DAS VERHÖR - THALIA THEATER - 1987

By: THALIA THEATER

THALIA-THEATER Hamburg/1987
GEFANGEN ZWISCHEN GEFÜHL UND PARTEI
Istvan Eörsis >Verhör< hatte im TIK Premiere

Zum reinen Bildertheater von Wilsons >Parzival< bietet das Thalia im kleinen Haus ein Kontrastprogramm: Istvan Eörsis >Verhör< hatte Donnerstag abend im TIK Premiere. Der Gast aus Ungarn präsentierte den Hamburgern politisches Theater von höchster Qualität.
Ort: Ein ungarisches Gefängnis, Zeit: Weihnachten 1953. Stalin ist tot, die Revisionen haben begonnen. Vier politische Gefangene hocken in einer winzigen Zelle zusammen. Jeder hofft auf Freilassung: Der Altkommunist Koplar, der Proletarier Balla, der Katholik Horetzky und der ehemalige Kollaborateur Kolosy. Auf der anderen Seite stehen Foti, der neue Gefängniskommandant, sein Stellvertreter Sajtos und der Aufseher Zelle-Zelle. Brisanz der Situation: Der neue Gefängniskommandant ist Koplars ehemals bester Freund und Genosse.
Mit psychologischem Scharfblick und dem tiefen Verständnis aus eigenem Erleben schildert der Autor Eörsi in einzelnen Dialogszenen, wie zwischen Koplars Zellengenossen die Solidarität zerbricht: Mißtrauen und Opportunismus machen sich breit.
Mit der Akribie eines Archivars nimmt der Regisseur Eörsi im grellen Schlaglicht der Simultanbühne (meisterhaft gestaltet von Siegfried E. Mayer) Begriffe wie Moral, Humanität und Ideologie unter die Lupe. Zeichnet glasklar und konzentriert den Konflikt zwischen Parteidoktrin und Gefühlen, Staatsapparat und Gewissen.
Für die erste Inszenierung seines Stückes hätte sich Istvan Eörsi keine bessere Besetzung wünschen können: Besonders Ulrich Pleitgen (Foti), aber auch Klaus Schreiber (Balla)fred Hospowsky (Horetzky) und Holger Mahlich (Koplar), liefern beklemmende psychologische Studien menschlicher Charaktere. Nicht minder großartig Kai Mertens als stalinistischer Major Sajtos und Axel Olsson als Zelle-Zelle.
 
Darstellern wie Regisseur ist gleichermaßen zu verdanken, dass hier nicht einfach ein politisches Dokument abgespult wird. Ihre Intensität und ihr Einfühlungsvermögen schaffen eine extrem eindringliche Parabel um Macht und Menschlichkeit.
Quelle: HAMBURGER MORGENPOST/ Isabelle Hofmann / 19. 09. 1987


