DREI SCHWESTERN - 1978

By: Württembergisches Staatstheater Stuttgart

GEWESENE UND ZUKÜNFTIGE MENSCHEN- Claus Peymann inszenierte Tschechows >Drei Schwestern<

Geraume Zeit nach Spielzeitbeginn präsentiert Claus Peymann in dieser seiner letzten Saison in Stuttgart eine Inszenierung der >Drei Schwestern< , der man in vieler Hinsicht die vorangegangene intensive Teamarbeit mit den Schauspielern anmerkt, für die Peymann in ganz eigenem Sinn bekannt ist. Diesmal hatte man den Eindruck, dass er den Schauspielern ein recht eigenwilliges Konzept vorgelegt hat - von einem Dramaturgen ist auf dem Programmzettel im übrigen nicht die Rede.  - und dass sich die Darsteller dann auf eine zu Anfang kaum geplante Weise in ihren Rollen weiter entwickelt haben. Peymann ließ sie, wie das seine Art auch bei manchen früheren Inszenierungen war, am Ende auch gewähren.
Wenn sich der Vorhang hebt, befindet sich das Publikum in einer nur andeutungsweise russischen, vorwiegend zeitlosen Landschaft. Menschenfiguren agieren, die das sind, was später Gorki - allerdings nicht schon Anton Tschechow - "gewesene Leute" nannte. Die drei Schwestern benehmen sich wie Figuren aus der Grotesk-Posse. Kirsten Dene korrigiert als verklemmte Olga in jeder Lebenslage Schulhefte und setzt ihre schon sattsam bekannten Zeigefingergesten pausenlos ein. Barbara Nüsse räkelt sich als Mascha in aufdringlich zur Schau gestellter Frustration durch die Szene, und Therese Affolter (Irina) windet und schraubt sich in unvollständiger Toilette hysterisch auf verschiedenen Sitzmöbeln. Wenn Ulrich Pleitgen als klinisch-debiler Bruder Andrej auf die Bühne gezerrt wird, zieht vollends Irrenhausatmosphäre ein. Nicht einmal ein so nüchterner Realist wie Wolfgang Höper darf sich ihr laut Regiekonzept entziehen. Er muss den Lehrer Kulygin zur Possenfigur machen.
Unangefochten von diesem Hexensabbat bleibt Manfred Zapatka, der den verhemmten Baron Tusenbach mit sanfter Eindringlichkeit spielt, bleibt aber auch der erstaunlich über sein gewohntes Klischee hinausgewachsene Traugott Buhre, der den Oberst Werschinin in eben der Schwebelage belässt, in der ihn Tschechow mit einer leisen Spur von Selbstironie ansiedelte: ein in die Zukunft tapsender, liebenswürdig unglücklicher Tanzbär, ein sich selbst betäubender Schwätzer über "kommende Dinge". Tschechow wird natürlich auch dann präsent, wenn die unvergleichliche Edith Heerdegen traumwandlerisch über die Bühne geistert und als geduldige Magd den Tee einschenkt. Der Auftritt der Lore Brunner bringt zunächst noch keinen Klimawechsel: auch die dralle Erdhaftigkeit der Natalja, die sich ja von den ringsum verblühenden Lemuren vital abheben soll, wirkt am Anfang verkrampft und hysterisch übersteigert, wie alles in diesem Gruselkabinett, das Peymann mit Tschechows Figuren arrangiert hat.
Dann aber wird es von Akt zu Akt merklich anders. Zunächst spielt sich Ulrich Pleitgen frei. Schon in seinem ersten Gespräch mit dem servilen Bürokraten bekommt er energische Konturen, wird das verzweifelte Aufbegehren gegen seine Hahnrei-Rolle ebenso erkennbar wie sein passives Zurücksinken in müde Leidensmystik. Ihm folgen die anderen Schauspieler. Einige unter ihnen finden einfach zu ihrem realistischen Selbst, wie Wolfgang Höper oder auch der an diesem Abend etwas zu verhuschte Wolfgang Schwalm (Landarzt). Traugott Buhre gibt seinem Oberst von Szene zu Szene neue Nuancen. Den Frauen gelingt der Weg von Peymann zu Tschechow nicht ganz gleichmäßig, Lore Brunner ist sehr rasch in der derben Realität daheim, wird zum Weibsteufel im festen, dicken Fleisch. Über sich selbst wächst Barbara Nüsse hinaus - sie wird zur bedingungslos Liebenden, der nicht von ungefähr die Musik Tschaikowskys in den schwärmerischen Sinn kommt. Viel schwerer löst sich Kirsten Dene vom ersten Rollenzwang. Nicht immer findet sie die ganz überzeugenden Worte und Gesten für die in erstorbener Liebesfähigkeit erstarrende Olga. Am schwersten hat es Therese Affolter, deren letzte Wendung zum bewußten, selbständigen Leben dann freilich auch am überzeugendsten wirkt.
Unverwandelt bleibt freilich das Bühnenbild. Ilona Freyer hat die sonst zuweilen wuchernde Milieuseligkeit bei Tschechow-Inszenierungen durch eine Stilbühnenlandschaft ersetzt, die Trockenheit und Öde verströmt. Dennoch am Ende der in Stuttgart fast schon obligate Beifall für Peymann und seine Truppe.
Quelle: TAGESSPIEGEL/Berlin / Friedrich Weigend / 2.12. 1978

