberuhigender Witzlosigkeit.
Während der gesamten Aufführung kauert ein meist essender Mensch in einem Loch. Wer ist wohl imstande zu begreifen, dass dies Flaubert sein soll? Flaubert schrieb damals seine >Versuchungen des Heiligen Antonius<: er war nicht für die wechselvolle Geschichte Frankreichs, er war für die glanzvolle Geschichte der Weltliteratur tätig. Sollen wir´s ihm verübeln
Dies alles geschieht auf einer von Erich Wonder geschaffenen dreigeteilten Bühne, die sich durch transparente Vorhänge nach hinten zur Vendome-Säule und nach beiden Seiten erweitern läßt. Sie hat Zeit- und Ortsatmosphäre, ja, durch ihre ungewöhnliche Beleuchtung geradezu impressionistische Stimmungen. Es ist der richtige Schauplatz für diese historisierenden Miniaturen. Von ihnen erfährt man über die historischen Gruppierungen und Abläufe wenig bis nichts. Kein Wort über die Wahlen. Nicht einmal die Zahl der Opfer wird deutlich: ungefähr 500 Hinrichtungen durch die Kommune und mindestens 20 000 durch die legale Regierung Thiers. Nichts darüber, dass die Kommune an ihrem utopischen Menschenbild und an ihrer Unfähigkeit zur praktischen Politik zugrunde gegangen ist.
 
Auf Geschichte kann es den Autoren kaum ankommen; mehr auf den Traum vom künftigen irdischen Paradies, in dem man alle sozialen Probleme lösen kann, weil sich aus der Asche der alten, der verbrannten Gesellschaft eine neue, eine gereinigte Gesellschaft erhoben hat. Symbolfiguren dieser Utopie sind (die historische) Marie, ehemaliges Dienstmädchen und ehemalige gemeinsame Geliebte der Brüder Goncourt, und der (erfundene) Francois, ein Deserteur, der nicht auf die Preußen, wohl aber auf den Klassenfeind schießen will.
Wenn sie, von Angelika Bissmeier und Klaus Wennemann als leicht verschämte Helden mit umgehängten Gewehren verkünden: "Wir kämpfen dafür, dass der Mensch ein Mensch sein kann",verklärt sich das revolutionäre Kabarett zur verkitschten Revolution. Und Edmond wird zur Apotheose des Kommunarden Francois mißbraucht, ausgerechnet dieser Reaktionär und Ästhet Goncourt, der ernsthaft meinte, die Gesellschaft gehe schon am allgemeinen Wahlrecht zugrunde, und dem das brennende Paris keine anderen Gefühle abgewinnen konnte als die Erinnerung an neapolitanische Aquarelle. So findet zum Schluß der Aufführung, bei der Verklärung des schießenden und erschossenen Kommunarden nichts anderes als die Abschaffung Goncourts statt.
 
Die Aufführung hat einige schöne Szenen, sie ist nicht besonders aufregend, nicht besonders langweilig, sie plätschert sich so durch und versickert nach der Pause. Die Autoren haben offenbar keinen Grund gesehen, sich beim Schlußbeifall zu zeigen: sie hätten ja auch - gerechterweise - Edmond de Goncourt mitbringen müssen.
Quelle:FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG / Georg Hensel / 7. Juni 1977

Mit Wohlgefallen darf man betrachten, wie sich Fritz Lichtenhahn nuancenreich der Rolle bemächtigt. Auch an dem Einfall darf man sich ergötzen, den Dorst und Laube hatten, als sie Edmond durch seinen im Juni 1870 verstorbenen Bruder Jules gleichsam verdoppelten, den vertrauten Mitautor vieler Bücher. Jules tänzelt nun, gelöst von aller Erdenproblematik, durch Häuser und Gassen, findet am Leben der kleinen Leute Gefallen, hat alle Künstlerselbstsucht vergessen. Ulrich Pleitgen, totenbleich geschminkt, macht das mit heiterer Leichtigkeit, alle Existenzverbissenheit ganz nebenbei ins Unrecht setzend.
Quelle: NEUE PRESSE / Rainer Hartmann / 7. Juni 1977

Den Geist seines Bruders Jules spielt Ulrich Pleitgen mit hinreißender Zartheit.
Quelle: DIE WELT / Rudolf Krämer-Badoni / 7. Juni 1977

Peter Palitzsch, der sonst so strenge, karge Regisseur, inszeniert das Stück >Goncourt oder die Abschaffung des Todes<  als graziöse, brüchig witzige Totentanz-Revue der Gründerzeit. Mit schönen, manchmal verrückten Details, bleibt das letztlich doch eine Folge gebildeter Albumblätter. Fritz Lichtenhahn ist der trauernd lebendige >Edmond<, treibt die Posen des mißmutig greinenden Kulturputtos bis zu schmerzhafter Lächerlichkeit, Ulrich Pleitgen als sein alter ego, ist der himmlische Traumtänzer, staunend und verantwortungslos.
QUELLE: AZ feuillton (Münchner AZ) / Ingrid Seidenfaden / 7. Juni 1977