BITTERE ABRECHNUNG MIT DEM STALINISMUS
 
Väterchen ist tot. Sein Geist aber geht noch immer um. Wenn sich in Istvan Eörsis >Verhör< das Gefängnistor nach langer Haft vor Koplar öffnet, taucht überlebensgroß das Porträt des verstorbenen Diktators auf. Und wenn Koplar dann auf seinem Weg in die Freiheit noch einmal an einem der Fenster der Haftanstalt innehält, blickt er wieder durch Gitterstäbe, so als sei er noch immer gefangen.
Mit solchen und ähnlichen unmissverständlichen Bildern hat Istvan Eörsi (nach dem Ungarn-Aufstand selbst vier Jahre lang inhaftiert und seit Beginn der 80er Jahre in seiner Heimat als politisch Unbequemer kaltgestellt) sein Stück im Hamburger TIK in Szene gesetzt.
Sein >Verhör> ist eine bittere Abrechnung mit dem Stalinismus und dessen Folgen, konkret an einer bestimmten politischen Situation festgemacht, zugleich aber gültig für jede Form von staatlicher Übermacht - zu allen Zeiten und in allen Teilen der Erde.
Auch Eörsis Stück läuft auf die Frage hinaus: Wer hat wem zu dienen, die Partei, der Staat, die Ideologie dem Menschen oder dieser der >Sache< . Der ungarische Autor ergreift Partei für den Menschen und für dessen Solidarität im Kampf gegen Staatswillkür und Dogmatismus.
Das <Verhör> findet Heiligabend 1953, neun Monate nach Stalins Tod, statt. Die Häftlinge erfahren, dass Revisionen beginnen sollen. Der Gefängniskommandant Foti, der die Vorbereitungen für die Verhöre durch den Staatsanwalt leitet, ist ein Freund Koplars. Gemeinsam haben sie einst gegen den Faschismus gekämpft, an die Überwindung des Unrechts durch den Marxismus geglaubt. Jetzt ist der eine der Bewacher des anderen geworden.
Aber auch Foti wird überwacht. Sein politischer Stellvertreter, ein Mann des Geheimdienstes, bespitzelt ihn auf Schritt und Tritt.
>Das Verhör> ist ein Dialogstück. Es lebt von der gedanklichen Auseinandersetzung mit den Widersprüchen innerhalb des Kommunismus. Jede der Figuren personifiziert eine Schattierung auf der breiten Palette von Meinungen und Charakteren, von nüchternen Pragmatikern bis zum gottesfürchtigen >Abweichler<. 
Istvan Eörsi ist es gelungen, seine eher spröde und action-arme literarische Vorlage mit starker innerer Spannung zu füllen.Hervorragend unterstützt wurde er dabei von den Schauspielern des Thalia-Theaters (Ulrich Pleitgen als Foti, Holger Mahlich als Koplar, Klaus Schreiber als resignierter Zyniker Balla.
Die vier politischen Gefangenen agieren in einer in der Bühnenmitte aufgestellten räumlich beengten und von grellen Licht erfüllten Zelle (Ausstattung Siegfried E. Mayer), während Foti und sein Stellvertreter an einem langen Tisch zur Rechten über das Schicksal der Häftlinge verhandeln. Eine Girlande mattglimmender Glühbirnen und ein kleines vergittertes Fenster am oberen Ende der Rückwand, an dem von Zeit zu Zeit ein paar Schneeflocken vorüberrieseln und an dem Koplar nach seiner Entlassung noch einmal stehen bleibt, schaffen eine Atmosphäre tristen Gefängnisalltags, hoffnungslosen Ausgeliefertseins.
Zusätzliche dramatische Akzente setzt die Musik von Klaus Buhlert. Sie begleitet die äußerst dichte, zwei Stunden ohne Pause durchgespielte Aufführung; nicht als Gefühlspumpe sondern eher wie ein innerer Monolog.
Das Premierenpublikum folgte dem >Verhör< mit großer Konzentration. Es gab langen Beifall. Der noch um ein paar Phon zunahm, als sich der ungarische Autor und Regisseur mit in das Ensemble einreihte.
Quelle: HAMBURGER ABENDBLATT / Mathes Rehder / 19. 09. 1987

 