 

Ausschnitte aus Kritiken:
Die einzige Szene des Abends, die innerlich berührte, brachte Ulrich Pleitgen als Bruder Andrej Prosorow beim Monolog über seine im Wortsinn verspielte Wissenschaftlerkarriere zuwege, jene Rede, die Andrej dem fast tauben Amtsboten (Helmut Kraemer) hält - allerdings nie halten würde, wenn der sie verstünde.
Quelle:SCHWÄBISCHE ZEITUNG / Rolf Lehnhard / 2o.11.1978

Während Andrej -neu und gleich höchst eindringlich im Ensemble: Ulrich Pleitgen - , hoffnungsloser Sproß der Prosorows, mitgefühlerregendes Charakterdrama spielt, dürfen einige Akteure sich und die Zuschauer mit Burlesken unterhalten.
Quelle: STUTTGARTER ZEITUNG / Wolfgang Ignee / 20. 11. 1978

Die nachhaltigste Wandlung verdeutlicht Ulrich Pleitgen als Andrej. Der Aspirant auf einen Professorenstuhl verfällt zu einer kläglichen Existenz. Ihm sind die kraftvollsten und eindringlichsten Szenen dieser Aufführung zu danken. In ihm steigert sich die Unfähigkeit, Probleme durch Kommunikation zu lösen, auf beängstigende Weise: seine Klage über die entschwundene Vergangenheit spricht er in den Kinderwagen hineingekrochen; die Aussprache mit den Schwestern gerät zum wirklichen Monolog, weil die bereits schlafen.
Quelle: CANNSTÄDTER ZEITUNG / Rudi Kost / 20. 11. 1978


STUTTGART IST MOSKAU Claus Peymann führt mit Tschechows >Drei Schwestern< sein Ensemble vor

