LÜBECK - Die Novelle "Der kleine Herr Friedemann" von Thomas Mann erschien im Mai 1897 in der "Neuen Deutschen Rundschau" kurz vor dem 22. Geburtstag des Autors. Ein wunderbares, kleines Prosastück, eine Art Aufgalopp zu den "Buddenbrooks" und eine todtraurige Geschichte. Der Schauspieler Ulrich Pleitgen machte bei seiner Lesung in den Kammerspielen des Theaters Lübeck diese Ebene des Textes deutlich - aber er arbeitete auch den Humor und die sanfte Ironie heraus, mit der Mann das kurze Leben des kleinen Herrn Friedemann beschrieben hat. Als Kleinkind ist Friedemann von der Wickelkommode gefallen, weil die Amme betrunken war, er richtet sich in seinem Leben als Krüppel ein und glaubt sogar, glücklich zu sein. Bis ihm Frau von Rillingen begegnet und ihm Hoffnungen macht, ihn dann aber abserviert. Friedemann nimmt sich daraufhin das Leben. Pleitgens Lesung verführte dazu, die Novelle wieder einmal selbst zur Hand zu nehmen und darüber ins Staunen zu geraten, wie meisterhaft der junge Thomas Mann bereits mit der Sprache umging. Mehr kann eine Lesung nicht leisten.
Nach der Pause ging es weiter mit Thomas Mann, zwei kurze Geschichten standen auf dem Programm, die weitaus weniger traurig waren. Das verwundert bei dem Titel "Das Eisenbahnunglück" - aber wie Thomas Mann die in den Unfall verwickelten Personen beschreibt, ist ganz einfach urkomisch. Pleitgen hauchte den seltsamen Gestalten der Zugreisenden Leben ein, vom bayerischen Schaffner bis zum alten Mütterchen, das sich trotz ihrer fadenscheinigen Mantilla nach dem Crash Zutritt zur ersten Klasse verschafft. Das war ein großartiger Vortrag einer Mann´schen Miniatur, die von Ironie so trieft, und dennoch nie verletzend wirkt.
Das war beim letzten Vortragsstück des Abends, "Das Wunderkind" betitelt, nicht anders: Ein erlesenes, aber ignorantes Publikum ergötzt sich an den Piano-Darbietungen eines griechischen Jungen, der Impresario poliert seine goldenen Manschettenknöpfe, der Kritiker ist verzweifelt, weil er nicht das schreiben darf, was er eigentlich schreiben müsste, das Wunderkind merkt durchaus, dass das Publikum noch dümmer als erwartet ist: Ulrich Pleitgen machte dieses Pandämonium lebendig. "Das Wunderkind" war die Krönung eines wunderbaren Vorleseabends.
Quelle: Lübecker Nachrichten / Kultur / Jürgen Feldhoff