PARTEIDISZIPLIN UND GEWISSEN
 
>Die Partei, die Partei, die hat immer recht> - und wehe dem, der dann noch fühlt und denkt. >Das Verhör<, ein beklemmender Theaterabend.
Sind die Revolutionäre erst einmal an die Macht gekommen, beginnen über kurz oder lang die Intrigen, die >Säuberungen< im Namen der jeweils gültigen reinen Lehre. So auch im Nachkriegs-Ungarn - nach 1948 - , als sich nach dem Ausschluss der jugoslawischen KP aus der Komintern schnell die passende Gelegenheit ergab, unter Berufung auf
>Väterchen< Stalin unliebsame hohe Funktionäre als <titoisten< oder=""></titoisten<>Achtgroschenjungs< zu bezeichnen und in die Kerker zu werfen.
Dort sitzen sie mit anderen Gefangenen auch am Weihnachtsabend 1953, neun Monate nach Stalins Tod, von dem sie nicht erfahren durften. Doch man munkelt von Revisionen, selbst wenn noch niemand sagen kann, welche Bedeutung die außerplanmäßige Rasur eines Gefangenen hat - Hinrichtung oder Entlassung. Für eine kurze Frist schweißt gemeinsame Unfreiheit die Häftlinge zusammen.
Den >KP-Abweichler< Koplar (Holger Mahlich), den Opportunisten Kolosy (Günther Flesch), den gläubigen Koretzky (Fred Hospowsky) und den verbitterten Balla (Klaus Schreiber) eint das Angewiesensein auf noch so spärliche Nachrichten von <draußen<. zarte="" anflüge="" von="" solidarität&nbsp;="" gegenüber="" dem="" sadistischen="" bewacher="" zelle-zelle="" (axel="" olsson)="" werden="" spürbar.="" doch="" autor="" regisseur="" istvan="" eörsi="" steigert="" geschickt="" anspannung="" in="" der="" kaum="" zwei="" meter="" hohen="" zelle,="" sich="" prompt="" entlädt,="" sobald="" die="" zellentür="" zuschlägt.="" des="" gemeinsamen="" feindbildes="" beraubt,="" fallen="" sie="" übereinander="" her,="" mit="" worten,="" tritten="" und="" schlägen.&lt;br=""&gt;</draußen<.>Die Gräben zwischen ihnen vertiefen sich, als bekannt wird, dass der neue Lagerkommandant Foti (Ulrich Pleitgen) ist. Dieser hin- und hergerissene Zweifler versucht trotz permanenter Überwachung durch den beeindruckend widerlichen Major (Kai Maertens) die Freilassung seines Freundes durchzusetzen. So verkehren sich zunehmend die Fronten in dem ohne Pause durchgespielten >Verhör<. Der Bruch verläuft erst mitten durch die Zelle wie auch das Kommandantenbüro und der Folterraum (kongeniales Bühnenbild: Siegfried E. Mayer) , bald auch durch die Personen selbst. Jede Person ist permanent genötigt, im schnellen Wechsel von taktischem Entgegenkommen und Mißtrauen gegenüber den anderen seine eigene Position immer wieder neu zu bestimmen, durch Erklärungen, Nachdenken und auch Gefühle.
Wer nun vom Verhör in die Zelle zurückkehrt, wird als Spitzel betrachtet, man beglückwünscht Koplar scheinheilig als den Gewinner des erwarteten Kurswechsels der Ideologen. Foti spricht zu ihm vom >Beginn einer neuen Zeit<  (wieder mal), in der die Partei ihn brauchte. Doch Koplar weiß, dass jede vielbeschworene >neue Zeit< früher oder später wieder neue willkürliche Opfer, neue Verlierer im unwägbaren Spiel politischer Ausrichtung mit sich bringt.
Kann von einem Menschen, der ein Gewissen besitzt, verlangt werden, jedes Leiden an und unter der Partei immer auch als eines FÜR sie zu begreifen? Die <gemeinsame sache<="" ,="" gibt="" es="" noch?="" wo="" gehören="" menschen="" wie="" jetzt="" hin?="" in="" kaderschulen="" dunkelzelle?eörsi="" hält="" diese="" frage="" offen,="" wenn="" er="" koplar="" nach="" seiner="" entlassung="" hinter="" (vor?)="" gitterstäben="" das="" gefängnis="" blicken="" lässt.&lt;br="" in="" die="" sie="" oder=""&gt;&lt;/gemeinsame&gt;Das zweistündige Dialogstück um Parteidisziplin und Gewissen stellt hohe Anforderungen an die Akteure.<br />Ulrich Pleitgen und Holger Mahlich, die als Foti und Koplar zueinander kommen wollen und doch nicht recht können, weil sich ihre Wege zu weit voneinander trennten, sind in jedem Stadium innerer Zerrissenheit glaubhaft. Trotz aller Demütigungen, die Horetzky ertragen muss, wirkt Fred Hospowsky in seiner Rolle als überzeugter Christ letztlich ungebrochener als die übrigen. Sein Leiden greift den Zuschauer besonders an, rüttelt auf. Ob Zelle oder Büro - >die Hölle ist hier< könnte man, Sartre abgewandelt über >Das Verhör< sagen. Eine überzeugende Ensembleleistung unter Eörsis kluger und auf jede Effekthascherei verzichtende Regie.
Quelle: HAMBURGER RUNDSCHAU / Helge Hopp / 19.09.1987