Das ist eine Hommage. Claus Peymann, der Regisseur und Stuttgarter Theaterdirektor, huldigt seinen Schauspielern. Er öffnet (und entspannt) die Szenen von Tschechows >Drei Schwestern< so weit, dass ungeahnte Spielräume entstehen - für viele der Mitglieder eines Ensembles, das Peymann und sein Dramaturg Hermann Beil aufgebaut haben und mit dem sie im nächsten Jahr nach Bochum umziehen (wollen) müssen. Dieses, durch schlechte Politik aus Stuttgart verdrängte Ensemble ist heute eines der lebendigsten, in seinen Ausdrucksmöglichkeiten reichsten des deutschsprachigen Theaters.
Noch in Stuttgart zeigt Peymann, warum er - und zwar gegen seinen eigenen Respekt vor den berechtigten sozialen Ansprüchen von Schauspielern - in Bochum vierundvierzig Kündigungen aussprechen mußte: Weil dieser Stuttgarter Spielkörper nicht zerstört werden darf.
Man sieht also eine Aufführung, in der es viele Vorführrollen gibt, Gelegenheit für Schauspieler, ihre Verwandlungsfähigkeit, ihre Spiellust, auch die Erinnerung an frühere Auftritte einzubringen. Wenn Schauspieler so viel Freiheit gewinnen, muß das schon ein lustvoller Abend werden. Und so eine glückliche Veranstaltung ist die Aufführung auch. Den Darstellern zuschauend, scheint es, als sei das Theaterspielen, Theatermachen, in Stuttgart noch nicht so sehr wie anderswo zu einer leider meistens qualvollen, die Beteiligten eher belastenden als befreienden Beschäftigung geworden. Es müßte, kann man denken, erstrebenswert sein, zu dieser Gruppe zu gehören. Die Schauspieler kennen sich und einander (wie Peymann sie kennt), sie lassen sich gegenseitig Platz, die Chance zur individuellen, solistischen
Entfaltung; aber sie können sich auch als Ensemble zur Geltung bringen, in gemeinsamen Szenen. Und Peymann, der Regisseur, scheint diese Wechselwirkung zwischen individueller und kollektiver Ausstrahlung freundlich und vorsichtig gelenkt zu haben, ohne anstrengend das Spiel übergreifende "Konzepte".
Lauter Glückssucher und Glücksfinder. Die Frauen: Kirsten Dene, die sich hier, als Olga, einen schrulligen Zug leistet, Barbara Nüsse und Therese Affolter, ihre beiden Schwestern, die eine schwarz verklemmt, wehmütig, aber auch noch natürlich die andere; entschlossen bringt die kräftige Lore Brunner (Natalja) die Herrschaft im Hause an sich; Edith Heerdegen ist zu sehen als die alte Magd, ganz alt-russisch. - Die Männer: Wolfgang Höper als in Trotteleien mehr und mehr zerfallender Lehrer, Ulrich Pleitgen verkümmernd unter dem Zwang der Ehe mit Natalja, Traugott Buhre, Manfred Zapatka, Peter Brombacher als Offiziere zu Gast, Menschen, die sehr sich unterscheiden, in Farbe und Temperament. Sie alle (und noch andere, Wolfgang Schwalm zum Beispiel) führen ihre vielfältigen Talente vor, eine breite Palette. Und fühlen sich merklich wohl dabei. Das Stuttgarter Publikum hatte in der Premiere ein Vergnügen daran, die Schauspieler wiederzuerkennen, hinter den Verwandlungen, spielerischen Verstellungen, die sie versuchen. Es ist ein Vergnügen, das dem Theaterpublikum nur noch selten so locker wie hier von Peymann und seinen Freunden gewährt wird.
Aber nun lese ich unter meinen Notizen zum Verlauf der Aufführung mehrmals auch die Selbst-Ermahnung: Bitte, denk´ auch an Tschechow. ("Bitte" - man soll ja auch alleine freundlich mit sich reden). Das muss wohl sein. Was also teilt dieser Abend der Schauspieler von dem Stück mit, >Drei Schwestern<, das da behandelt wird? Es ist ein merkwürdiger Tschechow, dieser in Stuttgart. Nicht eng, düster, quälend. Das Stück erscheint hier fast als Komödie. Die drei Mädchen in der russischen Provinz, die das Leben versäumen vor lauter Sehnsucht nach dem Leben (und aus Angst vor ihrer Unbedeutendheit), sind mit der Zeit komisch geworden. Peymann meint: Soviel vergebliches Verlangen über so lange Zeit - das macht die Menschen auch ein bißchen lächerlich. Immer wollen sie nach Moskau (ein Sehnsuchtsort, der den meisten von uns heute sicher besonders absurd vorkommt), und wissen doch, das wird nie sein. An der Aussicht  dann dennoch festzuhalten - da muß einer schon ziemlich verschroben sein. Olga (die Dene) ist so, eben: schrullig, und die Stimmung im ersten Bild verstärkt den Eindruck, man habe es mit allerlei (heiter) verrenkten Existenzen zu tun. 
Wenn Tschechow dann jedoch, im zweiten Bild, die einzelnen Mitglieder der Hausgemeinschaft genauer beobachtet, ist es für die Inszenierung schon schwieriger, den komischen Grundton zu halten. Noch schwieriger im dritten Bild, wenn ein Unglück, ein Brand, den schwachen Realitätssinn der Figuren prüft. Da muss Peymann dann abgehen von der gelinden Karikatur. die er anfangs liefert. Und tut das auch, versucht bis zum bitteren Ende des vierten Bildes (die Offiziere ziehen ab, die Mädchen bleiben für immer zurück), den Menschen doch entschieden hinter die angenommenen Masken zu sehen. Das Ergebnis ist ein ständiges Schwanken der Aufführung, zwischen einer lächelnden Betrachtung des Stücks aus einiger Entfernung und heftigen Schritten der Annäherung. Peymann möchte - das ist gut zu erkennen - als Regisseur jetzt stärker ein Menschenschilderer werden, stärker als seine Arbeit mit Thomas Bernhard oder seine Klassiker-Versionen es ihm erlaubt haben. Aber er vergisst dieses Interesse mitunter auch wieder, gibt dann seiner Neigung nach, sich die Welt eher zurechtzurücken als die Lage von Menschen in ihr zu beschreiben. Darum zerfallen ihm häufig noch viele Szenen und Stimmungen in dem von Ilona Freyer (mit disparaten Mitteln, normalen Requisiten, aber auch Tüchern, die einen Park bilden, einer Projektionsfläche, auf der es schneit) geschickt gegliederten, am Ende weitläufig nach hinten sich öffnenden Raum.
So wird das Lebensverlangen der Menschen Tschechows hier nicht so schmerzlich, wie es wahrscheinlich jemanden wirklich packen kann. Vielleicht sind die Stuttgarter Schauspieler selber zu glücklich für das große Unglück ihrer Figuren. Das ist aber ein Verdacht, den man eigentlich (weil glücklich zu leben natürlich wichtiger ist als auf dem Theater einen Schmerz treffend zu zeigen) nicht aussprechen darf. Sagen wir also: Die Sehnsucht nach Moskau, das heißt: nach dem anderen, reicheren, einem tätigen und gemeinschaftlichen Leben, wird in Stuttgart sichtbar als ein altes Verlangen des Theaters. Und auf der Theaterbühne - anders allerdings, wirklich anders als in Tschechows Stück - erfüllt es sich: Stuttgart ist, für dieses Ensemble, an diesem Abend, Moskau geworden.
Quelle:FRANKFURTER RUNDSCHAU / Peter Iden / 20.12.1978